Sezession
8. Mai 2012

Zukunftsfundstück: offener Brief an Beate Zschäpe

Gastbeitrag

Wie das so ist in diesem Land: Kaum keimt eine Hoffnung, stehen Sekunden später die Kommentierer bereit, sie zurückzuschneiden. Ich habe auch die Spontankommentare gehört, die gleich klarmachen, dass am 14. Mai nur ein von Anwälten komponierter Nichttext vorgetragen werde, dass jede Erwartung, die man in Sie setzen könnte, vergebens, naiv und lächerlich sei. Das müssen Sie ja kennen, dieses Unterschätztwerden.

Es ist, wenn ich mir das richtig angelesen habe, ein Leitmotiv in Ihrem Leben. Und was für ein Leben. Ich habe mir oft vorgestellt, wie wohl Ihre Autobiographie aussehen müsste. Es gibt ein gutes Buch über Sie, von einem der besten deutschen Sozialwissenschaftler: „Beate Zschäpe und der Verfassungsschutz“. Ein Buch ist nicht viel, aber viele Ihrer Kameraden haben ja selbst Bücher geschrieben. Von Ihnen gibt es nichts. Sie waren fast vergessen, nach Ihrer Begnadigung durch Joachim Gauck 2021 – bis dieser Chemnitzer kam.

Heute ist das ganz anders. Ich habe, wie für viele andere Themen und Personen, bei der Suchmaschine Google einen Hinweisdienst aktiviert, der mir anzeigt, wenn irgendwo etwas Neues über Sie publiziert wird. Manchmal bekomme ich dann Nachrichten von einer gleichnamigen Tierärztin in Niedersachsen oder einer schwäbischen Handballerin. Aber nahezu jeden Tag steht im deutschsprachigen Internet etwas Neues über Sie. Und seit Ihrer angekündigten Erklärung kommen die Hinweise stündlich, jede deutsche Zeitung, jedes Portal meldet, was Sie tun und lassen. Warum ist das eigentlich so? Was ist es, was von Ihnen erhofft wird? Warum gibt es dieses tiefe Bedürfnis, mehr zu wissen?

Ihre Geschichte, wie flott sich das schreibt. Bis zum Prozeß hätte man sich schwer damit getan, auch nur die spärlichsten Eckdaten zusammenzutragen. Seitdem wissen wir ein wenig über Ihre Kindheit. Sie waren eine der ganz wenigen Jenaerinnen, die zum Thüringer Heimatschutz fanden, und auch die Wege dahin sind nicht klar. Bommi B. gibt damit an, Sie „eingestellt“ zu haben, er war ja auch im Dresdner Prozeß. Es muß übrigens komisch sein, so viele Gestalten aus der eigenen Vergangenheit, die in Ihrem Fall auch deutsche Geschichte ist und ungeklärte Verbrechen einschließt, im Gerichtssaal wieder zu treffen. Jedenfalls sagte B. auch, daß Sie es vielleicht schon recht früh mit dem Thüringer Verfassungsschutz zu tun bekamen. Dies ist auch die zentrale These des Buches über Sie. Beweisen kann es niemand, denn Dienste schweigen. Die Dienste, diese geschlossene Gesellschaft, die die offene unterhält, sind der Kern des Komplexes, der uns umtreibt. Die Justiz kommt da nicht weiter: Der Prozeß um die Morde führte mitten hinein in die Grauzone der Zusammenarbeit zwischen dem Verfassungsschutz und der „Zwickauer Zelle“, bei der Sie ja debütiert haben. Im ganzen Land kann eigentlich nur eine Person dazu etwas sagen, und das sind Sie.

Aber warum sollten Sie sagen, was Sie wissen? Lebensbeichten oder tränenreiche moralische Monologe, das hilft doch nur in Filmen. Ich glaube aber an Präzision, an die Wahrheit. Hier ist jedes Wort von Ihnen hilfreich. Sie haben erklären lassen, Sie könnten manches, was im Verfahren gesagt wurde, so nicht „stehenlassen“ – als ginge es um einen Text. Und das sehe ich auch so: Es geht, wenn wir von Ihrem Leben, den damit verbundenen Taten und den Geheimnissen reden, um das dichte Gewebe von nationalen Geschichten, in dem wir unsere Kultur erkennen. Das hat direkte Auswirkungen: Wir führen seit mehr als zwanzig Jahren offiziell einen Krieg gegen den rechten Terror. Doch was ist, wie entsteht Terrorismus in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, etwa den Geheimdiensten? Der frühere Taliban-Sprecher Abu Saif hat darüber etwas Erhellendes gesagt. Die Taliban hatten ja immer mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI zu tun, waren auf ihn angewiesen. Er schrieb jedenfalls: „Ich gab mich ihnen gegenüber süß genug, um nicht ausgespuckt, und bitter genug, um nicht verschluckt zu werden“.

Ist es Ihnen mit den diversen deutschen Diensten auch so ergangen? Ich habe auch das Gerücht gehört, man hätte Ihnen erst kurz vor Prozeßbeginn noch von solcher Seite das Angebot unterbreitet, Sie nach Ungarn zu bringen. Sie haben es jedenfalls vorgezogen, den Prozeß durchzustehen.

Manche Ihrer Kameraden kamen mir vor, als seien sie nicht mehr Herr über ihre Geschichte. Als hätten sie nichts mehr zu sagen, auch wenn sie das wollten – wie, wenn Sie den frivolen Vergleich verzeihen, Modemacher, die ihren Namenszug an eine Investmentfirma verkaufen und nun die Kleider, die sie entwerfen, anders nennen müssen. Sie hingegen haben sie noch, Ihre Geschichte, und Sie haben das Forum, sie zu erzählen. Es wäre vielleicht besser, wir hätten ein Wahrheitstribunal nach südafrikanischem Muster, wo man die Wahrheit sagen kann und dafür eine Amnestie zugesichert bekommt. Die Journalistin Carolin Emcke hatte das vorgeschlagen in ihrem wichtigen Buch „Stumme Gewalt.“

Ihr Leben ist, nach allem, was wir darüber sagen können, nach den Schemen, die aus Akten, Geheimdienstunterlagen und Erzählungen anderer zu erkennen sind, Stoff für einen Roman. Sie haben viel erlebt, denn Sie haben früh angefangen. Der BKA-Mann Müller schilderte Sie als besonders blass und gänzlich still, hatte sogar Sorge, man werde gar nicht glauben, dass dies die deutschen Topterroristinnen sind, weil Sie so verängstigt wirkten. Ich frage mich, ob das vielleicht Ihr erstes Verhör war und die Angst daher kam.

Machen wir uns ein zu naives Bild von der Identität der Person? Wir halten die Menschen für Terroristen oder Agenten, für Strategen oder Handlanger, für Bankräuber oder politisch motivierte Täter; aber Ihre Biographie ist gekennzeichnet vom Transzendieren solcher Zuschreibungen. Wir sind nicht in einer amerikanischen Serie; die Menschen, die Ihre Erklärung verfolgen werden, sind erwachsen und können die Wahrheit vertragen. Was meinten Sie, als Sie über die Taten schrieben: „Ich würde es nicht wieder tun?“ Warum nannten Sie dies „eine schmutzige Geschichte“?

Mit Ihrer Ankündigung haben Sie eine Tür geöffnet. Treten Sie hinaus und tun Sie etwas, was nur Sie können: Erzählen Sie uns am übernächsten Montag Ihre Geschichte, Ihre ganze Geschichte.

Mit freundlichen Grüßen,

Nele Marmink
Frankenthaler Allgemeine Zeitung vom 5. 5. 2028, Seite 13
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