Um 12 Uhr schweigend zu lesen:

Jetzt schweigt Deutschland, und die die Abgeordneten des Bundestags erheben sich (ausnahmslos, fraktionsübergreifend, in...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

von den Medi­en gou­tier­ter Ein­tracht), um der zehn Opfer einer Mord­se­rie zu gedenken:

Acht Tür­ken (eini­ge davon tür­kisch­stäm­mi­ge, ein­ge­bür­ger­te Deut­sche), ein Grie­che und eine aus Thü­rin­gen stam­men­de Poli­zis­tin sol­len von einem neo­na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Trio (Uwe Mund­los, Uwe Böhn­hardt, Bea­te Zschäpe) in den Jah­ren zwi­schen 2000 und 2007 erschos­sen wor­den sein.

Egal, wie es war: Die Opfer hät­ten ger­ne noch wei­ter­ge­lebt, und die Hin­ter­blie­be­nen ver­mis­sen sie. Egal, wer es war: Es gibt kei­nen Grund für Hun­der­te Abge­ord­ne­te, sich des­we­gen zu erhe­ben und geden­kend inne­zu­hal­ten, und es gibt für Deutsch­land kei­nen Grund, zu schweigen.

Nach­dem im Janu­ar 1991 der ers­te US-Krieg gegen den Irak gestar­tet wor­den war, hat­te Deutsch­land den Kar­ne­val abge­sagt: Nicht in Köln, nicht in Mainz, nicht in Rott­weil, nir­gends soll­te damals gelacht und geschun­kelt wer­den. Als zwei Jah­re spä­ter der Ex-Jugo­sla­wi­en-Krieg auf sei­nen grau­sa­men Höhe­punkt zulief (nicht weit vor der deut­schen Haus­tü­re sozu­sa­gen) und selbst in Ober­schwa­ben Flücht­lings­mäd­chen ein­quar­tiert wur­den, die das Schreck­lichs­te in sich begra­ben muß­ten, debat­tier­te man kurz über ein erneu­tes Ein­frie­ren allen Humors, ent­schied sich aber dage­gen (und wand sich dabei, denn wie­so soll­te nicht mehr ange­mes­sen sein, was 1991 noch als Maß­nah­me ein­ge­leuch­tet hatte?).

Wäre er kon­se­quent, müß­te sich der Bun­des­tag längst erho­ben haben für die im Mut­ter­leib getö­te­ten Opfer indi­vi­dua­lis­ti­scher Lebens­pla­nung oder für die Opfer deut­schen­feind­li­cher Gewalt von Aus­län­dern, um nur zwei Bei­spie­le zu nen­nen. Der Bun­des­tag hat dies nicht getan, und wenn er es täte, wäre dadurch nichts bes­ser: Die Meß­lat­te läge wei­ter­hin zu hoch, man kann sich nicht stän­dig erhe­ben oder den Kar­ne­val aus­fal­len lassen.

Und hat sich der Bun­des­tag viel­leicht über­haupt vor den fal­schen Opfern ver­neigt, viel­leicht vor Opfern der tür­ki­schen Mafia und vor dem weib­li­chen Opfer einer Bezie­hungs­tat oder eines Geheim­dienst-Kom­plotts? Ich kann das nicht weni­ger dop­pel­deu­tig schrei­ben, es tut mir leid. An dem Fall des Zwi­ckau­er Nazi-Tri­os ist nichts ein­deu­tig. jede Erzäh­lung ist frag­wür­dig, jede psy­cho­lo­gi­sche Deu­tung unrea­lis­tisch, jedes Indiz für ein Inein­an­der von Neo­na­zis, Ver­fas­sungs­schutz und Dro­gen­ma­fia aufs Neue atem­be­rau­bend. Mit ande­ren Wor­ten: Wir kön­nen Vie­les wis­sen, wis­sen aber nichts so Stich­hal­ti­ges, daß wir davor bewahrt wür­den, das zu glau­ben, was wir glau­ben wol­len. Denn was wis­sen wir wirk­lich über die Vor­gän­ge, in die Uwe Mund­los, Uwe Böhn­hardt und Bea­te Zschäpe ver­wi­ckelt waren?

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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