Sezession
1. August 2011

11. September – ein doppeltes Tagebuch

Gastbeitrag

pdf der Druckdassung aus Sezession 43/ August 2011

von Volker Mohr

Tagebuch 2001

Schaffhausen, 11. September 2001

Etwa um siebzehn Uhr brachte uns Christine die Meldung von den Terroranschlägen auf die amerikanischen »Nervenzentren«. Im Radio hörten wir, daß zwei entführte Passagierflugzeuge, gesteuert von Selbstmordkommandos, in das New Yorker World Trade Center hineinflogen. Dieses soll kurz darauf in sich zusammengestürzt sein. Es soll Tausende von Toten gegeben haben. Fast gleichzeitig stürzte eine ebenfalls entführte Maschine auf das Pentagon. Hier soll es etwa achthundert Tote gegeben haben. Ein viertes Passagierflugzeug stürzte, wahrscheinlich auf dem Weg zum Weißen Haus, ab. Am Abend und die Nacht hindurch konnten wir die aktuellen Neuigkeiten im Fernsehen mitverfolgen.

 Gastbeitrag

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Schaffhausen, 12. September 2001

Politiker und Journalisten sprachen angesichts der Anschläge von einem ungeheuren Akt der Unmenschlichkeit. Das läßt aufhorchen, zumal die Unmenschlichkeit schon vorgegeben war. Sie wohnt bereits in den Gebäuden, die über die räumlichen Maße hinausgreifen, und ebenso in den Transportmitteln, die die zeitlichen Maße des Menschen überschreiten. Zudem darf hier nicht einfach von einem Anschlag auf die Mobilität gesprochen werden: Vielmehr wurden die Zentren der Mobilität durch die Symbole derselben getroffen – die Schlange beißt sich in den Schwanz.

Praktisch alle westlichen Länder erhöhten nach dem Vorfall ihre Alarmbereitschaft. Selbst in Schaffhausen vertagte der Große Rat anscheinend seine Sitzung.

Von Seiten des Bundesrates wurde von apokalyptischen Ereignissen gesprochen. Ein wahres Wort, wenngleich dabei vielmehr an einen Untergang gedacht wurde und weniger an eine Enthüllung, was der Begriff im Grunde meint. Der Anschlag hatte jedoch, nebst seiner Schrecklichkeit, tatsächlich enthüllenden Charakter: Der grenzenlose Liberalismus neigt ebenso wie der Totalitarismus zum Gigantismus, wobei alles Gigantische unmenschlich ist. Und so sind die gigantischen Gebäude in erster Linie riesige Gefängnisse, auch wenn sie als Symbole der Freiheit angesehen werden. Wie sehr der einzelne darin gefangen ist, wurde dadurch deutlich, daß es für ihn keinen Ausweg mehr gab.

Schaffhausen, 13. September 2001

Den ganzen Tag und die ganze Nacht über Bilder von New York. Amerika spricht von einem Anschlag der Barbaren gegen die zivilisierte Welt und erklärt diesen den Krieg. Die Wortwahl ist verständlich, zumal hier Emotionen mitspielen. Trotzdem waren gerade in diesem Fall keine Barbaren – also Ausländer, die mit der einheimischen Sprache und Gesittung nicht vertraut sind und deshalb als roh und ungebildet gelten – am Werk. Damit der Anschlag gelingen konnte, mußten die Terroristen sehr wohl mit Sprache und Gesittung der Amerikaner vertraut und überdies gebildet sein.

Hier liegen sich nicht mehr Kain und Abel in den Haaren, es handelt sich vielmehr um eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Kains – zwischen Kains, die bereits vertrieben waren und somit aus dem Ortlosen agieren. Für Amerika trifft das real zu. Der Gründung des Staates ging die »Vertreibung« unerwünschter Personengruppen aus Europa voraus, zudem erklärt sich das Land für unbegrenzt, wodurch es sich über die ganze Welt bis in den Weltraum hinaus ausbreiten muß. Die arabischen Staaten andererseits, von welchen der Terror kommen soll, beziehen ihre Identität aus der Erdölförderung, die sie letztlich ortlos macht. Erschwerend kommt hinzu, daß sie eine Technik benutzen, die sie selber nicht entwickelt haben und nicht entwickeln können. Die fundamentalistischen Strömungen vermögen hier kein Gegensteuer zu geben. Im Gegenteil: Inmitten von Repressionen kann keine Kultur wachsen.

Da es sich bei der amerikanischen und der arabischen Kultur um Antipoden handelt, berühren sie sich, wie alle Gegensätze, in ihren Extremen. So ist der Fundamentalismus lediglich die Kehrseite des grenzenlosen Liberalismus. Im Grunde aber gehen sie aus derselben Verdrängung hervor.

Schaffhausen, 14. September 2001

In einer vernetzten Welt sind immer alle an den Ereignissen beteiligt und davon betroffen. Nur schon die Fernsehbilder machten jeden einzelnen zum Augenzeugen: Die Katastrophe ereignete sich vor den Augen der Welt – sie ist in die Wohnung jedes einzelnen eingedrungen, hat viel mehr zum Einstürzen gebracht, als man je wird ermessen können.

Schaffhausen, 24. September 2001

Die Fotos des brennenden World Trade Centers sind mittlerweile in jeder Illustrierten großformatig abgebildet. Dabei sieht man Leute, die sich an der Außenseite eines der Gebäude an den Fenstern festklammern, um früher oder später in den Tod zu springen. Jenseits der Betroffenheit sind das Sinnbilder dafür, daß auch derjenige, der sich an der Außenseite befindet, also der Außenseiter, auf Gedeih und Verderb zum System gehört. Geht das System zugrunde, so ist auch er davon betroffen.

Schaffhausen, 8. Oktober 2001

In der Pariser Metro sollen, wie Christine berichtet, immer wieder Meldungen über Lautsprecher ertönen, in denen vor Paketen gewarnt wird, die scheinbar niemandem gehören. Zudem seien alle Papierkörbe abgedeckt worden. Die Angst greift um sich.

Zudem scheint die Zeit für Katastrophen empfänglich zu sein. So kollidierte heute in Mailand eine kleinmotorige Maschine mit einem Großraumflugzeug. Fazit: hundertvierzehn Tote und vier Vermißte.

In Afghanistan gehen die Bombardements anscheinend weiter. Diesem Vorgehen liegt das alte Mißverständnis zugrunde, daß ein jeweiliger Makel einfach beseitigt oder verdrängt werden kann. Damit ist aber, medizinisch gesprochen, der Patient nicht geheilt – der Tumor bricht zu gegebener Zeit, mitunter in anderer Form, wieder auf.

Wenn der Volksmund recht hat, wonach jedes Land diejenige Regierung besitzt, die es verdient, so sind Staatsstreiche und auch Eingriffe von außen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das heißt nicht, daß bestimmte Personen nicht entfernt werden könnten, aber das System bleibt letztlich dasselbe. Das kann sogar dazu führen – vorausgesetzt, der jeweilige Machthaber stimmt im Grunde mit der Volksgesinnung überein –, daß Attentate fehlschlagen. Ernsthaft gefährdet ist ein tyrannischer Machthaber erst dann, wenn die Gesinnung des einzelnen von Überlagerungen und Vorstellungen befreit ist. Nicht der Andersdenkende ist daher der eigentliche Feind des Tyrannen, sondern der Souveräne. Das wird schon bei König Herodes deutlich.

Für jeden Organismus, auch für ein Land, ist der beste Schutz gegen Einwirkungen jedweder Art die Entwicklung von Identität. Das führt zum Aufbau eines Immunsystems bis hinein in die kleinsten Zellen, dem einerseits Terroristen erliegen und das andererseits technische Abwehrmaßnahmen im großen Stil überflüssig macht.

Die Ereignisse spielen sich immer mehr über die Medien ab. Das wurde bereits beim Anschlag in New York deutlich. Ärgerlich sind dabei die Berichterstattungen. Ganze Abende werden mit Informationen bestritten, die eigentlich nur Stoff für ein paar Minuten liefern würden. Man sieht dieselben Bilder mehrmals und ebenso gleichen sich die jeweiligen Statements der Politiker fast aufs Wort.

Schaffhausen, 10. Oktober 2001

Von den Journalisten, die jetzt täglich mit Kommentaren zum Kriegsgeschehen im Fernsehen zu sehen sind, fällt Peter Scholl-Latour auf, der sich als profunder Kenner der östlichen Welt erweist. Auch scheinen seine Einschätzungen auf einer umfassenden Grundlage zu beruhen. So erfährt man, daß in Afghanistan riesige Ölvorkommen vermutet werden. Deshalb also erst der Einfall der Russen und jetzt der Amerikaner. In einer von Mobilität und somit von Energie bestimmten Welt werden auch die Kriege von diesen Themen bestimmt. Da Energie immer aus untergegangenem Leben hervorgeht, ist dies ein Krieg, der um Kadaver geführt wird. Daß dabei humane Gesichtspunkte in den Hintergrund gedrängt werden, erscheint folgerichtig.

Schaffhausen, 12. Oktober 2001

Eine sich beschleunigende Welt benötigt zunehmend Energie. Und so verwundert es nicht, daß parallel zur Beschleunigung Energievorkommen entdeckt wurden, wie etwa Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die ersten Ölfelder. Daß dabei der Versuchung des »schwarzen Goldes« entsprochen wurde, erstaunt nicht. Hätte man ihr überhaupt widerstehen können? Die Vorteile der zur Verfügung stehenden Energie liegen auf der Hand; weniger deutlich zeichnen sich hingegen die Nachteile ab – bisweilen will man sie auch gar nicht sehen. Für den, der seine Identität zu verlieren beginnt, was durch die Beschleunigung zwangsläufig eintritt, muß das Öl ein Segen sein – ein Kompensationsmittel erster Güte. Amerika konnte dadurch seine Mobilität ins Grenzen-lose steigern, womit es keine Identität zu entwickeln brauchte, und die arabischen Staaten konnten den Schwund ihrer Identität durch den materiellen Gewinn ausgleichen. So gesehen, frißt das Öl Identität – es frißt letztlich Gegenwart. Das spürt der Betroffene, und er wird sich dagegen verwahren, indem er Macht ausspielt. So kommt es auf der einen Seite zu fundamentalistischen Strömungen, auf der anderen Seite zur Weltmachtpolitik.

Durch das Knapperwerden der Ölvorräte müssen sich die jeweiligen Kompensationen zuspitzen, bis hin zum wilden Umsichschlagen. In ein solches Stadium sind Amerika und die arabischen Länder eingetreten, und es ist zu vermuten, daß die Konfrontationen in Zukunft noch zunehmen werden. Die Identitätslosen sind immer die Gefährlichsten: Sie haben kein Maß und kein Ziel – sie haben keine Ethik.

Schaffhausen, 1. November 2001

In den Morgennachrichten wird davon berichtet, daß das französische Parlament der Polizei umfassende Vollmachten in der Terrorismusbekämpfung erteilt hat. Die Franzosen wirken in dieser Beziehung entschlossener als ihre deutschen Nachbarn, die diesbezüglich noch immer in der Diskussion stecken. Bei solchen Kompetenzübertragungen muß jedoch befürchtet werden, daß das Pendel schon bald umschlägt. Zusehends wird der zu Schützende in den Mittelpunkt des Verdachts geraten. Das wird mittels Telefon- und E-Mail-Überwachungen, Personenüberprüfungen ohne Angaben von Gründen, durch Videoüberwachungen und sogenannten Lauschangriffe erreicht. Der einzelne wird sich gerade von dieser Seite ständig unbewußt bedroht fühlen müssen. Für ihn geht vom Staat, zu dem er grundsätzlich eine positive Einstellung hat, letztlich eine tiefer greifende Bedrohung aus als vom Terrorismus selbst.

Schaffhausen, 19. Dezember 2001

Der Krieg in Afghanistan scheint, zumindest was die großen Angriffe betrifft, beendet zu sein. Die Flamme ist erloschen, aber im Innern glimmt es weiter. Der Chef der Taliban, Mullah Omar, und auch bin Laden befinden sich allerdings noch auf freiem Fuß. Besser müßte man wohl sagen, sie sind untergetaucht, denn frei sind sie schon lange nicht mehr.

Die Fesseln, die das Schicksal einem anlegt, sind oft härter als Ketten aus Stahl. Aber der Richter ist unbestechlich und gerecht, auch wenn wir in jedem seiner Trümpfe eine gezinkte Karte zu erkennen glauben. Gezinkt sind einzig die Karten der irdischen Machthaber.

Tagebuch 2010/11

Diessenhofen, 19. August 2010

Vieles, was seit dem 11. September 2001 geschah und von Bedeutung war, ist wieder vergessen. Aber die Bilder des brennenden World Trade Centers sind präsent und laufen vor dem geistigen Auge gestochen scharf ab. Um damit umgehen zu können, sind nicht Informationen, sondern prägnante Deutungen hilfreich, wie etwa jene von Michael Klonovsky: »Bush & Co haben sich den 11. September ungefähr so zunutze gemacht wie Hitler & Co den Reichtagsbrand. Ansonsten entsprach der Angriff auf den Irak dem Angriff eines Piratenschiffs auf ein Sklavenschiff: daß die Schinder erledigt wurden, ist ein angenehmer Kollateraleffekt, aber man muß deshalb nicht Partei ergreifen für die Piraten.«

Diessenhofen, 22. August 2010

Neun Jahre sind seit den Anschlägen vergangen. Der Irakkrieg, der im Jahr 2003 begann, wurde durch sie zumindest legitimiert und ebenso die Intervention der US-geführten Koalition in Afghanistan. Vor allem aber wurde durch die Anschläge der Islam im Westen wahrgenommen. Auch das gehört in die Kategorie der Alarmbereitschaft und der Enthüllungen. Plötzlich erkannte man, daß der Islam auf dem Vormarsch war, nicht nur kriegerisch – durch Terrorakte –, sondern auch »sanft«, so als wäre er durch die Hintertüre eingeschlichen. Plötzlich wurden Kopftuch, Burka, Minarett, wurden die Scharia und der bisweilen extrem hohe Ausländeranteil an Schulen und vor allem in den Städten wahrgenommen. Plötzlich waren Ausländergewalt, Geburtenüberschuß der ausländischen Bevölkerung und Integration ein Thema. Reden durfte man darüber in der Öffentlichkeit freilich noch nicht.

Diessenhofen, 1. September 2010

Was vom Einsturz der Türme bleibt, ist neben den Bildern die Zahl. Nine eleven steht für das epochale Ereignis. Das deutet, obwohl immer wieder auf die seelischen Auswirkungen hingewiesen wurde, auf einen formalen, rein abstrakten Umgang mit dem Ereignis hin. Insbesondere in einer technischen Welt wird die Zahl wichtiger als der Kopf. Damit verbunden sind humane Einbußen, die durch Schlagworte wie »Menschenrechte« oder »Menschenwürde« aufgewogen werden. Niemand wäre beim Untergang der »Titanic«, der für die damalige Zeit ein vergleichbares Aufsehen erregte, auf die Idee gekommen, vom 14. April oder von four fourteen zu sprechen, und von der ersten Mondlandung, die erst gut vierzig Jahre zurückliegt und die ebenfalls eine ganze Welt bewegte, kennen die meisten weder das genaue Datum noch die Jahreszahl. Gleichwohl sollen Zahlen nicht zu gering geachtet werden. Es ist, glaubt man den Numerologen oder Zahlenmystikern, kein Zufall, an welchem Datum man geboren wurde, und wohl jeder kam schon mit der Zahlensymbolik in Kontakt, die etwa die 13 als Unglückszahl nennt. Auch die Zahlen in der Bibel sind symbolisch zu verstehen, und ebenso sind, astrologisch gesehen, Zahlen mit Inhalten verbunden. So entspricht die Neun dem Mars mit seinen aufdeckenden, formsprengenden Qualitäten, während die Elf dem Uranus zugeordnet wird, jenem Planeten, der für die Aufhebung von Unterschieden und Polaritäten steht. Im Zusammenspiel der beiden Zahlen ergibt sich eine Mutation, die plötzlich, mitunter aggressiv in Erscheinung tritt. Die jüngere deutsche Geschichte ist dabei eng mit der Neun und der Elf verbunden. Allerdings ist es hier nicht der 11. September, sondern dessen Umkehrung: der 9. November. Dieses Datum markiert das Ende der Märzrevolution, die Ausrufung der Weimarer Republik, die Gründung der SS; die Reichsprogromnacht fand an einem 9. November statt, und ebenso wurde an diesem Datum durch den Fall der Mauer die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten eingeleitet.

Fast wird unter dem Eindruck von 9/11 vergessen, daß am 11. September des Jahres 1609 der Engländer Henry Hudson in die Bucht von New York vordrang und dabei die Insel Manhattan entdeckte.

Diessenhofen, 7. September 2010

Eine evangelikale Splittergruppe im US-Bundesstaat Florida plant eine öffentliche Koranverbrennung zum neunten Jahrestag des 11. Septembers. Die Glaubensgemeinschaft wirbt auf ihrer Seite im Online-Netzwerk Facebook mit dem Slogan »Islam kommt vom Teufel«.Die Reaktionen bleiben nicht aus. So demonstrierten in Kabul bereits mehrere hundert Afghanen vor einer Moschee gegen die geplante Koranverbrennung. Sie verbrannten ihrerseits amerikanische Flaggen und riefen »Tod für Amerika«.Auch solche Aktionen gehören zum medialen Schlagabtausch. Durch die bildhafte Vervielfältigung wird aus einem Windhauch schnell ein Orkan. Wie wäre der 11. September von der Welt aufgenommen worden, wenn keine Live-Bilder zu sehen gewesen wären? Die Antwort liegt auf der Hand: An das Flugzeug, das ins Pentagon prallte, erinnert man sich kaum mehr, und von jener Maschine, die angeblich auf dem Weg zum Weißen Haus abstürzte, nahm man schon damals kaum Notiz.

Diessenhofen, 20. März 2011

Flutwelle und Atomkatastrophe in Japan. Man wundert sich, wie gelassen der Japaner bleibt. Der Europäer hätte als erstes seine Haut zu retten versucht und wäre wohl schon längst geflüchtet.

Bisweilen wird versucht, das Verhalten des Japaners mit dessen Mentalität zu erklären, und es wird erwogen, daß der Ernstfall die Mentalitätsnivellierung, die die Globalisierung mit sich brachte, aufzuheben imstande sei. Dieser Schluß erscheint jedoch etwas voreilig. Natürlich hat der Japaner eine andere Mentalität als der Europäer, wesentlich scheint jedoch, daß bei ihm die Individualisierung weit weniger fortgeschritten ist als beim westlichen Typus. Daß der Japaner dem Europäer in technischer Hinsicht trotzdem nicht hinterherhinkt, scheint vor allem damit zusammenzuhängen, daß die Technik, die ja die Grundlage des Fortschrittes bildet, mit Disziplin, intellektuellem Vermögen und Haltungsehrgeiz »leicht« nachzuahmen ist. Das Einstehen des einzelnen für das Ganze finden wir in Kulturen, die sich noch als Einheit verstehen oder in denen die Individualisierung nur wenig ausgeprägt ist. Dasselbe Verhalten, jedoch mit anderen Vorzeichen, findet sich bei Gruppierungen und Gemeinschaften, die ideologisiert sind. Die Retter in Fukushima zählen zu der ersten Gruppe, während jene, die in Tschernobyl die Arbeit machten, dem System zu gehorchen hatten. Und die islamischen Selbstmordattentäter? Hier kumulieren die Beweggründe. In der islamischen, insbesondere aber in der arabischen Welt ist die Individualisierung des einzelnen vergleichsweise nur wenig ausgeprägt. Dazu kommt, daß der Islam eine Ideologie ist und wohl kaum je eine Chance hat, eine ideologiefreie Form anzunehmen.

Während das Christentum, obwohl durch die Kreuzzüge und die Inquisition entgleist, auf einem gesunden Fundament steht – Liebe und Vergebung sind seine ureigensten Maximen –, hat der Islam bereits im Fundament Risse. Mohamed setzte seinen Einfluß mitunter auch militärisch durch. So leitete er unter anderem die Unterdrückung des Heidentums auf der arabischen Halbinsel ein – manche Quellen bezeichnen ihn schlicht als Mörder. Was auf gesundem Boden gründet, kann zwar entgleisen, aber es hat durch die Kraft des Fundamentes immer wieder die Chance, zum Wahren zurückzufinden. Was andererseits auf schlechtem Boden gründet, kann zwischendurch zwar Blüten treiben, aber es kann sich seinem eigenen Fundament nicht entziehen – es sei denn, es wüchse über sich hinaus.

Diessenhofen, 5. April 2011

Aufhorchen lassen Mitteilungen wie diese: »Ein 47 Stockwerke hohes Gebäude in der Nachbarschaft des World Trade Centers, das von keinem Flugzeug getroffen worden war, stürzte sieben Stunden nach den Türmen ein. Das deutet auf eine kontrollierte Sprengung hin.«Daß nach den Anschlägen Verschwörungstheorien auftauchen würden, war zu erwarten. Egal, was man davon hält: Eine Verschwörung lag den Anschlägen auf jeden Fall zugrunde, gleichviel ob hier Islamisten oder der amerikanische Geheimdienst ihre Finger im Spiel hatten. Möglich scheint aber auch, daß beide daran beteiligt waren – »Piraten und Sklavenhalter« in verdeckter Symbiose. Immerhin wurde bin Laden, als er in den achtziger Jahren in Afghanistan die Guerillatruppen der islamischen Mudschaheddin aufbaute, von den USA als natürlicher Verbündeter angesehen und vom CIA unterstützt.

Die USA konnten sofort von eigenen Problemen ablenken und hatten einen Kriegsgrund. Andererseits konnte bin Laden einen gewaltigen Erfolg für sich verbuchen, der ihn im Westen bekannt und in eigenen Kreisen zum Helden machte.

Diessenhofen, 2. Mai 2011

Erste Meldung in den Nachrichten: Bin Laden ist tot. Der Nachrichtensprecher war anscheinend so aufgebracht über die Nachricht, daß er von Obama bin Laden sprach.

Seltsam mutete schon damals der kometenhafte Aufstieg des Terroristen an. Von einem Tag auf den anderen war er in aller Munde. Und jetzt die allgemeine Genugtuung über dessen Tod. Die Frage bleibt natürlich, ob der Tod bin Ladens kalkuliert war. Mußte gerade zu diesem Zeitpunkt etwa von der US-Schuldenwirtschaft abgelenkt werden, oder bedeutete er vielleicht sogar den Startschuß für Obamas Wahlkampf? Bin Laden war ein Repräsentant jener Identitätslosen, die kein Maß und kein Ziel haben. Identitätslosigkeit kündigt sich in der Jugend oft durch Ausgrenzung an. Bei bin Laden wird vermutet, daß er als Kind den Rufnamen »Sohn der Sklavin« erhalten habe. Minderwertigkeitsgefühle werden daher als ein möglicher Antrieb zum Terrorismus genannt. Statt durch die Annahe des »Unrechts« sein eigenes Maß zu finden, kämpft man viel lieber dagegen an, bis hin zum wilden Umsichschlagen. Das gilt natürlich nicht nur für Individuen, sondern auch für Staaten.

Diessenhofen, 12. Mai 2011

»Das Versteck des Al-Qaida-Chefs in Abbottabad (Pakistan) – es war kein Versteck, sondern eine Kommando-Zentrale!« und: »US-Ermittler fanden das Notizbuch von Osama bin Laden und weitere wichtige Dokumente«, lauten heute die Schlagzeilen in der Presse. Warum nicht gleich ein neuer Comic: »Tim und Struppi in Pakistan« oder: »Die drei Fragezeichen – Das geheime Notizbuch«.Es ist gleichermassen sonderbar wie bezeichnend, daß in einer hochtechnisierten Welt die gleichen Dinge eine Rolle spielen wie seit eh und je: Ein einfaches Haus wird zur Kommandozentrale, ein Notizbuch gibt entscheidende Hinweise und vielleicht taucht schon bald das Motiv der offenstehenden Türe wieder auf (Barschel), oder ein führender Politiker stürzt sich wieder einmal aus einem Fenster (Prag, 1618).Auch die Militärs und die Politik handeln im großen und ganzen nicht viel anders als früher, wenngleich die Vorgehensweisen dynamischer und die Ziele globaler geworden sind. Das hängt vielleicht damit zusammen, daß sich die Beweggründe nie ändern: Gut und Böse, Macht und Ideologie sind untrennbar mit dem Menschen und den Kulturen verbunden. Letztlich steckt dahinter das ewige gleiche Motiv: die Nichtannahme der eigenen Grenzen sowie des eigenen Schicksals.

Diessenhofen, 19. Mai 2011

Der Kachelmann-Prozeß nähert sich seinem Ende, und Dominique Strauss-Kahn, der Direktor des IWF, ist wegen versuchter Vergewaltigung einer New Yorker Hotelangestellten verhaftet worden. Da sind die Schlagzeilen von gestern schnell vergessen. Von Osama bin Laden spricht jedenfalls niemand mehr.


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