Sezession
3. Mai 2012

Schwarze Magie in der Wiener Straßenbahn

Martin Lichtmesz

1912 schrieb Karl Kraus eine Satire über den "Untergang der Welt durch schwarze Magie", womit die per Druckerschwärze verübten Verbrechen an der deutschen Sprache in der zeitgenössischen Presse gemeint waren.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Ich habe Erscheinungen vor dem, was ist. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Ist das keine Kunst? Zauberer sind die andern, die das Leben in die Mückenplage verwandelt haben. Und der Mücken werden immer mehr. Oft kann ich sie nicht mehr unterscheiden. Tausend habe ich zu Hause und komme nicht dazu, sie zu überschätzen. Bei Nacht sehen sie wie Zeitungspapier aus und jedes einzelne Stück lacht mich an, ob ich nun endlich auch ihm die Verbindung mit dem Weltgeist gönnen wolle, von dem es stammt. Gegen die Plage dieser Ephemeren gibt es keinen Schutz, als sie unsterblich zu machen. Das ist eine Tortur für sie und für mich. Doch wachsen sie nach und ich werde nicht fertig.

Hundert Jahre später geht es einem politischen Blogger wie mir auch nicht viel anders. Die Phrasenmaschine produziert jeden Tag neue Frevel gegen den common sense, oder besser gesagt, sie wiederholt unbeirrt den Unsinn, den sie schon gestern und vorgestern und vorvorgestern in die Welt gesetzt hat. Jeden Morgen sucht sich der wackere Blogger einen beliebigen leckeren Kopf der Hydra aus, die mal wieder dabei ist, ihm in den Mund und ins Hirn zu kriechen, beißt ihn ab und speit ihn aus, wie in Zarathustras Gleichnis. Genauso eklig ist das manchmal. Tags darauf sind fünf neue Köpfe nachgewachsen und das Spiel geht von vorne los.

Ob die ganzen Schlagwortgeister, die einem im öffentlichen Raum per Plakat und Bildschirm permanent anspringen, nur Mücken sind, sei dahingestellt. Im Schwarm können sie sehr lästig sein, und zweifellos bleibt die offene oder subliminale Dauerbestrahlung nicht gänzlich ohne Wirkung auf die Köpfe und Gemüter. Wenigstens kann dieser sisyphosartige Sport des Schlangenkopfabschlagens und Mückenvertreibens ab und zu auch durchaus unterhaltsam sein. In Österreich, wo ich gerade weile, gibt es hierfür allerhand kabarettreifes Material, ja das ganze Land ist heute wie einziges Live-Kabarett. Die ebenso kindische wie schwachsinnige Energie, mit der beispielsweise das "Gender Mainstreaming" umgesetzt wird, ist geradezu berüchtigt.

Das gegenderte Baustellenschild etwa, auf dem ein eine männliche Figur, - natürlich hautnah an der "Alltagsrealität", wie es im entsprechenden Jargon heißt- durch eine Schutt schippende schlanke Dame mit Pferdeschwanz im kurzen Rock und mit schicken kniehohen Stiefeln ersetzt oder zumindest ergänzt wurde, ist einer der großen Klassiker des an sabbernden Idiotien nicht gerade armen Genres. Da wird die Selbstparodie gleich mitgeliefert, leider unbemerkt von den Urhebern.

Ein mindestens ebenso großer Klopfer  - und hier kommen wir zur Mücke des Tages - sind die seit 2007 gegenderten Wiener Straßenbahnpiktogramme.  Ich möchte mir jedesmal von Neuem an den Kopf klatschen, wenn ich in der Hauptstadt bin und die Dinger erblicke. Die Bildchen hatten ursprünglich den Zweck, die Fahrgäste zu ermahnen, gegebenenfalls körperlich bedürftigen Personen die Sitzplätze zu überlassen. In der Originalversion gab es also: einen alten Mann (mit Stock und Rauschebart), einen blinden Mann (mit Dreipunktebinde und Krücke, stellvertretend für alle Behinderten), eine Frau mit Baby auf dem Arm und eine schwangere Frau. So weit so einleuchtend und so trivial. Jedermann und Jedefrau hat es verstanden, niemanden und niefraunden hat es je gestört.

Weil es aber offenbar im glückseligen Wien keine dringenderen Probleme gibt, startete der Magistrat unter erheblichem Aufwand eine Kampagne mit dem Titel "Wien sieht's anders", in der die Bildchen wie folgt ausgetauscht wurden: nun sieht man stattdessen eine alte Frau (mit Dutt und Gehstock), eine blinde, behinderte Frau (mit Krücke und Dreipunktebinde), eine schwangere Frau, und einen Mann mit D'Artagnan-Bart, Kurzhaarfrisur und Kind auf dem Arm.

Die von dem damaligen Vizebürgermeister und der Frauentstadträtin vorgetragene Begründung: "Auch Männer mit Kleinkind oder ältere Frauen fahren mit den Öffis." Eine wahrhaft epische, überraschende Enthüllung. Ohne sie wäre die Menschheit wohl in der finstersten Bewußtseinsverdunkelung verkümmert. "Diese Alltagsrealität wird auf den neuen Klebern abgebildet." Das ist natürlich eine rundum geheuchelte Begründung, denn um die "Alltagsrealität", die ohnehin jeder kennt, und die auf den alten Klebern hinreichend symbolisiert wurde, ging es dabei nicht im Geringsten.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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