Maron, Mosebach und der Islam in Deutschland

Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt, formulierte Carl Schmitt. Ob man den Islam pauschal als "Feind" einstuft oder nicht:...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

sei­ne wach­sen­de Prä­senz in Deutsch­land wie in ganz West­eu­ro­pa wirft Fra­gen über die eige­ne Iden­ti­tät auf, denen kaum mehr aus­zu­wei­chen ist und die über kurz oder lang einen Ent­schluß erzwin­gen wer­den. Inso­fern kann man den koran­ver­tei­len­den Sala­fis­ten gera­de­zu dank­bar sein, daß sie die Öffent­lich­keit mit der Nase auf eine gern ver­dräng­te Pro­ble­ma­tik stos­sen – nicht zuletzt auf die Fra­ge, wer wir eigent­lich selbst sind.

Der berüch­tig­te Satz des unse­li­gen Chris­ti­an Wul­ff, wonach der Islam zu Deutsch­land “gehö­re”, hat nun erneut von zwei ver­schie­de­nen Sei­ten Ein­spruch erhal­ten. Da wäre zum einen die 1941 gebo­re­ne Schrift­stel­le­rin Moni­ka Maron, die erkannt hat, daß gut­ge­mein­te Umar­mun­gen und Ein­ge­mein­dun­gen die­ser Art kei­nes­wegs die real bestehen­de Kluft über­brü­cken können:

Ehe die­ser Satz so unkom­men­tiert in den Boden des deut­schen Grund­ge­set­zes gerammt wird, soll­te wenigs­tens für alle deut­schen Staats­bür­ger hin­rei­chend erklärt wer­den, wel­che Kon­se­quen­zen er nach sich zieht und wel­che Kol­li­sio­nen mit ande­ren Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, die seit der Auf­klä­rung zu Deutsch­land gehö­ren, unaus­weich­lich wären.

Die Sala­fis­ten beleh­ren uns gera­de, wie es aus­sieht, wenn Mus­li­me den Koran tat­säch­lich so ernst neh­men, wie er es von ihnen ver­langt. Wer auf You­Tube gese­hen hat, wie der obers­te Pre­di­ger der Sala­fis­ten in Deutsch­land mus­li­mi­sche Kna­ben indok­tri­niert, kann nur erschrecken.

Und es beru­higt nicht wirk­lich zu hören, dass nur vier- oder fünf­tau­send Sala­fis­ten in Deutsch­land leben und die wenigs­ten von ihnen Ter­ro­ris­ten sind, wenn man gleich­zei­tig weiß, dass als Sala­fis­ten die nicht-sau­di­schen Waha­bi­ten bezeich­net wer­den, der Waha­bis­mus aber Staats­dok­trin im rei­chen Sau­di-Ara­bi­en ist, das sei­ne reli­gi­ös-dog­ma­ti­schen Ver­bün­de­ten welt­weit unter­stützt und finanziert.

Es ist nicht nur leicht­fer­tig, son­dern ver­ant­wor­tungs­los, dem Islam sei­ne Zuge­hö­rig­keit zu Deutsch­land zu beschei­ni­gen, ohne gleich­zei­tig klar zu benen­nen, wie er sich refor­mie­ren muss, um kein Fremd­kör­per in einem säku­la­ren und demo­kra­ti­schen, die Frei­heits­rech­te des Indi­vi­du­ums ach­ten­den Staat zu bleiben.

(…)

Ich fra­ge mich auch, war­um unter dem Dach der Reli­gi­ons­an­stalt Ditib, die der Lei­tung, Kon­trol­le und Auf­sicht des staat­li­chen Prä­si­di­ums für Reli­giö­se Ange­le­gen­hei­ten der Tür­kei und damit indi­rekt dem tür­ki­schen Minis­ter­prä­si­den­ten unter­steht, mehr als 800 tür­ki­sche Beam­te in Deutsch­land dafür sor­gen dür­fen, dass ihre ehe­ma­li­gen Lands­leu­te ihrem Her­kunfts­land und tra­di­tio­nel­len Reli­gi­ons­ver­ständ­nis mög­lichst eng ver­bun­den blei­ben, und ihnen damit die all­mäh­li­che Ver­schmel­zung mit der deut­schen Gesell­schaft erschwe­ren oder sogar unmög­lich machen.

All das führt gera­de­zu zwangs­läu­fig zur Kon­fron­ta­ti­on mit der eige­nen Iden­ti­tät, da die Mos­lems kei­ner­lei Pro­ble­me haben, die eth­nisch, kul­tu­rell und reli­gi­ös “Ande­ren” zu identifizieren:

Seit 20 Jah­ren gewöh­nen wir uns nun dar­an, dass wir nicht mehr Bun­des­bür­ger und DDR-Bür­ger sind, son­dern ein­fach Deut­sche, wie die Bewoh­ner ande­rer Län­der ein­fach Polen, Eng­län­der, Fran­zo­sen oder Tür­ken sind.

Ich möch­te nicht, dass man mich jetzt mit der ras­sis­ti­schen Bezeich­nung Bio-Deut­sche belegt, wie ich auch ger­ne auf die Klas­si­fi­zie­rung “mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund” ver­zich­ten wür­de, wenn die so Genann­ten sich auch als Deut­sche ver­ste­hen woll­ten, weil sie hier gebo­ren wur­den, viel­leicht sogar schon ihre Eltern, weil wir alle gemein­sam hier leben, und weil es mir gleich­gül­tig ist, an wel­chen Gott jemand glaubt, solan­ge es dem ande­ren auch gleich­gül­tig ist.

Ja, das ist die immer wie­der­keh­ren­de Melo­die, “wenn” es doch so wäre, und alle glei­cher­ma­ßen mit­spie­len wür­den! Aber war­um tun sie es nicht? War­um sind sie nicht so wie wir? War­um den­ken und füh­len sie nicht so wie wir? Es ist der immer­glei­che Schock des Libe­ra­len dar­über, daß die “Dif­fe­renz” eben doch mehr als ein dis­kur­si­ves Spiel im plu­ra­lis­ti­schen Sand­kas­ten ist, son­dern eine blu­ti­ge Realität.

Maron bezeich­ne­te bereits letz­tes Jahr im Spie­gel  die Aus­brei­tung des Islam als Gefahr für den säku­la­ren, reli­gi­ons­neu­tra­len Staat. Dabei hat sie erkannt, daß das libe­ra­le Sys­tem vor einer Her­aus­for­de­rung steht, der es kaum gewach­sen ist, und die sei­ne Lücken und Selbst­wi­der­sprü­che zuta­ge tre­ten läßt. Maron schrieb:

Irre­füh­rend und unver­ständ­lich wird es, weil natür­lich nie­mand der öffent­lich Strei­ten­den von sich behaup­ten wür­de, er sei ein Geg­ner auf­klä­re­ri­schen Gedankenguts.

Im Gegen­teil, die glü­hends­ten Ver­tei­di­ger isla­mi­scher Son­der­rech­te beru­fen sich auf die Tole­ranz als obers­tes Gebot der Auf­klä­rung und erklä­ren die Kri­ti­ker des Islam und sei­ner welt­li­chen Ansprü­che für para­no­id, pho­bisch oder aber, noch schlim­mer, für frem­den­feind­lich und ras­sis­tisch. Das Absur­de ist, dass mit die­sem Vor­wurf auch islam­kri­ti­sche Tür­ken, Ira­ner, Ägyp­ter bedacht wer­den, die vom Ver­dacht der Frem­den­feind­lich­keit und des Ras­sis­mus ja aus­ge­schlos­sen sein müss­ten, so dass allein ihre Kri­tik am Islam Anlass genug ist, sie öffent­lich zu diskreditieren.

Nun kann man sich erklä­ren, war­um die Ver­tre­ter von Mil­li Görüs und der Ditib im Namen gläu­bi­ger Mus­li­me ihre Anfor­de­run­gen an die deut­sche Gesell­schaft laut­hals ver­tre­ten. So ver­ste­hen sie ihre Auf­ga­be, auch wenn das dem Zusam­men­le­ben der Mus­li­me mit allen ande­ren Bür­gern des Lan­des nicht unbe­dingt zuträg­lich ist. Dage­gen bleibt es ein Rät­sel, war­um die Grü­nen und die SPD, deren Mit­glie­der und Anhän­ger­schaft des reli­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus die­ser oder jener Art kaum ver­däch­tig sind, klein­stadt­ar­ti­ge Rie­sen­mo­scheen und die Kopf­tuch­pflicht für klei­ne Mäd­chen zu Zei­chen auf­klä­re­ri­scher Tole­ranz erhe­ben; war­um der sich als links ver­ste­hen­de Jour­na­lis­mus eine geschlos­se­ne Kampf­front bil­det für das Ein­drin­gen einer vor­mo­der­nen Reli­gi­on mit ihrem reak­tio­nä­ren Frau­en­bild, ihrer Into­le­ranz gegen­über ande­ren Reli­gio­nen und einem archai­schen Rechts­sys­tem. War­um ste­hen die­se Wäch­ter der rich­ti­gen Gesin­nung nicht auf der Sei­te der Säku­la­ren aller Kon­fes­sio­nen? War­um ver­tei­di­gen sie isla­mi­sche Rech­te gegen euro­päi­sche Wer­te und nicht umgekehrt?

Test

Das sind ent­schei­den­de Fragen,deren Ant­wor­ten wohl in den Untie­fen eines gestör­ten Iden­ti­täts­ge­fü­ges zu suchen sind. Schon Botho Strauß hat 1993 erkannt, daß die lin­ken Intel­lek­tu­el­len nicht freund­lich zum Frem­den um sei­ner selbst wil­len sind, “son­dern weil sie grim­mig sind gegen das Unse­re und alles begrü­ßen, was es zer­stört”, wor­an sich uto­pi­sche Hoff­nun­gen und Wahn­ideen knüp­fen. Was aber das “Unse­re” ist, das gera­de die Deut­schen so scheu­en, läßt sich nicht durch einen Kata­log von “Wer­ten” oder ein regu­la­ti­ves Sys­tem erset­zen, denn unser gewor­de­nes geschicht­li­ches Sein umfaßt viel mehr als dies.

Jan Wer­ner Mül­ler kri­ti­sier­te in der Zeit, daß der euro­päi­sche Rechts­po­pu­lis­mus à la Wil­ders und Le Pen “Wer­te wie Frei­heit und Eman­zi­pa­ti­on” nicht “libe­ral-uni­ver­sa­lis­tisch” ver­ste­hen wür­de, “son­dern als Teil eines natio­na­len Selbst­ver­ständ­nis­ses, das die Frem­den – vor allem die Mus­li­me – nicht tei­len kön­nen.” Das kann man dre­hen und wen­den und bewer­ten, wie man will: Wil­ders, Le Pen & Co. sind hier nicht nur fak­tisch im Recht: sobald die­se “Wer­te” tat­säch­lich abso­lut, als obers­ter Gott qua­si, gesetzt wer­den, ver­lie­ren sie ihren kon­kre­ten Sinn und ihre Erdung, ent­or­ten und abs­tra­hie­ren sich ins Boden­lo­se und Luft­lee­re, machen ihre Gläu­bi­gen letzt­lich poli­tik- und überlebensunfähig.

Das plu­ra­lis­tisch-libe­ra­le Sys­tem, das durch­aus dem euro­päi­schen Hang zum Indi­vi­dua­lis­ti­schen ent­ge­gen­kommt, kann nur so lan­ge eini­ger­ma­ßen bestehen, als in der Gesell­schaft ein gewis­ser Kon­sens exis­tiert, und die “kul­tu­rel­len Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten” und Erwar­tungs­hal­tun­gen im Gro­ßen und Gan­zen geteilt wer­den. Wenn der plu­ra­lis­ti­sche Ansatz jedoch über­dehnt wird, droht das ohne­hin schon recht fra­gi­le und kom­pli­zier­te Gefü­ge aus­ein­an­der­zu­fal­len. Und die­ser Fall tritt eben durch die signif­kan­te Zuwan­de­rung von Mos­lems ein, deren men­ta­le Prä­gun­gen und pri­mä­re Loya­li­tä­ten zu einem erheb­li­chen Teil grund­ver­schie­den von den Unse­ren sind. Den­noch müs­sen sie vom Rechts­staat und vom Grund­ge­setz her als Glei­che behan­delt wer­den. Und das wirft nun eini­ge nicht gerin­ge Pro­ble­me auf.

Der Staats­recht­ler Ernst-Wolf­gang Böcken­för­de äußer­te in einem Inter­view dazu:

Den Kata­log sol­cher ver­bind­li­cher Nor­men fin­den Sie im Grund­ge­setz. Jen­seits des­sen gehört es aber auch zur frei­heit­li­chen Ord­nung einer Gesell­schaft, dass sie inne­re Vor­be­hal­te gegen­über ihre Wert­set­zun­gen akzep­tiert. (…) Ent­schei­dend ist, dass alle Bür­ger das gel­ten­de Recht und die Geset­ze aner­ken­nen und befol­gen. Wenn aber jemand denkt, „eigent­lich ist das nichts Gutes, ande­re Geset­ze wären bes­ser“ – dann ist ihm das unbe­nom­men. Die Gedan­ken sind frei. Dar­an darf eine freie Gesell­schaft kei­nen Zwei­fel lassen.

Ihnen genügt wirk­lich die for­ma­le Aner­kennt­nis, auch ohne inne­re Zustimmung?

Inne­re Zustim­mung wäre gewiss wün­schens­wert. Ich darf sie aber nicht zur Vor­aus­set­zung für ein Leben in unse­rem Land machen. Ich hal­te gar nichts davon, Ein­wan­de­rern irgend­wel­che Wer­te­be­kennt­nis­se abzu­ver­lan­gen, zumal der Begriff „Wert“ schwam­mig ist und mit den ver­schie­dens­ten Inhal­ten gefüllt wer­den kann. Ver­lan­gen kann und muss ich, dass sich jeder an die Geset­ze hält. Mit die­ser bür­ger­li­chen Loya­li­tät muss ich es dann aber auch bewen­den las­sen. Zumal auch die­se mehr ist als etwas rein Formales.

Wor­in liegt das „mehr“?

Im pflicht­ge­mä­ßen Ver­hal­ten gegen­über einer Rechts­ord­nung, wie sie übri­gens der Islam von den Gläu­bi­gen in der Dia­spo­ra aus­drück­lich erwartet.

Schon hier könn­te man ein­wer­fen: vor allem aus tak­ti­schen Grün­den. Und für den gläu­bi­gen Mos­lem steht in jedem Fall das isla­mi­sche Recht über dem jewei­li­gen Recht des Dia­spo­ra-Staa­tes. Böcken­för­de zeig­te sich den­noch optimistisch:

Das bewirkt eine bestimm­te Ein­stel­lung. Rechts­ge­hor­sam, wie es das Ver­fas­sungs­ge­richt ein­mal genannt hat, hat so sehr kon­kre­te Ver­hal­tens­wei­sen zur Fol­ge, die auch geeig­net sind, men­ta­le Gegen­sät­ze auf die Dau­er abzuschleifen.

Auf letz­te­res soll­te man nicht ver­trau­en, zumal die Fra­ge offen bleibt, wodurch der Rechts­ge­hor­sam, der Respekt vor dem Gesetz, also die nicht  nur tak­ti­sche Aner­ken­nung sei­ner Legi­ti­mi­tät denn erzwun­gen wer­den soll, wenn nicht von vorn­her­ein eine gewis­se inne­re Zustim­mung besteht, wie man sie eben bei den meis­ten Stamm­eu­ro­pä­ern vor­aus­set­zen kann. Soll­te sie nur auf Gewalt­an­dro­hung beru­hen, ist die Grund­la­ge brü­chig. Die Respekt­lo­sig­keit vor Staats­or­ga­nen und Poli­zei ist euro­pa­weit ein typi­sches und häu­fi­ges Phä­no­men unter mos­le­mi­schen Ein­wan­de­rern, ins­be­son­de­re unter den noto­risch unru­hi­gen “Jugend­li­chen”.
Test

Ein­spruch gegen das Wul­ff-Axi­om kam auch in der Welt vom 20. April von Mar­tin Mose­bach. Im Gegen­satz zu der aus der DDR stam­men­den Moni­ka Maron, die gene­rell mit kei­ner Form von Reli­gi­on “behel­ligt” wer­den will, ver­tritt Mose­bach einen dezi­diert römisch-katho­li­schen Stand­punkt tra­di­tio­na­lis­ti­scher Prä­gung. Hier hat die Ver­tei­di­gung des reli­gi­ons­neu­tra­len, libe­ral-säku­lä­ren Staa­tes, die Maron so am Her­zen liegt, gerin­ge bis kei­ne Bedeu­tung. So argu­men­tiert er auch stär­ker auf his­to­ri­scher Grund­la­ge, weni­ger mit “Wer­ten”:

 Mose­bach: Wenn ein Poli­ti­ker sich über den Islam äußert, kann er sagen: Die Deut­schen, die sich zum Islam beken­nen, haben die­sel­ben Bür­ger­rech­te wie die ande­ren Deut­schen. Das ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Aber der Satz “Der Islam gehört zu Deutsch­land” ist eine ver­ant­wor­tungs­lo­se und dem­ago­gi­sche Äuße­rung. Was hat der Islam zu unse­rer poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Kul­tur bis­her bei­getra­gen? Unser Grund­ge­setz fußt auf dem Chris­ten­tum, auf der Auf­klä­rung und auf weit in die deut­sche Geschich­te zurück­rei­chen­den Kon­stan­ten, wie etwa dem Par­ti­ku­la­ris­mus. Da gibt es kein ein­zi­ges isla­mi­sches Ele­ment – woher soll­te das auch kom­men? Wenn die mus­li­mi­schen Deut­schen die kul­tu­rel­le Kraft besit­zen soll­ten, der deut­schen Kul­tur isla­mi­sche Wesens­zü­ge ein­zu­flech­ten, dann mag man in hun­dert Jah­ren viel­leicht ein­mal sagen: der Islam gehört zu Deutschland.

Welt Online: Gehört das Chris­ten­tum noch zu Ostdeutschland?

Mose­bach: Natür­lich. Die­ses Land ist ein Geschöpf des Chris­ten­tums. Sei­ne Städ­te, sei­ne Spra­che, sei­ne Kunst, alles. Das ver­geht nicht in ein paar Jahr­zehn­ten reli­giö­ser Ausdünnung.

Nun gibt es frei­lich auch hier eini­ge Fall­stri­cke und blin­de Fle­cken, die man häu­fig bei katho­li­schen Kon­ser­va­ti­ven antrifft. Es gibt hier eine gewis­se hart­nä­cki­ge Ver­ach­tung jenes Blu­tes, das stär­ker als Was­ser ist, all des­sen, was etwas vor­ei­lig als “bio­lo­gisch” oder “nur bio­lo­gisch” abge­tan hat, wie eben der Volks­zu­ge­hö­rig­keit, die, so man es will oder nicht, ein bedeu­ten­des, nicht aus der Welt zu schaf­fen­des Movens unter den Men­schen ist. Aber die katho­li­sche Welt, so wie ich sie sehe und lie­be, ist eben auch die Welt des Kon­kre­ten, des Flei­sches und der Inkar­na­ti­on. Sie besteht es aus einer ver­ti­ka­len und einer hori­zon­ta­len Linie, Geist und Kör­per, und bei­de zusam­men for­men das Kreuz.  Mögen wir alle Brü­der in Chris­to sein, wir gehö­ren den­noch auch irdi­schen Ord­nun­gen an, für die wir eine ethi­sche Ver­ant­wor­tung tragen.

Mose­bach spricht von “Deut­schen, die sich zum Islam beken­nen”: meint er damit deut­sche Kon­ver­ti­ten, von denen es bis­her nicht all­zu vie­le gibt, oder ist er gar, nicht anders als ein durch­schnitt­li­cher Grü­ner oder Sozi­al­de­mo­krat, der Auf­fas­sung, daß die deut­sche Staats­bür­ger­schaft aus­rei­che, um etwa einen Tür­ken, Kur­den oder Ara­ber in einen Deut­schen zu ver­wan­deln? Jeder­mann, und gera­de der Paß­deut­sche selbst, weiß, daß dies nicht der Fall ist. Ein Kalb wird kein Pferd, wenn es in einem Pfer­de­stall gebo­ren wird.Wenn Deutsch­land in den nächs­ten Jahr­zehn­ten isla­misch wird, dann geschieht dies ja nicht durch mas­sen­haf­te Kon­ver­sio­nen der Stamm­deut­schen, son­dern pri­mär auf demo­gra­phi­schem Weg durch die Kolo­ni­sie­rung des Lan­des durch frem­de Völ­ker. Kein Affekt gegen einen “Volks­be­griff” oder die “Bio­lo­gie” soll­te den Blick für die­se Tat­sa­che trüben.

Eine wei­te­re Fal­le ist hier, die isla­mi­sche Fra­ge als eine rei­ne Reli­gi­ons- und Kon­fes­si­ons­fra­ge miß­zu­ver­ste­hen. Wie es dazu kommt, liegt nahe. Ein reli­giö­ser Mensch, der die Hei­ßen und die Kal­ten den Lau­war­men vor­zieht, und von einer glau­bens- und tran­szen­denz­lo­sen Welt ange­wi­dert ist, wird sich nur ungern in eine Rei­he mit etwa Moni­ka Maron oder Nec­la Kelek oder Hen­ryk Bro­der stel­len, die von den Mos­lems (und eben auch Chris­ten) die Anpas­sung an die “säku­la­re, frei­heit­li­che Gesell­schaft” for­dern.  Mosebach:

Welt Online: War­um sehen so vie­le Men­schen in Deutsch­land den Islam als Kon­kur­renz, obwohl sich immer weni­ger zum Chris­ten­tum bekennen?

Mose­bach: Die Sor­ge vor dem Islam in Deutsch­land ist weni­ger eine Sor­ge von Chris­ten als von Leu­ten, die sich von der Kir­che schon sehr weit ent­fernt haben. Die emp­fin­den Reli­gi­on an sich als gefähr­lich, und im Islam sehen sie eine Rück­kehr der Religion.

Welt Online: Ist Ihnen aus christ­li­cher Sicht ein Mus­lim lie­ber als ein Atheist?

Mose­bach: Was heißt lie­ber. Er ist mir auf jeden Fall näher. Selbstverständlich.

Da fragt man sich nun, wel­chen “Mus­lim” Mose­bach hier meint. Pierre Vogel? Osa­ma bin Laden? Mul­lah Kre­kar? Ibra­him Abou Nagie? Abu Ham­za? Moham­med Merah? Allein die Vor­stel­lung ist lach­haft. Und denkt Mose­bach, daß sich die­se Her­ren, die alle­samt kei­ne Athe­is­ten sind und an ihren Gott glau­ben, umge­kehrt ähn­lich gene­rös ihm gegen­über äußern wür­den? Nun zweif­le ich nicht, daß es irgend­wo auf der Welt kul­ti­vier­te mos­le­mi­sche Pen­dants zu Mose­bach gibt, wie es auch in der Tat so etwas wie eine uni­ver­sel­le Wahl­ver­wandt­schaft der geis­ti­gen Men­schen gibt, sein “Mos­lem” ist aber eine rei­ne Denk­fi­gur aus einer idea­li­sier­ten Nathan-der-Wei­se-Sphä­re, und die­se Aus­sa­ge erscheint mir, offen gesagt, nicht kon­se­quent für jeman­den, der die Reli­gi­on nicht allein “kul­tu­ra­lis­tisch” ver­steht und bejaht, son­dern expli­zit die Wahr­heits­fra­ge stellt.

Und dann ist “Reli­gi­on” eben nicht gleich “Reli­gi­on”, und dann gibt es auch kein Mehr oder Weni­ger der Wahr­heit, son­dern nur ein Ent­we­der-Oder, und dann sind aber auch nicht alle Reli­gio­nen glei­cher­ma­ßen respek­ta­bel. Aus streng christ­li­cher Sicht ist der Islam die häre­ti­sche Irr­leh­re eines fal­schen Pro­phe­ten, und Moham­med, den Dan­te nicht umsonst in der Höl­le schmo­ren ließ, das Urbild die­ser Figur. Der fal­sche Pro­phet aber ist noch schlim­mer als der blo­ße Ungläu­bi­ge oder Glau­bens­lo­se, denn er ver­brei­tet aktiv die Lüge, wie der Anti­christ. Umge­kehrt macht es aus isla­mi­scher Sicht kei­nen Unter­schied, ob ein Ungläu­bi­ger Athe­ist oder Christ oder Jude ist – er ist glei­cher­ma­ßen ver­dammt und wird auch ent­spre­chend behan­delt. Der Koran ist dies­be­züg­lich völ­lig eindeutig.

Mose­bach liegt auch falsch, anzu­neh­men, daß sich die Men­schen in ers­ter Linie vor dem Islam als Reli­gi­on fürch­ten. Sie fürch­ten sich viel mehr vor Gewalt, Land­nah­me, Repres­si­on, Erpres­sung, Ent­eig­nung, Ent­frem­dung und Über­frem­dung. Nicht der Islam an sich ist unser Pro­blem, son­dern die Mas­sen­ein­wan­de­rung inkom­pa­ti­bler Völ­ker. Die “Islam­kri­ti­ker” müs­sen reif wer­den und zu Ein­wan­de­rungs­kri­ti­kern wer­den. In die­ser Pro­ble­ma­tik spielt der Islam aller­dings die Rol­le eines aggres­si­ven, ver­schär­fen­den und beschleu­ni­gen­den Moments. Man soll­te hier sich nicht von dem reli­giö­sen Ele­ment hyp­no­ti­sie­ren las­sen wie das Kanin­chen von der Schlange.

Gera­de vie­le Kon­ser­va­ti­ve erlie­gen die­ser Ver­su­chung, weil sie in die­ser reli­gi­ons­feind­li­chen Zeit dazu nei­gen, gene­rell die Par­tei der geschmäh­ten und hoch­mü­tig über­wun­den geglaub­ten Reli­gi­on zu ergrei­fen. Wir alle wis­sen, daß uns nur noch ein Gott ret­ten kann. So hat es Mar­tin Hei­deg­ger 1966 gesagt. Aber nicht jeder belie­bi­ge daher­ge­lau­fe­ne Gott. An ihren Früch­ten wer­det ihr sie erken­nen. Trotz­dem ken­ne ich vie­le ver­zag­te Kon­ser­va­ti­ve, unter ihnen nicht weni­ge dem Tra­di­tio­na­lis­mus nahe­ste­hen­de Chris­ten, die schon unsi­cher die Hand nach Allah aus­stre­cken oder sich ihm gegen­über zumin­dest auf­wär­men, weil offen­bar kei­ne ande­ren Göt­ter im Ange­bot sind.

Hier gilt es, den Skep­ti­ker und Auf­klä­rer ein­zu­schal­ten. Eine Reli­gi­on kann, wie etwa bei Canet­ti nach­zu­le­sen, Fol­ge eines Mas­sen­wahns und eine Art evo­lu­tio­nä­res Vehi­kel des Wil­lens zur Macht sein, das dann letz­ten Endes vor allem welt­li­chen Din­gen dient. Der Islam wäre dafür das Bei­spiel par excel­lence, und dar­um ist er auch aus­rei­chend von Nietz­sche und vie­len Faschis­ten bewun­dert wor­den. Der Koran erteilt den Frei­brief zum unge­hemm­ten Wil­len zur Macht in einem Maße, wie es dem Neu­en Tes­ta­ment dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt ist, wie das Leben Chris­ti dem des Moham­med. Zu sei­nen Blü­te­zei­ten war der Islam eine pure, gut geöl­te Macht­ent­fal­tungs- und Erobe­rungs­ma­schi­ne, und als sol­che funk­tio­niert er noch heute.

Die Sor­ge um die Isla­mi­sie­rung hat mit Kir­chen­fer­ne und Abfall vom Glau­ben also erst­mal rein gar nichts zu tun. Sie ist in der Tat ange­sichts ihres fort­ge­schrit­te­nen Sta­di­ums immer noch all­zu gering. Wären die Deut­schen heu­te kir­chen­treu und gläu­big, dann wür­de der Islam kaum so nach­sich­tig tole­riert und ver­tei­digt wer­den, wie es heu­te der Fall ist, dann wäre es über­haupt gar nicht erst zu einer der­art mas­si­ven Land­nah­me gekom­men, und dann wür­de es heu­te schon längst hef­tig kra­chen zwi­schen Chris­ten und Mos­lems. Dafür spricht sowohl die his­to­ri­sche als die zeit­ge­nös­si­sche Evi­denz. Die Glau­bens­star­ken haben ein­an­der in der Geschich­te sel­ten tole­riert, und sie stan­den sich gegen­sei­tig umso fer­ner, je stär­ker ihr Glau­be war. Das alte, gläu­bi­ge Euro­pa hat nicht nur den Islam als Tod­feind bekriegt, es hat inner­halb der Chris­ten­heit erbit­tert um die Recht­gläu­big­keit gekämpft. Es waren auch nicht die kir­chen­treu­en Chris­ten, die die Mos­lems in die Mau­ern Euro­pas lie­ßen, son­dern die Glau­bens­lo­sen und die Anhän­ger diver­ser säku­la­rer Ersatz­re­li­gio­nen, die unter ande­rem vom Haß auf das Chris­ten­tum moti­viert sind.

Auch hier ant­wor­tet Mose­bach ausweichend:

Welt Online: Sie fürch­ten nicht, dass der Islam das Chris­ten­tum in Euro­pa verdrängt?

Mose­bach: Dem Chris­ten­tum ist ja nicht der his­to­ri­sche Erfolg geweis­sagt. In den ver­schie­de­nen Apo­ka­lyp­sen ist ihm geweis­sagt, dass die Kir­che in den letz­ten Tagen vor dem Ende der Welt fast voll­stän­dig ver­schwin­den wird.

Nun gut – aber auch die Welt wird nach die­ser Weis­sa­gung voll­stän­dig ver­schwin­den, die Ern­te wird ein­ge­fah­ren, und das gro­ße Tier, der fal­sche Pro­phet, Gog und Magog wer­den ver­nich­tet wer­den. Kein Grund für den Chris­ten­men­schen, sich die­sen in irgend­ei­ner Wei­se “nahe” zu fühlen.

 

Bild: Moham­med in der Höl­le. Illus­tra­ti­on zu Dan­tes Infer­no, 14. Jhdt.
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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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