Sezession
1. August 2011

Blindgänger um »Barbarossa«

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 43/ August

von Stefan Scheil

Die moderne Weltordnung steht auf dem Prüfstand. Das hat kein Geringerer als der russische Ex-Präsident und jetzige Regierungschef Wladimir Putin auf einer Gedenkfeier für den Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion gesagt.

Sekundiert wurde ihm vom aktuellen Staatschef Medwedjew, der von Versuchen der »Umdeutung der Geschichte« im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg sprach. Beiden Politikern ist die Sorge gemeinsam, es könne die Rolle der UdSSR bei der »Befreiung Europas vom Faschismus« in Frage gestellt werden, wie der deutschen Presse vielfach zu entnehmen war. Der Druck muß groß sein: Man hat sogar die Online-Publikation Zehntausender Dokumente angekündigt, die bisher unzugänglich waren.

Tritt man etwas zurück und betrachtet das Panorama, dann ist es zunächst einmal erstaunlich, wenn Rußland glaubt, dauerhaft geschichtspolitische Legitimation aus den Kriegserfolgen seines Vorläufers UdSSR ziehen zu könen. Unbestritten war die Sowjetunion eines der aggressivsten und mörderischsten Gebilde der Menschheitsgeschichte. Ihr Stalinismus verschuldete den Krieg von 1939 mit. Er hinterließ in Rußland und in vielen Nachbarstaaten Leichenberge und eine verrottende Industrie. Dies war westlichen Historikern schon vor 1989 weit-gehend bekannt. Darüber hinaus konnte in den Wirren des Zusammenbruchs Anfang der neunziger Jahre und der kurzzeitigen Öffnung der Moskauer Archive neues dokumentarisches Material erschlossen werden. Die UdSSR hat demnach zweifelsfrei auf den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hingearbeitet und beabsichtigte, 1941 mit einem Angriff auf die deutschen Streitkräfte in ihn einzutreten. Aus beiden Gründen täte das heutige Rußland prinzipiell gut daran, sich eine andere Legitimation zu verschaffen.

Dennoch halten die Geschichtspolitiker in Rußland an der Traditionswürdigkeit der stalinistischen Ära und an dem Bild eines deutschen »Überfalls« fest. Es ist ihnen, wie ein Blick in die deutsche Presse aus Anlaß von siebzig Jahren »Unternehmen Barbarossa« zeigt, dabei gelungen, dieses Bild seit 1945 und trotz des Zusammenbruchs der UdSSR stark zu exportieren. Spiegelbildlich für diese Entwicklung stehen etwa die in Rußland genannten und in Deutschland akzeptierten Opferzahlen auf sowjetischer Seite. Nannte die Prawda 1946 noch eine Zahl von sieben Millionen sowjetischen Toten, so stieg diese Angabe der Sowjetregierung während der Nachkriegskonferenzen der Siegermächte auf etwa zwölf bis dreizehn, um sich dann über kurze Zwischenstationen auf die jahrzehntelang in allen Schulbüchern zu findende Angabe von zwanzig Millionen einzupendeln. In der Ära Gorbatschow begann man dann, seit Mitte der achtziger Jahre offiziell von siebenundzwanzig Millionen zu sprechen, jene Zahl, die jetzt wieder regelmäßig in der bundesdeutschen Presse gedruckt wurde. Welche Zahl zutreffend wäre, darüber kann und muß an dieser Stelle nichts gesagt werden. Ihre stete, bereitwillig nachvollzogene Erhöhung spiegelt jedenfalls trefflich den russischen wie den bundesdeutschen Umgang mit dem Rußlandfeldzug.

Denn auch wenn sich im Baltikum, in Rumänien, in der Ukraine sowie in Rußland selbst die Stimmen mehren, die auf den verbrecherischen Charakter des Sowjetsystems hinweisen und es offen ablehnen, sich von Moskau aus den früheren Massenmord plus jahrzehntelanger Unterdrückung als Teil eines Unternehmens zur Befreiung suggerieren zu lassen, so fehlt dieser notwendige neue Ton in der Bundesrepublik weitgehend. Der deutsche Rußlandfeldzug galt der bundesdeutschen Presse im Juni 2011 mehrheitlich als »verbrecherischer« Vernichtungskrieg. Daß er gegen ein Regime geführt worden war, welches seine Vernichtung vollauf verdient und den Krieg zudem selbst eröffnet hatte, wurde überwiegend ausgeblendet.


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