Sezession
1. Oktober 2011

Die andere Moderne – Grundriß einer politischen Alternative

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 44/ Oktober 2011

von Michael Stahl

Eine andere Moderne
Die geistigen Quellen für eine politische Alternative finden sich nicht nur in einem spezifisch konservativen Erbe. Denn dieses ist Teil, wenn auch ein heute vielfach apokrypher, der gegenwärtigen Moderne, da es einst in Gegnerschaft zur Fortschrittsprogrammatik der Französischen Revolution aus dem Interesse an der Erhaltung traditioneller Bestände erwachsen ist.

Gegenüber dieser heute nicht mehr weiterführenden Verengung der Perspektive muß die gesamte geistige Tradition Europas wieder in den Blick genommen und damit der für kategorial gehaltene Bruch der Moderne mit der Vormoderne überwunden werden.

Wir können die tiefer liegenden Probleme der Moderne im Spiegel der Vormoderne, also der europäischen Hochkultur bis zum 17./18. Jahrhundert, genauer identifizieren. Im Brückenschlag zur Vormoderne ist eine »dritte Ebene« des Denkens zu gewinnen, die den Horizont zur Zukunft als einer anderen Moderne öffnet. Damit wird das Selbstverständnis der Moderne als qualitativ einzigartiger, unvergleichlicher und nicht mehr hintergehbarer historische Formation grundsätzlich in Frage gestellt.

Die Krise des Ökonomismus der Moderne
Entscheidend für die Kritik an den Fehlentwicklungen der Moderne ist die Ablehnung des Primats der Ökonomie. In ihm stecken vor allem die Prinzipien von Ökonomisierung und Wachstum. Unter dem tendenziell alle Lebensbereiche unterwerfenden Diktat des Ökonomischen – also des Effizienten, Rechenhaften, Meßbaren, materiellen Gewinn Bringenden – gelten alle Werte nur noch als Marktwerte und werden als solche nur noch wahrgenommen. Das in die Warenproduktion investierte Kapital muß maximalen Profit abwerfen. Dies bedingt das zweite Prinzip, ein permanentes Wachstum der Produktivkräfte und eine quantitative Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität. In diesem Wachstum sehen die liberalkapitalistischen wie die sozialistischen Wirtschaftsordnungen der Moderne gleichermaßen den Motor für einen scheinbar grenzenlosen Fortschritt.

Zugleich aber führt die allein durch Gewinnmaximierung bestimmte, äußerlich scheinbar so erfolgreiche Ökonomie zu teils intendierten, teils sehenden Auges unter dem Zwang des Gewinnmachens in Kauf genommenen Folgen. Sie lassen den mittlerweile erzielten Wohlstandsgewinn zunehmend fragwürdig erscheinen oder stellen ihn bereits handfest in Frage: sinnentleerter, künstlich erzeugter Massenkonsum; verschmutzte oder vergiftete natürliche Umwelt; häßlich verunstaltete Lebensräume; Verbrauch, Verschwendung und Erschöpfung der natürlichen Ressourcen; politische Entmündigung durch die Sachzwänge technologischer Großprojekte; Zertrümmerung der gesellschaftlichen Grundlagen, indem alle ihre Bausteine – Familie, Bildung, Gesundheit, Kultur – dem Prinzip der Ökonomie unterworfen werden.

Die Notwendigkeit des Bewußtseinswandels
Auf der politischen Agenda steht bereits die Forderung nach einem nachhaltigen Wirtschaften. Sie greift allerdings zu kurz, denn sie gleicht eher einem Reparatur- und Optimierungsvorhaben, das das Grundprinzip des Wirtschaftens, entgrenztes Profitstreben wie schrankenlosen Konsumismus, und damit die Hegemonie des Produktivismuswahns unangetastet läßt. Weiterzukommen ist also nur durch eine Um- und Neuorientierung der gesamten Verhaltens- und Lebensweise.


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