Sezession
1. Oktober 2011

Deutschtum und Christentum

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 44 / Oktober 2011

von Karlheinz Weißmann

Der vierte Teil von Madame de Staëls Buch Über Deutschland ist »Religion« und »Enthusiasmus« gewidmet. Es handelt sich um den verhältnismäßig kürzesten und an den Schluß gesetzten Abschnitt, was aber nichts gegen die Bedeutung sagt, die die kluge Beobachterin dem Glauben und der Kirche Deutschlands am Beginn des 19. Jahrhunderts zurechnete.

Ganz im Gegenteil, und schon der erste Satz des ersten Kapitels beginnt mit: »Alle Nationen germanischen Ursprungs sind von Natur aus religiös …« Diese Grundverfassung der Deutschen erklärte nach Madame de Staëls Überzeugung aus französischer Sicht irritierende Sachverhalte: daß weder die Reformation mit ihrem Angriff auf die alten Formen und Dogmen, noch die folgenden Konfessionskriege, noch die Aufklärung zu jener Glaubenslosigkeit geführt hatten, die für die Elite ihres Heimatlandes typisch geworden war. Vielmehr lasse sich bei den Deutschen »in der Auffassung des Religiösen eine Freiheit und eine Größe feststellen, die, ohne irgendeine Form des Kultus zu fordern oder zu verwerfen, die himmlischen Dinge zum herrschenden Prinzip des Daseins macht.«

Man kann diese Beschreibung und Beurteilung der deutschen Verhältnisse nicht einfach der Begeisterung der Autorin für ihren Gegenstand zurechnen. Tatsächlich fällt im europäischen Vergleich nicht nur auf, wie tief die Reformation in das deutsche Geistesleben eingedrungen war – auch im katholischen Volksteil –, oder daß die Aufklärung in Deutschland religionsfreundlich war, sondern auch, daß die folgenden Bewegungen die bleibende Bedeutung des Glaubens hervorhoben. Daß es sich bei Romantik, Klassik und Idealismus um wenn nicht spezifisch deutsche, dann doch um Erscheinungen handelte, die in Deutschland ihren Schwerpunkt hatten, ist dabei genausowenig zu bestreiten wie die Tatsache, daß das nationale Erwachen der Deutschen von Anfang an mit religiösen Impulsen durchdrungen war.

Beispielhaft ist das an den Ideen Ernst Moritz Arndts abzulesen, einer Zentralgestalt in der Entwicklung des deutschen Nationalbewußtseins. Arndts intellektuelle Prägung war ursprünglich konventionell, das heißt weltbürgerlich, den Idealen von 1789 wohlgesinnt, maßvoll deistisch. Das änderte sich dramatisch, weniger durch das Erschrecken über den revolutionären Terror, eher durch die Erfahrung der napoleonischen Besetzung Deutschlands. Insofern war Arndts Nationalismus ein »Konter-Nationalismus« (Eugen Lemberg), erschöpfte sich aber nie darin, die Befreiung zu fordern und den Kampf gegen Frankreich zu predigen, sondern war von Anfang an mit einer umfassenden Vorstellung von Nationalpädagogik verknüpft. Arndt ging gerade nicht davon aus, daß das Volk sei, wie es sein sollte, sondern entwarf ein Programm, um es zu dem zu bilden, was keimhaft in ihm angelegt sei. Dabei kam der Religion entscheidende Bedeutung zu, und man kann vor allem seinen Briefen entnehmen, wie differenziert seine Analyse der religiösen Situation war; im wesentlichen ging es ihm um fünf Aspekte:

Die Selbstverständlichkeit des Glaubens ist in Frage gestellt, ein Vorgang, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann;

der Weg zurück in ein vorchristliches Heidentum bleibt ausgeschlossen; deutsche Identität ist nur im Zusammenhang mit dem Christentum denkbar.

Zu den Besonderheiten deutscher und christlicher Identität gehört die Glaubensspaltung. Die kann nicht durch eine Heimkehr zum Katholizismus – wie manche der Romantiker meinten – korrigiert werden, weil diese nur dem individuellen ästhetischen Bedürfnis Rechnung trage, aber nicht der eigentlichen Religiosität des deutschen Menschen.

Die Lösung des Problems müsse deshalb in Richtung auf eine Nationalkirche gesucht werden, die einerseits auf die Gestaltung des Gottesdienstes mehr Wert lege, als es der Protestantismus gemeinhin tue, andererseits dem Gewissen keinen Zwang in den entscheidenden Fragen auferlege, sondern

das Christentum im Kern verstehen sollte als Glauben an den Schöpfer und eine ethische Praxis, die sich an Jesu Auffassung der Nächstenliebe ausrichte.

War Arndt weit entfernt von naiver Gläubigkeit, so hatte sein Entschluß, der Neugründung einer »deutschen Religion« eine Absage zu erteilen, vor allem damit zu tun, daß er die noch vorhandene selbstverständliche Religiosität des Volkes bewahren und nur allmählich eine Transformation einleiten wollte. Wie untauglich Retortenreligionen waren, hatte man im übrigen während der Französischen Revolution sattsam erfahren. Arndt wußte dabei sehr genau, daß man nicht auf den Bestand vertrauen konnte. Dessen Erosion aufzuhalten, war keine Frage des guten Willens oder der Erweckung, der Wandel war auch da zu greifen, wo die christliche Sache in seiner Zeit offensiv verteidigt wurde: mit den Mitteln der Theologie wie bei Schleiermacher oder den Mitteln der Philosophie wie bei Fichte.

Das Selbstverständnis Arndts, das wesentlich von der Vorstellung geprägt war, am Übergang vom Alten zum Neuen zu stehen, kann man auch den Texten seiner Kirchenlieder entnehmen, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Kernbestand der evangelischen Gesangbücher gehörten. Der Verweis auf das berühmte »Der Gott, der Eisen wachsen ließ« ist dabei nicht erschöpfend, vieles von dem, was er gedichtet hat, wirkt fast pietistisch, jedenfalls »innerlich« und insofern besonders deutsch.


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