Sezession
6. April 2009

Blick in den neuen Merkur

Erik Lehnert

Merkur 719Karl Otto Hondrich (1937-2007) ist ein Beispiel dafür, daß es der Soziologie auch heute noch möglich sein sollte, die Wirklichkeit in den Blick zu nehmen und den "herrschaftsfreien Diskurs" in den Bereich der Fabel zu verbannen. Bis zuletzt hat es Hondrich verstanden, Einsichten zu formulieren, in denen die uns umgebende Welt wiederzuentdecken war. Beispielsweise als er das Prinzip der Demokratie gefährdet sah, wenn den Interessen der Einheimischen kein Vorrang vor denen der Zugewanderten mehr eingeräumt würde.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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In seiner Abschiedsvorlesung (2005), die im Merkur abgedruckt ist, benennt er eine entscheidende Erkenntnis, die seine Hochschätzung für "Lernsysteme" erklärt:

Nach 1989 fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Der Glaube an das Ende der Nationalstaaten war ein Irrglaube, vielleicht der größte, dem ich politisch aufgesessen bin. Mit dem Wegbrechen der sowjetischen und jugoslawischen Imperien ordneten sich die Staaten neu. Die einen mit Gewalt, die anderen wie von Geisterhand bewegt. Alle gehorchten sie demselben Prinzip: Die politischen Grenzen suchen sich die soziokulturellen Zusammengehörigkeitsgefühle und Grenzen - und rasten in ihnen ein.

Hondrich gibt zu, etwas gelernt zu haben und kann daher differenzieren. Gänzlich undifferenziert preist uns dagegen Otfried Höffe, Professor für Philosophie in Tübingen, das "Prinzip Subsidiarität" als "eine neue Antwort des Staates auf die Zeiten der Globalisierung" an. Wenn man Höffe glauben darf, ist es um Europa gut bestellt, weil es sich dieses grandiose Prinzip der Selbstverantwortung auf die Fahnen geschrieben hat. Das leitet er aus der Tatsache ab, daß Europa von den Nationalstaaten gegründet wurde und die Entmachtung dieser daher "subsidiär" erfolge.

Und legitimatorisch gesehen bleiben die Bürgerschaften der eigentliche Souverän; die von ihnen gegründeten Einzelstaaten behalten den Rang von Primärstaaten.

Soll das jetzt ein Trost sein? Oder will Höffe damit einfach noch einmal unterstreichen, daß er zwischen Wunsch und Realität nicht unterscheiden kann? In jedem Fall ist das politische Philosophie wie sie nicht sein soll.

Glücklicherweise hat der Merkur noch etwas mehr zu bieten. Franz Kromka zeigt sich in seiner Untersuchung des Neides als konsequenter Marktwirtschaftler, da diese in der Lage sei, die Missgunst zu begrenzen und sogar zum Wettbewerb anzuspornen. Frank Hertel, ein Soziologe, der seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in einer Großbäckerei verdienen muß (also keine "Feldstudie"), kommt angesichts seiner Kollegen zu der ernüchternden Einsicht:

In meiner Fabrik herrscht die Dummheit. Sie wird unterstützt von der Faulheit, dem Wahnsinn, der Krankheit und der Unordnung. Wir haben Mitarbeiter, die seit zehn Jahren in Deutschland leben und kaum deutsch können. Es gibt Leute, die über großen Geldmangel klagen und sich einen Neuwagen für 20000 Euro auf Kredit kaufen. Es gibt bei uns Übergewichtige, die in einer Schicht zwei Liter Cola trinken. Bietet unser Land nicht alle Chancen, die man nutzen kann, wenn man intelligent genug ist? Die Ausländer können deutsch lernen, die Armen zwei Kilometer zum Arbeitsplatz mit dem Fahrrad fahren, die Dicken statt Cola Wasser trinken. Ist das so schwer? Es ist die Dummheit, die im Weg steht.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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