Sezession
13. April 2012

Wagners Schatten in Leipzig

Gastbeitrag

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pdf der Druckfassung aus Sezession 47 / April 2012

von Jakob Altenburg

In der BBC Produktion Why Beauty Matters aus dem Jahr 2009 erzählt der schottische Bildhauer Alexander Stoddart dem englischen Philosophen Roger Scruton eine kurze, fiktional zugespitzte Episode über Kunststudenten. Heimlich besuchten sie ihn, den erklärten Neoklassizisten, in seinem Atelier, um das traditionelle Handwerk zu lernen und ihm ihr Leid über die zeitgenössische akademische Ausbildung zu klagen.

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Einer von ihnen, so berichtet Stoddart, hatte sich in an einer Tonskulptur versucht, dabei wohl dem natürlichen Impuls folgend, den Stoff nach der Natur zu formen, ein Vorbild plastisch nachzuahmen. Daraufhin habe dessen Lehrer korrigierend eingegriffen und vorgeschlagen, er solle die Skulptur doch in zwei Hälften schneiden und Exkremente darauf verteilen – „and that will make it interesting“.

Wie „interessant“ das ist, was heutzutage neben der Bildhauerei auch die anderen Disziplinen der bildenden Künste produzieren, weiß jeder, der schon einmal eine Galerie für zeitgenössische Kunst oder eine Semester- und Diplomausstellung an einer Kunsthochschule besucht hat. Solche Schauen illustrieren ex negativo in aller Deutlichkeit eine einfache, gleichwohl allgemeine Wahrheit, die wir auch der oben geschilderten Anekdote entnehmen dürfen: Nichts ist, trotz allen rühmlichen Ausnahmen, der Kunst und ihrem Betrieb heute so fremd und bisweilen so sehr zuwider wie gewachsene Konventionen in Form und Gehalt, wie die Ernsthaftigkeit und Mühen des Handwerks sowie Sinn und Empfänglichkeit für jenen vielgestaltigen Bezirk des Mythos und der Religion, in dem jede ernsthafte Kunst bis heute wurzelt.

Die Sehnsucht nach der schönen Form, einst treibende Kraft hinter den Werken der Kunst, scheint allenthalben erloschen. Das Elend der zeitgenössischen Kunst offenbart sich aber nicht nur in den zwar ewig klagenden, tatsächlich aber komfortabel ausgestatteten Hochschulen und Akademien, deren Verständnis von Freiheit mit den Worten Beliebigkeit und Narzißmus nahezu erschöpfend beschrieben ist, sondern auch und vorzugsweise im öffentlichen Raum, insbesondere an Mahnmalen und Denkmälern aus den letzten sechs Jahrzehnten. Blicken wir nach Leipzig, wo sich beispielhaft zwei Symptome der Dekadenz in einer mustergültigen Kombination beobachten lassen: hier eine haltlose, talentfreie Kunst ohne Belang, dort die spezifisch deutsche Unfähigkeit, ein Vorbild zu feiern.

Nachdem im vergangenen Jahr die Klinger-Treppe rekonstruiert und der von Max Klinger geschaffene Marmorsockel aufgestellt worden war, lobte der Wagner-Denkmal e.V. einen Wettbewerb für ein neues Standbild aus. Es war dies, nach der Bronzeskulptur, die Klinger vor seinem Tod im Jahr 1920 nicht mehr vollenden konnte und dem „Richard Wagner-Nationaldenkmal des deutschen Volkes“ des Stuttgarter Bildhauers Emil Hipp, das gleichfalls unvollendet blieb – Hipp hatte 1932 den internationalen Wettbewerb gewonnen und von 1933 bis 1940 am Denkmal gearbeitet –, der dritte Anlauf in Leipzig, dem Andenken Wagners einen großen plastischen Ausdruck zu verleihen.

Im Juni 2011 fiel die Entscheidung: Mit einem zweigeteilten Denkmal, zusammengesetzt aus einer lebensgroßen, entfernt an Wagner erinnernden Figur und einem übergroßen Schatten, konnte der Karlsruher Professor für Bildhauerei Stephan Balkenhol das Preisgericht überzeugen. Dieser wurde einer breiteren Öffentlichkeit unlängst durch seine Großplastik „Der Kniende“ bekannt. Mit ihr schaffte er es bis in die zweite Runde des Wettbewerbs um das Berliner Einheitsdenkmal, wo er schließlich dem Beitrag „Bürger in Bewegung“ unterlag.

Ende Juli vergangenen Jahres wurden die drei Entwürfe für das Denkmal der Öffentlichkeit präsentiert: Neben Balkenhols Entwurf ein schwarzer Quader von Carsten Nicolai und eine Skulptur aus Aluminium von Otto Berndt Steffen. Keiner dieser Entwürfe kam dem, was man sich für Leipzig und den Klinger-Sockel gewünscht hatte, auch nur ansatzweise entgegen. Die beiden letztgenannten Entwürfe mußten zwangsläufig an der öffentlichen Erwartungshaltung scheitern, dem Wunsch nach nachahmender Darstellung und Wiedererkennbarkeit, den zumindest die „konservativen“ Mitglieder der Jury mit der Mehrheitsmeinung in der Leipziger Bevölkerung geteilt haben dürften.
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Der Gewinner tat den Preisrichtern den Gefallen und präsentierte einen Wagner, der, immerhin, irgendwie an Wagner erinnert. In der für den Bildhauer typischen groben Bearbeitung und Bemalung steht der Musiker schüchtern und heruntergekommen auf einer schwarzen Fußplatte. Seine Erscheinung ist „etwas verwildert“, ganz so, wie es im Exposé des Denkmalvereins tatsächlich gefordert worden war: Den Menschen wolle man zeigen, den jungen Mann, der Werk und Erfolg noch vor sich hat, nicht das Genie, nicht den Mythos. Hinter der Figur steigt, mehr als doppelt so hoch, eine schwarze Silhouette aus der Plinthe empor, ein Schatten, so müht sich Balkenhol im Leipzig Fernsehen zu erläutern, der die Kontur des Klinger’schen Entwurfs aufnimmt. Auch über die schlichte Symbolik dieser Zwiespältigkeit klärt er uns auf: Das Werk überragt und übersteigt den Künstler und Menschen.

Gegen die Auffassung von der Größe des Werks und der Bescheidenheit und Vergänglichkeit des Künstlers ist im Prinzip nichts einzuwenden. Tatsächlich können wir Wagners Musikdramen lieben und verehren, ohne zugleich ihrem Schöpfer zu huldigen, wir müssen uns noch nicht einmal für die Person Wagners interessieren, denn seine Werke wirken auch losgelöst von Lebenslauf und künstlerischer Absicht fort. Sie sind das, was bleibt. Das ist eine simple, aber gewiß keine banale Einsicht, aus der heraus dem schöpferischen Geiste vieles möglich gewesen wäre. Balkenhol aber begnügt sich mit einem figürlichen Bild der trivialsten Art, mit einer erschreckend plumpen Übersetzung der Mensch-wirft-Schatten-Idee, die man einem Schüler oder Laien verzeihen würde, dem renommierten Professor für Bildhauerei, dem Denkmalverein und insbesondere den Preisrichtern zum Vorwurf machen muß.

Ein anderer Vorwurf, nämlich die Kritik an der „Allerweltsfigur“, am „Zwergen“, den Leipzig nicht verdient habe, war nach der Juryentscheidung umgehend von Musikern und Schauspielern geäußert worden. Leipziger Bürger artikulierten über mehrere Monate hinweg in zahlreichen Leserbriefen ihr Unbehagen am „albernen Einfall“, am „Witz-Wagner“, der „starke Sinnesschmerzen“ verursache – selbstverständlich ohne Aussicht auf Erfolg. So richtig diese Einwände auch sind, sie verfehlen den ideologischen Kern des zukünftigen Denkmals. Diesen aber muß freilegen, wer im Streit um das Eigene, der nicht zuletzt auf dem Feld der Kunst und der Erinnerungspolitik zu führen ist, grundsätzliches zur Sprache bringen will.

Unserem Blick, der alles andere als wurzel- und interesselos ist, erscheint die ungeschlachte Figur des „jungen Wagner“ als Abbild einer Mentalität, die gleichermaßen Ausdruck und Ursache der Dekadenz unserer Zeit ist. Die Rede ist von einem Bewußtsein, das erfüllt ist von der Furcht vor der Verehrung und besessen von der Gleichmacherei – in den Worten des Denkmalvereins: „Der (sic) fehlende Pathos verleiht dem jugendlichen Komponisten Menschlichkeit. Es macht ihn zu einer Person wie du und ich“ –, eine Gleichmacherei, die sich in den heutigen Kunst- und Kulturwissenschaften als relativistische Äquidistanz zu jedweden Werken und Kulturen artikuliert. In diesen Wissenschaften ist eine Intelligenz wirksam, die getrieben ist vom Verdacht, hinter deutscher Kunst lauere wenn nicht die Schuld selbst, so doch ihre ursächliche Vorgeschichte. Es ist anzunehmen, daß diese Intelligenz mit ihren impliziten, in Fleisch und Blut übergegangenen Denkfiguren auch Balkenhol die Hand führte.

Wie sonst ist es möglich, daß ein Bildhauer so hilflos vor der Entfaltungsfähigkeit seines Stoffes steht, so wenig empfänglich ist für die „tiefsten Reize“, die „allezeit auf Kunst und Erkenntnis“ ausgehen werden, wie Thomas Mann 1933 in Leiden und Größe Richard Wagners schrieb und hoffte? Der die offenkundige Einladung des Sockels mit seinen Rheintöchtern, mit Siegfried und Mime, Kundry und Parsifal schulterzuckend ausschlägt? Der schließlich auch keine Mühe darauf verwendet, sich in die biographische Situation des Zwanzigjährigen zu versenken, um von dort aus die Ideen und Maßstäbe für ein angemessenes Bildnis zu gewinnen? „Die Zukunftsgläubigkeit einer Epoche, aber auch ihre Untergangsstimmungen, ihr Reaktionärswesen und die Neigung zur revolutionär beflügelten Weltzertrümmerung, bürgerliches Ethos und bourgeoise Gewöhnlichkeit, altmeisterlicher Ernst und wilde Projektenmacherei, Ressentiments und große Freiheit des Urteils: es war alles in ihm“ (Joachim C. Fest, Über Richard Wagner) – und nichts davon in Balkenhols Entwurf.

Es scheint notwendig, sich bei der Beurteilung dieses Umstands von den Kategorien Verlust und Verfall leiten zu lassen, denn ein unverstellter Blick auf die Wagner-Denkmäler des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigt unmißverständlich, wie groß der Abstand zum Idiom der traditionellen Bildhauerkunst geworden ist, das neben der Feinheit im mimisch-gestischen Ausdruck über einen reichen Schatz an allegorischen und erzählenden Elementen verfügte. Der Vorzug dieser Bildsprache steht in jeder Hinsicht außer Frage und jede variierende Wiederholung, jede Nachahmung im besten Sinne, wäre geistreicher, beredter, ja schöner ausgefallen.
Test

Freilich: Zur Hervorbringung einer schönen Gestalt fehlen Balkenhol die Mittel, die Mittel der Sprache, die Mittel des plastischen Wirkens. Daß beide, Entwurf und Erläuterung, so ungestalt und sorglos, ja so gestammelt wirken, kann kein Zufall sein, sondern ist die Folge ein und derselben Sprachlosigkeit, die in der Denkmalkunst längst zum Stil geworden ist. („Dann gibt es eben noch des einfach skulptural, dieses Spannungsverhältnis zwischen dieser kleinen Skulptur im Vordergrund, also eben die Darstellung von Wagner, der eigentlich auch als Person eher kleinwüchsig war, aber eben diesen großen Schatten wirft, also des ist find ich hat mich gereizt, und die Parallele eben weil zu dem ursprünglichen Entwurf von Max Klinger weil der Schatten eben diese Form hat wie der ursprüngliche Klinger-Entwurf“, erläutert Professor Balkenhol im Leipzig Fernsehen).

Kommen wir endlich zum ideologischen Kern, der, möge die intentio auctoris, die subjektive Absicht des Bildhauers auch naiv und unschuldig sein, den Sinngehalt des Denkmals ausmacht. Der Schatten im Rücken des Kleinwüchsigen sei eine Reminiszenz an Klingers Skizze, heißt es, die für Werk und Wirkung stehe (Zwischenfrage: Wieso hat Wagner seinen großen Schatten hinter sich? Kehrte er etwa schon in jungen Jahren der Zukunft den Rücken zu? Ein Gestriger von Anbeginn?). Aber an welches Werk, an welche Wirkung gemahnt er?

Kein Werk, nirgendwo: Im schwarzen Loch des Schattenrisses ist nahezu alles verschwunden. Es bliebe, wären da nicht die Reliefs des Sockels, nicht die leiseste Ahnung vom Reichtum der Musik, kein Ringen und Wähnen, kein Zauber, keine Leidenschaft, von den für das Werk Wagners so essentiellen mythologischen Bezügen und religiösen Ideen ganz zu schweigen. All das erlischt in der schwarzen Schablone, die, so die abschließende Deutung, nur einen Zweck erfüllt: das „kritische“ und „verantwortungsvolle“ Heraufbeschwören all jener gedanklichen und gefühlsmäßigen Verknüpfungen, jener vorgestanzten Bilder und Behauptungen, die nicht nur im deutschen Geiste einer zwanghaften Mechanik gehorchen. Denn was soll uns das sagen: Wagner und sein großer, düsterer Schatten?

Die bestürzend einfältige Antwort liegt auf der Hand, denn sie ist immer dieselbe, und wer nicht selbst darauf kommt, dem werden Infoblatt und Personal zukünftiger Stadtführungen auf die Sprünge helfen: Der Schatten, wird es dann heißen, das sei der Abgrund in Wagner selbst. Das sei sein häßlicher Antisemitismus, der aus dem einschlägigen Schriftwerk, dem Judenthum in der Musik spreche, besonders empfindsamen (oder gierigen) Hörern aber auch in den Tondichtungen entgegenschlage.

Damit ist das große Aber! im „Fall Wagner“ deutlich formuliert, die bösartige Verbindung aufgezeigt, das Urteil gesprochen: Es steckt viel ›Hitler‹ in Wagner (Thomas Mann), dem „Lieblingskomponisten der Nazis“. Wir kommen nicht umhin, eine solche Denkmalkunst der „Kultur des Denunziatorischen“ zuzurechnen, eine Kultur, deren Macht Bernhard Schlink in seinem gleichnamigen Aufsatz eindrücklich darlegte: „(Sie) unterwirft Personen einen Maßstab, der ihnen nicht gemäß ist, und überantwortet sie einem Gericht, das ihnen nicht gerecht wird. Das Gericht ist fest etabliert, und der Maßstab wird verlässlich exekutiert. Aber das schließt Denunziation nicht aus, es ist deren Voraussetzung“. Wer aber, der um die ehernen Fesseln des bundesdeutschen Denkens und Fühlens weiß, hätte anderes erwartet?

Ein völlig anderer Bildhauer jedenfalls, ein deutscher Stoddart etwa, bewandert und klug über Wagner denkend, ergriffen und beseelt von einem lebendigen Sinn für deutsche Kunst und Geschichte, hätte einen Entwurf präsentiert, der, gleichermaßen frei von Idolatrie und wohlfeiler Anklage, in beredter Form die bleibende Gültigkeit, die Größe oder den inneren Widerstreit jenes Werkes zur Anschauung bringt, das auf einen dunklen Schatten zu reduzieren nur vermag, wer von der Sache nichts versteht. Die Stadt Leipzig wird in zwei Jahren zum 200. Geburtstag eines ihrer größten Söhne ein Denkmal enthüllen, das alles über die geistige Situation der heutigen Kunst und unser prinzipielles Verhältnis zu Tradition und Vorbild verraten wird, nichts jedoch über Richard Wagner. Irgendwann wird man zurückblicken und das Ausmaß der vertanen Möglichkeiten überblicken. Klingers Sockel wird bleiben, der Schattenwagner – so viel Hoffnung sei erlaubt – wieder verschwinden.

Daß dies kein Einzelfall ist, der Unsinn im Gegenteil Methode hat, soll abschließend ein Schwenk auf eine andere Erinnerungsbaustelle in Leipzig verdeutlichen, die in wenigen Jahren eine ungleich größere politische und touristische Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Die Rede ist vom Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal. Nachdem Berlin sich bereits für das offenkundig schlechteste aller Einheitsdenkmäler entschieden hat, könnte man meinen, Leipzig mache es zwangsläufig besser. Ein Blick in die Ausschreibung läßt jedoch ernsthaft daran zweifeln: „Das Denkmal soll sich in differenzierter und sensibler Art und Weise der Herausforderung stellen, die Friedliche Revolution als ein Kernstück des zustimmungsfähigen Stranges der deutschen Geschichte zu thematisieren und den tradierten und affirmativen Formen der Denkmalkunst früherer Epochen eine neue Formensprache entgegensetzen“.

Um ein Debakel wie in Berlin zu verhindern, wo es zweier Wettbewerbe mit über 500 Beiträgen bedurft hatte, sei der Stadt Leipzig schon jetzt eine Variante des Balkenhol’schen Entwurfs zur Ausführung empfohlen. Man stelle sich vor: Eine kleine Gruppe zivilcouragierter, kritischer Leipziger Bürger, hinter denen sich ein großer Schatten emporschwingt, düster mahnend: Deutsche, seid gewarnt! Hütet euch vor dem nationalen Überschwang! Hinter euch das ewige Dunkel eurer nichtzustimmungsfähigen Vergangenheit, vor euch die zukünftigen Fährnisse des Stolzes, des Eigensinns – der Affirmation des Deutschen in Sprache, Kunst und Politik!
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