Rechts ist, wenn die anderen nicht gähnen

von Benjamin Jahn Zschocke

Gestern hat Manfred Kleine-Hartlage Norbert Borrmanns "Warum rechts?" lobend besprochen. Ich habe dieses Buch ebenfalls gelesen und komme zu einem anderen Ergebnis: Hier hat einer zu lange im eigenen Saft geschmort.

 Gastbeitrag

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Nor­bert Borr­mann war bis­her für sezie­ren­de kunst- und kul­tur­ge­schicht­li­che Betrach­tun­gen bekannt. Sein Band über Archi­tek­tur und Ideo­lo­gie im 20. Jahr­hun­dert ist vie­len erin­ner­lich. Nun folgt also “War­um rechts?” Man denkt: Nicht noch ein ankla­gen­der Schin­ken übers Rechts­sein mit obli­ga­to­ri­schem Cas­par David Fried­rich auf dem Deckel! Nicht noch eine Streitschrift!

Doch Vor­sicht: Zunächst zeich­net er mit buch­hal­te­ri­scher Genau­ig­keit die Unmög­lich­ma­chung alles Rech­ten in der BRD nach, beson­ders in den letz­ten zwan­zig Jah­ren. Prä­zi­se ackert er sich durch alle denk­ba­ren Erschei­nungs­for­mern der Dis­kri­mi­nie­rung und illus­triert, was er „tota­le Demo­kra­tie“ nennt.

Mit zuneh­men­der Sei­ten­zahl schim­mert aber die Soll­bruch­stel­le durch: Nach und nach ver­fällt Borr­mann in den Ton des satu­rier­ten und ent­täusch­ten BRD­lers und wet­tert gegen alles Lin­ke in Poli­tik, Medi­en und Gesell­schaft. Dar­auf folgt ein kur­zer Absatz, der jeweils klä­ren soll, war­um es nur die Rech­ten bes­ser kön­nen. Das klingt, als schrie­be er die Revo­lu­ti­on herbei.

Rechts ist da aus­schließ­lich denk­bar im Kon­trast zu links und bedeu­tet schlicht: Die Wahr­heit sagen. Eine Defi­ni­ti­on von „rechts“ aus sich her­aus nimmt er nicht vor. So zer­fal­len die Zusam­men­hän­ge: Borr­mann schich­tet Fak­ten auf zu einer unüber­schau­bar dif­fu­sen Mas­se. Das heu­ti­ge Dilem­ma begrün­det er damit (irgend­wie) rein ideologisch.

Trotz zahl­rei­cher Ver­wei­se auf Marx ver­gißt er die Basis des Über­baus – die Öko­no­mie. Er ver­nach­läs­sigt die Selek­ti­ons­wir­kung der zuneh­men­den Dog­ma­ti­sie­rung des All­tags­le­bens aus wirt­schaft­li­cher Hin­sicht: Das Unter­schei­den in gute und böse Bür­ger dient viel­mehr zur Ver­tei­lung knap­per wer­den­der Wirt­schafts­gü­ter. Statt des­sen hebt er die Hän­de gen Him­mel und fragt, wo denn die rech­ten Köp­fe blei­ben. Eben­so benennt er nicht, daß der Oppor­tu­nis­mus und die Pas­si­vi­tät der Bevöl­ke­rung öko­no­misch begründ­bar sind: wer rechts ist, ist oft auch raus.

Die Bedeu­tung des Inter­nets, das er pro­gram­ma­tisch „Welt­netz“ nennt, kann er man­gels Kennt­nis­sen nur erah­nen. Wegen sei­nes DDR-Has­ses fällt ihm die Rol­le Mit­tel­deutsch­lands als Reser­vat nicht auf. Den Islam als Haupt­feind macht er aus­fin­dig, doch fällt ihm sei­ne Chris­ten- und Juden­feind­lich­keit auf die Füße. Jesus war für ihn ein Linksextremist.

Die Atti­tü­de eines seit Jah­ren im Saft geschmor­ten Anti-Lin­ken bedingt so ein ver­al­te­tes Bild der heu­ti­gen Rech­ten. Die Sehn­sucht nach der guten alten Wirt­schafts­wun­der­idyl­le kann nicht die Lösung sein.

Beson­ders schmerz­lich ist, daß es Borr­mann nicht gelingt, rech­te Posi­tio­nen grund­le­gend zu unter­schei­den. Es soll nur eine sich beken­nen­de Rech­te geben. Des­we­gen die For­de­rung nach Soli­da­ri­tät mit rechts­au­ßen. Die Kon­ser­va­ti­ven kom­men da schlecht weg: „Rechts sorgt für Beun­ru­hi­gung – kon­ser­va­tiv aber nur für ein freund­li­ches Gähnen.“
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