Sezession
16. Februar 2012

Dirk Hilbert über den alltäglichen Nazi-Terror

Felix Menzel

Der FDP-Mann Dirk Hilbert darf derzeit interimsweise das Amt von Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) ausüben. Vielleicht schafft er es nun aber sogar in die Geschichtsbücher, denn Hilbert ist nicht irgendein Stellvertreter: Er ist zuallererst ein mutiger Mensch, der den „Haß und Mord“, der „heute noch passiert“, „Tag für Tag“ verhindert.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Am 13. Februar zum Auftakt der Menschenkette konnte Hilbert eine Rede halten, die vielleicht in 30 Jahren im Lehrbuch „Geschichte und Geschehen“ als Quellentext abgedruckt wird. Die Schüler werden daran analysieren können, wie in dieser inzwischen untergegangenen Bundesrepublik argumentiert wurde und mit welchen Finessen Gefahren erfunden wurden, um echte Probleme zu übertünchen.

Hilbert setzt zu seiner Rede an, als (eingekreist von Polizei und Antifaschisten) ein paar Hundert aus ganz Deutschland zusammengekarrte Menschen einen „Trauermarsch“ durchführen wollen. Hilbert hat diese Demonstranten noch nicht zu Gesicht bekommen, weil er die Hauptattraktion auf einer anderen Veranstaltung ist: einer Menschenkette mit 13.000 Teilnehmern, die ein „starkes Zeichen“ setzen will.

So beginnt also die Rede, die ein schwieriges Thema behandelt. „Es ist kaum zu ertragen darüber nachzudenken“, betont Hilbert.

Die nationalsozialistische Ideologie, egal ob heute oder vor 80 Jahren, ist ein Weltbild voller Haß und Mord, voller Gewalt und Angst.

Dem Bürgermeister gelingt es, große historische Bögen zu schlagen und dabei trotzdem im Auge zu behalten, daß es für alle Übel auf der Welt nur eine Ursache geben kann: den Nationalsozialismus. Am 13. Februar müsse man deshalb nicht nur den Toten der Bombennacht gedenken, sondern auch den ermordeten Juden, den Opfern von Fremdenhaß sowie denen „aller Kriege“.

Aber wir dürfen dieses Gedenken nicht losgelöst betrachten, von dem was auf der Welt, was in unserer eigenen Stadt passiert ist und heute noch passiert.

An dieser Stelle drängen sich Fragen auf: Was passiert heute eigentlich noch? Marschieren tagtäglich Nazihorden durch Dresden, die Hilberts Bürger bedrohen und einige auch ermorden? Oder gibt es eine rechtsextreme Stadtmiliz, die für „No Go Areas“ gesorgt hat? Wohnt der Bürgermeister in einer ganz schlimmen Ecke, die ich nicht kenne, und in der eine nationalsozialistische Terrorgang das Sagen hat?

Hilbert macht es sich nicht einfach. Er ruft nicht die Polizei, die ja auch nur Gewalt mit Gewalt bekämpfen würde. Er wirft sich hinein in den „gewaltfreien Kampf“ für eine bessere Welt.

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und die Opfer des Krieges, nein aller Kriege, muß unser täglicher Begleiter sein. Denn nur dann können wir unser Zusammenleben in dieser Stadt, in diesem Land und in dieser Welt wirklich verändern.

Damit diese Stadt, dieses Land und diese Welt bald wirklich ein einziges Paradies seien, müsse jeder bei sich selbst beginnen. Es reiche nicht aus, sich einmal im Jahr in die Menschenkette einzureihen. Schon bei der Partnerwahl und Familienplanung müsse begonnen werden:

Liebe Dresdnerinnen und Dresdner,
ich habe einen Sohn. Er wird in zwei Sprachen aufwachsen, zwei Kulturen werden ihn prägen. Sein Leben lang wird man ihm ansehen, daß er nicht nur eine Heimat hat. Was, wenn er eines Tages zu mir kommt und sagt: „In deinem Land will ich nicht mehr leben? In deiner Stadt fühle ich mich nicht willkommen“?
Dann habe ich versagt. Noch schlimmer: Dann haben wir alle versagt.

Es ist schon einzigartig, wie es Hilbert hier gelingt, individuelle Lebensentscheidungen und kollektive Verantwortung zu verknüpfen. Hilbert ist mit einer Koreanerin verheiratet, sein Sohn Lucas ist anderthalb. Über ihn gelingt ihm der Sprung in die Opfergruppe, die er zuvor imaginiert hat.

Es wäre eine Katastrophe für uns alle. Wir alle hätten dann nach der aufgestellten Logik versagt und müßten unser Lebensmodell in Frage stellen, auch wenn wir das in unserer Nazi-Horden-Zeit alle Grenzen des Verantwortungsbewußtseins sprengende Wagnis einer multikulturellen Familie selbst nicht eingegangen sind.

Um die Katastrophe abzuwenden, hat der Bürgermeister noch alle Hände voll zu tun:

Keine Menschenkette, keine Kundgebung und auch keine Blockade werden verhindern, daß der Nationalsozialismus weitere Menschenleben in unserem Land fordert. Nur wir können dies verhindern. Jeder von uns. Tag für Tag. Dort, wo wir stehen, wo wir arbeiten und wo wir leben.

Hier geht es zur kompletten Rede von Dirk Hilbert.

 
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Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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