Sezession
14. Juni 2012

Schreibtisch, Garten, Alltag (III): Wagner in Bayreuth, Wagner in Mannheim

Götz Kubitschek / 13 Kommentare

Kam dem täglichen Schwund unter den Hühner-Küken auf die Schliche: Es ist ein Elstern-Duo, das die kleinen Hühner anfliegt, eines von der Glucke trennt, ihm den Kopf mit wenigen Schnabelhieben abhackt und sich danach kreischend auf der nahen Pappel niederläßt. Nichts weiter: kein Verzehr der Beute, nie zwei Küken an einem Tag; jedenfalls nahm dieses Ritual heute morgen einen für die Elstern eindrücklich anderen Verlauf.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

War vergangene Woche in der seit 1957 nur unwesentlich veränderten Mannheimer Inszenierung des "Parsifal" von Richard Wagner und will nach dieser in jeder Hinsicht dem Werk "dienenden" Aufführung ab sofort keinem Experiment mehr beiwohnen. Der "Parsifal" Stefan Herheims, den ich 2010 auf Einladung eines Lesers in Bayreuth verfolgen konnte, erscheint "nach Mannheim" erst recht als das, was er ist: eine die Musik erwürgende, phasenweise an einen MTV-Clip erinnernde, keine naheliegende Anspielung und Provokation auslasssende Überladung.

Gründlicher kann man die Absicht Wagners nicht zerstören: Die Verwandlung von Raum, Zeit und Persönlichkeit durch die Weitergabe eines Auftrags, eines Amtes, einer Würde verlangt nach ruhigem Bildwechsel, nach Schlichtheit und klarer Symbolsprache. In Bayreuth wird aus Entwicklung durch Herheim seit 2008 chaotisches Wuchern, in Mannheim ist die Wandlung des naiven Parsifal zum Erneuerung des Gralsrittertums unmittelbar einleuchtend, und: Warum sich rechtfertigen dafür, daß etwas so bestehen bleibt, wie es für gültig befunden wird, und zwar Jahr für Jahr wieder an Karfreitag und Fronleichnam von jeweils 1200 Zuschauern, die aus ganz Deutschland anreisen, um Wagners "Bühnenweihfestspiel" nicht zerfetzt zu sehen?

Das ist überhaupt eine Beobachtung, die man - heruntergedimmt - auch auf Mittelaltermärkten machen kann: Dort, wo es um die Substanz des Deutschen geht, sind wir Deutschen unter uns, und man weiß hernach wieder genau, wer man ist (ohne daß mans aufdröseln oder erklären könnte). So hat es mich auch nicht gewundert, daß mich in Mannheim (wie vor zwei Monaten auch schon in Berlin, wo Harry Kupfers "Tristan und Isolde" wieder in den Spielplan aufgenommen wurde) Leser der Sezession ansprachen. Es scheint Treffpunkte zu geben, zu denen wir an Fäden entlang finden.

Wer in Mannheim teilhaben möchte, muß sich früh um Karten bemühen. Und wer wissen möchte, welche Magie von einer Stabübergabe ausgehen kann, höre in dieser Einspielung des Vorspiels ab etwa 7.20 den Wechsel von Holzbläsern zu Streichern, dann zu Hörnern und zuletzt zu den Blechbläsern: Auftragserteilung - sanft, aber dennoch unmißverständlich und auswegslos.

Wer weiß eigentlich, daß der Leiter des Parlamentarischen Beratungsdienstes der NPD im Sächsischen Landtag, Karl Richter, ein wirklich hervorragendes Buch über Wagner verfaßt hat? Visionen. Werk, Weltanschauung, Deutung heißt es im Untertitel, man kann die Ausgabe von 1993 für wenig Geld gebraucht kaufen.

Test


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (13)

Trost
14. Juni 2012 23:49

Erst einmal Danke für den Tipp Mannheim.
Wenn ich etwas über die Aufführungen in Bayreuth höre, fällt mir als erstes die Aussage von Maria Furtwängler-Burda ein, die ja sagte "wenn man die Augen schloss war es ganz schön" (Gedächtnisprotokoll). Das denke ich fast es ganz gut zusammen.
Ich muss allerdings auch mal Darmstadt unter John Dew loben, bisher habe ich die Meistersinger und den Ring gesehen und beide waren sehr gut in der Aufführung.

Michael Paulwitz
15. Juni 2012 02:32

Das weckt Erinnerungen an all die Parsifal-Abende in der Münchner Staatsoper, Ende der 80er, Anfang der 90er, mit Rene Kollo als Parsifal und dem klugen und balsamischen Baß Kurt Molls als Gurnemanz (hier, nicht in München, mit Siegfried Jerusalem: https://www.youtube.com/watch?v=DwdYZWFrBBM). Außer bisweilen zu den Festspielen wurde der Parsifal nur dreimal im Jahr gegeben, Palmsonntag, Gründonnerstag, Ostersonntag; in manchem Jahr mußten's alle drei Vorstellungen sein. Die alte Münchner Inszenierung (vor 1995) hatte noch etwas von Neu-Bayreuther Bühnenbild-Entrümpelung; die Tuchsäulen, die sich von Bäumen im Gralswald zu Kathedralenpfeilern wandelten, ein Echo von Karajans Salzburger Lichtdom. Mythos will zeitlos inszeniert sein, ohne zwanghafte Aktualisierung und Firlefanz, sonst wird er vom Geschwätz verschüttet.

Michael Paulwitz
15. Juni 2012 02:35

Nachschrift: Die Empfehlung, Karl Richters Wagner-Buch von 1993 wieder zur Hand zu nehmen, kann ich uneingeschränkt unterstreichen.

Lilo Müller
15. Juni 2012 08:27

"Der neue Ring" in Mannheim ist in diesem Sinne Horror pur: verkrampfte besinnungslose "Dekonstruktion" von allem und jedem, Hitler muss natürlich auch vielfach geklont aufmarschieren. Liegt's daran, dass die Zuschauerzahlen sehr gering sind?

Ein Fremder aus Elea
15. Juni 2012 10:14

Habe bisher noch nicht Parsifal auf der Bühne gesehen. Einmal Tristan und Isolde in Hamburg, war enttäuschend. Und einmal den Ring in Kiel. War streckenweise exzellent, beispielsweise das Gespräch der Nornen zu Beginn der Götterdämmerung, auch der Trauermarsch war ordentlich, der Herzschlag als solcher erkennbar, wird sonst ja regelmäßig derartig gestreckt, daß es sich nach gar nichts mehr anhört, wohingegen das Waldweben im Siegfried zu mechanisch rüberkam. Ich glaube irgendein russischer Dirigent hat vor nicht allzu langer Zeit den Ring im Furtwängler Stil dirigiert, aber ich habe nur Ausschnitte davon gehört und kann mich auch an den Namen nicht mehr erinnern. Hat aber meinen Segen, besser imitieren als vermurksen.

Ich kann leider nicht behaupten, so etwas wie einen Lieblingsparsifal zu haben, soweit es die Musik betrifft, aber diese Aufführung finde ich musikalisch und inszenatorisch, soweit ich sie kenne, insbesondere die Wahl der Stimmen, doch sehr gelungen:

https://www.youtube.com/watch?v=DwdYZWFrBBM
https://www.youtube.com/watch?v=RX5f0ZYO7d8

Für mich steht übrigens weniger das Amt im Mittelpunkt von Parsifal als die gewandelte Gläubigkeit.

KUNDRY
(neigt langsam das Haupt; dann bringt
sie, rauh und abgebrochen, hervor)
Dienen... dienen!

GURNEMANZ:
(den Kopf schüttelnd)
Das wird dich wenig mühn!
Auf Botschaft sendet sich's nicht mehr;
Kräuter und Wurzeln
findet ein jeder sich selbst.
Wir lernten's im Walde vom Tier.

Einen Zustand, welchen Parsifal zementiert, indem er Kundry tauft. (Nun ja, was auch immer man davon hält, so hat Wagner den Parsifal aber wohl gemeint, nicht wahr?)

Etwas ausführlicher dazu:

https://bereitschaftsfront.blogspot.com/2011/03/parsifal.html

Christoph Mike Dietel
15. Juni 2012 11:40

Sehr geehrter Herr Kubitschek,

als Konsument Ihrer Schreibarbeit, versetze ich mich nicht ohne Neid in ihre Existenz als Rittergutsbesitzer und Bauer.....diese Naturnähe verschafft Erkenntisvorsprünge. Sie konnten also beobachten, daß Elstern tatsächlich humane Züge haben und offenbar nicht nur aus Hungersnot töten, sondern mit Lust morden. Täten sie das auch mit ihren Artgenossen, würde man ihnen Menschlichkeit und Menschenrechte kaum noch versagen können.....insoweit bleibt zu hoffen, daß Sie dem Federvieh nicht etwa mit Blei zu Leibe gerückt sein werden.

antwort kubitschek:
nein, mit einer holz-rätsche, mit der mir ein knatternder überfall gelang. die elstern haben das weite gesucht. ich werde den vorgang wiederholen.

Spengler
15. Juni 2012 14:22

Widerspruch
Sehr geehrter Herr Kubitschek,
ich habe die 2011 er Aufführung von Herheims Parsifal in Bayreuth ganz anders aufgenommen. Sein Panoptikum der deutschen Geschichte( ja es war manchmal platt) hatet einen interessanten Schluss, der zum Nachdenken provoziert. Auch die vielgerühmte bundesrepublikanische Grundordnung vergeht und ist nicht das Ende der Geschichte. Ich denke Herheim hat durchaus nichtlinks und nicht PC korrekt eine zaghafte Antwort zur ach so einseitigen Geschichtsklitterung der deuschen Medien gefunden. Ob das allerdings dem wagnerischen Erlösungsgedanken gerecht wird habe ich mich auch gefragt. Wer erlöst das deutsche Volk von seiner Blindheit und Taubheit?

Lars
15. Juni 2012 15:13

Vielen Dank für Tip! Buch ist bestellt und Mannheim werde ich mir merken. Alles Gute für Sie!

wutausliebe
15. Juni 2012 23:34

An Spengler (aber nicht nur):

"Wer erlöst das deutsche Volk von seiner Blindheit und Taubheit?"

Jeder einzelne von uns sollte dies tun!

Und wieder bleibt die Frage: wer tut es denn tatsächlich?
Wenn alle die sehen und hören können, in ihrem kleinen oder größeren direkten Umfeld aufklären, verstehen helfen, wachrütteln und mutig die Dinge beim Namen nennen... Herrschaften, dann sind wir bereits mitten drin in unserer Revolution!

Bitte, kritisieren Sie nun nicht mich und meinen Glauben an die Sache, gehen Sie alle, jeder für sich ihrer Wege und sprechen Sie aus was gesagt werden muß.

(Ich tue es jedenfalls auf Teufel komm raus, und der ist garantiert schon unterwegs... xD)

Meinen tiefempfundenen Dank jedem, der es wagt.

Honoré de la Canardière
17. Juni 2012 21:06

Herr Kubitschek, Sie sprechen mir aus der Seele.

Am Gründonnerstag 2009 hatte ich noch das Glück einen hochklassischen Parsifal in Wien zu erleben; Peter Schneider beherrschte in seinem vorletzten Jahr das Werk hervorragend.
Daß die hübsche und schlanke Angela Denoke (Kundry) dabei ihre Brust entblößte, störte mich – nicht nur als Mann, sondern auch als Ästheten – gar nicht, im Gegenteil.

Umso enttäuschter war ich dieses Jahr nicht nur von der „modernen“ Inszenierung, sondern auch von Christian Thielemann, der das Werk so schnell erledigte wie ein italienischer Dirigent (hatte er es an diesem Abend eilig?).

Auch zu erwähnen: Am Karfreitag 2011 sorgte Markus Stenz – ein Kraftpaket – für eine sehr gelungene Aufführung an der Oper Köln.

Alchemilla mollis
18. Juni 2012 13:39

Als klingenden Dank für Ihren Mannheim-Verweis, Herr Kubitschek, das Parsifal-Vorspiel unter Furtwängler, erklungen am 15.3.1938, für meine Ohren ein Traum, begleitet von Gemälden Hermann Hendrichs:
Teil I:
https://www.youtube.com/watch?v=GlIbqzSeIeE
Teil II:
https://www.youtube.com/watch?v=EIuewebfd_8&feature=relmfu

antwort kubitschek:
danke dafür. wiisen Sie, daß es derzeit bei zweitausendeins eine wagner-sammlung sämtlicher opern in istorischen aufnahmen gibt, die älteste von 1944? der preis von 32.99 euro ist absurd niedrig: https://www.zweitausendeins.de/richard-wagner-the-complete-opera-collection.html

Alchemilla mollis
18. Juni 2012 14:14

Danke auch für diesen Tip. Ich hab's soeben bestellt, hatte bisher nur die Einspielungen mit Birgit Nilsson/Wolfgang Windgassen gesammelt.
Was Sie übrigens über Ihr Elster-Problem berichteten, erinnert mich an Name und Symbol dieses irrsinnig logischen Steuerklärungssystems des Finanzamtes. Wer dem diesen Namen verpaßt hat, hatte jedenfalls Sinn für Humor.

Dirk
19. Juni 2012 15:57

Neben dem inszwischen legendären Mannheimer Parsifal
kann man das leider in seiner Existenz bedrohte
https://www.wagner-festival-wels.net/ empfehlen.
Inszenierungen aus dem Geist der Partitur und nicht
die Profilneurosen des neokonventionellen Regietheaters.
Desweiteren wird im November die letzte ansehenswerte
Wagner-Inszenierung in Wien wiederaufgenommen:
"Die Meistersinger von Nürnberg" in der Regie von
Otto Schenk, der auch persönlich die Wiederaufnahme
leitet. Als letztes sei noch auf die
www.wagner-gesellschaft.de verwiesen, die seit 35 Jahren
gegen den Regie-Irrsinn kämpft.

PS. Das Richter-Buch hat seinerzeit ein Skandälchen
ausgelöst, was für die Qualität des Werkes spricht

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