Sezession
1. August 2011

11. September – ein doppeltes Tagebuch

Gastbeitrag

pdf der Druckdassung aus Sezession 43/ August 2011

von Volker Mohr

Tagebuch 2001

Schaffhausen, 11. September 2001

Etwa um siebzehn Uhr brachte uns Christine die Meldung von den Terroranschlägen auf die amerikanischen »Nervenzentren«. Im Radio hörten wir, daß zwei entführte Passagierflugzeuge, gesteuert von Selbstmordkommandos, in das New Yorker World Trade Center hineinflogen. Dieses soll kurz darauf in sich zusammengestürzt sein. Es soll Tausende von Toten gegeben haben. Fast gleichzeitig stürzte eine ebenfalls entführte Maschine auf das Pentagon. Hier soll es etwa achthundert Tote gegeben haben. Ein viertes Passagierflugzeug stürzte, wahrscheinlich auf dem Weg zum Weißen Haus, ab. Am Abend und die Nacht hindurch konnten wir die aktuellen Neuigkeiten im Fernsehen mitverfolgen.

Schaffhausen, 12. September 2001

Politiker und Journalisten sprachen angesichts der Anschläge von einem ungeheuren Akt der Unmenschlichkeit. Das läßt aufhorchen, zumal die Unmenschlichkeit schon vorgegeben war. Sie wohnt bereits in den Gebäuden, die über die räumlichen Maße hinausgreifen, und ebenso in den Transportmitteln, die die zeitlichen Maße des Menschen überschreiten. Zudem darf hier nicht einfach von einem Anschlag auf die Mobilität gesprochen werden: Vielmehr wurden die Zentren der Mobilität durch die Symbole derselben getroffen – die Schlange beißt sich in den Schwanz.

Praktisch alle westlichen Länder erhöhten nach dem Vorfall ihre Alarmbereitschaft. Selbst in Schaffhausen vertagte der Große Rat anscheinend seine Sitzung.

Von Seiten des Bundesrates wurde von apokalyptischen Ereignissen gesprochen. Ein wahres Wort, wenngleich dabei vielmehr an einen Untergang gedacht wurde und weniger an eine Enthüllung, was der Begriff im Grunde meint. Der Anschlag hatte jedoch, nebst seiner Schrecklichkeit, tatsächlich enthüllenden Charakter: Der grenzenlose Liberalismus neigt ebenso wie der Totalitarismus zum Gigantismus, wobei alles Gigantische unmenschlich ist. Und so sind die gigantischen Gebäude in erster Linie riesige Gefängnisse, auch wenn sie als Symbole der Freiheit angesehen werden. Wie sehr der einzelne darin gefangen ist, wurde dadurch deutlich, daß es für ihn keinen Ausweg mehr gab.

Schaffhausen, 13. September 2001

Den ganzen Tag und die ganze Nacht über Bilder von New York. Amerika spricht von einem Anschlag der Barbaren gegen die zivilisierte Welt und erklärt diesen den Krieg. Die Wortwahl ist verständlich, zumal hier Emotionen mitspielen. Trotzdem waren gerade in diesem Fall keine Barbaren – also Ausländer, die mit der einheimischen Sprache und Gesittung nicht vertraut sind und deshalb als roh und ungebildet gelten – am Werk. Damit der Anschlag gelingen konnte, mußten die Terroristen sehr wohl mit Sprache und Gesittung der Amerikaner vertraut und überdies gebildet sein.

Hier liegen sich nicht mehr Kain und Abel in den Haaren, es handelt sich vielmehr um eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Kains – zwischen Kains, die bereits vertrieben waren und somit aus dem Ortlosen agieren. Für Amerika trifft das real zu. Der Gründung des Staates ging die »Vertreibung« unerwünschter Personengruppen aus Europa voraus, zudem erklärt sich das Land für unbegrenzt, wodurch es sich über die ganze Welt bis in den Weltraum hinaus ausbreiten muß. Die arabischen Staaten andererseits, von welchen der Terror kommen soll, beziehen ihre Identität aus der Erdölförderung, die sie letztlich ortlos macht. Erschwerend kommt hinzu, daß sie eine Technik benutzen, die sie selber nicht entwickelt haben und nicht entwickeln können. Die fundamentalistischen Strömungen vermögen hier kein Gegensteuer zu geben. Im Gegenteil: Inmitten von Repressionen kann keine Kultur wachsen.

Da es sich bei der amerikanischen und der arabischen Kultur um Antipoden handelt, berühren sie sich, wie alle Gegensätze, in ihren Extremen. So ist der Fundamentalismus lediglich die Kehrseite des grenzenlosen Liberalismus. Im Grunde aber gehen sie aus derselben Verdrängung hervor.

Schaffhausen, 14. September 2001

In einer vernetzten Welt sind immer alle an den Ereignissen beteiligt und davon betroffen. Nur schon die Fernsehbilder machten jeden einzelnen zum Augenzeugen: Die Katastrophe ereignete sich vor den Augen der Welt – sie ist in die Wohnung jedes einzelnen eingedrungen, hat viel mehr zum Einstürzen gebracht, als man je wird ermessen können.

Schaffhausen, 24. September 2001

Die Fotos des brennenden World Trade Centers sind mittlerweile in jeder Illustrierten großformatig abgebildet. Dabei sieht man Leute, die sich an der Außenseite eines der Gebäude an den Fenstern festklammern, um früher oder später in den Tod zu springen. Jenseits der Betroffenheit sind das Sinnbilder dafür, daß auch derjenige, der sich an der Außenseite befindet, also der Außenseiter, auf Gedeih und Verderb zum System gehört. Geht das System zugrunde, so ist auch er davon betroffen.


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