Sezession
31. Mai 2012

Der zweite Streich des Thilo Sarrazin

Erik Lehnert

Sarrazins neues Buch Europa braucht den Euro nicht ist seit einer Woche im Handel, hat sich in den oberen Rängen der Amazon-Bestsellerliste festgesetzt und belegt bei den Sachbüchern den ersten Platz. Das war zu erwarten, und so hat der Verlag die Startauflage berechnet: 350.000 Stück, von denen bereits 250.000 vor Erscheinen vorbestellt waren. (Dadurch hat sich auch bei unseren Studien und Analysen wieder einiges getan.)

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Zweierlei läßt sich festhalten: Das Buch ist thematisch eine Punktlandung, die anhaltende Eurokrise hat geradezu nach einem Wort des Ex-Bundesbankvorstands verlangt. Was jedoch bislang ausblieb, ist die erwartete Großdebatte. Nur kurz, als vorab bekannt wurde, daß Sarrazin die Einführung von Euro und ESM in einen Zusammenhang mit der deutschen Vergangenheit stellt (was eigentlich bekannt sein sollte), kam es zu einem kurzen Sarrazin-Bashing. Doch die Debatte hielt nicht vor und war schnell wieder von den Titelseiten verschwunden.

Das liegt vor allem an der nüchternen Diktion des Buches, bei dem sich der Finanzexperte Sarrazin auf sicherem Terrain bewegt und sich nur ganz wenige polemische Ausfälle erlaubt. Hinzu kommt, daß es zum Euro-Thema bereits zahllose kritische Bücher gibt, die teilweise wesentlich radikaler argumentieren als Sarrazin. Dieser beschreibt Geschichte und derzeitigen Zustand der Gemeinschaftswährung und ist der Meinung, daß Europa auch ohne den Euro existieren würde, will aber gleichzeitig die Regeln in der Eurozone verschärfen, um ein Scheitern zu verhindern.

Seine Gegner werfen ihm vor, daß er sich dabei insbesondere um die Zahlungsfähigkeit Deutschlands Sorgen macht, die er durch die Haftung für die Schulden anderer in Gefahr sieht. Das ist jedoch argementativ nicht zu widerlegen, da Deutschland bislang zahlt und das Ganze zwangsläufig scheitern muß, wenn der Zahlmeister ausfällt.

Durch Sarrazins Buch müßte die Sache der Euro-Kritiker eigentlich einen Aufmerksamkeitsschub erfahren. Dabei ist es egal, wer am Ende keine Lorbeeren bekommt, obwohl er lange vor Sarrazin gewarnt hat. Das schlimmste Szenario ist gleichzeitig auch das wahrscheinlichste: Alles kommt so wie beim ersten Sarrazin-Buch - als sich gar nichts änderte.

 
Test


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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