Sezession
25. Juni 2012

Oswald Spengler, Philosoph des Lebens (Fundstücke 12)

Martin Lichtmesz

Ich las Oswald Spenglers Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes"  zuerst im Alter von 20 Jahren, unbefangen und naiv, ohne die leiseste Ahnung von der "konservativen Revolution" und ohne das geringste Interesse an Politik. Wie viele Leser Spenglers wurde ich von dem zauberischen Titel des Buches angezogen, aber auch der Name des Autors übte eine eigenartige Magie auf mich aus.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es hat seine guten Gründe, warum Spengler zu der kleinen Handvoll Autoren der KR gehört, die heute noch gelesen und gedruckt werden. Wo immer über das Schicksal des "Westens", den "Kampf der Kulturen" oder gar das "Ende der Geschichte" diskutiert wird, steht seine überragende Gestalt im Hintergrund, mal mehr, mal weniger deutlich sichtbar.

Zu kurz kommt dabei Spenglers literarischer Rang, seine sprachliche Gestaltungskraft, die ihn in die Familie der "Dichterphilosophen" wie Nietzsche oder Kierkegaard einreiht. Mag man den "Untergang des Abendlandes" noch so sehr bis ins Detail kritisieren oder wissenschaftlich zerpflücken, das große, farbige Breitwandepos der auf- und absteigenden Kulturkreise, das Spengler gemalt hat, wird man nie mehr vergessen, wenn man es einmal in sich aufgenommen hat.

Besonderen Eindruck machte auf mich Spenglers Ehrfurcht vor dem Geheimnis, dem Außerrationalen, dem Unerklärlichen. Er meinte zwar, einen Schlüssel zur Weltgeschichte gefunden zu haben, erhob den Anspruch des Alles-Wissens und Alles-Überblickens, aber er maßte sich dabei niemals die reduktionistische Rolle des "Durchschauers"  oder "Entlarvers" an. Für Spengler wuchs die Rätselhaftigkeit der Welt, je mehr man von ihr wußte.

Er betrachtete das Kommen und Gehen der Religionen von einem relativistischen (man kann wohl sagen: agnostischen) Standpunkt aus, auf dem es soetwas wie eine ewige, absolute Wahrheit nicht geben kann. Spengler interessierte sich aber eher für die Form und die Wirkung der Glaubensüberzeugungen der Menschheit als ihre "Wahrheit", die ohnehin nur auf einer gänzlich anderen als der verstandesmäßigen Ebene zu erfassen war: so schied er die Welt der "Tatsachen" von der Welt des Glaubens und des Geistes, die sich beide unverrückbar gegenüberstanden und eigene Reiche mit eigenen Gesetzen bildeten. Einige wenige Fixpunkte schienen ihm im Chaos des ewigen Werdens und Vergehens klar erkennbar zu sein: etwa, daß das Leben ein niemals endender Kampf und der Mensch ein Raubtier mit einem gefährlichen und gefährdenden Bewußtsein und dem Willen zur Macht sei.

Spengler war ein überaus moderner, existenzialistischer Philosoph. Es wird heute oft übersehen und vergessen, wie sehr die Erfahrung der Angst im Zentrum seines Denkens steht. Damit ist nicht bloße Ängstlichkeit oder Furcht gemeint (Spengler war privat ein überaus ängstlicher und feinnerviger Mensch), sondern die archaische Urangst des zum Bewußtsein erwachten Lebens überhaupt, die Unfaßbarkeit der Erkenntnis, daß überhaupt etwas existiert, und die noch größere Unfaßbarkeit, daß es gleichzeitig vor unseren Augen unaufhaltsam ins Nichts zerfließt wie die Körner der Sanduhr. Spengler war in seinem Weltzugang durchaus Pascal verwandt, den das "ewige Schweigen der unendlichen Räume" erschaudern ließ, oder auch Kierkegaard, der in sein Tagebuch schrieb:

 Das ganze Dasein ängstigt mich, von der kleinsten Mücke bis zu den Geheimnissen der Inkarnation; ganz ist es mir unerklärlich, am meisten ich selbst; das ganze Dasein ist mir verpestet, am meisten ich selbst.

Wer solchermaßen dem Dasein und seiner Unfaßbarkeit gegenübersteht, ringt um Fassung, um Form, um Haltung. Wenn man so will, kann man all dies in dem berühmten, ikonischen Porträtphoto Spenglers ablesen. Der düstere, direkt auf den Betrachter gerichtete, zugleich herausfordende wie distanzhaltende Blick kündet von Tragik und Härte, aber auch von Leiden und Angst, die deutlich durch die disziplinierte, strenge Maske seines Gesichts scheinen.

So sieht ein Mann aus, der gewillt ist, durchzuhalten, und der Leere, dem Untergang, dem Tod ins Auge zu schauen, der dabei sein Gegenüber abmißt und fragt: Bist du sicher, daß du wissen willst, was ich weiß? Bist du bereit und imstande, zu ertragen, was ich sehe? Zu stehen, zu verstehen, zu bestehen? Stehst du überhaupt nur deshalb noch, weil du blind und unwissend bist? Einer von Spenglers berühmtesten Sätzen, "Optimismus ist Feigheit", wurde von Heiner Müller so paraphrasiert: "Optimismus ist nur ein Mangel an Information."  Und natürlich muß man hier auch an die Zeilen Gottfried Benns denken:

... schweigen und walten,
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt.

So war für Spengler auch das Denken, Schreiben und Erkennen vor allem eine Form des Bestehens, der Bewahrung von Würde, der heroischen Selbstbehauptung des Ichs vor seinem unausweichlichem Zerfall. Und hierin liegt, jenseits aller historischen und politischen Gebundenheiten, seine zeitlose Kraft und Wirkung.

Dies wurde mir vor ein paar Tagen wieder bewußt, als mir in einem Wiener Antiquariat eine 1941 erschienene Sammlung von "Gedanken" Spenglers, aus seinen Büchern herausgepflückt und aphoristisch heruntergebrochen, in die Hände fiel. Es gibt nun zugegeben nichts Lähmenderes, als Lesebücher mit einer "Auswahl aus dem Werk" eines Autors für den schnellen Reader's Digest-Gebrauch - aber in diesem Fall schien mir die Idee, einen Band aus "künstlichen" Aphorismen zusammenzustellen, gar nicht so schlecht, ja naheliegend. Spengler war ein Meister der lapidaren Sätze, der apodiktischen Behauptungen, der klaren Linien, der jäh erhellenden Blitze, der bildhaften Verdichtungen. Oft bleiben einzelne Stellen noch lange im Kopf des Lesers hängen, wenn der Inhalt ganzer Bücher und Vorträge schon vergessen ist.

Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.

Die Herausgeberin des Bändchens, Dr. Hildegard Kornhardt, eine Nichte des Philosophen, schrieb im Nachwort:

Den äußeren Anstoß zu dieser Sammlung gab der Brief eines jungen Soldaten, der den Wunsch nach einer handlichen Auswahl aus den Werken Oswald Spenglers aussprach, worin besonders die Stellen hervortreten sollten, welche von der "Haltung", vom "In Form sein" sprechen, weniger die geschichtsphilosophischen Hauptlehren.

Spenglers Sätze haben eine seltsam erhellende, mental stärkende und aufrichtende Kraft. Der nach den altestamentarischen Predigern wohl berühmteste Untergangsprophet der Geistesgeschichte stand nicht im Dienste des Morbiden und Verneinenden: er war der Philosoph und Parteigänger des Lebens.
Test


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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