Kleiner Traktat über die verschleppte Gewalt

pdf der Druckfassung aus Sezession 43/ August 2011

Am 18. Juni 2011 veröffentlichte die Netzseite des Bundeskanzleramts eine Video-Ansprache der deutschen Regierungschefin.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die­se trug den Titel »Wir brau­chen jeden jun­gen Men­schen« und wur­de mit den fol­gen­den Wor­ten vor­ge­stellt: »Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel betont in ihrem aktu­el­len Video-Pod­cast, daß sie für alle jun­gen Men­schen in Deutsch­land die glei­chen Chan­cen möch­te.« Und: »Am Mon­tag will die Kanz­le­rin mit den Innen­mi­nis­tern der Län­der über Fra­gen der inne­ren Sicher­heit und der Inte­gra­ti­ons­po­li­tik sprechen.«Was hier wie zwei ver­schie­de­ne The­men erscheint, ist in Wirk­lich­keit eins. Denn nach aller­lei Geplän­kel kam Mer­kel zum Kern der Sache: »Anschlie­ßend wer­de ich mich mit den Län­der-Innen­mi­nis­tern dar­über unter­hal­ten, wie wir sicher­stel­len kön­nen, daß es in Deutsch­land kei­nen Raum gibt, in dem die Poli­zei nicht die Sicher­heit der Men­schen und der Bevöl­ke­rung garan­tie­ren kann. Hier­bei geht es dar­um, Sicher­heit vor Ort zu gewähr­leis­ten und gleich­zei­tig die Ursa­chen von Gewalt in der Gesell­schaft zu bekämp­fen. Das gilt für alle Berei­che der Gesell­schaft, aber wir müs­sen akzep­tie­ren, daß die Zahl der Straf­ta­ten bei jugend­li­chen Migran­ten beson­ders hoch ist. Des­halb ist das The­ma Inte­gra­ti­on eng ver­bun­den auch mit der Fra­ge der Gewalt­prä­ven­ti­on in allen Berei­chen unse­rer Gesell­schaft.« Das sind bemer­kens­wer­te Ein­ge­ständ­nis­se, die vom Bun­des­kanz­ler­amt wohl nicht ohne Grund in dicken Wat­te­schich­ten ver­steckt wur­den. Sie wer­den in einem Rah­men prä­sen­tiert, der mit dem Voka­bu­lar »wei­cher« Päd­ago­gik abge­steckt ist: Wäh­rend also die Poli­zei die öffent­li­che Sicher­heit stel­len­wei­se schon nicht mehr gewähr­leis­ten kön­ne, müs­se man mit den unin­te­grier­ten Gewalt­tä­tern »zusam­men­ar­bei­ten«, ihnen »Per­spek­ti­ven geben« und »Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen ermög­li­chen«. Auch die ange­nom­me­nen »Ursa­chen der Gewalt« kann man zwi­schen den Zei­len her­aus­le­sen, wenn Mer­kel etwa for­dert, daß die aus­län­di­schen Jugend­li­chen »die glei­chen Lebens­chan­cen und die glei­chen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten haben« sol­len »wie Kin­der aus Fami­li­en mit deut­schem Hin­ter­grund.« Die Täter sind die­ser Sicht­wei­se zufol­ge vor allem unter­pri­vi­li­gier­te Opfer, denen man nur noch mehr »Chan­cen geben« muß, damit sie sich end­lich »inte­grie­ren«. Fern liegt offen­bar der Gedan­ke, daß man die­sen »Opfern« etwas abver­lan­gen müs­se, Druck aus­üben oder sie gar für ihre Taten bestra­fen müs­se. »Opfer« ist indes­sen neben »Spast« und »Miß­ge­burt« das häu­figs­te Schimpf­wort der ein­schlä­gi­gen Milieus von Neu­kölln und Kreuz­berg. Hat man schon ein­mal die ganz spe­zi­fi­sche Ver­ach­tung dar­in her­aus­ge­hört? Ein »Opfer« ist der Schwäch­ling, der Nach­gie­bi­ge, der­je­ni­ge, der unfä­hig ist zur Gegen­wehr, der in der Hack­ord­nung nach ganz unten gerutscht ist und dafür um so mehr ver­ach­tet wird. »Opfer« ent­stammt einer Welt, in der die­se auf phy­si­schem Gewalt­po­ten­ti­al basie­ren­de Hack­ord­nung die zen­tra­le sozia­le Kate­go­rie ist. Sie hängt eng mit jenen »Ehre«-Begriffen zusam­men, die sich zum Teil aus süd­län­disch-isla­mi­scher Macho-Kul­tur, zum Teil aus dem Gesetz der Stra­ße näh­ren. Wer als »Opfer« beschimpft wird, wird demas­ku­liert, wird zum pas­si­ven Objekt, wird als Beu­te mar­kiert. In der glei­chen Woche wie Mer­kels Pod­cast erschien in der Welt eine Repor­ta­ge von Freia Peters mit dem Titel »Beschimp­fun­gen und Gewalt: Cha­os an den deut­schen Schu­len«, die ein trost­lo­ses Bild zeich­ne­te: Eine bestän­dig gereiz­te Atmo­sphä­re, gela­den mit sozia­len und eth­ni­schen Span­nun­gen, Prü­ge­lei­en, nied­ri­ge Aggres­si­ons­schwel­len, Über­grif­fe, Van­da­lis­mus, ein kras­ser Umgangs­ton und kata­stro­pha­le Schul­no­ten gehö­ren zum All­tag. Daß an die­sen Schu­len der Aus­län­der­an­teil exor­bi­tant hoch ist, ver­steht sich von selbst. Die­se Lage ist der vor­läu­fi­ge End­punkt einer lan­gen Ent­wick­lung. Der Welt-Arti­kel zitiert einen Leh­rer: »Als ich vor 32 Jah­ren als Jung­leh­rer anfing, war die Mehr­heit mei­ner Schü­ler leis­tungs­wil­lig und leis­tungs­fä­hig. Es gab nur eine klei­ne Grup­pe von Klein­kri­mi­nel­len, die sich aber inner­halb der Schu­le im all­ge­mei­nen unauf­fäl­lig ver­hielt.« Daß sich die­ses Ver­hält­nis heu­te an vie­len Schu­len ins Gegen­teil ver­kehrt hat, hat vor allem zwei Grün­de: Auf der einen Sei­te wur­den per Ein­wan­de­rung schwer assi­mi­lier­ba­re Schich­ten von erheb­li­cher Grö­ße impor­tiert, wäh­rend gleich­zei­tig die Ansprü­che des Schul­sys­tems immer mehr zuguns­ten einer auto­ri­täts- und leis­tungs­feind­li­chen Päd­ago­gik auf­ge­lo­ckert wur­den. Das war auch inso­fern eine fata­le Kom­bi­na­ti­on, als eine halb­wegs erfolg­rei­che Ein­glie­de­rung von kul­tur­frem­den Grup­pen, die selbst in ihren Hei­mat­län­dern Unter­schich­ten stel­len, eher här­te­re als nach­gie­bi­ge­re dis­zi­pli­nä­re Maß­nah­men erfor­dert hät­te. Damit ist selbst­ver­ständ­lich auch ein beträcht­li­cher Assi­mi­la­ti­ons- und Anpas­sungs­druck gemeint, den aus­zu­üben, man bereits in den sieb­zi­ger Jah­ren zöger­te, weil man den Ruch »natio­na­lis­ti­scher« Poli­tik fürch­te­te, und den heu­te ins Spiel zu brin­gen, so gut wie unmög­lich ist. Wenn man so will, war dies das Ur-Ver­säum­nis und die Ur-Feig­heit der deut­schen Inte­gra­ti­ons­po­li­tik, das nicht erbrach­te Opfer, das sich heu­te rächt, und die Saat, die zu einem Dschun­gel ange­wach­sen ist.

Zur Theo­rie des »Vor­bür­ger­kriegs« gehört die Annah­me, daß sich die Ent­fes­se­lung der Gewalt zunächst nur in win­zi­gen Ris­sen, etwa im Ver­lust der Manie­ren, der Hal­tung und der Höf­lich­keit zeigt. »Die zivi­li­sier­tes­ten Völ­ker sind nicht wei­ter von der Bar­ba­rei ent­fernt als das glän­zends­te Eisen vom Rost«, bemerk­te Riva­rol. Locker gestimm­te Pro­gres­si­ve fin­den es lächer­lich, wenn sich kon­ser­va­ti­ve Leh­rer noch über man­geln­de Gruß­for­meln, öffent­li­ches Aus­spu­cken oder auf den Tisch pla­zier­te Füße auf­re­gen. Aber spä­tes­tens da, wo Fäkal- und Sexu­al­wör­ter zum Dau­er­sprach­ge­brauch gehö­ren, ist in der Regel auch die kör­per­li­che Gewalt nicht mehr fern. Die Zote geht dem Über­griff vor­aus. Eben­so kön­nen sich Beschmie­run­gen von Wän­den und Gegen­stän­den in Mene­te­kel ver­wan­deln. Der »Not­fall-Plan des Ber­li­ner Senats zur Vor­beu­gung von Gewalt« kennt die­se Zusam­men­hän­ge und nennt drei Eska­la­ti­ons­stu­fen: Stu­fe 1 umfaßt das Belei­di­gen von Leh­rern, Sach­be­schä­di­gung und Anpö­be­lei, Stu­fe 2 Mord­dro­hung, sexu­el­le Über­grif­fe, Mob­bing und Erpres­sung, Stu­fe 3 schließ­lich Gei­sel­nah­me, Amok­lauf, Tot­schlag und Schuß­waf­fen­ge­brauch. Wir ste­hen hier vor einer grund­sätz­li­chen Fra­ge: wo denn Gewalt nun tat­säch­lich beginnt und wel­che Rol­le sie eigent­lich in der Gesell­schaft spielt, nicht allein als Ele­ment, das bekämpft und ein­ge­hegt wer­den soll, son­dern auch als struk­tu­rel­les Mit­tel zu die­ser Bekämp­fung und Ein­he­gung. Heu­che­lei und Blind­heit gegen­über die­sen Din­gen kön­nen gra­vie­ren­de Fol­gen haben.

 

Die Gewalt ent­stammt der Sphä­re des Schmer­zes, sie ist zuge­füg­ter und ange­droh­ter Schmerz. Ernst Jün­ger betrach­te­te die­sen in sei­nem Essay Über den Schmerz (1934) als eine unwan­del­ba­re Grö­ße der mensch­li­chen Exis­tenz, deren Aus­gleich­sum­me allen Bemü­hun­gen zum Trotz immer gleich blei­be. Wer dem Schmerz aus­zu­wei­chen ver­su­che, wer­de stets an ande­rer Stel­le einen Preis zah­len müs­sen. In Zei­ten des Über­gangs ergä­ben sich eigen­ar­ti­ge, von den Zeit­ge­nos­sen kaum bemerk­te Dis­pro­por­tio­nen. Ein libe­ra­lis­ti­sches Zeit­al­ter strei­te »um den Kopf eines Mör­ders mit dem vol­len Auf­ge­bot ent­ge­gen­ge­setz­ter Welt­an­schau­un­gen«, wäh­rend es die unzäh­li­gen Todes­op­fer moder­ner Ver­kehrs­tech­ni­ken als Kol­la­te­ral­schä­den hin­neh­me. Man ver­dam­me den Krieg als rück­stän­dig, hal­te das Schlach­ten von Unge­bo­re­nen aber für fort­schritt­lich. Eine »selt­sa­me Mischung von Bar­ba­rei und Huma­ni­tät« zeich­ne sich ab, gleich einem »Archi­pel, wo gleich neben den Inseln der Men­schen­fres­ser die Eilan­de der Vege­ta­ri­er gele­gen sind.«Jünger betrach­te­te die Epo­che vor 1914 als Zeit­al­ter der »Emp­find­sam­keit«, des sich »sich selbst genie­ßen­den und bekla­gen­den Ein­zel­nen«. Anfang der drei­ßi­ger Jah­re hielt er die­sen, nach Nietz­sche »letz­ten Men­schen« für über­holt und sah die Her­auf­kunft eines neu­en Typus, der in der Dis­zi­plin über­per­sön­li­cher Ord­nun­gen gestählt wer­de. Bekannt­lich nah­men die Din­ge eine gänz­lich ande­re Ent­wick­lung. Im Zeit­al­ter der »eudai­mo­nis­ti­schen Hoch­schät­zung des Mas­sen­le­bens­wer­tes« (Arnold Geh­len) erschei­nen uns die Men­schen des spä­ten 19. Jahr­hun­derts gera­de­zu wie Mar­mor­sta­tu­en. Schmerz­angst und Schmerz­ver­wei­ge­rung sind heu­te aus­ge­präg­ter denn je. Geh­len beob­ach­te­te jedoch schon 1969, daß die all-gemei­ne Ver­brei­tung eines hyper­mo­ra­lis­ti­schen Ethik­be­griffs ein­her­geht mit einem Abschub des Ver­dräng­ten in den Raum der kol­lek­ti­ven Phan­ta­sie, etwa in eine zuneh­mend dras­ti­sche­re Dar­stel­lung der Gewalt und des Bösen im Film. »Das ist wohl die Form, in der unter den beschrie­be­nen Umstän­den die natu­ra­le Aggres­si­vi­tät des Men­schen sich aus­drückt – im Außen­aus­druck gebremst und von den Mas­sen des Guten blo­ckiert, stei­gert sie sich an der eige­nen Bewußt­ma­chung hoch.« Unter man­chen links-libe­ra­len Intel­lek­tu­el­len schlägt eine sol­che Ver­drän­gungs­dis­po­si­ti­on nicht sel­ten in einen qua­si-ero­ti­schen Kit­zel ange­sichts der erwar­te­ten Ankunft der Bar­ba­ren um. »Sie sind jung, mutig, mobil, hung­rig, risi­ko­be­reit, initia­tiv«, schrieb ein Jour­na­list des Tages­spie­gel über »Jugend­ban­den«, die in den Ber­li­ner U‑Bahnen in Grup­pen über wehr­lo­se Ein­zel­per­so­nen her­fal­len: »Sol­che Men­schen braucht das Land … Lie­ber ein paar jun­ge, aus­län­di­sche Inten­siv­tä­ter als ein Heer von alten, inten­siv pas­si­ven Ein­ge­bo­re­nen.« Sol­che pseu­do-schnei­di­gen Töne, die immer häu­fi­ger gespuckt wer­den, sind nur die Kom­ple­men­tär­far­be zu dem eben­falls täter­fi­xier­ten Ver­harm­lo­sungs- und Kuschel­kurs der Wul­ffs, Mer­kels und Böhmers.

Es ist nicht schwie­rig, hin­ter die lächeln­den Mas­ken der Poli­ti­ker­ge­sich­ter zu bli­cken, die sich alle Mühe geben, Tole­ranz, Ver­trau­ens­wür­dig­keit und Fried­fer­tig­keit aus­zu­strah­len, und die ihre Lam­mes­fröm­mig­keit mit der Glo­rio­le huma­nis­ti­scher Ver­nunft und Abge­klärt­heit zur Schau tra­gen. Jün­ger stell­te in sei­nem Essay die Fra­ge, wie sich das Ver­hält­nis zum Schmerz phy­sio­gno­misch aus­wir­ke, etwa im preu­ßisch gepräg­ten Typus. Die Gesich­ter der herr­schen­den poli­ti­schen Klas­se Deutsch­lands sind in die­ser Hin­sicht ein inter­es­san­tes Stu­di­en­ob­jekt. An per­sön­li­chem Macht­wil­len fehlt es ihnen zwei­fel­los nicht. An äußer­li­cher Schwam­mig­keit, Infan­ti­li­tät, Bieg­sam­keit und Weh­lei­dig­keit aller­dings auch nicht. Daß die­ses Per­so­nal bei allem pri­va­ten Ego­is­mus eine Poli­tik der natio­na­len Selbst­auf­lö­sung und des Zurück­wei­chens vor­an­treibt, ist nur fol­ge­rich­tig. Es besteht ein tie­fer Zusam­men­hang zwi­schen Lei­dens- und Schmerz-unwil­lig­keit und dem Unwil­len oder der Unfä­hig­keit zur Selbst­be­haup­tung: Dies ist heu­te das Dilem­ma des gan­zen deut­schen Vol­kes. Dem in der Gewalt ange­droh­ten Schmerz ent­ge­gen­zu­tre­ten, bedeu­tet auch, das Risi­ko auf sich zu neh­men, sein Opfer zu wer­den. Dies erfor­dert Mut.

 

Es gibt einen flie­ßen­den Über­gang vom pazi­fis­ti­schen, auf De-Eska­la­ti­on bedach­ten Typus zum Feig­ling und »Appea­ser«, der sein Zurück-wei­chen vor der Gewalt­an­dro­hung mora­lisch zu ver­brä­men ver­steht. Züli Ala­dağs und Max Eipps Fern­seh­film Wut (2006) atta­ckier­te vor­züg­lich die Ver­lo­gen­heit die­ser Posi­ti­on: Ein links­li­be­ra­ler, gut­bür­ger­li­cher Pro­fes­sor reagiert auf die Drang­sa­lie­rung sei­nes Soh­nes durch den jugend­li­chen, tür­ki­schen Dro­gen­dea­ler Cem mit schwäch­li­chen Ver­mitt­lungs­ver­su­chen an der Gren­ze zur Anbie­de­rung, die er mit einer mora­lisch über­le­ge­nen, poli­tisch kor­rek­ten Pose recht­fer­tigt, und die von dem Stö­ren­fried mit nur noch mehr Ver­ach­tung und Aggres­si­on quit­tiert wer­den. Schließ­lich sinkt der Pro­fes­sor so tief, daß er einen gedun­ge­nen Schlä­ger anheu­ert, um es Cem anonym heim­zu­zah­len. Das Gan­ze eska­liert zuletzt in einem Blut­bad. Hier hat­ten die Autoren ver­mut­lich auch Sam Peck­in­pahs Klas­si­ker Wer Gewalt sät (1971) als Vor­bild vor Augen. In die­sem kom­ple­xen Thril­ler ist es wie­der ein libe­ra­ler Pro­fes­sor, der sich in einem Dorf in der eng­li­schen Pro­vinz gegen die Über­grif­fe einer Grup­pe jun­ger Män­ner zur Wehr set­zen muß. Peck­in­pah zeigt, wie sich deren Vor­stoß auf sein Ter­ri­to­ri­um schon in kleins­ten Ges­ten, Wor­ten und kaum merk­li­chen Sta­tus­spie­len zeigt, die die Gren­zen immer wei­ter zuun­guns­ten des Nach­ge­ben­den ver­schie­ben. Als sich der Pro­fes­sor am Ende, als die Grup­pe sein Haus bela­gert, doch noch bru­tal zur Wehr setzt, ist der Kon­flikt längst zu einer Fra­ge von Leben und Tod gewor­den. In einer Bespre­chung des Films wies der rech­te bri­ti­sche Schrift­stel­ler Alex Kur­ta­gic dar­auf hin, daß, »je län­ger wir unse­re Fein­de so wei­ter­ma­chen las­sen, wie sie es tun, umso här­te­re Maß­nah­men nötig sein wer­den, um uns aus der gegen­wär­ti­gen Saue­rei her­aus­zu­zie­hen … Dies ist kei­ne tief­schür­fen­de Ein­sicht; es ist etwas, das jeder Schul­jun­ge auf dem Spiel­platz lernt. Wenn man eine Her­aus­for­de­rung ohne macht­vol­le Erwi­de­rung durch­ge­hen läßt, wird der Her­aus­for­de­rer sofort dazu ermu­tigt, ein Pro­gramm eska­lie­ren­der Über­grif­fe zu star­ten. Je grö­ßer die Über­grif­fe, des­to stär­ker der Gegen­schlag, der nötig ist, um sie zu been­den. Nach einer Wei­le wird das Aus­maß der für die Wie­der­her­stel­lung des Frie­dens nöti­gen Ver­gel­tung so zer­stö­re­risch, daß der Sieg über den Feind letzt­lich zu einem Pyr­rhus­sieg wird.«Man kann die gegen­wär­ti­gen Pro­ble­me der Ein­wan­de­rungs­po­li­tik als die Fol­ge von auf­ge­scho­be­nen Ent­schei­dun­gen, gewähr­ten Über­grif­fen und nicht bestan­de­nen Her­aus­for­de­run­gen anse­hen. Die­se wer­den frei­lich im nach­hin­ein stur gerecht­fer­tigt. Wäh­rend das Boot nach links hin zu ken­tern droht, wird emp­foh­len, immer noch wei­ter nach links zu rücken. Und dort, wo man nach rechts hin aus­glei­chen müß­te, wer­den brei­te Hemm­zo­nen aus hys­te­ri­scher anti­fa­schis­ti­scher Weh­lei­dig­keit ange­legt. Wo ein wei­cher Kurs zur Aus­wei­tung der Migran­ten­ge­walt führ­te, will Mer­kel ihre Poli­tik der offe­nen Gren­ze, der aus­ge­streck­ten Hand, der »Will­kom­mens­kul­tur« und des »Chan­cen­ge­bens« fort­füh­ren. Wo irgend­wann, vor drei­ßig, vier­zig Jah­ren, klei­ne­re »rech­te« Zuge­ständ­nis­se an den ent­schei­den­den Schalt­stel­len die Fahrt auf einen güns­ti­ge­ren Kurs gesteu­ert hät­ten, wären inzwi­schen »rech­te« Maß­nah­men grö­ße­ren Stils fäl­lig, wären Poli­ti­ker nötig, die einen Thi­lo Sar­ra­zin wie einen grün­al­ter-nati­ven Sof­ti aus­se­hen lie­ßen. Soll­te der von der euro­päi­schen Poli­tik der Selbst­ab­schaf­fung her­bei­ge­führ­te struk­tu­rel­le, wirt­schaft­li­che und demo-gra­phi­sche Kol­laps der Natio­nal­staa­ten in abseh­ba­rer Zeit tat­säch­lich erfol­gen, dann wer­den die Lin­ken und Libe­ra­len haar­ge­nau das ern­ten, was sie durch sys­te­ma­ti­sche Ver­leug­nung der Rea­li­tät bekämp­fen woll­ten: Der fahr­läs­sig ange­misch­te mul­ti­kul­tu­rel­le Koch­topf wird in einem Exzeß von mul­ti­plem Ras­sen­haß explo­die­ren, Grup­pen­ego­is­men und das Gesetz des Stär­ke­ren wer­den anstel­le der sozia­len Soli­da­ri­tät tre­ten, und der Isla­mis­mus wird fun­da­men­ta­lis­ti­sche, anti­li­be­ra­le Gesell­schaf­ten inau­gu­rie­ren, die allem, was den poli­tisch Kor­rek­ten als Wert gilt, ins Gesicht schla­gen wer­den. Der Pen­del­rück­schlag könn­te so ent­setz­lich wer­den, daß auch die Rech­ten und Kon­ser­va­ti­ven die­ser Ent­wick­lung nur mehr mit Furcht und Zit­tern entgegensähen.

Am schwär­zes­ten wer­den die­se Din­ge in der eng­lisch­spra­chi­gen »kon­ter-dschi­ha­dis­ti­schen« Blog­ger­sze­ne um Netz­ma­ga­zi­ne wie Gates of Vien­na oder Brussels Jour­nal gese­hen, in der sowohl das poli­ti­sche Vor­drin­gen des Islam in Euro­pa als auch der damit in Kom­pli­zen­schaft ste­hen­de west­li­che Libe­ra­lis­mus ana­ly­siert wer­den. Den Pro­zeß der ver­schlepp­ten Gewalt in Eng­land beschrieb etwa der bri­ti­sche Autor »El Ing­lés«. Dort sei die Staats­ge­walt schon so weit vor der mus­li­mi­schen Gewalt­an­dro­hung zurück­ge­wi­chen, daß sich fol­gen­de Ent­wick­lun­gen abzeich­nen: »Öffent­li­ches Schüt­zen von Ver­bre­chern, die am hel­lich­ten Tag kri­mi­nel­len Akti­vi­tä­ten nach­ge­hen«, »weit­ge­hen­de Ver­stär­kung der Wirk­sam­keit scha­ria­ba­sier­ter Ein­schüch­te­rung geset­zes­treu­er Bür­ger durch Ver­bre­cher und poten­ti­el­le Mör­der« sowie die »Behin­de­rung jour­na­lis­ti­scher Anstren­gun­gen zur Ermitt­lung des Aus­ma­ßes isla­mi­scher Fäul­nis im Ver­ei­nig­ten König­reich.« Geht man davon aus, daß die­se Ten­den­zen durch den stei­gen­den demo­gra­phi­schen Druck noch ver­schärft wer­den und der Islam eine rea­le Gefahr für die euro­päi­sche Zivi­li­sa­ti­on dar­stellt, gäbe es logi­scher­wei­se nur drei Mög­lich­kei­ten, die­se Ent­wick­lung auf­zu­hal­ten: »1) Mos­lems dazu zu brin­gen, aus eige­nem, frei­em Wil­len zu gehen, 2) Mas­sen­de­por­ta­tio­nen, und 3) Geno­zid.« Der Autor kommt zu dem Schluß, daß die drit­te, schreck­lichs­te Mög­lich­keit, aus­ge­löst durch den Aus­bruch eines Bür­ger­kriegs, die wahr­schein­lichs­te sei. »Was das Töten in gro­ßem Aus­maß betrifft, so ist es nicht nur immer eine Opti­on; es ist die Opti­on, wel­che den Hin­ter­grund allen mensch­li­chen Kon­flik­tes aus­macht, ob wir es nun wahr­ha­ben wol­len oder nicht … Kapi­tu­la­ti­on, Flucht, Mob­ge­walt mit fast sofor­ti­ger Abson­de­rung von­ein­an­der in grö­ße­ren Städ­ten, und ent­schlos­se­ne­re Anstren­gun­gen, um tat­säch­lich mit dem sys­te­ma­ti­schen Töten gan­zer Grup­pen der Gegen­sei­te zu begin­nen: dies sind die Bah­nen, ent­lang derer der Gang der Ereig­nis­se unaus­weich­lich ver­lau­fen wird, sobald die Regie­rung die Situa­ti­on nicht mehr im Griff hat … Die Ungleich­heit hin­sicht­lich der Gewalt­ab­stump­fung von Mos­lems und Nicht­mos­lems ist bereits erwähnt wor­den. Jedoch gibt es eine zusätz­li­che Kon­se­quenz, die hier zum Schluß erwähnt wer­den soll­te. Ich wür­de da ger­ne berich­tigt wer­den, aber ich habe über die Jah­re aus ver­schie­de­nen Quel­len den Ein­druck gewon­nen, daß genau die Leu­te, die in Gewalt gestürzt wer­den, ohne in irgend­ei­ner Form zu ihrer psy­cho­lo­gi­schen Bewäl­ti­gung kon­di­tio­niert wor­den zu sein, am wahr­schein­lichs­ten Greu­el­ta­ten bege­hen (abge­se­hen von jenen, die bereits ideo­lo­gisch dar­auf ein­ge­stellt sind). Wenn in euro­päi­schen Län­dern tat­säch­lich Gewalt zwi­schen Ein­hei­mi­schen und Mos­lems aus­bricht, hal­te ich es für sehr wahr­schein­lich, daß Leu­te, die nie zuvor etwas Gewalt­sa­me­res getan haben, als Eier auf­zu­schla­gen, den psy­cho­lo­gi­schen Über­gang zur kon­trol­lier­ten Gewalt nicht schaf­fen wer­den und anfan­gen wer­den, alles zu töten, das ent­fernt nach Mos­lem aus­sieht. Unse­re unaus­ge­spro­che­ne Über­zeu­gung, daß wir im Euro­pa des 21. Jahr­hun­derts über sol­che Wild­heit hin­aus­ge­wach­sen sei­en, wird sich als eine Arro­ganz her­aus­stel­len, begrün­det auf eini­gen weni­gen Jahr­zehn­ten zer­brech­li­chen Frie­dens und Wohl­stands, die wir für selbst-ver­ständ­lich gehal­ten und ohne irgend­ei­nen Grund durch unse­re Fin­ger rie­seln las­sen haben.« All dies sind kon­kre­ter wer­den­de Echos von Tönen, die man schon in Botho Strauß’ Essay Anschwel­len­der Bocks­ge­sang aus dem Jahr 1993 ver­nom­men hat: »Da die Geschich­te nicht auf­ge­hört hat, ihre tra­gi­schen Dis­po­si­tio­nen zu tref­fen, kann nie­mand vor­aus­se­hen, ob unse­re Gewalt­lo­sig­keit den Krieg nicht bloß auf unse­re Kin­der ver­schleppt.« Man muß es nicht mehr »vor­aus­se­hen«: Die­se Ent­wick­lung hat bereits begonnen.

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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