07. Februar 2009

Der verhausschweinte Streikposten

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Manche Begriffe, die man leichthin verwendet, sind so sprechend und in ihrer Bedeutung so leicht verständlich, daß man ein Mißverstehen nicht für möglich hält. Verhausschweinung: Was gäbe es da zu erklären?

Es steckt darin die arme Sau, die zwischen den Bohlen ihres Kobens warm und fett und sicher lebt, die Abenddämmerung unter einem Eichenbaum (den Rüssel trüffelnd am Boden und die Ohren gespitzt ob des möglichen Feindes) aber noch nie erleben durfte. Verhausschweinung: Es steckt darin Nietzsches letzter Mensch, der aus seinen Schweinsäuglein blinzelt und einen Wanst sein Eigen nennt, wobei das Schweinsäuglerische und das Wanstige nicht im Körperlichen liegen müssen, sondern vor allem dann wahrnehmbar werden, wenn das Gehirn des letzten Menschen ein Bäuerchen macht.

Verhausschweinung: Das mag – mit Konrad Lorenz gesprochen – die Tendenz des Menschen sein. Aber weil Lorenz mit bestimmter Absicht nicht von Veradlerung, sondern eben von Verhausschweinung sprach, liegt schon im Wort selbst die Aufforderung zum Widerstand gegen diese Tendenz in uns selbst.

Es ragt aus grauer Vorzeit noch immer und phylogenetisch weitergereicht das Bild von der halbverhungerten Menschenhorde in jeden von uns hinein: War das Wild erlegt, aß man, soviel man nur konnte, ruhte die Jagdgemeinschaft nach unvorstellbaren Strapazen, verendete zwei Felle weiter mit schrillen Schreien nach qualvollen Tagen der Mann, dem der Keiler den Schenkel aufgeschlitzt und das Knie zertrümmert hatte. Noch vor hundert Jahren saß am Abend dumpf der Stahlarbeiter am Tisch seiner Wohnung im dritten Hinterhof und brütete über dem Glück, daß nicht sein Bein in die Walze geraten war, sondern das seines Schichtkollegen, der drei Häuser weiter wohnt – und sah dort schon die Frau des Amputierten bis in die Nacht hinein an einer Heißmangel stehen, damit es für ein paar Kartoffeln reichte. Wie sehr versteht man die bildlose Sehnsucht dieser Frau nach einem Kühlschrank und die des Mannes nach etwas, das dem OP-Saal in der Charité des Jahres 2009 gleichen könnte, wie sehr versteht man die Tendenz zur Verhausschweinung.

Und wie sehr wünschte man sich, daß jeder eigenhändig mit der Saufeder ein Wildschwein zu erlegen hätte, bevor er – eingewickelt in eine VerDi-Tüte und mit fettem Gesicht – für 8% mehr Lohn in seine Trillerpfeife grunzt.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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