“Macht” – Bericht von der Winterakademie des Instituts für Staatspolitik

Vor einer Woche endete die 12. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik. Die ausgewogene Mischung aus Wissensvermittlung, Diskussion, Geselligkeit...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

und Gemein­schafts­er­leb­nis sind das wie­der­keh­ren­de Ele­ment der Aka­de­mien. Sie blei­ben leb­haf­te Erin­ne­run­gen der Teil­neh­mer. Aus deren Kreis erreich­te mich fol­gen­de Zusammenfassung:

Für sei­ne 12. Win­ter­aka­de­mie hat­te das Insti­tut das The­ma „Macht“ vor­ge­ge­ben und damit zugleich in eine dem wachen Geist kaum ver­bor­ge­ne Wun­de des ver­öf­fent­lich­ten Dis­kur­ses gesto­chen, denn die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Macht und Herr­schaft, Macht und Kom­mu­ni­ka­ti­on sowie Macht und Geist wer­den heu­te kaum mehr dis­ku­tiert. Obwohl die Macht sich auch im Zeit­al­ter der Mas­sen­me­di­en und vor allem des Inter­nets nicht ins Dun­kel der Geschich­te zurück­ge­zo­gen hat, herrscht heu­te eine gewis­se Scheu davor, Macht­me­cha­nis­men klar als sol­che zu benennen.

Daß dies nicht immer so war, daß es aber auch nicht immer anders war, zeig­te Karl­heinz Weiß­mann in sei­nem ein­drucks­vol­len Eröff­nungs­vor­trag. Mit einer Nietz­sche-Lesung begann der wort­ge­wal­ti­ge His­to­ri­ker die Aka­de­mie und ver­or­te­te Nietz­sches nach­ge­las­se­ne Tex­te über den „Wil­len zur Macht“ in eine Zeit, in der Macht und Macht­aus­übung eben­falls tabui­sier­te The­men waren. Aus­führ­lich schil­der­te Weiß­mann den Gang von Nietz­sches Argu­men­ta­ti­on, die um den Kern­ge­dan­ken eines not­wen­dig allem Exis­tie­ren­den inn­woh­nen­den Prin­zips kreis­ten, eben jenem Wil­len zur Macht. Trotz der aus der Distanz erkenn­ba­ren Schwä­chen von Nietz­sches Den­ken kam Weiß­mann zu dem Schluß, daß die durch den Naum­bur­ger Phi­lo­so­phen ent­wi­ckel­te Posi­ti­on nicht nur das rech­te Den­ken geprägt, son­dern für alle Den­ker unhin­ter­geh­bar gewor­den sei – man kann die Macht als mensch­li­che Kate­go­rie und das Stre­ben nach ihr nicht mehr grund­sätz­lich leugnen.

Erik Leh­nert, Geschäfts­füh­rer des IfS, führ­te mit sei­nem Vor­trag zum Ver­hält­nis von „Macht und Geist“ wei­ter in das The­ma ein. Mit der Defi­ni­ti­on von „Geist“ als „Kraft, die Ideen ent­fal­ten kann“, stell­te Leh­nert schon zu Beginn klar, daß fast jeder Aspekt von Macht­aus­übung zugleich eine Fra­ge des Geis­tes dar­stel­le und umge­kehrt. Aus der Erkennt­nis, daß die Klä­rung der Fra­ge nach dem Geis­te nur über die Beant­wor­tung der Fra­ge nach der Stel­lung des Men­schen im Kos­mos zu leis­ten sei, ent­wi­ckel­te er im fol­gen­den anhand der Phi­lo­so­phie Max Schelers ein Koor­di­na­ten­sys­tem der Ein­ord­nung mensch­li­cher Welt- und Selbst­er­fah­rung. Den Zuhö­rern wur­de so das kom­ple­xe Zusam­men­spiel deut­lich, in dem sich anhand der Ein­zel­erfah­run­gen aller der Zeit­geist for­miert, wäh­rend zugleich in Abgren­zung zu jenem der Ein­zel­ne die Mög­lich­keit zur Selbst­ent­fal­tung und damit zur Schöp­fung von neu­en Gedan­ken erhält, die in Zukunft selbst Grund­la­ge des Zeit­geis­tes wer­den können.

Nach die­sen zwei phi­lo­so­phi­schen Vor­trä­gen schloß mit Micha­el Stahl ein ver­sier­ter Alt­his­to­ri­ker das Tages­pro­gramm. In sei­nem Vor­trag „Vom Kampf um die Macht zur Herr­schaft“ schlug er einen wei­ten Bogen von der Gegen­wart hin zur begin­nen­den Zeit des römi­schen Prin­zi­pats. Stahl zeig­te am Bei­spiel des Augus­tus, daß Macht ein „Roh­stoff der Geschich­te“ ist, der durch die Nut­zung ver­edelt wird. Der Herr­scher habe nicht ein­fach „Macht“, son­dern er füh­re, len­ke, hand­le. Für die Gegen­wart erwei­se sich der Satz: „Je unsicht­ba­rer Macht wird, des­to erfolg­rei­cher wirkt sie“, als ent­schei­dend. An die drei Vor­trä­ge des Nach­mit­tags schloß sich noch eine trotz der fort­ge­schrit­te­nen Zeit lan­ge und teil­wei­se sehr lei­den­schaft­li­che Diskussion.

Den zwei­ten Aka­de­mietag eröff­ne­te der His­to­ri­ker Ste­fan Scheil mit einem augen­öff­nen­den Vor­trag zu den ame­ri­ka­nisch gesteu­er­ten Netz­wer­ken in der frü­hen Bun­des­re­pu­blik. Scheil stell­te aus­führ­lich dar, daß die Umer­zie­hung der Deut­schen sich kei­nes­wegs auf das Gebiet des besieg­ten Staa­tes beschränk­te. Viel­mehr wur­den Tau­sen­de von Deut­schen, als eine zu for­men­de Eli­te, in die USA geflo­gen und dort im west­li­chen Sin­ne beein­flußt. Nahe­zu sämt­li­che füh­ren­den Intel­lek­tu­el­len, Jour­na­lis­ten und Poli­ti­ker der Nach­kriegs­zeit waren durch die­se Schu­le gegan­gen und dadurch vor­ge­prägt. Doch nicht nur das: die Netz­wer­ke blie­ben bestehen und exis­tie­ren bis heu­te. Die Zusam­men­hän­ge, die Scheil dar­stell­te, waren umfang­reich und über­ra­schend. Man wird die Nach­kriegs­ge­schich­te nicht ver­ste­hen kön­nen, ohne die­se Fak­ten zu kennen.

Felix Men­zel sprach über Pro­pa­gan­da­me­cha­nis­men im Zeit­al­ter mas­sen­haf­ter öffent­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on. Bil­der sind beson­ders geeig­net, auf die kol­lek­ti­ve Iden­ti­tät ein­zu­wir­ken. Über einen „Kit­zel der pri­vi­le­gier­ten Nähe“, wird dem Zuschau­er ein Ein­druck von Nähe sug­ge­riert, den er in der Rea­li­tät nie haben könn­te. Auf die­se Art wird der Ein­zel­ne in einen gro­ßen Zusam­men­hang gestellt, wäh­rend ande­rer­seits hin­ter­grün­dig gera­de der „gro­ße Ein­zel­ne“ her­aus­ge­stellt wird. Die­ser Mecha­nis­mus funk­tio­niert kei­nes­wegs nur in Pro­pa­gan­da­fil­men, son­dern auch in der Poli­tik und – beson­ders mas­sen­wirk­sam – im Rah­men von Insze­nie­run­gen der Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Die Macht­re­le­vanz sol­cher Vor­gän­ge ist offensichtlich.

Nach dem Mit­tag­essen und einem Fuß­ball­spiel, das – wie in fast jedem Jahr – die Über-Drei­ßig­jäh­ri­gen gewan­nen, hielt Mar­tin Licht­mesz einen expres­si­ven Vor­trag zum Ver­hält­nis von Macht, Ohn­macht und Radi­ka­li­tät. Anhand des Kern­ge­dan­kens vom „unsicht­ba­ren Geg­ner“, der die meta­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on heu­te eben­so bestimmt wie das unter­schwel­li­ge Lebens­ge­fühl der Euro­pä­er, ent­warf Licht­mesz ein von der Erfah­rung von Aus­weg­lo­sig­keit und Ohn­macht bestimm­tes Lage­bild. Wäh­rend die euro­päi­schen Funk­ti­ons­eli­ten ein extre­mis­ti­sches Umvol­kungs­pro­gramm betrei­ben, wer­den gleich­zei­tig „Extre­mis­ten“ in den Gesell­schaf­ten gera­de­zu gesucht, um sie medi­en­wirk­sam ver­fol­gen zu kön­nen. Radi­ka­li­tät geht aber mit dem Gefühl der Ohn­macht ein­her – auf bei­den Sei­ten der Herrschaftsordnung.

Felix Dirsch und Karl­heinz Weiß­mann behan­del­ten am letz­ten Ver­an­stal­tungs­tag mit den Refe­ra­ten „Voll­enden Face­book und Wiki­leaks die Auf­klä­rung?“ und „Sanf­te Macht“ nur schein­bar ähn­li­che The­men. Dirsch befaß­te sich mit der Über­set­zung auf­klä­re­ri­schen Gedan­ken­guts in die Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft und der Uto­pie einer durch freie, unge­fil­ter­te Infor­ma­ti­on zum bes­se­ren gewan­del­ten Welt. Er erteil­te all­zu gro­ßen Hoff­nun­gen in die­ser Rich­tung eine Absa­ge und ver­wies auf die Not­wen­dig­keit redak­tio­nel­ler Bear­bei­tung der Infor­ma­ti­ons­flut einer­seits, die ganz über­wie­gend unpo­li­ti­sche Nut­zung des Net­zes ande­rer­seits. Im Kon­trast zu die­sem höchst aktu­el­len The­ma ging Weiß­mann auf das Ent­ste­hen der herr­schen­den glo­ba­lis­ti­schen Ideo­lo­gie ame­ri­ka­ni­schen Zuschnitts ein. Vor dem Por­trait der US-Geschich­te um 1900 gelang es ihm, über­ra­schen­de Ver­bin­dun­gen von den innen­po­li­ti­schen Not­wen­dig­kei­ten der USA jener Tage hin zu einem Herr­schafts­pro­gramm zu zei­gen, das bis heu­te durch­ge­führt wird. Den Teil­neh­mern wur­de die scho­nungs­los ehr­li­che, machia­vel­lis­ti­sche Spra­che vor­ge­stellt, die in der US-Dis­kus­si­on gepflegt wur­de und deren gro­ßen Teil heu­ti­ge Leser ver­mut­lich als „faschis­tisch“ ein­ord­nen würden.

Fazit: Neben den zahl­rei­chen neu­en Impul­sen und Infor­ma­tio­nen bleibt von der Aka­de­mie der Ein­druck, daß hier, unter den wuch­ti­gen Holz­bal­ken der alten Zim­mer­de­cke des Tagungs­raums, höchst aktu­el­le Fra­gen dis­ku­tiert und für den Kampf im oft bemüh­ten „vor­po­li­ti­schen Raum“ wesent­li­che Ein­sich­ten ver­mit­telt wurden.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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