Phänomenologie der trommelnden Frau

Sie sind überall, wo Wutbürger sich erregen, wo sie als Menschenkette Händchenhalten, wo es heißt „laut sein gegen“: Neonaziaufmärsche, Castortransporte, Banken, Bahnhöfe, Baumfäller. Wir sehen sie in den Nachrichten, auf Videos im Netz, auf illustrierenden Pressephotos: trommelnde Frauen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

 Auch am 13. Febru­ar in Dres­den wum­mer­ten sie wie­der mit kon­vul­si­visch zucken­den Lei­bern und ent­rück­ten Blicks ihre heroi­schen Anti­na­zirhyth­men. Spie­gel-online zeigt ein hüb­sches Video, auf dem man sehen konn­te, welch ehr­gei­zi­ge Grup­pen­tän­ze die Trom­mel­frau­en her­vor­rie­fen; dar­un­ter mit­nich­ten nur Geschlechts­ge­nos­sin­nen, son­dern auch ein hoch enga­gier­ter Jung­tän­zer mit umge­bun­de­nen Säug­lings­tra­ge­tuch, gott­lob ohne Inhalt.

Jede Genera­ti­on pro­du­ziert sol­che Typen, die gera­de­zu zwangs­läu­fig zum Kli­schee gerin­nen. Der Typus der trom­meln­den west­eu­ro­päi­schen Frau ist inso­fern inter­ge­nera­tio­nell, da er sich auf­spal­ten läßt in zwei Sub­ty­pen. Die Schei­de­li­nie darf man grob defi­nie­ren: hier die älte­re, da die junge.

Die Älte­re ist meist, wenn auch nicht zwangs­läu­fig, der wuch­ti­ge­re Typ. In ihrem Selbst­er­fah­rungs­ho­ri­zont ist das Trom­mel­schla­gen nur eine Bewußt­s­eins­er­wei­te­rung unter vie­len, ran­gie­rend zwi­schen Makra­mee – Jahr­zehn­te her – und Urschrei­the­ra­pie, sie hat ihre Frau­en­Kör­per­lich­keit viel­leicht auch schon bauch­t­an­zend erprobt. Wir lesen bei den Spe­zia­lis­tin­nen auf frauen-kraft.at  (war­um auch immer mit einem stark ano­rek­ti­schen Frau­en­bild im Pro­fil) die schlüs­si­ge Erklä­rung, war­um das Getrom­mel nur der hör­bar gemach­te Puls­schlag urin­ners­ter Frau­lich­keit ist:

Durch ihre run­de Form wer­den die Trom­meln der Erde und damit dem Mut­ter­schoß, dem Kreis der Jah­res­zei­ten, der Mon­din und dem weib­li­chen, gebä­ren­dem Prin­zip zugeordnet.
Die Stim­me der Trom­mel ist die Stim­me des Irdi­schen, des Lebens­pul­ses und die der ver­bor­ge­nen Kraft des Lebens in der mani­fes­tier­ten, grob­stoff­li­chen Welt. Der Trom­mel­schlag des sich wie­der­ho­len­den Rhyth­mus ist ein Ruf, den die See­le wahr­nimmt und durch Bewe­gung und Tanz ihre inne­ren Wel­ten nach außen brin­gen kann.

Die älte­re Schautromm­le­rin trom­melt drum gern auch mal fried­lich. Natür­lich nicht in spie­ßi­gen Spiel­manns­zü­gen, deren Volks­tüm­lich­keit sie als „volks­tü­melnd“ emp­fin­det, son­dern in Frau­en­grup­pen, wo frau per Djem­be oder Con­ga das glo­ba­le Echo des weib­li­chen Lei­bes ertö­nen läßt. Oder, rein sport­lich (dann ruhig auch in For­ma­ti­on) auf einem Frau­en­sport­tag. Fit­ball-Drums, wie auch sonst, heißt sol­che rei­zend anzu­schau­en­de Ver­an­stal­tung dann.

Sol­cher­art ein­ge­übt läßt sich der Schle­gel dann auch poli­tisch schwin­gen. So „nach­denk­lich“ wie „laut­stark“ (ergo: mit Ker­zen und Trom­meln) unter­stütz­te drum die Stral­sun­der Trom­mel­schu­le die regio­na­le Pla­kat­kam­pa­gne „Hin­ter deut­schen Wän­den“, die gegen das Leid der in deut­schen Wohn­zim­mern geschla­ge­nen Frau­en antrom­meln will.

Ein anrüh­ren­des Bei­spiel, wie in einer gemischt­ge­schlecht­li­chen Älte­ren-Pro­test-Grup­pe die Trom­mel respek­ti­ve das Faß (ob das auch noch den Mut­ter­schoß sym­bo­li­siert?) geschla­gen wird, gibt die­se Green­peace-Kapel­le (sau­coo­ler Diri­gent!) ab und die­se, die dazu noch einen fre­chen Fuku­shi­ma-Rap auf den Lip­pen trägt.

Die älte­re Tromm­le­rin, als Phä­no­typ betrach­tet, schaut trom­melnd in die Men­ge, ihre Klei­dung ist von glanz­lo­ser Zweck­mä­ßig­keit, ihr Blick her­aus­for­dernd: man soll sie neh­men wie sie ist, sie jeden­falls läßt sich nichts mehr sagen und macht Radau, meist in grö­ße­rer Run­de wie hier bei den Buch­hol­zer Bunt-Demokraten.

Von „Men­schen­wür­de“ spricht die­se Tromm­le­rin gern; sich selbst hat sie dabei nicht im Blick.

Die Jung­tromm­le­rin ist ande­ren Schlags, sie schmückt ihr Gesicht gern mit Rin­gen, trägt die Haa­re oft absichts­voll ver­filzt. Ihr Getrom­mel, gern in Kau­er­stel­lung aus­ge­führt, mag dem Igno­ran­ten als apa­thi­sche, can­na­bi­no­id­ge­stütz­te Mono­ton­hand­lung erschei­nen. In Wahr­heit ist sie ganz eins mit ihrem Instru­ment, ver­sun­ken in Klang, Hall, Rhyth­mus und hin­ge­ge­ben an die Sache und das gan­ze unfaß­ba­re Leid, gegen das sie jeweils antrom­melt. Nein, ihr Blick ist kein lee­res Kif­fer­stau­nen, er umfaßt die gan­ze Boden­lo­sig­keit des Vor­gangs, den sie zuckend zu ver­hin­dern sucht.

Vita­ler geriert sie sich, wenn vie­le ande­re mit­tun, wenn Tril­ler­pfei­fen das Wum­mern stüt­zen, bre­chen und vor­an­trei­ben, dann hält ein über­schwäng­li­cher Trotz Ein­zug in die Mimik der trom­meln­den jun­gen Frau. Das Wohl­ge­fühl, Teil einer Wider­stands­be­we­gung zu sein, ver­leiht ihren Hän­den Kraft, ihre Hüf­ten, das Instru­ment dar­an fest­ge­bun­den, wie­gen in rei­zen­der Provokation.

Die Kom­bi­na­ti­on Pfeifen/Trommeln ist dabei eine uralte – bedrü­cken­der­wei­se kei­ne, die einem pazi­fis­ti­schen Geis­te ent­springt. Wir ken­nen die­se anfeu­ern­den Musi­kan­ten bereits aus mit­tel­al­ter­li­chen Zeug­nis­sen (und neu­en His­to­ri­en­fil­me), sie mobi­li­sier­ten die kämp­fen­de Trup­pe. Daß unse­re Trom­mel­wei­ber mobi­li­sie­ren sol­len, ist kein Geheim­nis. Im Fuß­ball sind es meist und lang schon die dicken Män­ner, die den Fan­ge­sän­gen den Takt vor­ge­ben. Neu ist, das das „Laut sein“ und den Takt vor­ge­ben zum femi­nis­tisch aus­ge­mal­ten Selbst­kon­zept geron­nen ist, und daß Män­ner hem­mungs­los nach Pfei­fen tan­zen und zu Trom­meln zucken.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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