1. August 2011

Der will nur spielen! – Über den Fremddeutschen Feridun Zaimoglu

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession Nr. 43/ August 2011

»Die Wortgewalt des Kanaken drückt sich aus in einem herausgepreßten, kurzatmigen und hybriden Gestammel ohne Punkt und Komma, mit willkürlich gesetzten Pausen und improvisierten Wendungen.«

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

»Kanake« schien eine Zeitlang Chancen zu haben, sich in die Reihe der sogenannten Geusenwörter einzufügen. Dabei handelt es sich um eine positive Umwidmung einstiger Schmähwörter – körperlich Behinderte etwa sammelten sich in den siebziger Jahren unter der Selbstbezeichnung »Krüppel«, Homosexuelle gaben dem bislang abwertend gemeinten »schwul« (»… und das ist gut so«) einen positiven Klang, ähnlich verfuhren Dirnen, die sich zu »Huren«-Vereinigungen zusammenfanden. Der fröhliche Stolz der umgewidmeten Konnotation allerdings geht flöten, wenn Außenstehende in herkömmlicher Schmähabsicht den Terminus anbringen.

 

Kanake also. Wer heute noch von »Fremdarbeiter« oder »Ausländer« spricht, dem mag man im günstigen Fall eine gewisse Unbedarftheit attestieren. Kanake hingegen – lautliche Nähe zu Kacke, Kloake! – ist eine definitiv miese Zuschreibung, auch wenn Neunmalkluge schon immer wußten, daß das K-Wort aus Hawaii stammt und »Mensch« bedeutet. Undenkbar, daß eine Bundeskanzlerin je von den »Kanaken in unserem Land« spräche! 1995 unternahm ein bis dato unbekannter »deutscher Schriftsteller« (Selbstbezeichnung) den Versuch, aus der häßlichen Opfertitulierung ein selbstbewußtes, ja aggressives Markenzeichen zu machen. Kanak Sprak hieß das im Hamburger Rotbuch Verlag erschienene Buch, in dem Feridun Zaimoglu 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft versammelte. »Kanaken«, so behauptete der Autor, sei ein »Etikett, das die ›Gastarbeiterkinder‹ der zweiten und dritten Generation mit stolzem Trotz führen«. Den »Kosmos von Kanakistan«, ein »Landstrich am Rande der deutschen Gesellschaft«, wollte Zaimoglu hier »wild und authentisch« darstellen. Die Legende sagt, daß es sich hierbei um zwei Dutzend tatsächlicher »Positionsprotokolle« handelt, die der Autor literarisch überarbeitet haben will. Sämtliche der meist atemlos, gelegentlich mit kunstvoller Brachialität vorgetragenen Monologe zorniger junger Türken könnten genausogut Zaimoglusche Kopfgeburten sein. Die Stimmen von Zuhälter Cem, dem Psychopathen Derwisch und anderen selbsternannten Kanakstern unterscheiden sich nach dem Verhältnis, in dem eingestreute türkische Termini, Gossen- und Hochdeutsch zueinanderstehen. Gemein ist ihnen – selbst den Deklassiertesten – eine eloquente Beredsamkeit, philosophische wie psychologisierende Neigungen und eine ordentliche Portion Haß und Verachtung auf Deutschland, »das Land im Arsch«: auf das Land also, in dem sie leben.

 

Nehmen wir Fikret, 25, arbeitslos, dem Zaimoglu hier eine vergleichsweise moderate Stimme gibt: »Ich kann hier voll von der kanzel wider die landeskinder rede halten, doch neu wird’s denen auch nicht sein, wenn ich dem alemannen attestier, daß er statt ner haut ne glasur hat wie auf’m berliner in der konditorei, und das, was ihm die lider so umfangen, kein aug ist, aber ne illusionskapsel, daß’s teutsche gesicht wie die olle bismarckstatue im park befallen ist von so nem ungeistigen grünspan. Ich nenn das verlassene farbe von leuten, die man sich in ner wildfremden szene wiederfinden, und’n leben lang wurmt sie die fremde regie, und die leute würden gern’n andren text quatschen, aber die besonderheit des fakts läßt nicht locker.«

Zaimoglu wollte mit solchen Texten eine selbstbewußte »ethnizistische Struktur« analog zur US-amerikanischen Black-Consciousness-Bewegung skizzieren und befeuern. Es ging ihm um einen Gegenentwurf zur »weinerlichen, sich anbiedernden und öffentlich geförderten ›Gastarbeiterliteratur‹ vom ›armen, aber herzensguten Türken Ali‹«, zur »›Müllkutscher-Prosa‹, die den Kanaken auf die Opferrolle festlegt.«Bei Ercan, 24, Gigolo, kommt das »blut einer lady so richtig ins wallen«, weil sie es in ihrer Phantasie statt mit einem Bezahltürken mit einem »echten Juden« treibt: »… so’ne schicke lady hat eben ne latte von klugbüchern gelesen, in der ihrem hirn hat sie’s weise wissen verstaut, und vielleicht kommt ja nach vielem überlegen so ne geilheit raus, wo die ihr mitteilt, ’n jude ist mir mehr wollust als irgendwer sonst, naja, die hat halt auch mitten im ausüben des geschäfts volle kante gebrüllt, von wegen, mich fickt’n jude. … Am morgen steckt die mir’n ordentlichen schein inne tasche und … sagt zum abschied: mein schlimmer judenschniddel.«

 

Hakan, 22, Kfz-Geselle, verachtet dies »ariervölkchen«, in dessen Mitte er gelandet ist: »Der deutsche malocher is ne progrom sau, tottreten is für die hier oberster volkssport. Mein ruf an die kanaken in alemania is: … wenn ihr die hand gebt, dem unbeschnittenen, vergeßt nicht, daß er auch seine eigne mutter auf’n strich schicken würde, wenn genug schotter für ihn herausspringt. Wenn ihr wie olle zoopaviane nach des deutschen wärters zuckerwürfel schnappt, vergeßt nicht, daß ihr euch eure blanke seele habt verwursten lassen. Ne zornige macht von straighten türkensseelen is wie tausend rechte haken ins bleiche wabbelfleisch des deutschen oberteufels. Ich ruf den brüdern zu: haltet euch fern von den psychogemetzeln, die da in alemania toben. Verderben is der stammname des blonden teufels.«

 

Per Widmung übereignete Zaimoglu »dieses buch den widerständlern, den agenten im mainstream, der getarnten bösen brut, der asylantenflut, den rasseschändern, dem metropolenmenschenmüll, mit respekt und großer liebe, allen KANAKAS in germany united.« Über Nacht wurde er mit seinem obszönen, schwer lesbaren Büchlein und erst recht durch seine Lesungen zu einem Kultautor an der Peripherie der Literaturszene. Das Feuilleton berichtete überwiegend wohlwollend. Drei Jahre später (»inzwischen ist rechtsradikale Gewalt, verbal wie körperlich, eine Alltagserscheinung wie der Gang zum Bäcker«) legte Zaimoglu mit Koppstoff »statements« weiblicher Kanakas nach. Cagil, 27, Studentin und Angehörige eines kommenden Volkes mit »angeborenem Feuer unterm Arsch«, erregt sich über »inzüchtiges deutsches Gehirnmasturbationsejakulat«, Nesrin, 24, Street-Fighterin über »Liberalpissetrinker«, und Aynur, 34, Künstlerin, bekundet: »Wenn irgend ne Friseusenhelga sich nun vor mir aufbaut und vom vollen Boot schwätzt, wenn der letzte dröge Halbsäckel Moralkotze fressenplätschern läßt, weiß ich, da ist alles krautig geworden. Die scheißen uns jetzt ins Gesicht und schönsprechen die Scheiße zur adligen Eigenkotspende. Der Kaffer soll den Alemanarsch ausputzen, dafür ist er gut. … Doch Alemania ist für uns ne einzige Abrißbirne.«

 

1997 hat Zaimoglu in Abschaum die Geschichte Ertans, »eines Kanaken, eines Drogenabhängigen, eines Gangsters« protokolliert. Im Nachwort schreibt er: »Ertans Botschaft ist: Wir sind die Kanaken, vor denen ihr Deutschen immer gewarnt habt. Jetzt gibt es uns, ganz eurem Bild und euren Ängsten entsprechend.« Ertan: »Bevor ich zur Schlägerei ging, war ich zu Haus und sag meinem Vater: ich muß weg, hab was zu tun, ich komm bald wieder. Ich nehm mein Schläger, er hat gleich kapiert und fragt, was los is. Ich erzähl ihm die Geschichte und sag: Heute die türkische Frau und morgen meine Mutter. Die Arschlöcher haben schon einmal die Juden vergast, die haben das einmal gemacht, wir wehren uns. Hey Mann, überleg mal, wenn meine Mutter angegriffen wird und alle Leute von sich aus sagen, wir ficken diese Stadt, is das nicht cool. Okay, sagt mein Vater, ich geb dir die Erlaubnis, den Laden auseinanderzunehmen.« Unter dem Titel Kanak Attack hat Regisseur Lars Becker das wüste Konvolut verfilmt, der Kinofilm lief recht erfolgreich.

Der widerständige Außenseiter, der asoziale Störenfried, respektive dessen intelligibles Sprachrohr, als das sich Zaimoglu in seinen frühen Büchern stilisierte, ist längst einem anderen Bild gewichen. Mit Liebesmale, scharlachrot (2000), dem ersten seiner bislang fünf Romane, erfand er sich neu für die seriöse literarische Bühne. Nach rund 1000 Lesungen, einst gehalten in der Ghettoatmosphäre abgewrackter Jugendclubs, heute in eleganten Literaturhäusern, ist Zaimoglu angekommen: auf den Bestsellerlisten, in etablierten Jurys, als Stückeschreiber für renommierte Bühnen, als Mitglied des Islamrats. Seinen Platz dort räumte er rasch wieder, er wollte ihn freimachen für eine gläubige Muslima, die nach seinem Empfinden dem Gremium fehlte. Zaimoglu, für die »arme Literaturszene Deutschlands ein rauher und stürmischer Glücksfall« (Eren Güvercin, Betreiber des Blogs grenzgängerbeatz), wird längst mit Auszeichnungen überhäuft in diesem Land, das ihm und seinesgleichen doch angeblich den Mund verbietet: Friedrich-Hebbel-Preis, Adalbert-von-Chamisso-Preis, Hugo-Ball-, Grimmelshausen- und Jakob-Wassermann-Preis und dergleichen mehr. Manch deutsche Leihbücherei hat Zaimoglus vielgerühmten Roman Leyla gleich mehrfach im Bestand, die Geschichte basiert grob auf der Biographie seiner eigenen Mutter. Für die »großartigen Türkinnen der ersten Stunde« fordert er den gleichen »Respekt, der Trümmerfrauen selbstverständlich gezollt« werde. Die verbalen Sprengsätze aus dem vergangenen Jahrtausend liegen da als Minen, doch, so erklärte er 2008 einer begeisterten Journalistin, sie hätten »nichts mehr mit mir zu tun, ich wollte nicht mehr der Türken-Experte sein. Vorbei ist vorbei, mein Herzblatt.«Geboren wurde Zaimoglu 1964 in der Türkei, da hatte sein Vater bereits seit zwei Jahren eine Anstellung als Arbeiter in Ludwigshafen. Bis 1981 wechselte der Sohn seinen Aufenthaltsort etliche Male zwischen Deutschland und der Türkei. Sein deutsches Abitur absolvierte Zaimoglu als Jahrgangsbester, ein Medizin- und ein Kunststudium brach er ab. Anschließend fand er sich »in einer Massenschlachtung, wo ich den Tieren für die Schächtung die Kehle durchgeschnitten habe. Ich entsprach voll dem Typus des Versagers, hatte keinen Plan. Ich war ein melancholischer Idiot.« Nicht, daß sich daraus nichts machen ließe.

 

Zaimoglu geht nicht nach Geld, er geht nach Stimmung, und er hat eine gute Nase für den Wind, der gerade zu wehen anhebt: zur Lichterkettenzeit das leibhaftige Megaphon einer selbsterdachten Kanaken-Bewegung, hernach der – durchaus talentierte – Literat, und seither das Scharnier zwischen diesem und jenem. Der Platz zwischen den Stühlen muß kein unbequemer Ort sein – nicht für einen, der um die Attraktivität eines habituell schlechtgelaunten Knurrers weiß. »Eruptiv« nennt das die Kritik, und es hat einen bewundernden Klang. »Ich habe das linke Gehabe in den Subkulturen und Milieus der Bürgerkinder verabscheut«, sagte Zaimoglu der Islamischen Zeitung. Seine Helden seien »Nicht-Bürgerliche. Das kommt daher, daß ich das Spannende, das Gärende, das wild Wachsende eben nicht bei den Bürgerlichen sehe.« Dem »dekadenten Charme der Bourgeoisie«, dem »Aufklärungsspießertum« könne er nichts abgewinnen. Der Mann, der die Wand seines Kieler Arbeitszimmers mit Gartenzwergen bestückt hat, besteht darauf, die Anstandsregeln seiner Welt selbst zu bestimmen. »Migrationshintergrund« sei ein »häßliches Wort«, fährt er Spiegel-Redakteuren über den Mund, das sei ein Begriff, den feige Deutsche erfunden hätten. Der selbsternannte Fremddeutsche hat eigene Vorstellungen von sprachlicher Korrektheit. Deutlich wird das auch in seiner Neuübersetzung (gemeinsam mit seinem dauerhaften Kompagnon Günter Senkel) von Shakespeares Othello, den die Münchner Kammerspiele 2003 und 2009 auf dem Spielplan hatten: »Ich will allen Schwuchteln Zyperns ein blasen, wenn du nich morgen Nacht Desdemona fickst«, usw.

Zum Selbstkonzept des Unberechenbaren – oder der taktischen Verstellung? – gehört auch, daß Zaimoglu gelegentlich von seiner »glühenden Liebe zu Deutschland« sprach, und davon, daß er »Türken in Massen sehen« wolle, »die deutsche Fahnen schwenken«. Ohne die autochthonen »Konservativen« – ein weitgefaßter Begriff – hier und die »zurechtgestutzten Assimil-Kümmels«, die »Edelmigranten« von dort wäre Deutschland kein schlechter Ort. Apropos wehende Fahnen: Zaimoglu hatte 2005 an der Kunsthalle Wien eine steuerfinanzierte (angeblich 40 000 Euro teure) »Kunstinstallation« unter dem Titel Kanak Attack. Die dritte Türkenbelagerung angebracht: Er ließ 420 Fahnen mit dem türkischen Halbmond an der Fassade des Kunsthallen-Innenhofs wehen. Mancher Wiener fühlte sich provoziert, während eine ähnliche Aktion Jahre zuvor keine öffentliche Diskussion ausgelöst hatte. Im aktuellen, feuilletonistisch hochgejubelten Multikulti-Manifest der Vielen (man schaue sich bitte auf youtube den wahrlich herzzerreißenden, »musikalischen« Trailer – Stichwort: »Tanz den Sarrazin« – an!) reüssiert Zaimoglu mit seinem Text »Es tobt ein Kulturkampf« gewissermaßen als Aufmacher. Zaimoglu empfindet die Gegenwart als eine »Zeit, in der rechte Feministinnen, gewendete Altlinke, orthodoxe Klassenkämpfer, Kulturkonservative, Kulturpapisten und Rechtskonservative die Meinungshegemonie beanspruchen. … Die Aufregung, die in konservativen Kreisen herrscht, hat aber damit zu tun, daß sie nicht mehr ungestraft (!) von Ausländern sprechen können.« Von einem Krieg gegen Zuwanderer ist die Rede, den etablierte rechte Provokateure vom Zaun gebrochen hätten, die gleich »Metzgern mit stumpfen Ausbeinmessern … schneiden und stechen, reißen und zerren.« Im Kleingedruckten ist zu lesen, daß Zaimoglu diesen Text bereits 2007 vor dem Bundestag verlesen hatte. Damals war Jürgen Kaube ihm mit einem flammenden Artikel in der FAZ entgegengetreten: »Im Krieg, heißt es bei Thukydides, sind die Worte nur noch Worte, weil sie jeder verwendet, wie er gerade will. Es ist eine solche Parallelwelt des Geschwätzes, die Zaimoglu bewohnt. Unter Schwätzern, die von Volk und Identität und Abendland und von Ausländern reden, die niemals Inländer werden können, fühlt er sich darum in Wahrheit wohl. Denn sie erlauben es ihm, die Welt der Phrasen und Stimmungen zu bewirtschaften, die von keiner Empirie erreichbar sind.« In einem Leitartikel (!) der Zeit klagte Zaimoglu, daß »wir« – die Kinder der Migranten – »keine Stimme« hätten. Die »Konservativen«, von ihm auch »Hysteriker« genannt, verhinderten es. Aber, so warnte er: Wer heute »bellt, wird morgen an den gemischtethnischen Stammtischen der Nation keinen Platz mehr finden.« In diesem Duktus geht es weiter, und drohend endet auch sein Beitrag im Manifest der Vielen: »Der Kampf geht weiter.«

 

Martialische Sprache und Drohgebärde demonstrierte der Fremd-deutsche auch in der Debatte um Thilo Sarrazin, den er für einen «Lumpen« und »lupenreinen Rassisten« hält. Der »große Strom von Menschen« werde sich nicht vom »Anti-Islam-Quatsch« solcher »Saisonarbeiter der Aufklärer« aufhalten lassen. »Ich habe Grund zu großer Heiterkeit. Die Karawane zieht weiter. Viel später wird man dann die Skelette der Hunde in der Wüste zählen.«


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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