11. Juni 2012

Ray Bradbury ist tot - Chiffre 451

von Götz Kubitschek / 12 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wer nach den berühmten Dystopien unserer Zeit gefragt wird, nennt George Orwells 1984, Aldois Huxleys Schöne Neue Welt, vielleicht Ernst Jüngers Gläserne Bienen, ganz sicher Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail (wenn er einer von uns ist!) und vor allem den Roman Fahrenheit 451 von Ray Bradbury. "451" ist eine meiner Lieblingschiffren, und die Hauptfigur aus Bradburys Roman - der Feuerwehrmann Montag - ist Angehöriger der Division Antaios.

Bradbury - geboren 1920 - ist am 5. Juni verstorben. Fahrenheit 451 ist sein bekanntester Roman. In ihm werden Bücher nicht mehr gelesen, sondern verbrannt, wenn der Staat sie findet: Ihre Lektüre mache unglücklich, lenke vom Hier und Heute ab, bringe die Menschen gegeneinander auf. Vor allem berge jedes Stück Literatur etwas Unberechenbares, Freigegebenes, etwas, das plötzlich und an ganz unerwarteter Stelle zu einer Fanfare werden könne. In den Worten Bradburys: "Ein Buch im Haus nebenan ist wie ein scharfgeladenes Gewehr."

Montag indes greift heimlich nach dem, was ihm gefährlich werden könnte. Er rettet ein paar Dutzend Bücher vor den Flammen, versteckt sie in seinem Haus und vor seiner an Konsum und Seifenopern verlorengegangenen Frau. Heimlich liest er, zweifelt, befreit sich und wird denunziert (von seiner eigenen, an den Konsum und die Indoktrination verlorengegangenen Frau); er kann fliehen und stößt in einem Waldstück auf ein Refugium der Bildung, auf eine sanfte, innerliche Widerstandsinsel, eine Traditionskompanie, eine Hundertschaft von Waldgängern: Leser wandeln auf und ab und lernen ein Werk auswendig, das ihnen besonders am Herzen liegt, um es ein Leben lang zu bewahren, selbst dann noch, wenn das letzte Exemplar verbrannt wäre.

Ich korrespondiere derzeit mit einem bald Achtzigjährigen, der insgesamt sieben Jahre im Gefängnis verbrachte und in dieser Zeit nichts für seinen Geist vorfand als das, was er darin schon mit sich trug. In Dunkelhaft war er allein mit den memorierten Gedichten, Dramenstücken, Prosafetzen, und er war dankbar für jede Zeile, die er in sich fand. Er kannte Fahrenheit 451 noch nicht und las begierig wie ein Student (wie er mir schrieb). Und er schrieb, daß er in Montags Waldstück keinen Prosatext verkörpern würde, wenn er dort wäre, sondern fünfhundert Gedichte - den Ewige Brunnen sozusagen.

Und Sie?

Test

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (12)

Gottfried
11. Juni 2012 09:48
Man gibt halt den netten Narren. Bücher müssen nicht verbrannt werden. Kommen Jetztsassen zu Besuch, dulden ("tolerare") sie die Bände von Jünger oder Eichendorff oder Botho Strauß im Regal genauso wie S/M und überhaupt alles. Die Verständigung ("Kommunikation") erfolgt über Zeichen, z.B. NIKE oder WELTOFFEN, Paßwörter wie BUNT, ADIDAS, VIELFALT oder NEW YORKER.
Die moderne Gesellschaft der Zeichenkundigen weiß einfach nicht darum, was ihr aus der randständigen Parallelgesellschaft der Lesenden drohen kann. Ein Zeichen wie WELTOFFEN nennt die vier Dimensionen des Raumes und der Zeit nicht. Die Frage nach der Tür, dem Schlüssel, den Wänden, den Zäunen und den Grenzen - falls der Lesende sie dem Ewigheutigen denn stellt - wird als Scherz aufgenommen.
Ist der Lesende ein Zyniker, kann er, wenn er denn mag, als Unterhalter bei den Ewigheutigen sogar viel Geld verdienen.
Das Nervensystem der Kinder der Ehefrau und Seifenoperfreundin des Feuerwehrmannes Montag ist in aller Regel spätestens mit fünf, sechs Jahren schon derartig anders organisiert, daß Bücher wie "Die Schildbürger" oder "Baron Münchhausen" oder die Grimmschen Märchen für den Nachwuchs keine Gefahr mehr darstellen können.
Der Müßiggang, die lange Weile, ist aller Laster, z.B. des Lesens von Büchern, Anfang. Ein an die Erfordernisse des Marktes angepaßtes Nervensystem mit einem zeitgemäßen Bedarf an Reizen und Belohnungen läßt diese lange Weile schlichtemang nicht zu, verunmöglicht diese.

Wozu denn noch Enthauptungen, wenn die grauen Zellen auch mit BERTELSMANN-Unterricht und BERTELSMANN-Spaß (Dschungellager) angereichert werden können?
Michael Paulwitz
11. Juni 2012 11:53
In einer der höheren Gymnasialklassen, so um das Jahr 1980 herum, ließ uns der weißhaarige Deutschlehrer ein Rilke-Gedicht auswendig lernen. Mancher Mitschüler hielt das für hoffnungslos rückständig und schüttelte laut den Kopf. Sicher, hier und heute können Sie alles jederzeit nachschlagen, gab der Lehrer aus der Kriegsgeneration zu bedenken. Aber wenn Sie in schweren Zeiten mal im Zuchthaus oder im Gefangenenlager sitzen sollten, haben Sie nur das, was Sie im Kopfe haben. Mir leuchtete das ein, es paßte zu der eindrucksvollen Szene in den Verfilmungen der Kempowski-Erinnerungen, in der die politischen Gefangenen in Bautzen den "Faust" aus dem Gedächtnis rekonstruierten. Daß meine eigenen Kinder im Laufe ihrer Schulkarriere solch prägende Lektionen in angewandtem Ernstfalldenken erfahren könnten, ist allerdings kaum denkbar. Das müssen wir schon selbst weitergeben.
Kolkrabe
11. Juni 2012 12:21
Im Phaidros erinnert Platon an den ägyptischen Theuth-Mythos. Demnach ist die Schrift durchaus nicht nur von Nutzen, sondern stellt geradezu eine Gefahr für das Gedächtnis der lernenden Seele dar. Platon würde über Fahrenheit 451 vermutlich so urteilen: Ob Bücher verbrannt werden oder nicht, ist - sofern nicht begrüßenswert, um das Gedächtnis wieder mehr zu fordern - wenigstens doch sekundär.

Denn allein die Ideen in den Büchern sind wichtig (bzw. können es sein, denn nicht jedes gedruckte Werk repräsentiert eine Idee) - diese Ideen werden natürlich als geistige Substanz nicht mitverbrannt. Ideen sind in der Theoria (der geistigen Schau) zugänglich, der gegenüber die Lektüre nur einen defizienten Modus darstellt.

Der reine Besitz von Büchern bedeutet mithin gar nichts. Einer kann Tausende Bücher besitzen und sogar gelesen haben und dennoch nur ein Schwachkopf mit Bildungsbürgertapete sein.

Nicht das Buch also ist die scharf geladene Waffe, sondern die Idee. Die ist dem Denken überall und jederzeit zugänglich.
Ein Fremder aus Elea
11. Juni 2012 12:47
Ich würde mir nicht zu viel auferlegen und lediglich den Politikos von Platon auswendig lernen, wozu auch Wort für Wort, als es anderen weiterzuerzählen?

Für einen selbst genügt es ja, es dem Sinn nach zu erinnern.
Turmkönig
11. Juni 2012 12:51
Oskar Werner stand nicht nur Pate für die Figur des Montags in der Verfilmung von "Fahrenheit 451" aus den 1960er Jahren. Auch seine Rezitationsstimme half mir, "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" sowie einige Gedichte Rainer Maria Rilkes auswendig zu lernen. Ohne seine Stimme kann ich mir so gut wie kein Rilkegedicht mehr denken.
Das gleiche gilt in abgeschwächter Form für Klaus Kinsi in bezug auf Friedrich Nietzsche und für Gert Westphal in bezug auf Hermann Hesse. Außerdem war mir ein Hörbuch, das einige Ausschnitte aus Ernst von Salomons "Die Geächteten" vortrug, eine große Stütze.

Es ist durchaus eine geistige Schwäche, wenn man zum Einprägen bestimmter Texte also der virtuosen Vorleserstimme eines anderen bedarf, weil die eigene innere Stimme entweder zu leise oder zu schwach ausgebildet ist.
Die Einleitungsworte von Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" sowie einige Gedichtsfetzen von Hölderlin und Goethe, die ich mir vor ein paar Monaten sogar ohne eine fremde Stimme noch leicht in Erinnerung rufen konnte, habe ich nun schon wieder ungewollt aus meinem Gedächtnisspeicher gelöscht.
Raskolnikow
11. Juni 2012 13:29
Je nun,

mein schwächlicher Thorax blasbalgt ganz erwartungsfroh; denn nun kann ich, durch Kubitscheks Note neugierig geworden - ganz meiner Linie treu, nichts Literarisches von Lebenden zu apperzipieren - den Bradbury lesen.

"Und Sie?" - Und ich? Als Genie in Latenz bin ich stets auf der Hut vor den Superlativen, verraten sie doch meist nur unsere Beschränktheit (oder Gemeinheit?). Und auch hier scheint mir der Dämon der falschen Evidenz mit infamer Wurstigkeit ein schiefes Bild in die Köpfe hineinzupraktizieren. Bücher werden nämlich nicht verbrannt, sondern - eine tausendfach endgültigere Auslöschung - "digitalisiert".

Seit Jahren malträtiere ich mich daher mit dem Projekt der Reskriptur resp. Rückverhandschriftlichung (Immerhin fing mit diesem Gutenberg das Unglück an!) mir liebgewordener Bücher (auch Folianten sind darunter). Mittlerweile stapeln sich etliche (natürlich unfertige) Faszikel in meinem Elfenbeinturm ...

Darüber hinaus vergesse man mir die Geistesverrückungen die auch durch Bücher entstanden und entstehen nicht allzu leichtfertig! Mein Lob des Analphabetentums sonderte ich ja bereits an anderer Stelle schon ab ...

R.
ene
11. Juni 2012 15:44
Leben ohne Bücher? Welche Enge!

Und was hätte sie ohne "ihren" Autor gemacht:

www.kino.de/Kinofilm/die-frau-mit-den-fuenf-elefanten/111816
Loki
11. Juni 2012 19:42
Vicco von Bülow/Loriot hat einmal im Interview erzählt, daß er die endlosen, kalten russischen Steppen im Weltkrieg nur überstanden hat, weil sich selber ständig die Klassiker rezitiert hat, die er im Gedächntnis hatte.
Ein Fremder aus Elea
11. Juni 2012 21:28
Loki,

die Menschen sind eben verschieden.

Woher nur diese Angst vor der Leere bei so vielen?

Hat Heidegger nicht was darüber geschrieben?

Mir war so...
Asenkrieger
11. Juni 2012 21:43
Ein sehr guter Artikel zu Bradbury ist auch auf der Homepage von Counter Currents Publishing erschienen.

Vergessen wir nicht, daß in der BRD Bücher verboten oder quasi verboten sind. Es gibt nicht nur eine Liste der "indizierten" Bücher. Es gibt auch eine "geheime" Liste (das ist kein Scherz!) verbotener Bücher, die von der BPS niemandem zugänglich gemacht wird. Wer wissen will, ob ein Buch darin enthalten ist, kann nur nach diesem speziellen Buch, nicht nach der ganzen Liste oder Teilen daraus fragen.

Vergessen sollten wir auch nicht, daß hunderte von Filmen und Tonträgern ebenfalls verboten sind. Bei manchen ist schon der Besitz strafbar (sic!).

Wer das nicht glaubt, kann bei der ominösen "Bundesprüfstelle" nachfragen.
Sixty
11. Juni 2012 22:23
Den Fllm "Fahrenheit 451" (gedreht 1966, mit Oskar Werner und Julie Christie, lief schon öfter im TV) von Francois Truffaut kenne ich schon selt langem. Ich fand ihn immer schon beeindruckend, aber wirklich aktuell ist er eigentlich erst neuerdings geworden, nämlich seit dem albernen Hype um die sogenannten "E-Books".
OJ
11. Juni 2012 22:59
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