Sezession
8. Mai 2012

Zukunftsfundstück: offener Brief an Beate Zschäpe

Gastbeitrag

Vorbemerkung: Der hier abgedruckte Brief ist ein Fundstück, das unserer Redaktion aus der Zukunft zugespielt wurde. Wir dokumentieren ihn, weil er Auskunft gibt über die Behutsamkeit des Tons (fett eingefärbt!) auch jenen gegenüber, die man in unseren Tagen noch mit dem Teufel verglich. Daß Verena Becker (RAF) einen ähnlichen Brief erhielt, sollte uns rühren, nicht empören.

Offener Brief an eine ehemalige Terroristin
5. 5. 2028

Sehr geehrte Frau Zschäpe,

Sie werden vielleicht selbst nicht ermessen können, welche Hoffnungen Sie mit Ihrer Ankündigung geweckt haben. Am 14. Mai wollen Sie vor Gericht eine Erklärung verlesen, deren Form und Inhalt unbekannt sind, die aber jetzt schon in die Geschichte der Bundesrepublik eingeht. Vor Jahren wurden Sie schon neinmal verurteilt, beschuldigt, an etlichen Morden beteiligt gewesen zu sein. Zehn Menschen starben, und die Zwickauer Terrorzelle ist Gegenstand des Schulunterrichts sowie Anlaß von Schweigeminuten und Distanzierungen, mithin ein Pfeiler der bundesdeutschen Erinnerungskultur – und ihr Treiben ist weiterhin ungeklärt.

Sie stellten sich (das ist gewiß), Ihre beiden Mitstreiter brachten sich um (vielleicht), Ihr Heim in Zwickau brannte aus (das ist nun wieder gewiß). Allein diese Geschichten könnten ein kleines Buch ergeben.

Ich komme mir seltsam vor, Ihnen all dies zu schreiben, denn Sie waren ja dabei und benötigen keine Belehrung. Ich will nur auf wenigen Zeitungszeilen rekapitulieren, worum es geht, und dies auch denen in Erinnerung rufen, die damals noch gar nicht geboren waren, und ich will den, vielleicht ja gänzlich fehlerhaften, Sachstand verdeutlichen, von dem aus ich schreibe.

Ich war zweimal als Journalist bei der Verhandlung in Dresden dabei. Ganz am Anfang, noch in dem aus Film und Fernsehen bekannten Verhandlungsbunker, und dann noch einmal im freundlicheren Gerichtsgebäude in der Innenstadt. Bei diesem zweiten Besuch war das Verfahren schon eine eigene soziale Veranstaltung geworden.

Das wird heute noch viel mehr so sein. Sie dürfen dort – als Einzige, mit Genehmigung des Vorsitzenden Richters – eine Wasserflasche vor sich stehen haben. Sie sind, das war mir aufgefallen, stets besonders höflich zu den Justizbeamtinnen und -beamten. Und dann, nach dem Ende eines Verhandlungstages, ziehen Sie Ihren Rollkoffer wieder über die Flure, nur wenige Schritte hinter den Nebenklägern, die ebenfalls Gepäck ziehen.

Für die Öffentlichkeit war dieser Prozess frustrierend. Die Veteranen des Thüringischen Heimatschutzes schwiegen, als wäre dies ihre letzte verbliebene Macht. Einer wurde nach seiner Körpergröße gefragt und berief sich auch hier auf sein Aussageverweigerungsrecht. Ein anderer erklärte immerhin, wovon er lebe: „Hartz IV, was sonst?“ Aber auch die andere Seite schwieg, all die Beamten unserer Dienste, die unter falschen Namen oder gar nicht oder nur zu entlegenen Komplexen etwas sagen durften. Anders als in unseren heutigen Krimiserien konnte auch die Wissenschaft kaum weiterhelfen: Autos, Motorräder, Haare, Taschen – es ist schon verblüffend, was deutsche Behörden so alles verlieren können. Und Akten, all die vermißten Akten. In diesen Verfahren wurden mehr Akten verloren, verstellt oder manipuliert als in einem griechischen Finanzamt.

Alle schweigen und tricksen. Und nun erklären Sie, etwas sagen zu wollen. Dabei sind Sie die Beschuldigte. Ihnen droht eine weitere Gefängnisstrafe, und es gehört zum Kern unseres Rechtssystems, daß eine Angeklagte nichts sagen muß, wenn sie das nicht möchte. Ich hegte aber seit dem ersten Verhandlungstag die Hoffnung, daß Sie es anders machen würden. Damals sagten Ihre Verteidiger, Sie würden sich „zum jetzigen Zeitpunkt“ nicht äußern wollen, darin klang das Bestehen einer Möglichkeit an. Die Eröffnung des Prozesses selbst hatte ich mit gemischten Gefühlen gesehen, das kam ja für alle überraschend.

Angefangen hatte die Wiederkehr der Sache ja mit den Ermittlungen dieses Chemnitzer Journalisten, der dann das Buch „Die zweite Explosion in Zwickau“ schrieb. Darin entwickelt er die Hypothese, daß Sie, Frau Zschäpe, die dritte Person im Wohnmobil gewesen seien, in dem sich Ihre Kameraden erschossen. Der Journalist hat das damals oft dargestellt, in vielen Medien. Ich habe sein Buch rezensiert. Seine Version klingt sehr plausibel.

Es wurde dann bekannt, daß Sie auf Ihrem Computer an einem Text schreiben, vielleicht eine Art Antwort an uns alle, einen Brief. Das Buch würde also einen zweiten Text hervorrufen, einen von Ihnen, das war mir klar, auch wenn ich keine Ahnung haben konnte, was Sie sagen würden. Dann aber kam das Verfahren, und Ihre Äußerungen mussten nun in diesem juristischen Kontext bestehen, und Sie schreiben nicht weiter.

Ich bin kein Jurist, aber ich verstehe, daß die Justiz ihre Arbeit tun muß, auch wenn dieses Verfahren recht unglücklich wirkt. Mit weiteren Haftstrafen für Sie oder andere ist der inneren Sicherheit des Landes nicht gedient. Wenn Sie hingegen Ihre ganze Geschichte erzählten, bekämen wir plötzlich Zugang zu den Sperrgebieten unserer Erinnerung. Auch das ist ein hohes Gut.
Test


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