Nicht jeder kann Bradbury auswendig können

Ich will direkt an Kubitscheks Bradbury-Text anknüpfen: Sein leicht verbrämter Aufruf, das Memorieren poetischer Texte einzuüben, kommt aus berufenem Munde. Kubitschek kann mehr Gedichte aufsagen, als ich je gelesen habe, gar auf russisch, ohne daß er die Sprache beherrschte. Ein seltener Fleiß, ich werde mir keine Sorgen machen, wenn er mal ins Gefängnis muß.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

In der zeit­ge­nös­si­schen Päd­ago­gik ist vor lau­ter Sel­ber­den­ken­müs­sen das Aus­wen­dig­ler­nen ja stark in den Hin­ter­tref­fen gera­ten. Unse­re Kin­der tun sich nicht beson­ders schwer damit, es wird ihnen aber kaum – und stets nur mini­mal – abver­langt. Nun kam es hier im Hau­se öfters vor, daß die müden Kin­der inmit­ten des Abend­ge­bets gäh­nen muß­ten; ein bekann­tes Phä­no­men, das dem Nach­las­sen der Kon­zen­tra­ti­on und weni­ger man­geln­der Fröm­mig­keit anzu­las­ten ist. Nun ler­nen wir seit eini­gen Mona­ten das Vater­un­ser in ver­schie­de­nen Spra­chen, müh­sam Zei­le für Zei­le zwar (so daß für jede Spra­che meh­re­re Wochen benö­tigt wer­den), aber die abend­li­che Leis­tung zeigt Wir­kung; kein Gäh­nen mehr.

Jetzt gibt es ver­mehrt Leu­te, die sich ihre Lieb­lings­zei­len nicht so gut mer­ken kön­nen. Es hat nicht jeder den Kopf dafür. Es gilt nicht mehr für gänz­lich unzi­vi­li­siert, sich ein net­tes Lebens­mot­to mit Far­be unter die Haut rit­zen zu las­sen. Dann kann man es stets nach­le­sen oder sich wenigs­tens vor­le­sen las­sen. Bekann­ter­ma­ßen hat sich Roman, der deut­sche Kan­di­dat des Euro­päi­sches Lie­der­wett­be­werb, ein gewich­ti­ges Lebens­mot­to (samt Mikro!) auf die Brust ste­chen las­sen: Never fear­ful, always hope­ful. Eine hüb­sche, gleich­sam all­ge­mein­gül­ti­ge Ermunterung!

Inter­na­tio­na­le San­ges­grö­ßen haben es ihm vor­ge­macht. Rihan­na trägt die Weis­heit never a fail­u­re, always a les­son auf der Haut, Katy Per­ry schürft noch tie­fer und ließ sich (Sans­krit!!) Anungac­ca­ti Pra­vaha!, zu deutsch „Go with the flow!“ ste­chen, und der intel­lek­tu­ell unan­ge­foch­te­ne Star des Pophim­mels, Lady Gaga, ufer­te gar aus und ver­ewig­te ihren „Lieb­lings­ly­ri­ker Ril­ke“ mit fol­gen Wor­ten auf einem Körperteil:

“Prü­fen Sie, ob er in der tiefs­ten Stel­le Ihres Her­zens sei­ne Wur­zeln aus­streckt, geste­hen Sie sich ein, ob Sie ster­ben müß­ten, wenn es Ihnen ver­sagt wür­de zu schrei­ben. Die­ses vor allem: Fra­gen Sie sich in der stills­ten Stun­de Ihrer Nacht: Muss ich schreiben?”

Aber auch (noch) wenig pro­mi­nen­te Zeit­ge­nos­sen mögen es phi­lo­so­phisch-lyrisch. Jes­si­ca, Stu­den­tin und Trä­ge­rin der Play­boy-Prei­ses “Cyber­girl des Monats” läßt auf ihrer glat­ten Haut in wun­der­schön geschwun­ge­ner Schrift das Cice­ro zuge­wie­se­ne Mot­to Dum spi­ro spe­ro blit­zen, und jüngst kamen mir hier im wirk­lich länd­li­chen Land­kreis zwei wei­te­re täto­wier­te Kal­li­gra­phien unter´s Auge: Ein­mal in fet­ter Frak­tur an stram­mer Män­ner­wa­de unter­halb eines kahl­ra­sier­ten Schä­dels Car­pe Diem, ander­mal , als Schul­ter­text: Mann muß Cha­os in sich tra­gen, um einen tan­zen­den Stern zu gebä­ren. Nietz­sche hat­te , glaub ich, „man“ geschrie­ben, aber er schrieb wohl mehr so für Män­ner, und der Spruch­trä­ger war tat­säch­lich männ­li­chen Geschlechts, also hat­te ja alles sei­ne Richtigkeit.

Nun mag man­cher Täto­wie­run­gen an sich für ein Zei­chen von Aso­zia­li­tät hal­ten. Wir mögen es mit Güte betrach­ten: Schlägt sich dar­in nicht eine Sehn­sucht nach Dau­er, nach Abso­lut­heit, nach Schwur und Eid nie­der? Nicht jeder hat Geld, Zeit, Fähig­keit und Phan­ta­sie, ein Haus zu bau­en, einen Baum zu pflan­zen, ein Kind zu zeu­gen. Wenn er schon die eige­ne Haut zu Mark­te tra­gen muß, dann wenigs­tens sym­bo­lisch auf­ge­la­den! Nun fragt sich manche/r schlicht: womit bloß? Stell­ver­tre­tend möch­te ich “ Adri­ja­naa“ zitie­ren, die auf einem Forum namens gofe­mi­nin hän­de­rin­gend fragt:

Hal­lo zusammen!
Ich lie­be Tat­toos und möch­te end­lich selbst eins haben. Habe mich für ein Zitat auf dem Schul­ter­blatt ent­schie­den (so ähn­lichw ie bei Megan Fox). Das Pro­blem: Mir föllt keins ein. Es ist schon irgednwie blöd im Inter­net nach zu fra­gen, aber ich bin momen­tan ein­fach sowas von ein­falls­los. Ich lege in die­sem Fall auch nicht viel Wert dar­auf, ob jemand die­sen Spruch schon auf eienr Kör­per­stel­le besitzt oder nicht. Ein eng­li­scher Zitat wäre am bes­ten. Es kön­nen Weis­hei­ten, Zita­te aus Songly­rics oder Fil­men sein. Falls ihr ein paar Ideen habt, wäre ich sehr froh dar­über, was von euch zu hören!

LG, Adi

Die Adi wur­de dann von eini­gen “Mitusern” nach­drück­lich gefragt, ob sie denn nicht selbst auf ein paar fesche Zita­te käme, die ihr aus der „See­le“ sprä­chen. Aber:

Ich über­leg ja schon die gan­ze Zeit… Hab eini­ge gute Lie­der, die ich ganz ger­ne mag, aber die Tex­te sind manch­mal zu pri­mi­tiv für ein Tat­too… Es ist nicht so einfach

Dabei ist es eben doch ganz ein­fach! Es gibt bereits eini­ge Netz­sei­ten mit hüb­schen Sprü­chen, die unter die Haut gehen könn­ten. In einem ent­spre­chen­den Rat­ge­ber­fo­rum für täto­wier­ba­re Sprü­che habe ich den hier gefunden:

Wer singt und lacht, braucht Therapie.
Alfred Adler

Das ist tief­sin­nig, und mit etwas Mühe könn­te man es sogar aus­wen­dig ler­nen – für den Fall, daß man das Zitat im Nacken oder auf dem Po unter­brin­gen will.

Test

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (14)

Gottfried

12. Juni 2012 08:53

"Die Adi wurde dann von einigen „Mitusern“ nachdrücklich gefragt, ob sie denn nicht selbst auf ein paar fesche Zitate käme, die ihr aus der „Seele“ sprächen."

So sans halt, die Nutzer und Nutzerinnen.
Wobei die Frage offenbleibt, ob es so etwas wie eine Seele in der Realität denn überhaupt gibt, wo nix nichts ist, kann auch nix daraus ned spreche.

Gemütsleiden
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Es können die Gemütskrankheiten
Nur wo Gemüt ist, sich verbreiten;
Drum gehen auch, zu unserm Glück,
Gemütskrankheiten stark zurück.

Eugen Roth

zentralwerkstatt

12. Juni 2012 09:08

Die Sinnsätze der als groß anerkannten Dichter und Denker sind Momentaufnahmen, oftmals wohl auch Kondensationspunkt einer lang dauernden geistigen Entwicklung. Und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sie einfach nachplappert bzw. in die Haut sticheln läßt.

Wir leben in einer Zeit der Schlagwörter und Parolen. Da ist es mithin 'schick', wenn man sich die Gedankenspitzen der Großen in die Fassade ritzen läßt.

Die veröffentlichten Blödsinnigkeiten und Ethikverweigerungen der Politikmachenden sind den Ameisen ins Innere, ins Hirn gebrannt. Das, nicht die kindische Tätowiererei, ist freilich das Drama für uns alle.

Martin Lichtmesz

12. Juni 2012 11:19

Passend dazu gibt es einen Sci-Fi-Roman von Bradbury, "Der illustrierte Mann" (ebenfalls verfilmt), über einen Mann, dessen ganzer Körper mit "engramm"-artigen Tätowierungen bedeckt ist, deren jede auf magische Weise eine Geschichte erzählt. Der Mann ist also eine Art wandelndes Buch, aber nicht jeder kann es/ihn lesen.

Walter

12. Juni 2012 11:24

Dr. Björn Clemens beschrieb in seinem Buch Abendbläue so: "Schönheitskult und Sprachlosigkeit sind Komplementärerscheinungen." An anderer Stelle: "Je weniger der Mensch ist, desto mehr bemüht er sich, darzustellen."
Das ist wohl zutreffend für Adrijanaa.
Gruß
Walter

Ein Fremder aus Elea

12. Juni 2012 11:24

Anungaccati Pravaha!, zu deutsch „Go with the flow!“

Wenn's keine Rückübersetzung ist, bezweifle ich sehr, daß damit dasselbe gemeint ist.

Mein Lieblingszitat aus den Upanischaden ist übrigens dieses.

Und wenn zwei Berge, der südliche und der nördliche, sich auf ihn zu bewegten, der dies weiß, um ihn zu zermalmen, würden sie ihn nicht zermalmen. Doch jene, welche ihn hassen, und jene, welche er haßt, werden um ihn herum sterben.

- Kauschîtaki Upanischad, Adhjâja II, Vers 13

Nur zur Erläuterung, das bezieht sich auf die Sterblich- und Unsterblichkeit der Seelen.

Fraglich allerdings, ob man sich das auf den Rücken tätowieren lassen sollte - hat sowas bedrohliches.

Holger

12. Juni 2012 14:18

Noch zur Rettung der Bücher bei Bradbury. Es gibt heutzutage allerdings auch eine gegenläufige Tendenz: Die bedingungslose Hochschätzung alles Gedruckten. Bücher seien unsere Freunde, es gehöre sich nicht, sie zu verbrennen (s. den gar nicht mal so klugen Heine-Spruch). Die Buchmessen sind überfüllt. Bücher an sich sind nicht "der Geist" und heute ist ihr Inhalt in aller Regel sehr "berechenbar". Ich habe jedenfalls recht gerne ausgemistet und dummes Zeug in den Ofen gesteckt, damit der gute Rest besser zur Geltung kommt.

Für politische Literatur und Populärwissenschaftliches bieten sich übrigens eigene Zusammenfassungen zum Auswendig-Lernen an. Doch in den letzten beiden Beiträgen geht´s ja eher um Schöngeistiges.

Nils Wegner

12. Juni 2012 15:59

Tätowiert sein um des Tattoos willen, das steht gleichwertig neben belesen sein um der Belesenheit willen und all den anderen kleinen Selbstgenügsamkeiten, die nur hinreichender Freizeit und des entsprechenden Bargeldes bedürfen.

Nichts weiter als Fassadenrenovierungen für solche, die innerlich leer sind. Irgendetwas hat doch wohl jeder im Leben, das für ihn Bedeutung besitzt – seien es nun Begegnungen, Erlebnisse, meinethalben auch Musikstücke oder Bücher. Wem aber beim Grübeln (sofern man das denn kann) über ein mögliches Motiv zum Einstechen rein gar nichts von Belang einfällt, außer, daß man unbedingt einen Abglanz von Megan Fox erhaschen möchte, der (oder, im konkreten Fall: die) muß sich doch selbst fragen, ob er eigentlich bis dato überhaupt im eigentlichen Sinne gelebt hat.

alex

12. Juni 2012 19:52

Ach ja - Tätuhs... da war doch noch was:
In der Tat auch ich, dein Sohn Brutus.
Allerdings nicht diese feschen Sprüche welche, wie Fr. Kositza gut illustriert hat, durch die "poster boys/girls" der Unterschicht (Beckham, Rihanna, Perry et al) nun prävalent sind.
Nein, konsequenterweise für den Mann ("Schwur und Eid"), das Stechen der Namen seiner Frauen/Partnerinnen/Abschnittsgefährtinnen...
Da ich jetzt auch in das letzte Lebensdrittel eintrete, kann ich aus Erfahrung sagen, im Laufe der Jahre kommt da was zusammen.
Dies hat immer wieder für interessanten Gespächsstoff gesorgt, erst kürzlich auch mit der eigenen Tochter: "Papa, wer ist denn Jennifer? und wieso steht Elisabeth auf deiner Brust?" etc,etc.
Vielleicht wäre es dann doch besser sich einen schönen Spruch genadelt zu haben.
Man muss ja nicht in die Ferne der Upanidachschäden schweifen, wenn das Gute doch liegt so nah.
Mein Favorit wäre:
"Nune welle got von himele", sprach do Gernôt.
"ob unser tûsent wæren, wir lægen alle tôt,
der sippen dîner mâge, ê wir dir einen man
gæben hie ze gîsel: ez wird et nimmer getân."

Sumer

13. Juni 2012 00:26

Tätowierungen sind eine eher zwiespältige Sache. Bekenne mich ebenfalls diesbezüglich. Bereue es aber heute nichtsdestotrotz, zumal ich es mit vier Stück dann wohl doch recht gut gemeint hatte. Diese hatten ganz sicher alles andere als trivialen, noch nicht einmal säkularen Charakter - dennoch: lasse mir gerade eines entfernen, da sie heute (leider) keine bedeutung mehr für mich haben. Da kann man dann zwar leicht die knallende Peitsche des Inkonsequenz-Vorwurfs auspacken, aber man entwickelt sich letztlich (hoffentlich!) weiter. Ich für meinen Teil bin nicht als Sezessionist im Sinne dieser Seite auf die Welt gekommen. Davon abgesehen: Auch wenn sich die "weltanschaulichen Grundzüge" nun wohl für alle Zeiten ausgebildet und zu Ende geformt haben, sollte man meiner Meinung nach gerade von Zitaten, womöglich ganzen Gedichtstrophen Abstand nehmen. Letztlich läuft dies dann ja doch auf ein Schmücken mit fremden Federn hinaus. Auch schwingt stets ein gewisses unangenehmes Pathos mit. Mir ist es schon schleierhaft, wie man bspw. in "sozialen Netzwerken", in denen sich ja auch nicht gerade wenige "Sezessionisten" tummeln auch nur ein "Lieblingszitat" angeben kann und seien es derer zehn. Lässt sich wirklich die Gesamtheit aller fruchtbaren und gewinnbringenden lektüre derart verkürzen und subsumieren, dass man ihr einen solchen "Ehrenplatz" gewähren würde? Das mit dem Auswendiglernen ist jedoch etwas, dass ich auch schon ins Auge gefasst habe und nun auch mal angehen werde. Gottfried Benn gibt da doch schon einiges brauchbares her...

Gunnar

13. Juni 2012 01:26

Und da war ich mich gestern erst tätowieren..

Sie tun es, um Wind zu machen. Wir müssen es, um Luft zu kriegen

Hubschrauberpilot

13. Juni 2012 14:08

Einschlägig für gebildete Tätowierungen ist der Fernfahrer in Walter Moers' Comic "On the road" - wer solches auf der Haut trägt, muß dann beim Fahren und Tätigkeiten wie 'Säfte tauschen' auch Zwölftonmusik hören.

Joseph de Maistre

13. Juni 2012 17:31

@ Fremder aus Elea:

Dein Zitat erinnert an den Psalm:

Und fallen tausend zu Deiner Seite
Und Zehntausend zu Deiner Rechten,
So wird es Doch Dich nicht treffen

Psalm 91 - der Psalm der Soldaten -
ist das jetzt die transzendente Einheit der Religionen ? :-D

Ein Fremder aus Elea

14. Juni 2012 11:03

Ein Fünkchen Wahrheit steckt in Ihrem Vergleich wohl, Joseph de Maistre.

Immerhin geht es in beiden Fällen um Vertrauen.

Der Kontext des Kauschîtaki Zitats ist aber das Vertrauen darauf, daß jenes, welches den Körpern heute ihr Leben gibt, Geister und Götter (d.h. die Seelen), es auch morgen tun wird.

Die Logik ist im Grunde genommen diese: Nicht unsere Körper geben unserem Geist sein Leben, sondern umgekehrt.

Und nur dadurch, daß wir unsere Seelen in den Schmutz ziehen, können sie Schaden nehmen.

Es ist Usus daraus, daß man die Körper dermaßen schädigen kann, daß sie unser Geist nicht mehr beleben kann, zu schließen, daß es der Körper sei, welcher dem Geist das Leben gibt.

Das ist der Glaube der Meisten.

Wovon sich eben jener absetzt, welcher "dies" weiß, daß es sich umgekehrt verhält.

Und ja, es läßt sich wissen. Das Wort ist durchaus bewußt gewählt.

Helga Müller

24. Juni 2012 19:03

Das Vaterunser in verschiedenen Sprachen seinen Kindern zu lernen- das ist beachtlich.
Danke, daß es solche Mütter gibt

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