Sezession
1. August 2011

Kollektive Identität

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 43/ August 2011

von Karlheinz Weißmann

Wissen Sie, was ein »Nerd« ist? Ich wußte es bis vor kurzem nicht, obwohl der Begriff schon seit Jahren umläuft. Die Ursache meiner Ahnungslosigkeit war, daß ich keiner community oder peer group angehöre, in der man von »Nerds« spricht. Denn es handelt sich um die Bezeichnung eines Computerfreaks, Strebers, Hochbegabten – vielleicht ein Akronym für Non Emotionally Responding Dude, etwa »emotional nicht ansprechbarer Typ« – in der Jugendkultur. Nerds sind also Außenseiter, diejenigen, die »nicht dazugehören«, Leute, die man meidet, weil sie nicht so sind wie man selbst. Mir begegnete er zum ersten Mal in einem Bericht über junge Frauen in den neuen schicken Vierteln von Berlin. Sie stammen aus bürgerlichen Elternhäusern, wachsen in betont liberaler Atmosphäre auf, besuchen ein humanistisches Gymnasium, sind selbstbewußt, fleißig, angepaßt; ihre Freizeit verbringen sie vor allem mit der Jagd auf Modetrends, geben erhebliche Summen für neue Kleidung bestimmter Marken aus, wissen, welche Blogs zum Thema angesagt sind. Manche schneidern selbst und richten sich im Design wie ihrem Musikgeschmack an den sechziger Jahren aus. Die Tendenz trennt sie von anderen Gruppen Jugendlicher, die andere Vorbilder haben, aber der Aufwand für die Individualisierung ihres Äußeren trennt sie vor allem von den Nerds. An dem Beispiel lassen sich drei wichtige Aspekte von Identität illustrieren: die Notwendigkeit der Abgrenzung, die Verankerung im Affektiven und die Vorstellung davon, eine Identität zu haben, wie man andere Charakteristika hat, bei gleichzeitigem Bewußtsein, daß der erreichte Zustand unbefriedigend ist, weshalb die Identität erst in Zukunft vollständig verwirklicht sein kann. Abgesehen von solchen, mehr oder weniger konsensfähigen, Feststellungen ist nur schwer über Identität zu sprechen. Es handelt sich um einen »weichen« Begriff, in vieler Hinsicht unklar, ohne brauchbaren Bezug auf die Bestimmung in der klassischen Philosophie oder Mathematik, selbst in der Psychologie von vielen umgangen oder gemieden. Manches spricht dafür, daß es sich um ein Ersatzwort für »Seele« oder »Bewußtsein« handelt, die man aber meidet, weil sie nicht das schwer Abgrenzbare, Fließende, Bewegliche von Identität zum Ausdruck bringen, und auch nicht den Konnex zwischen individueller und kollektiver Identität.

Die Verknüpfung zwischen dem »Ich bin!« und »Ich sollte sein!« und dem »Wir sind!« und »Wir sollten sein!« bestätigt jeder Blick in Geschichte, Gesellschaftswissenschaft, Anthropologie, Ethnologie. Erik H. Erikson, der in der Nachkriegszeit mit seinen Arbeiten eine erste Welle des Interesses an Identität auslöste, sprach über das Zusammenspiel von »Ich-Identität« und »Gruppenidentität«. Das erklärt sich in erster Linie daraus, daß für den Menschen, anders als für das Tier und anders als für Gott, Identität ein Problem ist: Unsere Sonderstellung unter den Lebewesen und das Fehlen einer funktionstüchtigen Instinktbasis zwingen uns dazu, eine Identität auszubilden, die uns aber eben nicht zur »ersten«, sondern bloß zur »zweiten Natur« werden kann. Das erklärt weiter eine gewisse Formschwäche menschlicher Identität. Das »Ich bin ich« des indischen Atman können wir im Ernst nicht wiederholen. Entfremdung gegenüber dem Selbst ist unsere Grunderfahrung. Wir sind nicht nur den Krisen ausgesetzt, die das Individuum im Verlauf von Kindheit und Adoleszenz, beim Eintritt in die Selbständigkeit und in das Alter, erleidet, sondern müssen auch fertig werden mit der Infragestellung jener Verbände, denen wir angehören, wie Familie, Stand, Kirche, Regiment, Bund, Firmenbelegschaft, Verein, Kommune, Region, Volk, Rasse.


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