Sezession
22. Februar 2012

Rettungspäckchen für Alice Schwarzers FrauenMediaTurm

Ellen Kositza

Uns umtosen derzeit Meldungen über Summen, mit denen wir nie gerechnet haben. Wieviele Nullen federn noch mal den Rettungsschirm für Griechenland ab? Die Nullen, die nun dem FrauenMediaTurm (FMT), einem Stiftungsprojekt von Alice Schwarzer, angewiesen wurden, sind einigermaßen berechenbar. 600.000 Euro hat Kristina Schröder – für alle Seiten überraschend - als Förderungssumme dem feministischen Archiv zugesagt, je 150.000 Euro für die Dauer von vier Jahren.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wes´ Brot ich ess, des´ Lied ich sing – diese Weisheit aus Zeiten des Minnesangs beansprucht in unseren Zeiten längst keine allgemeingültige Wahrheit mehr.

Mit Blick auf Rettungspaket- und päckchen mag der alte Spruch heute zu einem selbstergebenen Rap transformiert werden: „Wenn sie auch meinen Namen schänden - für sie soll´s dennoch glimpflich enden.“ In Griechenland flammt ein nie gekannter Deutschenhaß auf, derweil unser Land für die Abwracker großzügig bürgt; und hierzulande rettet die Familienministerin, noch vor kurzem von Alice Schwarzer in einem ihrer berüchtigten offenen Briefe als „hoffnungsloser Fall. Schlicht ungeeignet“ beschimpft, mit Steuergeldern ein Projekt der Kanzlerfreundin.

Darum geht es: Vor einigen Wochen hatte die Grüne NRW- „Emanzipationsministerin“ Barbara Steffens den öffentlichen „Zuschuß“ zu Schwarzers in Köln ansässigem Medienarchiv von jährlich 210.000 Euro auf 70.000 Euro gekürzt.

Jener FrauenMediaTurm zählt seit Jahrzehnten zu den Herzensanliegen von Frau Schwarzer, die 1994 in dramatisch-gerührter Tonlage feierte,

„daß ausgerechnet bewußte Frauen "einen Turm für sich allein" haben. Denn nicht nur die Schriftstellerinnen früherer Zeiten schrieben ihre Werke auf dem Küchentisch oder dem Damenschreibtisch im gemeinsamen Schlafzimmer... Männern aber gehört die Welt: von der Eckkneipe über den Fußballplatz und die Chefetage bis hin zum Parlament. Doch Raum für Frauen? Raum, in dem Frauen für sich sein können, alleine oder mit anderen Frauen? Raum, in dem Nachdenken, Besinnung oder Miteinander möglich ist? Raum, in dem Frauen gar das Sagen haben?“

Schwarzer weiter:

„Daß die nötigen Mittel da waren, ist Jan Philipp Reemtsma zu verdanken, der 1983 eine generöse finanzielle Starthilfe [läppische 10 Millionen Euro laut FAZ, E.K]. gab und die gemeinnützige Stiftung mit einem Grundkapital sowie Mitteln für die Aufbauphase ausstattete. Entstanden war die Idee bei unserer gemeinsamen Initiierung des "Instituts für Sozialforschung" in Hamburg. Ich gehörte zu der Gruppe politisch engagierter Intellektueller, die das Kind mit aus der Taufe hoben. Spätestens da wurde mir schmerzlich klar, daß es für Frauen noch nicht mal die rudimentärsten Grundlagen zur Forschung gab: keine Fachbibliothek, keinen Hort des Wissens, wenig Voraussetzung zum Weiterdenken...(…). Nach dem heutigen Forschungsstand müssen wir davon ausgehen, daß die Dominanz der Männer schon seit Jahrtausenden währt und es nur wenige begrenzte Ausnahmen von wirklicher Gleichheit oder gar Frauenübermacht gab. Umso bemerkenswerter ist es, daß Frauen trotzalledem nie wirklich resigniert haben.“

Nun also stand Schwarzer und ihren MitforscherInnen also qua Mittelkürzung der „Tod“ vor den Augen. Der FrauenMediaTurm, dessen Nutzung nach Voranmeldung gegen ein Entgelt von 5 Euro möglich ist, hätte so gerade mal die Betriebskosten schultern können.

Einen „Skandal“ nannten das Schwarzer und ihre nicht unbedeutende Unterstützerriege mit Gesäßschwerpunkt in der BILD und der FAZ; letzteres „bürgerliches“ Medium plazierte gar mehrere Klageartikel („Muttermord!“) zum Thema.

Mit den bisherigen Geldern waren einschlägige wissenschaftliche sowie populäre Bücher (Frauenbiographien,Frauenfragen, Geschichte der "Bewegung") und journalistische „Arbeiten“ zu frauenrechtlerischen Projekten (etwa zur angestrebten Streichung der Abtreibungsparagraphen und zum postfeministischen Genderumbau) erworben und ein Archivbetrieb finanziert worden. Andreas Rossmann erhob in der FAZ den Zeigefinger gegen die Kürzerinnen:

„Die Fördermittel des Landes hat der FMT nicht ohne Gegenleistung erhalten: Seit 2009 nimmt er am Hochschulbibliothekszentrum (HBZ) teil, an das er seine kompletten Bestandsdaten geliefert hat, so dass sie on-line verfügbar gemacht und an die Fernleihe angeschlossen werden konnten. Auch alle Jahrgänge der 1977 von Alice Schwarzer gegründeten Zeitschrift „Emma" wurden digitalisiert“.

Eine gesamtgesellschaftliche win-win-Situation also, die nun beinahe flöten gegangen wäre.

Auch Jan Fleischauer, der vermeintliche Rechtsauslager von Spiegel-online, sekundierte den Empörten und bewarb die Verdienste der auch innerhalb des feministischen Spektrums nicht unumstrittenen Turmmutter:

Was hat Alice Schwarzer sich zu Schulden kommen lassen? Sie hat sich nie das Maul verbogen, auch wenn es um den Teil des politischen Spektrums ging, der sich selbst als progressiv empfand. Das ist das Vergehen, für das sie nun zur Rechenschaft gezogen wird. Schwarzer hat es den Grünen nie leicht gemacht, das ist wahr. Sie hat sich früh über die "Blut-und-Boden-Fraktion" der Ökopartei lustig gemacht und deren "Strickmütter".

Daß nun ausgerechnet Kristina Schröder ihr Ministerium in die finanzielle Bresche springen läßt, ist ein fulminanter Treppenwitz.  Es gibt reichlich feministische Literatur über diesen Typus Frau, der sich prügeln läßt, sich unter Schmerzen windet  und doch  immer wieder - bedingungslos! - voller Verständnis zurückkehrt zum Missetäter.     

 Alice Schwarzer, die der Ministerin seit Amtsantritt immer wieder eine „anti-feministische Null-Politik“ unterstellt hat, in ihrer Emma auf dem als reaktionär gebrandmarkten Namenswechsel (durch Heirat von Köhler zu Schröder) herumhacken und im vergangenen Jahr „satirisch“ höhnen ließ, die Ministerin werde „erst einmal in Ruhe ihre Drillinge zur Welt bringen und hat, wie verlautet, für jedes einzelne Kind bereits je ein Jahr Elternurlaub beantragt“, findet die Geldspritze „ der Bundesministerin für Frauen [ ! war da noch mehr?] , Dr. Kristina Schröder“ nun „echt souverän“.

 Noch vor gut einem Jahr hatte Schwarzer der jungen Feindin empfohlen: „Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden.“

Frau Dr. Ministerin ist diesem Ratschlag nicht gefolgt und begründet ihre großzügige Hilfe nun mit

 „Freude und Überzeugung, denn bei der Förderung von Projekten geht es nicht um die Übereinstimmung in jeder Tonlage oder Argumentationsweise, sondern um den Grundkonsens, dass wir bedeutende Zeugnisse dieser bedeutenden Bewegung als Gesellschaft erhalten, unterstützen und befördern“.

Brav übers Stöckchen gesprungen! „Bedeutendes erhalten“ und artig in den „Grundkonsens“ einstimmen: Endlich zeigt mal eine, was Ursula von der Leyen mit „konservativem Feminismus“ meinte!

Als Schwarzer 1994 den FMT eröffnete, beschrieb sie poetisch ihre Gefühle, als moderne Sisyphae tätig zu sein:

„Seit ich mich mit der Geschichte von Frauen beschäftige, drängt sich mir ein Bild auf: Das Bild eines kleinen Sandhaufens am Meer, der, mühsam aufgeschichtet, immer wieder von gewaltigen Wellen weggespült wird. Und dann geht es wieder von vorne los mit dem Aufschichten...“

Billige Assoziationen zu den kleinen Haufen sowie zu den größten („der Teufel…“) spare ich mir an dieser Stelle.

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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