Sezession
20. März 2012

Wie wir begehren. Wie wir gebären.

Ellen Kositza

Von Carolin Emcke fühle ich mich in gewissem Maße verfolgt. Sie kann nicht viel dafür, es ist halt dieser Medienmechanismus: Einer, der doch eigentlich nach äußerlichem Dafürhalten ein ganz gutes (vielfältig preisgekröntes), in diesem Fall sogar betont lustvolles Leben führt, taucht sich selbst klagerufend ins gut gefüllte Randgruppen- und Diskriminierungsfaß und wird, das ist der Zweck der Übung, unter Jubel gerettet, als hochsensibles Phänomen gefeiert und ausgestellt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Frau Emcke begegnete mir zunächst akustisch. An drei Abenden durfte sie vor ein paar Wochen im Deutschlandfunk in der Lesezeit aus ihrem da noch unveröffentlichten Großessay Wie wir begehren vorlesen. Ich höre die Sendung sonst gern, hier schaltete ich bald aus. Nein, ich hege keine Abneigungen gegen Lesben, auch nicht, wenn sie sich wie Frau Emcke als Schwule bezeichnen und schon stimmlich nach Klischee klingen; ich würde mir schlicht aus Gründen des Anstands beziehungsweise bürgerlicher Verklemmtheit auch keine Begehrensanatomien von Linkshänderinnen, Vegetariern oder Holzspielzeugliebhabern anhören wollen.

Ein paar Tage später, das Buch ist druckfrisch, lese ich in der FAZ eine höchst wohlgefällige Großrezension unter dem (selbstverständlichen) Motto „Homosexualität ist kein Schicksal, sondern eine Lust“. In der Woche drauf fällt mir im Zug das Zeit-Magazin in die Hand. Frau Emcke erklärt hier seitenlang, „warum das Intimste manchmal zu öffentlichen Angelegenheiten werden muss(!)“.

„Ich liebe mich gern in eine Frau hinein, ich mag es, eine Frau zu erregen, sie zu berühren, zu riechen, zu schmecken, zu nehmen, in die Hand, in meinen Mund, in und mit meinem Körper.“

Und so weiter.

Ja, einerseits sei ihr Begehren (von Liebe, dieser spießbürgerlichen Gefühligkeit, lese ich übrigens nichts) natürlich privat und intim, andererseits gelte sie als Homosexuelle halt schon deshalb als Experte für Sex, weil sie das Wort Sex im Namen führe, sagt und klagt die schwule Frau Emcke. Solche verallgemeinernden Etikettierungen seien natürlich, genau wie "Jude zu sein" (Frau Emcke vergleicht ihre Veranlagung oder Sexualwahl explizit damit) „seltsam unangemessen“.

Ja, wer kennt das Gefühl der unzureichenden Titulierung nicht aus eigener Erfahrung? Was heißt schon „Akademiker“? Was „konservativ“? „Deutsch“?

Ich bin Mutter. Will ich darauf reduziert werden? Hm. Möchte ich, in meiner Rolle als Hausfrau nun wahrlich kein Hätschelkind des Medienbetriebs und darum durchaus im Recht, einmal "auszupacken", ein Offenbarungsbuch schreiben : “Wie wir gebären“? Defintiv nein.

Weil aber Frau Emckes ihre „Art zu lieben“ (sie meint: begehren) für „besonders intim“ hält, und die „öffentliche Mißachtung“ für besonders gemein, sieht sie sich „genötigt“ (!) „aus dem Privaten heraus ins Öffentliche zu sprechen.“ Wenn sie „Wir“ schreibt, meint sie ihre „Gemeinsamkeit mit Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender-Menschen“, die „hier oder anderswo bespuckt, geschlagen, gefoltert oder gehängt werden.“

Hier? Lesbischsein als Tabubruch? Karriereknick? Gibt’s da nicht diese prominente Talkfrau und diese berühmte "Kommunikationswisssenschaftlerin“, gelten die nicht als Traumpaar wie übersee eine andere hochberühmte Talkfrau samt ihrer Muse? Und diese sympathische Tatort-Kommisarin? Die fröhlich-dicke Komödiantin? Die omnipräsente Frauenzeitschriftsgründerin? Die einstige hessische Ministerin? Gab's je in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten Häme für deren normabweichende sexuelle Orientierung im relevanten Medienwesen?

Es wäre mir glatt entgangen. Empfindliche Näschen wittern Diskriminierung freilich überall, gerade im Gutgemeinten. Frau Emcke schreibt so länglich wie zornig von einer Hochzeitsgesellschaft, bei der sie unverschämterweise ausgerechnet zwischen anderen homosexuellen Individuen plaziert worden sei. Diskriminierung! Frau Emcke ist nicht nur „lust“ig, sondern auch wütend. Über das „rückständige Familienbild der CDU“ (wo noch mal sich niederschlagend?), über das fehlende Adoptionsrecht für schwule Paarungen, über ihren schulischen Sexualkundeunterricht, in dem "von den reproduktiven Möglichkeiten des Körpers die Rede war, aber nicht von Lust.“

 Frau Emckes Lust- und Klageschrift kommt "da oben" wahnsinnig gut an; für sie selbst, noch halb im gefühlten Jauchefaß badend, muß es schier unbegreiflich sein!

Fast jede Zeitung, die ich rund um die Buchmesse aufschlug, war des Lobes voll über die individuelle homosexuelle Lustgeschichte dieser Frau die (Zitat Cicero) „diese seltene Mischung aus natürlicher Coolness und Klugheit“ ausstrahle.

Schon wieder hörte ich Deutschlandradio. Als in heteronormativen Mustern lebende, am Herd werkelnde Frau hört man mitunter viel. Schon wieder eine Eloge! Die Rezensentin findet, „über dieses Buch zu schreiben, ist wie über Musik zu schreiben. Das hat viel mit Gefühl zu tun“ und bewundert, das die Autorin „schonungslos offen“ über „Körpersäfte, Blut, Schleim und Schweiß“ schreibt. Wer weiß, vielleicht wäre unter solchem Gesichtspunkt „Wie wir gebären“ doch kein ganz verkehrter Buchtitel?

Tags drauf lief ich über die Buchmesse, und wen sah ich sofort (sie sah interessanterweise aus, wie ich sie mir nach der Zweite-Hand-Lektüre ihres Anti-Klischee-Buchs vorgestellt habe.): Frau Emcke. Klar, sie war ja für den Leipziger Buchpreis nominiert. Erhalten hat sie ihn nicht. Diskriminierungshalber? Sicher.
Test


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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