Sezession
1. August 2011

Kleiner Traktat über die verschleppte Gewalt

Martin Lichtmesz

pdf der Druckfassung aus Sezession 43/ August 2011

Am 18. Juni 2011 veröffentlichte die Netzseite des Bundeskanzleramts eine Video-Ansprache der deutschen Regierungschefin.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Diese trug den Titel »Wir brauchen jeden jungen Menschen« und wurde mit den folgenden Worten vorgestellt: »Bundeskanzlerin Angela Merkel betont in ihrem aktuellen Video-Podcast, daß sie für alle jungen Menschen in Deutschland die gleichen Chancen möchte.« Und: »Am Montag will die Kanzlerin mit den Innenministern der Länder über Fragen der inneren Sicherheit und der Integrationspolitik sprechen.«Was hier wie zwei verschiedene Themen erscheint, ist in Wirklichkeit eins. Denn nach allerlei Geplänkel kam Merkel zum Kern der Sache: »Anschließend werde ich mich mit den Länder-Innenministern darüber unterhalten, wie wir sicherstellen können, daß es in Deutschland keinen Raum gibt, in dem die Polizei nicht die Sicherheit der Menschen und der Bevölkerung garantieren kann. Hierbei geht es darum, Sicherheit vor Ort zu gewährleisten und gleichzeitig die Ursachen von Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen. Das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft, aber wir müssen akzeptieren, daß die Zahl der Straftaten bei jugendlichen Migranten besonders hoch ist. Deshalb ist das Thema Integration eng verbunden auch mit der Frage der Gewaltprävention in allen Bereichen unserer Gesellschaft.« Das sind bemerkenswerte Eingeständnisse, die vom Bundeskanzleramt wohl nicht ohne Grund in dicken Watteschichten versteckt wurden. Sie werden in einem Rahmen präsentiert, der mit dem Vokabular »weicher« Pädagogik abgesteckt ist: Während also die Polizei die öffentliche Sicherheit stellenweise schon nicht mehr gewährleisten könne, müsse man mit den unintegrierten Gewalttätern »zusammenarbeiten«, ihnen »Perspektiven geben« und »Freizeitbeschäftigungen ermöglichen«. Auch die angenommenen »Ursachen der Gewalt« kann man zwischen den Zeilen herauslesen, wenn Merkel etwa fordert, daß die ausländischen Jugendlichen »die gleichen Lebenschancen und die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten haben« sollen »wie Kinder aus Familien mit deutschem Hintergrund.« Die Täter sind dieser Sichtweise zufolge vor allem unterpriviligierte Opfer, denen man nur noch mehr »Chancen geben« muß, damit sie sich endlich »integrieren«. Fern liegt offenbar der Gedanke, daß man diesen »Opfern« etwas abverlangen müsse, Druck ausüben oder sie gar für ihre Taten bestrafen müsse. »Opfer« ist indessen neben »Spast« und »Mißgeburt« das häufigste Schimpfwort der einschlägigen Milieus von Neukölln und Kreuzberg. Hat man schon einmal die ganz spezifische Verachtung darin herausgehört? Ein »Opfer« ist der Schwächling, der Nachgiebige, derjenige, der unfähig ist zur Gegenwehr, der in der Hackordnung nach ganz unten gerutscht ist und dafür um so mehr verachtet wird. »Opfer« entstammt einer Welt, in der diese auf physischem Gewaltpotential basierende Hackordnung die zentrale soziale Kategorie ist. Sie hängt eng mit jenen »Ehre«-Begriffen zusammen, die sich zum Teil aus südländisch-islamischer Macho-Kultur, zum Teil aus dem Gesetz der Straße nähren. Wer als »Opfer« beschimpft wird, wird demaskuliert, wird zum passiven Objekt, wird als Beute markiert. In der gleichen Woche wie Merkels Podcast erschien in der Welt eine Reportage von Freia Peters mit dem Titel »Beschimpfungen und Gewalt: Chaos an den deutschen Schulen«, die ein trostloses Bild zeichnete: Eine beständig gereizte Atmosphäre, geladen mit sozialen und ethnischen Spannungen, Prügeleien, niedrige Aggressionsschwellen, Übergriffe, Vandalismus, ein krasser Umgangston und katastrophale Schulnoten gehören zum Alltag. Daß an diesen Schulen der Ausländeranteil exorbitant hoch ist, versteht sich von selbst. Diese Lage ist der vorläufige Endpunkt einer langen Entwicklung. Der Welt-Artikel zitiert einen Lehrer: »Als ich vor 32 Jahren als Junglehrer anfing, war die Mehrheit meiner Schüler leistungswillig und leistungsfähig. Es gab nur eine kleine Gruppe von Kleinkriminellen, die sich aber innerhalb der Schule im allgemeinen unauffällig verhielt.« Daß sich dieses Verhältnis heute an vielen Schulen ins Gegenteil verkehrt hat, hat vor allem zwei Gründe: Auf der einen Seite wurden per Einwanderung schwer assimilierbare Schichten von erheblicher Größe importiert, während gleichzeitig die Ansprüche des Schulsystems immer mehr zugunsten einer autoritäts- und leistungsfeindlichen Pädagogik aufgelockert wurden. Das war auch insofern eine fatale Kombination, als eine halbwegs erfolgreiche Eingliederung von kulturfremden Gruppen, die selbst in ihren Heimatländern Unterschichten stellen, eher härtere als nachgiebigere disziplinäre Maßnahmen erfordert hätte. Damit ist selbstverständlich auch ein beträchtlicher Assimilations- und Anpassungsdruck gemeint, den auszuüben, man bereits in den siebziger Jahren zögerte, weil man den Ruch »nationalistischer« Politik fürchtete, und den heute ins Spiel zu bringen, so gut wie unmöglich ist. Wenn man so will, war dies das Ur-Versäumnis und die Ur-Feigheit der deutschen Integrationspolitik, das nicht erbrachte Opfer, das sich heute rächt, und die Saat, die zu einem Dschungel angewachsen ist.

Zur Theorie des »Vorbürgerkriegs« gehört die Annahme, daß sich die Entfesselung der Gewalt zunächst nur in winzigen Rissen, etwa im Verlust der Manieren, der Haltung und der Höflichkeit zeigt. »Die zivilisiertesten Völker sind nicht weiter von der Barbarei entfernt als das glänzendste Eisen vom Rost«, bemerkte Rivarol. Locker gestimmte Progressive finden es lächerlich, wenn sich konservative Lehrer noch über mangelnde Grußformeln, öffentliches Ausspucken oder auf den Tisch plazierte Füße aufregen. Aber spätestens da, wo Fäkal- und Sexualwörter zum Dauersprachgebrauch gehören, ist in der Regel auch die körperliche Gewalt nicht mehr fern. Die Zote geht dem Übergriff voraus. Ebenso können sich Beschmierungen von Wänden und Gegenständen in Menetekel verwandeln. Der »Notfall-Plan des Berliner Senats zur Vorbeugung von Gewalt« kennt diese Zusammenhänge und nennt drei Eskalationsstufen: Stufe 1 umfaßt das Beleidigen von Lehrern, Sachbeschädigung und Anpöbelei, Stufe 2 Morddrohung, sexuelle Übergriffe, Mobbing und Erpressung, Stufe 3 schließlich Geiselnahme, Amoklauf, Totschlag und Schußwaffengebrauch. Wir stehen hier vor einer grundsätzlichen Frage: wo denn Gewalt nun tatsächlich beginnt und welche Rolle sie eigentlich in der Gesellschaft spielt, nicht allein als Element, das bekämpft und eingehegt werden soll, sondern auch als strukturelles Mittel zu dieser Bekämpfung und Einhegung. Heuchelei und Blindheit gegenüber diesen Dingen können gravierende Folgen haben.

 

Die Gewalt entstammt der Sphäre des Schmerzes, sie ist zugefügter und angedrohter Schmerz. Ernst Jünger betrachtete diesen in seinem Essay Über den Schmerz (1934) als eine unwandelbare Größe der menschlichen Existenz, deren Ausgleichsumme allen Bemühungen zum Trotz immer gleich bleibe. Wer dem Schmerz auszuweichen versuche, werde stets an anderer Stelle einen Preis zahlen müssen. In Zeiten des Übergangs ergäben sich eigenartige, von den Zeitgenossen kaum bemerkte Disproportionen. Ein liberalistisches Zeitalter streite »um den Kopf eines Mörders mit dem vollen Aufgebot entgegengesetzter Weltanschauungen«, während es die unzähligen Todesopfer moderner Verkehrstechniken als Kollateralschäden hinnehme. Man verdamme den Krieg als rückständig, halte das Schlachten von Ungeborenen aber für fortschrittlich. Eine »seltsame Mischung von Barbarei und Humanität« zeichne sich ab, gleich einem »Archipel, wo gleich neben den Inseln der Menschenfresser die Eilande der Vegetarier gelegen sind.«Jünger betrachtete die Epoche vor 1914 als Zeitalter der »Empfindsamkeit«, des sich »sich selbst genießenden und beklagenden Einzelnen«. Anfang der dreißiger Jahre hielt er diesen, nach Nietzsche »letzten Menschen« für überholt und sah die Heraufkunft eines neuen Typus, der in der Disziplin überpersönlicher Ordnungen gestählt werde. Bekanntlich nahmen die Dinge eine gänzlich andere Entwicklung. Im Zeitalter der »eudaimonistischen Hochschätzung des Massenlebenswertes« (Arnold Gehlen) erscheinen uns die Menschen des späten 19. Jahrhunderts geradezu wie Marmorstatuen. Schmerzangst und Schmerzverweigerung sind heute ausgeprägter denn je. Gehlen beobachtete jedoch schon 1969, daß die all-gemeine Verbreitung eines hypermoralistischen Ethikbegriffs einhergeht mit einem Abschub des Verdrängten in den Raum der kollektiven Phantasie, etwa in eine zunehmend drastischere Darstellung der Gewalt und des Bösen im Film. »Das ist wohl die Form, in der unter den beschriebenen Umständen die naturale Aggressivität des Menschen sich ausdrückt – im Außenausdruck gebremst und von den Massen des Guten blockiert, steigert sie sich an der eigenen Bewußtmachung hoch.« Unter manchen links-liberalen Intellektuellen schlägt eine solche Verdrängungsdisposition nicht selten in einen quasi-erotischen Kitzel angesichts der erwarteten Ankunft der Barbaren um. »Sie sind jung, mutig, mobil, hungrig, risikobereit, initiativ«, schrieb ein Journalist des Tagesspiegel über »Jugendbanden«, die in den Berliner U-Bahnen in Gruppen über wehrlose Einzelpersonen herfallen: »Solche Menschen braucht das Land … Lieber ein paar junge, ausländische Intensivtäter als ein Heer von alten, intensiv passiven Eingeborenen.« Solche pseudo-schneidigen Töne, die immer häufiger gespuckt werden, sind nur die Komplementärfarbe zu dem ebenfalls täterfixierten Verharmlosungs- und Kuschelkurs der Wulffs, Merkels und Böhmers.

Es ist nicht schwierig, hinter die lächelnden Masken der Politikergesichter zu blicken, die sich alle Mühe geben, Toleranz, Vertrauenswürdigkeit und Friedfertigkeit auszustrahlen, und die ihre Lammesfrömmigkeit mit der Gloriole humanistischer Vernunft und Abgeklärtheit zur Schau tragen. Jünger stellte in seinem Essay die Frage, wie sich das Verhältnis zum Schmerz physiognomisch auswirke, etwa im preußisch geprägten Typus. Die Gesichter der herrschenden politischen Klasse Deutschlands sind in dieser Hinsicht ein interessantes Studienobjekt. An persönlichem Machtwillen fehlt es ihnen zweifellos nicht. An äußerlicher Schwammigkeit, Infantilität, Biegsamkeit und Wehleidigkeit allerdings auch nicht. Daß dieses Personal bei allem privaten Egoismus eine Politik der nationalen Selbstauflösung und des Zurückweichens vorantreibt, ist nur folgerichtig. Es besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen Leidens- und Schmerz-unwilligkeit und dem Unwillen oder der Unfähigkeit zur Selbstbehauptung: Dies ist heute das Dilemma des ganzen deutschen Volkes. Dem in der Gewalt angedrohten Schmerz entgegenzutreten, bedeutet auch, das Risiko auf sich zu nehmen, sein Opfer zu werden. Dies erfordert Mut.

 

Es gibt einen fließenden Übergang vom pazifistischen, auf De-Eskalation bedachten Typus zum Feigling und »Appeaser«, der sein Zurück-weichen vor der Gewaltandrohung moralisch zu verbrämen versteht. Züli Aladağs und Max Eipps Fernsehfilm Wut (2006) attackierte vorzüglich die Verlogenheit dieser Position: Ein linksliberaler, gutbürgerlicher Professor reagiert auf die Drangsalierung seines Sohnes durch den jugendlichen, türkischen Drogendealer Cem mit schwächlichen Vermittlungsversuchen an der Grenze zur Anbiederung, die er mit einer moralisch überlegenen, politisch korrekten Pose rechtfertigt, und die von dem Störenfried mit nur noch mehr Verachtung und Aggression quittiert werden. Schließlich sinkt der Professor so tief, daß er einen gedungenen Schläger anheuert, um es Cem anonym heimzuzahlen. Das Ganze eskaliert zuletzt in einem Blutbad. Hier hatten die Autoren vermutlich auch Sam Peckinpahs Klassiker Wer Gewalt sät (1971) als Vorbild vor Augen. In diesem komplexen Thriller ist es wieder ein liberaler Professor, der sich in einem Dorf in der englischen Provinz gegen die Übergriffe einer Gruppe junger Männer zur Wehr setzen muß. Peckinpah zeigt, wie sich deren Vorstoß auf sein Territorium schon in kleinsten Gesten, Worten und kaum merklichen Statusspielen zeigt, die die Grenzen immer weiter zuungunsten des Nachgebenden verschieben. Als sich der Professor am Ende, als die Gruppe sein Haus belagert, doch noch brutal zur Wehr setzt, ist der Konflikt längst zu einer Frage von Leben und Tod geworden. In einer Besprechung des Films wies der rechte britische Schriftsteller Alex Kurtagic darauf hin, daß, »je länger wir unsere Feinde so weitermachen lassen, wie sie es tun, umso härtere Maßnahmen nötig sein werden, um uns aus der gegenwärtigen Sauerei herauszuziehen … Dies ist keine tiefschürfende Einsicht; es ist etwas, das jeder Schuljunge auf dem Spielplatz lernt. Wenn man eine Herausforderung ohne machtvolle Erwiderung durchgehen läßt, wird der Herausforderer sofort dazu ermutigt, ein Programm eskalierender Übergriffe zu starten. Je größer die Übergriffe, desto stärker der Gegenschlag, der nötig ist, um sie zu beenden. Nach einer Weile wird das Ausmaß der für die Wiederherstellung des Friedens nötigen Vergeltung so zerstörerisch, daß der Sieg über den Feind letztlich zu einem Pyrrhussieg wird.«Man kann die gegenwärtigen Probleme der Einwanderungspolitik als die Folge von aufgeschobenen Entscheidungen, gewährten Übergriffen und nicht bestandenen Herausforderungen ansehen. Diese werden freilich im nachhinein stur gerechtfertigt. Während das Boot nach links hin zu kentern droht, wird empfohlen, immer noch weiter nach links zu rücken. Und dort, wo man nach rechts hin ausgleichen müßte, werden breite Hemmzonen aus hysterischer antifaschistischer Wehleidigkeit angelegt. Wo ein weicher Kurs zur Ausweitung der Migrantengewalt führte, will Merkel ihre Politik der offenen Grenze, der ausgestreckten Hand, der »Willkommenskultur« und des »Chancengebens« fortführen. Wo irgendwann, vor dreißig, vierzig Jahren, kleinere »rechte« Zugeständnisse an den entscheidenden Schaltstellen die Fahrt auf einen günstigeren Kurs gesteuert hätten, wären inzwischen »rechte« Maßnahmen größeren Stils fällig, wären Politiker nötig, die einen Thilo Sarrazin wie einen grünalter-nativen Softi aussehen ließen. Sollte der von der europäischen Politik der Selbstabschaffung herbeigeführte strukturelle, wirtschaftliche und demo-graphische Kollaps der Nationalstaaten in absehbarer Zeit tatsächlich erfolgen, dann werden die Linken und Liberalen haargenau das ernten, was sie durch systematische Verleugnung der Realität bekämpfen wollten: Der fahrlässig angemischte multikulturelle Kochtopf wird in einem Exzeß von multiplem Rassenhaß explodieren, Gruppenegoismen und das Gesetz des Stärkeren werden anstelle der sozialen Solidarität treten, und der Islamismus wird fundamentalistische, antiliberale Gesellschaften inaugurieren, die allem, was den politisch Korrekten als Wert gilt, ins Gesicht schlagen werden. Der Pendelrückschlag könnte so entsetzlich werden, daß auch die Rechten und Konservativen dieser Entwicklung nur mehr mit Furcht und Zittern entgegensähen.

Am schwärzesten werden diese Dinge in der englischsprachigen »konter-dschihadistischen« Bloggerszene um Netzmagazine wie Gates of Vienna oder Brussels Journal gesehen, in der sowohl das politische Vordringen des Islam in Europa als auch der damit in Komplizenschaft stehende westliche Liberalismus analysiert werden. Den Prozeß der verschleppten Gewalt in England beschrieb etwa der britische Autor »El Inglés«. Dort sei die Staatsgewalt schon so weit vor der muslimischen Gewaltandrohung zurückgewichen, daß sich folgende Entwicklungen abzeichnen: »Öffentliches Schützen von Verbrechern, die am hellichten Tag kriminellen Aktivitäten nachgehen«, »weitgehende Verstärkung der Wirksamkeit schariabasierter Einschüchterung gesetzestreuer Bürger durch Verbrecher und potentielle Mörder« sowie die »Behinderung journalistischer Anstrengungen zur Ermittlung des Ausmaßes islamischer Fäulnis im Vereinigten Königreich.« Geht man davon aus, daß diese Tendenzen durch den steigenden demographischen Druck noch verschärft werden und der Islam eine reale Gefahr für die europäische Zivilisation darstellt, gäbe es logischerweise nur drei Möglichkeiten, diese Entwicklung aufzuhalten: »1) Moslems dazu zu bringen, aus eigenem, freiem Willen zu gehen, 2) Massendeportationen, und 3) Genozid.« Der Autor kommt zu dem Schluß, daß die dritte, schrecklichste Möglichkeit, ausgelöst durch den Ausbruch eines Bürgerkriegs, die wahrscheinlichste sei. »Was das Töten in großem Ausmaß betrifft, so ist es nicht nur immer eine Option; es ist die Option, welche den Hintergrund allen menschlichen Konfliktes ausmacht, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht … Kapitulation, Flucht, Mobgewalt mit fast sofortiger Absonderung voneinander in größeren Städten, und entschlossenere Anstrengungen, um tatsächlich mit dem systematischen Töten ganzer Gruppen der Gegenseite zu beginnen: dies sind die Bahnen, entlang derer der Gang der Ereignisse unausweichlich verlaufen wird, sobald die Regierung die Situation nicht mehr im Griff hat … Die Ungleichheit hinsichtlich der Gewaltabstumpfung von Moslems und Nichtmoslems ist bereits erwähnt worden. Jedoch gibt es eine zusätzliche Konsequenz, die hier zum Schluß erwähnt werden sollte. Ich würde da gerne berichtigt werden, aber ich habe über die Jahre aus verschiedenen Quellen den Eindruck gewonnen, daß genau die Leute, die in Gewalt gestürzt werden, ohne in irgendeiner Form zu ihrer psychologischen Bewältigung konditioniert worden zu sein, am wahrscheinlichsten Greueltaten begehen (abgesehen von jenen, die bereits ideologisch darauf eingestellt sind). Wenn in europäischen Ländern tatsächlich Gewalt zwischen Einheimischen und Moslems ausbricht, halte ich es für sehr wahrscheinlich, daß Leute, die nie zuvor etwas Gewaltsameres getan haben, als Eier aufzuschlagen, den psychologischen Übergang zur kontrollierten Gewalt nicht schaffen werden und anfangen werden, alles zu töten, das entfernt nach Moslem aussieht. Unsere unausgesprochene Überzeugung, daß wir im Europa des 21. Jahrhunderts über solche Wildheit hinausgewachsen seien, wird sich als eine Arroganz herausstellen, begründet auf einigen wenigen Jahrzehnten zerbrechlichen Friedens und Wohlstands, die wir für selbst-verständlich gehalten und ohne irgendeinen Grund durch unsere Finger rieseln lassen haben.« All dies sind konkreter werdende Echos von Tönen, die man schon in Botho Strauß’ Essay Anschwellender Bocksgesang aus dem Jahr 1993 vernommen hat: »Da die Geschichte nicht aufgehört hat, ihre tragischen Dispositionen zu treffen, kann niemand voraussehen, ob unsere Gewaltlosigkeit den Krieg nicht bloß auf unsere Kinder verschleppt.« Man muß es nicht mehr »voraussehen«: Diese Entwicklung hat bereits begonnen.

 


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.