Oswald Spengler, Philosoph des Lebens (Fundstücke 12)

Ich las Oswald Spenglers Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes"  zuerst im Alter von 20 Jahren, unbefangen und naiv,...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

ohne die lei­ses­te Ahnung von der “kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” und ohne das gerings­te Inter­es­se an Poli­tik. Wie vie­le Leser Speng­lers wur­de ich von dem zau­be­ri­schen Titel des Buches ange­zo­gen, aber auch der Name des Autors übte eine eigen­ar­ti­ge Magie auf mich aus.

Es hat sei­ne guten Grün­de, war­um Speng­ler zu der klei­nen Hand­voll Autoren der KR gehört, die heu­te noch gele­sen und gedruckt wer­den. Wo immer über das Schick­sal des “Wes­tens”, den “Kampf der Kul­tu­ren” oder gar das “Ende der Geschich­te” dis­ku­tiert wird, steht sei­ne über­ra­gen­de Gestalt im Hin­ter­grund, mal mehr, mal weni­ger deut­lich sichtbar.

Zu kurz kommt dabei Speng­lers lite­ra­ri­scher Rang, sei­ne sprach­li­che Gestal­tungs­kraft, die ihn in die Fami­lie der “Dich­ter­phi­lo­so­phen” wie Nietz­sche oder Kier­ke­gaard ein­reiht. Mag man den “Unter­gang des Abend­lan­des” noch so sehr bis ins Detail kri­ti­sie­ren oder wis­sen­schaft­lich zer­pflü­cken, das gro­ße, far­bi­ge Breit­wan­d­epos der auf- und abstei­gen­den Kul­tur­krei­se, das Speng­ler gemalt hat, wird man nie mehr ver­ges­sen, wenn man es ein­mal in sich auf­ge­nom­men hat.

Beson­de­ren Ein­druck mach­te auf mich Speng­lers Ehr­furcht vor dem Geheim­nis, dem Außer­ra­tio­na­len, dem Uner­klär­li­chen. Er mein­te zwar, einen Schlüs­sel zur Welt­ge­schich­te gefun­den zu haben, erhob den Anspruch des Alles-Wis­sens und Alles-Über­bli­ckens, aber er maß­te sich dabei nie­mals die reduk­tio­nis­ti­sche Rol­le des “Durch­schau­ers”  oder “Ent­lar­vers” an. Für Speng­ler wuchs die Rät­sel­haf­tig­keit der Welt, je mehr man von ihr wußte.

Er betrach­te­te das Kom­men und Gehen der Reli­gio­nen von einem rela­ti­vis­ti­schen (man kann wohl sagen: agnos­ti­schen) Stand­punkt aus, auf dem es soet­was wie eine ewi­ge, abso­lu­te Wahr­heit nicht geben kann. Speng­ler inter­es­sier­te sich aber eher für die Form und die Wir­kung der Glau­bens­über­zeu­gun­gen der Mensch­heit als ihre “Wahr­heit”, die ohne­hin nur auf einer gänz­lich ande­ren als der ver­stan­des­mä­ßi­gen Ebe­ne zu erfas­sen war: so schied er die Welt der “Tat­sa­chen” von der Welt des Glau­bens und des Geis­tes, die sich bei­de unver­rück­bar gegen­über­stan­den und eige­ne Rei­che mit eige­nen Geset­zen bil­de­ten. Eini­ge weni­ge Fix­punk­te schie­nen ihm im Cha­os des ewi­gen Wer­dens und Ver­ge­hens klar erkenn­bar zu sein: etwa, daß das Leben ein nie­mals enden­der Kampf und der Mensch ein Raub­tier mit einem gefähr­li­chen und gefähr­den­den Bewußt­sein und dem Wil­len zur Macht sei.

Speng­ler war ein über­aus moder­ner, exis­ten­zia­lis­ti­scher Phi­lo­soph. Es wird heu­te oft über­se­hen und ver­ges­sen, wie sehr die Erfah­rung der Angst im Zen­trum sei­nes Den­kens steht. Damit ist nicht blo­ße Ängst­lich­keit oder Furcht gemeint (Speng­ler war pri­vat ein über­aus ängst­li­cher und fein­ner­vi­ger Mensch), son­dern die archai­sche Urangst des zum Bewußt­sein erwach­ten Lebens über­haupt, die Unfaß­bar­keit der Erkennt­nis, daß über­haupt etwas exis­tiert, und die noch grö­ße­re Unfaß­bar­keit, daß es gleich­zei­tig vor unse­ren Augen unauf­halt­sam ins Nichts zer­fließt wie die Kör­ner der Sand­uhr. Speng­ler war in sei­nem Welt­zu­gang durch­aus Pas­cal ver­wandt, den das “ewi­ge Schwei­gen der unend­li­chen Räu­me” erschau­dern ließ, oder auch Kier­ke­gaard, der in sein Tage­buch schrieb:

 Das gan­ze Dasein ängs­tigt mich, von der kleins­ten Mücke bis zu den Geheim­nis­sen der Inkar­na­ti­on; ganz ist es mir uner­klär­lich, am meis­ten ich selbst; das gan­ze Dasein ist mir ver­pes­tet, am meis­ten ich selbst.

Wer sol­cher­ma­ßen dem Dasein und sei­ner Unfaß­bar­keit gegen­über­steht, ringt um Fas­sung, um Form, um Hal­tung. Wenn man so will, kann man all dies in dem berühm­ten, iko­ni­schen Por­trät­pho­to Speng­lers able­sen. Der düs­te­re, direkt auf den Betrach­ter gerich­te­te, zugleich her­aus­for­den­de wie distanz­hal­ten­de Blick kün­det von Tra­gik und Här­te, aber auch von Lei­den und Angst, die deut­lich durch die dis­zi­pli­nier­te, stren­ge Mas­ke sei­nes Gesichts scheinen.

So sieht ein Mann aus, der gewillt ist, durch­zu­hal­ten, und der Lee­re, dem Unter­gang, dem Tod ins Auge zu schau­en, der dabei sein Gegen­über abmißt und fragt: Bist du sicher, daß du wis­sen willst, was ich weiß? Bist du bereit und imstan­de, zu ertra­gen, was ich sehe? Zu ste­hen, zu ver­ste­hen, zu bestehen? Stehst du über­haupt nur des­halb noch, weil du blind und unwis­send bist? Einer von Speng­lers berühm­tes­ten Sät­zen, “Opti­mis­mus ist Feig­heit”, wur­de von Hei­ner Mül­ler so para­phra­siert: “Opti­mis­mus ist nur ein Man­gel an Infor­ma­ti­on.”  Und natür­lich muß man hier auch an die Zei­len Gott­fried Ben­ns denken:

… schwei­gen und walten,
wis­send, daß sie zerfällt,
den­noch die Schwer­ter halten
vor die Stun­de der Welt.

So war für Speng­ler auch das Den­ken, Schrei­ben und Erken­nen vor allem eine Form des Bestehens, der Bewah­rung von Wür­de, der heroi­schen Selbst­be­haup­tung des Ichs vor sei­nem unaus­weich­li­chem Zer­fall. Und hier­in liegt, jen­seits aller his­to­ri­schen und poli­ti­schen Gebun­den­hei­ten, sei­ne zeit­lo­se Kraft und Wirkung.

Dies wur­de mir vor ein paar Tagen wie­der bewußt, als mir in einem Wie­ner Anti­qua­ri­at eine 1941 erschie­ne­ne Samm­lung von “Gedan­ken” Speng­lers, aus sei­nen Büchern her­aus­ge­pflückt und apho­ris­tisch her­un­ter­ge­bro­chen, in die Hän­de fiel. Es gibt nun zuge­ge­ben nichts Läh­men­de­res, als Lese­bü­cher mit einer “Aus­wahl aus dem Werk” eines Autors für den schnel­len Reader’s Digest-Gebrauch – aber in die­sem Fall schien mir die Idee, einen Band aus “künst­li­chen” Apho­ris­men zusam­men­zu­stel­len, gar nicht so schlecht, ja nahe­lie­gend. Speng­ler war ein Meis­ter der lapi­da­ren Sät­ze, der apo­dik­ti­schen Behaup­tun­gen, der kla­ren Lini­en, der jäh erhel­len­den Blit­ze, der bild­haf­ten Ver­dich­tun­gen. Oft blei­ben ein­zel­ne Stel­len noch lan­ge im Kopf des Lesers hän­gen, wenn der Inhalt gan­zer Bücher und Vor­trä­ge schon ver­ges­sen ist.

Aus­har­ren wie jener römi­sche Sol­dat, des­sen Gebei­ne man vor einem Tor in Pom­pe­ji gefun­den hat, der starb, weil man beim Aus­bruch des Vesuv ver­ges­sen hat­te, ihn abzu­lö­sen. Das ist Grö­ße, das heißt Ras­se haben. Die­ses ehr­li­che Ende ist das ein­zi­ge, das man dem Men­schen nicht neh­men kann.

Die Her­aus­ge­be­rin des Bänd­chens, Dr. Hil­de­gard Korn­hardt, eine Nich­te des Phi­lo­so­phen, schrieb im Nachwort:

Den äuße­ren Anstoß zu die­ser Samm­lung gab der Brief eines jun­gen Sol­da­ten, der den Wunsch nach einer hand­li­chen Aus­wahl aus den Wer­ken Oswald Speng­lers aus­sprach, wor­in beson­ders die Stel­len her­vor­tre­ten soll­ten, wel­che von der “Hal­tung”, vom “In Form sein” spre­chen, weni­ger die geschichts­phi­lo­so­phi­schen Hauptlehren.

Speng­lers Sät­ze haben eine selt­sam erhel­len­de, men­tal stär­ken­de und auf­rich­ten­de Kraft. Der nach den altes­ta­men­ta­ri­schen Pre­di­gern wohl berühm­tes­te Unter­gangs­pro­phet der Geis­tes­ge­schich­te stand nicht im Diens­te des Mor­bi­den und Ver­nei­nen­den: er war der Phi­lo­soph und Par­tei­gän­ger des Lebens.
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Hier also eine klei­ne Aus­wahl aus der Auswahl:

Jedes Leben hat ein Ziel. Es ist die Erfül­lung des­sen, was mit sei­ner Zeu­gung gesetzt war.

Das ers­te, was dem Men­schen als unent­rinn­ba­res Schick­sal ent­ge­gen­tritt und was kein Den­ken begrei­fen und kein Wil­le abän­dern kann, ist Zeit und Ort sei­ner Geburt: jeder ist in ein Volk, eine Reli­gi­on, einen Stand, eine Zeit, eine Kul­tur hin­ein­ge­bo­ren. Aber damit ist bereits alles entschieden.

Schick­sal ist schon: Wo, wann, als was man gebo­ren wird, in wel­chem Volk, in wel­cher Schicht; aber auch mit wel­cher See­le: krank, belas­tet, schwach, als Krüp­pel, mit wel­chen Cha­rak­te­r­an­la­gen. Die Tra­gö­di­en der Ein­zel­nen lie­gen in dem Wider­spruch die­ser inne­ren und der äuße­ren Schick­sa­le. Die Art, wie jeder damit fer­tig wird, kenn­zeich­net sei­nen Rang: stolz, fei­ge, gemein, groß, sich selbst Gesetz, gesetzlos.

Wil­lens­frei­heit ist kei­ne Tat­sa­che, son­dern ein Gefühl.

Der Sinn, den man dem eige­nen Leben gibt, ist ein Zeug­nis der Selbstachtung.

Die­ses Leben, das uns geschenkt ist, die­se Wirk­lich­keit um uns, in die wir vom Schick­sal gestellt sind, mit dem höchst­mög­li­chen Gehalt zu erfül­len, so leben, daß wir vor uns selbst stolz sein dür­fen, so han­deln, daß von uns irgend etwas in die­ser sich voll­ende­ten Wirk­lich­keit fort­lebt, das ist die Aufgabe.

An den Tod, den jeder zum Licht gebo­re­ne Mensch erlei­den muß, knüp­fen sich die Ideen von Schuld und Stra­fe, vom Dasein als einer Buße, von einem neu­en Leben jen­seits der belich­te­ten Welt und von einer Erlö­sung, die aller Todes­angst ein Ende macht. Erst aus der Erkennt­nis des Todes stammt das, was wir Men­schen im Unter­schie­de von den Tie­ren als Welt­an­schau­ung besitzen.

Das Tier, mit sei­nem Den­ken an die Gegen­wart gebun­den, kennt und ahnt den Tod als etwas Zukünf­ti­ges, ihm Dro­hen­des nicht. Es kennt nur die Todes­angst im Augen­blick des Getö­tet­wer­dens. Der Mensch aber, des­sen Den­ken sich von der Fes­sel des Jetzt und Hier befreit hat und über das Ges­tern und Mor­gen, das “Einst” von Ver­gan­gen­heit und Zukunft grü­belnd hin­schweift, kennt ihn im vor­aus, und es hängt von der Tie­fe sei­nes Wesens und sei­ner Welt­an­schau­ung ab, ob er die Furcht vor dem Ende über­win­det oder nicht.

Die Furcht vor dem Tode ist nicht nur der Ursprung aller­Re­li­gi­on, son­dern auch aller Phi­lo­so­phie und Naturwissenschaft.

Die Ehr­furcht vor dem Geheim­nis steht am Ende alles Stre­bens nach Erkennt­nis. Wer nicht zu die­sem Ziel gelangt, war es nicht wert, Wis­sen zu erstre­ben. Der wahr­haft Wis­sen­de ent­sagt. Was in unse­ren Hän­den bleibt am Ende des Kreis­laufs unse­res Stre­bens und Suchens, ist der Glau­be – an eine offen­bar­te Lösung irgend­ei­ner Art oder an die ewig ver­schlos­se­ne Pforte.

Ratio­na­lis­mus bedeu­tet den Glau­ben allein an die Ergeb­nis­se des kri­ti­schen Ver­ste­hens, also an den “Ver­stand”. Wenn in ein­er­Früh­zeit das cre­do quia absur­dum gespro­chen wur­de, so lag dar­in die Gewiß­heit, daß Begreif­li­ches und Unbe­greif­li­ches erst zusam­men die Welt bil­den, die Natur, in wel­che der Ver­stand nur so tief drin­gen kann, als die Gott­heit es gestattet.

Glau­be ist Glau­be an Unsicht­ba­res. Wis­sen ist Glau­be an Sichtbares.

Im Wesent­li­chen ist nie­mand tolerant.

Got­tes­be­wei­se sind Gotteslästerung.

Es ist ein schö­ner Gedan­ke, die­ses Toten­ge­richt am Aus­gang des Lebens, wo gemes­sen wird, was man mit sei­nem Pfun­de getan hat. Aber wenn wir nicht dar­an glau­ben, soll­ten wir den­noch so leben, daß wir die Pro­be bestehen können.

Es gibt kei­nen “Men­schen an sich”, wie die Phi­lo­so­phen schwat­zen, son­dern nur Men­schen zu einer Zeit, an einem Ort, von einer Ras­se, einer per­sön­li­chen Art, die  sich im Kamp­fe mit einer gege­be­nen Welt durch­setzt oder unter­liegt, wäh­rend das Welt­all gött­lich unbe­küm­mert rings­um ver­weilt. Die­ser Kampf ist das Leben.

Ich wür­di­ge nicht “den Men­schen zum Tier her­ab”, son­dern ich hebe die Ver­ach­tung auf, mit der der Mensch auf das Tier her­ab­sieht. Pflan­zen und Tie­re sind so edel wie der Mensch.

Je weni­ger man die ande­ren braucht, umso mäch­ti­ger ist man.

Wer Leib und See­le trennt, hat kei­nes von beiden.

Eine See­le hat jeder. Aber die Per­sön­lich­keit – die eigent­lich bedeu­ten­de See­le – ist selten.

Leben ist Tun und Lei­den. Je wis­sen­der ein Mensch, des­to tie­fer sein see­li­sches Leid.

Daß man eine See­le hat, merkt man erst, wenn sie weh tut. Dar­an soll­te sich jeder aus sei­ner Kind­heit erin­nern. Erst die­se Erfah­rung, zusam­men mit der Betrach­tung, daß beim Tode eines ande­ren “das Leben ent­weicht”, hat den Glau­ben an die See­le geschaffen.

Erst am Du erwacht auch das Wis­sen von einem Ich. “Ich” ist also eine Bezeich­nung für die Tat­sa­che, daß eine Brü­cke zu einem ande­ren Wesen vor­han­den ist.

Die Spra­che ver­bin­det nicht nur zwei wache Men­schen – das Wach­sein zwei­er Men­schen – son­dern hält auch die Distanz aufrecht.

Humor ver­zeiht. Sati­re ver­ach­tet. Witz ist nur ein intel­lek­tu­el­les Spiel.

Zur Lie­be und Lei­den­schaft gehört das Gesicht als Mit­tel­punkt der Per­sön­lich­keit. Man liebt nur jemand, des­sen Gesicht unaus­lösch­lich ist.

Jede Tat ver­än­dert die See­le des Handelnden.

Geschich­te – ein Schau­spiel, erha­ben, zweck­los, tra­gisch in sei­ner inne­ren Ver­ket­tung von Leben und Geist. Eine ande­re Betrach­tung erscheint mir die­ses Alls nicht würdig.

“Die Mensch­heit” hat kein Ziel, kei­ne Idee, kei­nen Plan, so wenig wie die Gat­tung der Schmet­ter­lin­ge oder der Orchi­deen ein Ziel hat. “Die Mensch­heit” ist ein zoo­lo­gi­scher Begriff oder ein lee­res Wort. Man las­se das Phan­tom aus dem Umkreis der his­to­ri­schen Form­pro­ble­me ver­schwin­den und man wird einen über­ra­schen­den Reich­tum wirk­li­cher For­men auf­tau­chen sehen.

Reich­tum des Lebens ist Ver­schwen­dung des ein­zel­nen. Unzäh­li­ge, Kei­me, Früch­te, Kin­der gehen zugrun­de, oft die bes­ten. Es kommt nur dar­auf an, daß so vie­le blei­ben, daß die Art nicht in Gefahr gerät.

Du stehst in die­sem Strom unab­läs­si­ger Wand­lung. Dein Leben ist eine Wel­le dar­in. Jeder Augen­blick dei­nes wachen Lebens ver­knüpft unend­li­che Ver­gan­gen­heit mit unend­li­cher Zukunft. Habe an bei­den Teil und dei­ne Gegen­wart wird nicht leer sein.

Geschich­te ken­nen heißt das Schick­sal ken­nen. Geschich­te schrei­ben heißt eine Tra­gö­die dichten.

Natur soll man wis­sen­schaft­lich behan­deln, über Geschich­te soll man dichten.

Was man in eine Ver­fas­sung hin­ein­schreibt, ist immer unwe­sent­lich. Was der Gesamt­in­stinkt all­mäh­lich dar­aus macht, dar­auf kommt es an.

Die Welt ver­ste­hen nen­ne ich der Welt gewach­sen sein.

Das Leben kann ohne Den­ken bestehen, das Den­ken aber ist nur eine Art des Lebens.

Die inne­re Ver­fas­sung einer Nati­on hat immer und über­all den Zweck, für den äuße­ren Kampf, sei er mili­tä­ri­scher, diplo­ma­ti­scher oder wirt­schaft­li­cher Art, “in Ver­fas­sung” zu sein.

Die Auf­ga­ben eines Den­kers sind: die Welt um uns her­um zu deu­ten und zu sagen, wie der Mensch sich im Leben ver­hal­ten sollte.

Wer see­lisch nur im Tage lebt und nur in des­sen Mei­nun­gen denkt, der hat kei­ne Kultur.

Jede Form, jede Gestalt ist Begrenzung.

Kein Glau­be hat je die Welt ver­än­dert und kei­ne Tat­sa­che kann je einen Glau­ben widerlegen.

Alles wird klein, wenn der Ver­stand dar­auf losgeht.

Dumm­heit einer Theo­rie war nie ein Hin­der­nis für ihre Wirkung.

Erfah­rung bedeu­tet ursprüng­lich immer schlech­te Erfahrung.

Alle Revo­lu­tio­nä­re sind humorlos.

Das eine: Zu wis­sen, daß es Geheim­nis­se gibt, daß die Welt ein ein­zi­ges undurch­dring­li­ches Geheim­nis ist. Ein Zeit­al­ter, das die­sen Glau­ben ver­liert, hat kei­ne See­le mehr. Dann beginnt ein fre­ches Fra­gen, im Glau­ben, das Geheim­nis sei nichts als ein einst­wei­len Unbe­kann­tes, das der Fra­ge­geist ent­rät­seln kön­ne. Das eine ist die ehr­fürch­ti­ge Fra­ge, was alles Geheim­nis sei, das ande­re die dreis­te Fra­ge, was denn “hin­ter” dem Geheim­nis stecke.

Die Tugend besieg­ter Völ­ker ist die Geduld, nicht die Resignation.

Einen lan­gen Krieg ertra­gen weni­ge, ohne see­lisch zu ver­der­ben; einen lan­gen Frie­den erträgt niemand.

Vor dem zudring­li­chen Auge grü­beln­der Men­schen ver­hüllt sich die Natur, und je weni­ger Ehr­furcht im For­schen liegt, Ehr­furcht vor dem Geheim­nis, des­to mehr Trotz und Hohn liegt in der beforsch­ten Welt. Das Erken­nen mehrt das Unerkannte.

Die Pflan­ze lebt und weiß es nicht. Das Tier lebt und weiß es. Der Mensch erstaunt über sein Leben und fragt. Eine Ant­wort kann auch der Mensch nicht geben. Er kann nur an die Rich­tig­keit sei­ner Ant­wort glau­ben, und dar­in besteht zwi­schen Aris­to­te­les und dem ärms­ten aller Wil­den nicht der gerings­te Unterschied.

Aus: Oswald Speng­ler, Gedan­ken. Hrg. und aus­ge­wählt von Hil­de­gard Korn­hardt, Mün­chen 1941.
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Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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