Sezession
12. Juni 2012

Nicht jeder kann Bradbury auswendig können

Ellen Kositza / 14 Kommentare

Ich will direkt an Kubitscheks Bradbury-Text anknüpfen: Sein leicht verbrämter Aufruf, das Memorieren poetischer Texte einzuüben, kommt aus berufenem Munde. Kubitschek kann mehr Gedichte aufzusagen, als ich je gelesen habe, gar auf russisch, ohne daß er die Sprache beherrschte. Ein seltener Fleiß, ich werde mir keine Sorgen machen, wenn er mal ins Gefängnis muß.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

In der zeitgenössischen Pädagogik ist vor lauter Selberdenkenmüssen das Auswendiglernen ja stark in den Hintertreffen geraten. Unsere Kinder tun sich nicht besonders schwer damit, es wird ihnen aber kaum – und stets nur minimal – abverlangt. Nun kam es hier im Hause kam  öfters vor, daß die müden Kinder inmitten des Abendgebets gähnen mußten; ein bekanntes Phänomen, das dem Nachlassen der Konzentration und weniger mangelnder Frömmigkeit anzulasten ist. Nun lernen wir seit einigen Monaten das Vaterunser in verschiedenen Sprachen, mühsam Zeile für Zeile zwar (so daß für jede Sprache mehrere Wochen benötigt werden), aber die abendliche Leistung zeigt Wirkung; kein Gähnen mehr.

Jetzt gibt es vermehrt Leute, die sich ihre Lieblingszeilen nicht so gut merken können. Es hat nicht jeder den Kopf dafür. Es gilt nicht mehr für gänzlich unzivilisiert, sich ein nettes Lebensmotto mit Farbe unter die Haut ritzen zu lassen. Dann kann man es stets nachlesen oder sich wenigstens vorlesen lassen. Bekanntermaßen hat sich Roman, der deutsche Kandidat des Europäisches Liederwettbewerb, ein gewichtiges Lebensmotto (samt Mikro!) auf die Brust stechen lassen: Never fearful, always hopeful. Eine hübsche, gleichsam allgemeingültige Ermunterung!

Internationale Sangesgrößen haben es ihm vorgemacht. Rihanna trägt die Weisheit never a failure, always a lesson auf der Haut, Katy Perry schürft noch tiefer und ließ sich (Sanskrit!!) Anungaccati Pravaha!, zu deutsch „Go with the flow!“ stechen, und der intellektuell unangefochtene Star des Pophimmels, Lady Gaga, uferte gar aus und verewigte ihren „Lieblingslyriker Rilke“ mit folgen Worten auf einem Körperteil:

“Prüfen Sie, ob er in der tiefsten Stelle Ihres Herzens seine Wurzeln ausstreckt, gestehen Sie sich ein, ob Sie sterben müßten, wenn es Ihnen versagt würde zu schreiben. Dieses vor allem: Fragen Sie sich in der stillsten Stunde Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?"

Aber auch (noch) wenig prominente Zeitgenossen mögen es philosophisch-lyrisch. Jessica, Studentin und Trägerin der Playboy-Preises "Cybergirl des Monats" läßt auf ihrer glatten Haut in wunderschön geschwungener Schrift das Cicero zugewiesene Motto Dum spiro spero blitzen, und jüngst kamen mir hier im wirklich ländlichen Landkreis zwei weitere tätowierte Kalligraphien unter´s Auge: Einmal in fetter Fraktur an strammer Männerwade unterhalb eines kahlrasierten Schädels Carpe Diem, andermal , als Schultertext: Mann muß Chaos in sich tragen, um einen tanzenden Stern zu gebären. Nietzsche hatte , glaub ich, „man“ geschrieben, aber er schrieb wohl mehr so für Männer, und der Spruchträger war tatsächlich männlichen Geschlechts, also hatte ja alles seine Richtigkeit.

Nun mag mancher Tätowierungen an sich für ein Zeichen von Asozialität halten. Wir mögen es mit Güte betrachten: Schlägt sich darin nicht eine Sehnsucht nach Dauer, nach Absolutheit, nach Schwur und Eid nieder? Nicht jeder hat Geld, Zeit, Fähigkeit und Phantasie, ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen, ein Kind zu zeugen. Wenn er schon die eigene Haut zu Markte tragen muß, dann wenigstens symbolisch aufgeladen! Nun fragt sich manche/r schlicht: womit bloß? Stellvertretend möchte ich “ Adrijanaa“ zitieren, die auf einem Forum namens gofeminin händeringend fragt:

Hallo zusammen!
Ich liebe Tattoos und möchte endlich selbst eins haben. Habe mich für ein Zitat auf dem Schulterblatt entschieden (so ähnlichw ie bei Megan Fox). Das Problem: Mir föllt keins ein. Es ist schon irgednwie blöd im Internet nach zu fragen, aber ich bin momentan einfach sowas von einfallslos. Ich lege in diesem Fall auch nicht viel Wert darauf, ob jemand diesen Spruch schon auf eienr Körperstelle besitzt oder nicht. Ein englischer Zitat wäre am besten. Es können Weisheiten, Zitate aus Songlyrics oder Filmen sein. Falls ihr ein paar Ideen habt, wäre ich sehr froh darüber, was von euch zu hören!

LG, Adi

Die Adi wurde dann von einigen "Mitusern" nachdrücklich gefragt, ob sie denn nicht selbst auf ein paar fesche Zitate käme, die ihr aus der „Seele“ sprächen. Aber:

Ich überleg ja schon die ganze Zeit. . . Hab einige gute Lieder, die ich ganz gerne mag, aber die Texte sind manchmal zu primitiv für ein Tattoo. . . Es ist nicht so einfach

Dabei ist es eben doch ganz einfach! Es gibt bereits einige Netzseiten mit hübschen Sprüchen, die unter die Haut gehen könnten. In einem entsprechenden Ratgeberforum für tätowierbare Sprüche habe ich den hier gefunden:

Wer singt und lacht, braucht Therapie.
Alfred Adler

Das ist tiefsinnig, und mit etwas Mühe könnte man es sogar auswendig lernen - für den Fall, daß man das Zitat im Nacken oder auf dem Po unterbringen will.

Bild: robynlou8
Test


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (14)

Gottfried
12. Juni 2012 08:53

"Die Adi wurde dann von einigen „Mitusern“ nachdrücklich gefragt, ob sie denn nicht selbst auf ein paar fesche Zitate käme, die ihr aus der „Seele“ sprächen."

So sans halt, die Nutzer und Nutzerinnen.
Wobei die Frage offenbleibt, ob es so etwas wie eine Seele in der Realität denn überhaupt gibt, wo nix nichts ist, kann auch nix daraus ned spreche.

Gemütsleiden
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Es können die Gemütskrankheiten
Nur wo Gemüt ist, sich verbreiten;
Drum gehen auch, zu unserm Glück,
Gemütskrankheiten stark zurück.

Eugen Roth

zentralwerkstatt
12. Juni 2012 09:08

Die Sinnsätze der als groß anerkannten Dichter und Denker sind Momentaufnahmen, oftmals wohl auch Kondensationspunkt einer lang dauernden geistigen Entwicklung. Und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sie einfach nachplappert bzw. in die Haut sticheln läßt.

Wir leben in einer Zeit der Schlagwörter und Parolen. Da ist es mithin 'schick', wenn man sich die Gedankenspitzen der Großen in die Fassade ritzen läßt.

Die veröffentlichten Blödsinnigkeiten und Ethikverweigerungen der Politikmachenden sind den Ameisen ins Innere, ins Hirn gebrannt. Das, nicht die kindische Tätowiererei, ist freilich das Drama für uns alle.

Martin Lichtmesz
12. Juni 2012 11:19

Passend dazu gibt es einen Sci-Fi-Roman von Bradbury, "Der illustrierte Mann" (ebenfalls verfilmt), über einen Mann, dessen ganzer Körper mit "engramm"-artigen Tätowierungen bedeckt ist, deren jede auf magische Weise eine Geschichte erzählt. Der Mann ist also eine Art wandelndes Buch, aber nicht jeder kann es/ihn lesen.

Walter
12. Juni 2012 11:24

Dr. Björn Clemens beschrieb in seinem Buch Abendbläue so: "Schönheitskult und Sprachlosigkeit sind Komplementärerscheinungen." An anderer Stelle: "Je weniger der Mensch ist, desto mehr bemüht er sich, darzustellen."
Das ist wohl zutreffend für Adrijanaa.
Gruß
Walter

Ein Fremder aus Elea
12. Juni 2012 11:24

Anungaccati Pravaha!, zu deutsch „Go with the flow!“

Wenn's keine Rückübersetzung ist, bezweifle ich sehr, daß damit dasselbe gemeint ist.

Mein Lieblingszitat aus den Upanischaden ist übrigens dieses.

Und wenn zwei Berge, der südliche und der nördliche, sich auf ihn zu bewegten, der dies weiß, um ihn zu zermalmen, würden sie ihn nicht zermalmen. Doch jene, welche ihn hassen, und jene, welche er haßt, werden um ihn herum sterben.

- Kauschîtaki Upanischad, Adhjâja II, Vers 13

Nur zur Erläuterung, das bezieht sich auf die Sterblich- und Unsterblichkeit der Seelen.

Fraglich allerdings, ob man sich das auf den Rücken tätowieren lassen sollte - hat sowas bedrohliches.

Holger
12. Juni 2012 14:18

Noch zur Rettung der Bücher bei Bradbury. Es gibt heutzutage allerdings auch eine gegenläufige Tendenz: Die bedingungslose Hochschätzung alles Gedruckten. Bücher seien unsere Freunde, es gehöre sich nicht, sie zu verbrennen (s. den gar nicht mal so klugen Heine-Spruch). Die Buchmessen sind überfüllt. Bücher an sich sind nicht "der Geist" und heute ist ihr Inhalt in aller Regel sehr "berechenbar". Ich habe jedenfalls recht gerne ausgemistet und dummes Zeug in den Ofen gesteckt, damit der gute Rest besser zur Geltung kommt.

Für politische Literatur und Populärwissenschaftliches bieten sich übrigens eigene Zusammenfassungen zum Auswendig-Lernen an. Doch in den letzten beiden Beiträgen geht´s ja eher um Schöngeistiges.

Nils Wegner
12. Juni 2012 15:59

Tätowiert sein um des Tattoos willen, das steht gleichwertig neben belesen sein um der Belesenheit willen und all den anderen kleinen Selbstgenügsamkeiten, die nur hinreichender Freizeit und des entsprechenden Bargeldes bedürfen.

Nichts weiter als Fassadenrenovierungen für solche, die innerlich leer sind. Irgendetwas hat doch wohl jeder im Leben, das für ihn Bedeutung besitzt – seien es nun Begegnungen, Erlebnisse, meinethalben auch Musikstücke oder Bücher. Wem aber beim Grübeln (sofern man das denn kann) über ein mögliches Motiv zum Einstechen rein gar nichts von Belang einfällt, außer, daß man unbedingt einen Abglanz von Megan Fox erhaschen möchte, der (oder, im konkreten Fall: die) muß sich doch selbst fragen, ob er eigentlich bis dato überhaupt im eigentlichen Sinne gelebt hat.

alex
12. Juni 2012 19:52

Ach ja - Tätuhs... da war doch noch was:
In der Tat auch ich, dein Sohn Brutus.
Allerdings nicht diese feschen Sprüche welche, wie Fr. Kositza gut illustriert hat, durch die "poster boys/girls" der Unterschicht (Beckham, Rihanna, Perry et al) nun prävalent sind.
Nein, konsequenterweise für den Mann ("Schwur und Eid"), das Stechen der Namen seiner Frauen/Partnerinnen/Abschnittsgefährtinnen...
Da ich jetzt auch in das letzte Lebensdrittel eintrete, kann ich aus Erfahrung sagen, im Laufe der Jahre kommt da was zusammen.
Dies hat immer wieder für interessanten Gespächsstoff gesorgt, erst kürzlich auch mit der eigenen Tochter: "Papa, wer ist denn Jennifer? und wieso steht Elisabeth auf deiner Brust?" etc,etc.
Vielleicht wäre es dann doch besser sich einen schönen Spruch genadelt zu haben.
Man muss ja nicht in die Ferne der Upanidachschäden schweifen, wenn das Gute doch liegt so nah.
Mein Favorit wäre:
"Nune welle got von himele", sprach do Gernôt.
"ob unser tûsent wæren, wir lægen alle tôt,
der sippen dîner mâge, ê wir dir einen man
gæben hie ze gîsel: ez wird et nimmer getân."

Sumer
13. Juni 2012 00:26

Tätowierungen sind eine eher zwiespältige Sache. Bekenne mich ebenfalls diesbezüglich. Bereue es aber heute nichtsdestotrotz, zumal ich es mit vier Stück dann wohl doch recht gut gemeint hatte. Diese hatten ganz sicher alles andere als trivialen, noch nicht einmal säkularen Charakter - dennoch: lasse mir gerade eines entfernen, da sie heute (leider) keine bedeutung mehr für mich haben. Da kann man dann zwar leicht die knallende Peitsche des Inkonsequenz-Vorwurfs auspacken, aber man entwickelt sich letztlich (hoffentlich!) weiter. Ich für meinen Teil bin nicht als Sezessionist im Sinne dieser Seite auf die Welt gekommen. Davon abgesehen: Auch wenn sich die "weltanschaulichen Grundzüge" nun wohl für alle Zeiten ausgebildet und zu Ende geformt haben, sollte man meiner Meinung nach gerade von Zitaten, womöglich ganzen Gedichtstrophen Abstand nehmen. Letztlich läuft dies dann ja doch auf ein Schmücken mit fremden Federn hinaus. Auch schwingt stets ein gewisses unangenehmes Pathos mit. Mir ist es schon schleierhaft, wie man bspw. in "sozialen Netzwerken", in denen sich ja auch nicht gerade wenige "Sezessionisten" tummeln auch nur ein "Lieblingszitat" angeben kann und seien es derer zehn. Lässt sich wirklich die Gesamtheit aller fruchtbaren und gewinnbringenden lektüre derart verkürzen und subsumieren, dass man ihr einen solchen "Ehrenplatz" gewähren würde? Das mit dem Auswendiglernen ist jedoch etwas, dass ich auch schon ins Auge gefasst habe und nun auch mal angehen werde. Gottfried Benn gibt da doch schon einiges brauchbares her...

Gunnar
13. Juni 2012 01:26

Und da war ich mich gestern erst tätowieren..

Sie tun es, um Wind zu machen. Wir müssen es, um Luft zu kriegen

Hubschrauberpilot
13. Juni 2012 14:08

Einschlägig für gebildete Tätowierungen ist der Fernfahrer in Walter Moers' Comic "On the road" - wer solches auf der Haut trägt, muß dann beim Fahren und Tätigkeiten wie 'Säfte tauschen' auch Zwölftonmusik hören.

Joseph de Maistre
13. Juni 2012 17:31

@ Fremder aus Elea:

Dein Zitat erinnert an den Psalm:

Und fallen tausend zu Deiner Seite
Und Zehntausend zu Deiner Rechten,
So wird es Doch Dich nicht treffen

Psalm 91 - der Psalm der Soldaten -
ist das jetzt die transzendente Einheit der Religionen ? :-D

Ein Fremder aus Elea
14. Juni 2012 11:03

Ein Fünkchen Wahrheit steckt in Ihrem Vergleich wohl, Joseph de Maistre.

Immerhin geht es in beiden Fällen um Vertrauen.

Der Kontext des Kauschîtaki Zitats ist aber das Vertrauen darauf, daß jenes, welches den Körpern heute ihr Leben gibt, Geister und Götter (d.h. die Seelen), es auch morgen tun wird.

Die Logik ist im Grunde genommen diese: Nicht unsere Körper geben unserem Geist sein Leben, sondern umgekehrt.

Und nur dadurch, daß wir unsere Seelen in den Schmutz ziehen, können sie Schaden nehmen.

Es ist Usus daraus, daß man die Körper dermaßen schädigen kann, daß sie unser Geist nicht mehr beleben kann, zu schließen, daß es der Körper sei, welcher dem Geist das Leben gibt.

Das ist der Glaube der Meisten.

Wovon sich eben jener absetzt, welcher "dies" weiß, daß es sich umgekehrt verhält.

Und ja, es läßt sich wissen. Das Wort ist durchaus bewußt gewählt.

Helga Müller
24. Juni 2012 19:03

Das Vaterunser in verschiedenen Sprachen seinen Kindern zu lernen- das ist beachtlich.
Danke, daß es solche Mütter gibt

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