04. Juli 2012

Schreibtisch, Garten, Alltag (V): Laufrichtungen

von Götz Kubitschek / 27 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Ein Huhn lag tot im Stall heute Morgen. Ich beobachtete gestern schon, wie es in der Nähe der Tränke kauerte und streute ein paar Extra-Körner, die es aber nicht annahm. Es war alt, nicht krank. Warum wieder gezögert, warum nicht zugegriffen, geschlachtet und heute aufgetischt? Nun mußte ich es verscharren, und so etwas ist kein Deut besser als ab und an ein harter Schnitt.

Wann müssen wir diese Gesellschaftsordnung verscharren? Martin Böcker schrieb vor Tagen, daß dieses System "noch immer eine lebenswerte Ordnung aufrechterhält, in der ich mich mit meinen Lieben einrichten und für die Zukunft planen kann. So wie andere auch." Das ist sehr vernünftig gesprochen, und ich selbst habe in einem Gespräch mit Böcker einmal geäußert, daß ich ein "Gegner der Systemfrage vom Sofa aus" sei. Dennoch sei ich der Auffassung, daß irgendeine Lösung her müsse, wenn ich mir den Zustand unserer Nation in den Bereichen Überschuldung, Demographie, Souveränität, Bildungs- und Niveauverfall ansähe. Es gäbe drei Möglichkeiten, sagte ich: weiterwurschteln, individueller Waldgang oder formierende Massenpolitik.

Drei Jahre ists nun her, dieses Gespräch. Böcker veröffentlichte es damals im Rahmen des Sonderheftes Gespräche der Sezession (von dem es noch ein paar Exemplare gibt und in dem auch Interviews mit Martin Lichtmesz, Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann abgedruckt sind). Stand der Dinge: Es wird noch immer weitergewurschtelt, Sarrazin hat mit Deutschland schafft sich ab ein vorsichtiges Programm formierender Massenpolitik vorgelegt und innerhalb der Sezession ist die Tendenz zum Waldgang stärker geworden.

Die Abneigung gegen jede Beteiligung am Ganzen ist mehr denn je virulent, weil manche von uns seit 20 Jahren darauf warten, daß unsere Zeit komme. Martin Lichtmesz hat jüngst das Experiment mit dem Frosch beschrieben, der aus dem Topf springt, wenn man ihn ins heiße Wasser wirft. Sitzen bleibt er, wenn man die Temperatur langsam erhöht.

Für Böcker, mich, die meisten der Leser hier gibt es immer einen Ort, an dem wir uns "mit unseren Lieben" einrichten können. Wir sind zu gut ausgebildet, zu fleißig und zu ordnend für einen Absturz in eine existentielle Notlage. Das macht uns beide zu schlechten Revolutionären, Böcker zu einem Offizier, der an Dienst und Gesellschaftsordnung festhält und mich zu einem guten Bewohnern einer Casa 451.

Seltsam meine Neigung, mich in Phasen wie der Jetzigen zu den Büchern zurückzuziehen und nochmals die Grundlagen zu studieren: Carl Schmitts Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, Thor v. Waldsteins Der Beutewert des Staates oder Josef Schüßlburners Konsensdemokratie. Müßte es einen auf die Straße treiben? Aber wohin denn? Die Gegner sind unsichtbar.

Aber vielleicht kommt die Zeit, auf die zumindest ich schon so lange warte, doch noch - und mit ihr der Befehl, wieder in die andere Richtung zu laufen.


Test

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (27)

Ein Fremder aus Elea
04. Juli 2012 19:18
Tja, es ist paradox, nicht wahr?

Ich habe den Kern der Fäulnis stets darin empfunden, daß Leistung nicht geachtet wird. Und dabei definiert sich unser Land nach außen hin ausschließlich durch Leistung. "Leisten, aber Leistung nicht achten." Was für ein Wahlspruch. Es ist notwendig und hinreichend, daß die Massenpolitik die Aufhebung dieses Zwiespalts vorantreibt.

Wir sind zu gut ausgebildet, zu fleißig und zu ordnend für einen Absturz in eine existentielle Notlage. Das macht uns beide zu schlechten Revolutionären
Revolutionäre... es ging Ihnen doch kürzlich noch um ein Unschwenken des Feuilletons nach rechts. Das ist ja nun nicht ganz das Selbe. Die meisten Journalisten sind Opportunisten, ganz aufgeben müssen Sie Ihre Hoffnung also nicht. Andererseits, wenn nicht eine Mehrheit der Deutschen einen Kurswechsel will, dann wird er auch nicht kommen. Wenn nicht eine Mehrheit denkt, daß sie im Begriff ist, etwas wesentliches zu verlieren. Also heißt es anfangen, schöne Lieder zu singen, von all dem, was man hat und auch morgen noch gerne hätte.

's muß schon Sehnsucht sein. Still aufleuchtende Augen. Oder halt Verzweiflung.

Botho Strauß charakterisiert sich ja als jemand, dem das kleine familiäre Glück genügt, der aber um es fürchtet. Davon gibt es natürlich viele, damit hat man sich gleich in ihre Mitte gerückt. Aber deren Sorgen gehen nicht weiter, als daß der obige Zwiespalt endlich aufgehoben werde. Was völlig legitim ist, aber wer das erreichen will, der sollte geradewegs danach greifen und nicht unnötigen Balast mitschleppen.

Ich selbst bin mehr als traurig, daß so viele Deutsche so viele Dinge einfach nicht kennen oder auch nicht kennen wollen. Wenn sie nach Osteuropa gehen, denken sie an nichts anderes als daran, den Osteuropäern zu sagen, was sie als nächstes zu tun hätten, weil sie selbst es ja so gut wissen - und dabei gibt es auf der anderen Seite ein sehr genaues Verständnis dessen, was an Deutschland nachahmenswert ist. Irgendwo beschämend.

Andererseits, wer den Mammon anbetet, der tut es halt. Wer sich über jedes neue Mehr von neuem freut. Nun gut, die meisten sind schlicht bescheiden und richten sich ein. Aber das wird auf lange Sicht nicht gehen. Irgendwann muß man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht, es gibt keine Dynamik, die das verhindern könnte, der Riß wird tiefer, unabhängig davon, ob man die Leistungsächtung aufhebt oder nicht, letztere sorgt nur dafür, daß er schmerzhafter empfunden wird.

Dieser Masochismus hat durchaus einen Grund, aber dieser Grund ist eine Hoffnung, welche sich nicht erfüllen wird. Letzlich das Ausschau halten nach einem von einem Schwan gezogenen Nachen. Aber halten wir das mal fest: Der kann nur kommen, wenn die Umstände danach sind. Und die Umständen sind ganz anders. An ein Ende des Hedonismusses ist nicht zu denken, das Feuer ist längst außer Kontrolle. Jetzt brennt es, bis es keine Nahrung mehr findet.

So sieht es doch aus. Mag sein, daß in der Zukunft die Verzweiflung groß genug wird, um sich an einer autoritären Ordnung festzuhalten. Aber erst einmal werden wahrscheinlich die letzten Hemmungen fallen und die Party weitergehen. Das alles ist bereits jetzt spürbar, aber kommen muß es erst noch. Der Mensch hat seine Ahnungen ja zu einem Zweck. Er verstärkt jede Sorge tausendfach, weil sie sich so zögerlich beweist. Ohne Not nichts Neues, nur ein Kritiker kann Monumente errichten, da hat Nietzsche ja Recht gehabt.
Unke
04. Juli 2012 21:39
Zum Bild: Laufen ist nicht schlecht. Habe neulich meinen ersten Marathon absolviert.
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Zum Individuellen Reaktionspotential: da sind, denke ich, bei jedem Einzelnen Voraussetzungen und Umstände verschieden. Ich, z.B., habe kein "Rittergut" als Rückzugsort (oder, wie in den 20ern, als Waffenlager? - OKOK, kleiner Scherz ;-))
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Bemerkenswert finde ich eine Divergenz bei den Systemmedien. In Deutschland ist es mittlerweile bis zur ARD vorgedrungen, dass der Euro gescheitert ist. Das wird so ohne Bemäntelung festgestellt mit ausführlichen Features, Analysen etc. Offenbar hat Mutti die Erlaubnis gegeben (oder den Befehl erteilt), dass es nichts mehr zu beschönigen gibt.

Dagegen nehme man als Kontrast Bloomberg (hier bei mir frei empfangbar), das über die Finanzmärkte berichtet als sei alles in bester Ordnung. Systemzusammenbruch? Reset? I wo.
Und dabei gallopieren die Staatsschulden der USA wie anderswo auch (zu jedem Steuerdollar, die das amerikanische Schatzamt einnimmt muss ein weiterer als Kredit aufgenommen werden, um die Ausgaben zu bestreiten). Gegen die dortigen Diskussionen, wenn es um budget issues geht nehmen sich die Lagebesprechungen im Führerbunker (z.B. Entsatz durch die Armee Wenk) wie nüchterne Zustandsbeschreibungen aus. Das wird noch spannend was die VSA in ihrem Todeskampf noch so alles anrichten werden (oder verrecken die so wie Europa: still und leise?)
Petra
05. Juli 2012 10:16
Sich nur auf Studien zu beschränken wäre fatal. Die Zeit ist noch nicht gekommen, das stimmt. Aber, es gibt einige kokale Ansätze. Pro Köln hat in Köln beim letzten Mal schon über fünf Prozent bei der Kommunalwahl bekommen und Fraktionsstatus. Nur ein Beispiel. Im Jahr 2014 fällt bei der Europawahl die Fünf-Prozent-Hürde weg, mit rund einem Prozent kann eine Partei schon einen Abgeordneten ins EU-Parlament schicken. Keiner kann dann mit dem Argument kommen, eine Stimme für eine konservative Partei ist eine verlorene Stimme. Noch ist die Zeit für eine konservative Partei nicht gekommen, aber jetzt wird die Basis gelegt.
Martin
05. Juli 2012 13:17
Nun einem Waldgang ist nichts verkehrtes, man trifft dort viele Gleichgesinnte, knüft an einem Netz für die Zukunft und kann im kleinen dass bewahren was in den Metropolen verloren geht.

Massenbewegungen wird es wohl erst wieder geben, wenn die Eliten den Wohlstand verbraten haben und der Michel, die fehlgeleitete Poltik direkt an der eigenen Gesundheit und dem Geldbeutel spürt.

Nichts destotrotz ist der Waldgang eben wichtig, um in der bezeichneten Stunde ein fertiges Netz zu haben und ggf. die Alternative anbieten zu können.
Freidenker
05. Juli 2012 14:30
Mag sein, daß in der Zukunft die Verzweiflung groß genug wird, um sich an einer autoritären Ordnung festzuhalten.

Keine Angst,so wird es kommen!Spätestens wenn der Euro und/oder der Dollar endgültig am Abgrund steht wird ein Krieg vom Zaun gebrochen werden.
Es bieten sich an: Syrien,Iran,Nordkorea.Die beiden letzteren hätten den Vorteil,dass noch ein nulearer "Thrill" dazukäme,was den propagandistischen Effekt noch stark erhöhen würde.
Altenativ käme aber auch ein begrenzter Bürgerkrieg a la England in Frage,das Potenzial dafür steht zur Verfügung.
Und dann wird der verängstigte Bürger sich hinter den Machthabern scharen und jede Verfestigung und Verewigung der Finanzdiktatur im Sinne einer zukünftigen Verhinderung derartiger Konflikte mittragen.
Landser
05. Juli 2012 14:52
"weiterwurschteln, individueller Waldgang oder formierende Massenpolitik."
Weiterwurschteln führt in den Untergang. Individueller Waldgang wird erst zum Thema, wenn die formierende Massenpolitik gescheitert ist. Und bisher war von formierender Massenpolitik überhaupt noch nichts zu sehen.
Zum Bild mit dem Frosch: Es klingt ganz schön, ist aber falsch. Hat das Wasser eine bestimmte Temperatur erreicht, dann springt der Frosch heraus. Die Geschwindigkeit, mit der das Wasser erhitzt wird, spielt dabei keine Rolle. Der Frosch ist eben schlauer als der Mensch, bzw. er hat eben den besseren Instinkt. Das sollte uns zu denken geben!
eulenfurz
05. Juli 2012 14:53
Kurz vor'm Altersschwächetod sollte man Vieh auch nicht schlachten; wenn es fett und jung ist, lohnt es mehr und mundet besser. Und bei Notschlachtungen gilt sowieso: lieber eine zuviel, als eine zuwenig.

Nur leider eignet sich diese Ansicht nicht als Metapher zu einer "Systemfrage".
Tobias Boehner
05. Juli 2012 16:11
Dem Fuchs waren die Trauben viel zu sauer, und dem Waldgänger war die Massenpolitik zu wider. Beide würden sich aber mit Klauen und Zähnen gegen jeden wehren, der da käme und behauptete, sie könnten ja auch gar nicht, selbst wenn sie wollten. Denn nicht nur hingen die Trauben tatsächlich für den Fuchs in unerreichbarer Höhne, sondern auch den Worten des Waldgängers wollte nur eine kleine Minderheit zwerghafter Waldwichtel zuhören. So lebten der Fuchs, der Waldgänger und eine Handvoll Wichtel friedlich im Wald vor sich hin, verschont und verborgen vor den schrecklichen Kreaturen der molochartigen Städte, von denen so viele Gräueltaten bekannt waren. So lebten sie über viele Jahrzehnte hinweg friedlich vor sich hin, fast unhebelligt von der Außenwelt. Der Wald ernährte sie und die Wichtel lieferten bereitwillig Gaben ab, um immer neue Märchen und Sagen, Analysen und Prognosen aus dem schier unerschöpflichen Repertoire des Waldgängers erzählt zu bekommen. Der Fuchs, der Waldgänger und die Wichtel waren sich sicher, daß eines Tages der Tag käme, an dem sie den Wald verlassen würden. An dem Tag nämlich, an dem die Trauben nicht mehr sauer sein würden, und an dem die Massenpolitik ohne die schrecklich Kreaturen der molochartigen Städte auskäme.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann warten sie noch heute. Und morgen, und übermorgen und in 10 Jahren, und vielleicht sogar in 100 Jahren.
erwalf
05. Juli 2012 18:28
Zu diesem Deutschland gehöre ich nicht mehr oder höchstens nur äußerlich: Also innere Emigration und Waldgang. Aber selbst der Wald oder das Rittergut auf dem Dorfe werden auf mittlere Sicht aktiv verteidigt werden müssen. Noch gibt es genug anständige Lektüre auch dank der Edition Antaios oder den Büchern, die schon lange im Regal stehen, aber auch das kommt in Gefahr. Ich sehe es mittlerweile leider als vergeblich an, noch um Deutschland und für dessen Volk und Staat zu kämpfen. Meiner verwerflichen Auffassung nach geht es nur noch um Inseln, um Baumgruppen, bestenfalls um kleine Regionen. Aber es geht für die Zukunft auch noch ums Ganze, das allerdings (hoffe, den Begriff nicht falsch zu verstehen und zu verwenden) einzig das Geheime Deutschland sein kann.
KS
05. Juli 2012 19:52
Es ist ein Kirschenjahr. Man sieht´s deutlich auf dem Photo. Und letztes Jahr war es so schlecht. Alles erfroren. Zumindest in dem Punkt geht es bergauf.
Volker Faust
05. Juli 2012 20:49
@ erwalf: Diese Worte hätten von mir sein können. Einzig und allein eine Vernetzung von jenen, die noch an das "geheime Deutschland" glauben und darin leben wollen, hat eine Zukunft. Wie ich schon öfter an anderer Stelle schrieb: Es geht hier um ein neues Volk, also im Wortsinn dem Gefolge einer Idee. Der Idee des alten Deutschlands.

Mit dem BRD-Volk, und dazu gehört die Mehrheit auch jener Abkömmlinge der Urbevölkerung, was der Idee eines humanistisch-liberalen westlichen geprägten Rumpfstaates mit einer sozialistisch-grünen Färbung folgt, habe ich nichts gemein und kann ich mich auch nicht identifizieren. Ich lebe zwar unter ihnen, aber die Verachtung steigt Tag für Tag. Und ich glaube nicht, dass es noch einmal die Kraft aufbringen kann wieder auf den alten Weg zurückzukehren.

Es ist ganz wie im Untergang des Abendlandes von Spengler beschrieben. Man kann Parallelen zum römischen Reich kurz vor seinem Ausscheiden aus der Geschichte ziehen. Und dieses Deutschland von heute und morgen hat soviel mit dem alten Deutschland gemein, wie der heutige Italiener mit dem römischen Reich.

Mithin: Bis zu meinem Lebensende kann es nur den jüngerschen Waldgang geben.
Michael Schlenger
06. Juli 2012 00:07
Fremder aus Elea, danke hierfür:
"Eine Hoffnung, welche sich nicht erfüllen wird: das Ausschau halten nach einem von einem Schwan gezogenen Nachen. (...) Der kann nur kommen, wenn die Umstände danach sind."
Solange so etwas Todtrauriges und zugleich Zuversichtliches gesagt werden kann und solange es andere erreicht, die es weitergeben, ist das, worum wir trauern, das, worauf wir vergebens hoffen, das, was wir verzweifelt herbeisehnen, nicht vergangen und verloren. Und mag es Jahrhunderte dauern, bis es kommt.
So ähnlich mögen die die Gebildeten der ausgehenden Antike empfunden und gesprochen haben, die ahnten, dass ihre Welt am Untergehen war, und zugleich sicher waren, dass die Flamme ihrer Zivilisation nie völlig erlischt. Deshalb haben sie die Werke ihrer Größten der Überlieferung anvertraut, wie eine Flaschenpost.
Heute wissen wir, dass sie recht hatten und gut daran taten. Das Beste ihrer Zeit hat dank einiger weniger kluger Köpfe die finsteren Jahrhunderte überstanden.
Und selbst wenn es anders gekommen wäre: Der Gedanke, dass der Mensch frei geboren ist, nur sich selbst gehört und sich nur aus freien Stücken in eine Gemeinschaft einordnen soll, der er dann dienen soll, dieser Gedanke kann immer wieder neu gedacht werden, mag auch auch sonst alles zuschanden gehen.
Oswaldo
06. Juli 2012 00:40
Warum stehen Sie denn nicht auf vom Sofa, sammeln 100 Unterschriften und kandidieren für den Bundestag? :)

Die Systemfrage mögen Sie ja gerne Stellen (und tun das zu recht) - aber den Rechtsstaat werden Sie ja kaum abschaffen wollen.

Also müssen andere Gesetze her. Und die sind von einem Parteienparlament, dessen Fraktionen entweder käuflich, erpressbar oder sozialistisch durchseucht sind - schlechthin nicht zu erwarten.

Also braucht man? Abgeordnete aus anderem Holz?
Und wie bekommt man die da hin?

Über die Parteilisten wohl kaum.

Eher schon über die Wahlkreise...

Blick da jemand wie alle anderen Deutschen auch als Partei-Untertan erwartungsfroh-enttäuscht nach oben, selbstredend ohne es selbst so recht zu merken?

Nichts gegen den Waldgang - aber bitte nicht als verkapptes Fluchtmuster! :)

Vielleicht lese die organisierte deutsche Rechte zusätzlich zu Carl Schmitt mal noch ein wenig die Nuancen des geltenden Wahlrechts.

Die Metaebene ist wichtig. Aber Macht ist keine Metafrage.

Respektvolle Grüße von Sofa zu Sofa...
Oswaldo



PS: Seit einiger Zeit blogge ich halbernst beim Freitag (selbstredend mit Spengler-Konterfei, da weitgehend "unter Linken") Dort habe ich den Gedanken als "Sturm auf das Parlament" in einem kleinen Dialog näher ausgeführt. http://www.freitag.de/autoren/oswaldo/der-sturm-auf-das-parlament
waldemar
06. Juli 2012 06:45
"So lebten sie über viele Jahrzehnte hinweg friedlich vor sich hin, fast unhebelligt von der Außenwelt."

Dies wäre ein Idealzustand, der so schlecht nicht wäre. Aber so ist es ja nicht (mehr). Selbst in den hintersten Krähwinkel unseres Landes dringen die Beeinträchtigungen ein, die uns die Politik einbrockt. Selbst ein "friedliches Vorsichhinleben" wird von unseren PC-Gouvernanten nicht mehr hingenommen, nein: Sie verfolgen einen bis in die eigene Privatssphäre, schnüffeln einem nach, was man auch treibt. Und das nur, weil man einem alternativen Lebensentwurf verwirklicht, der in ihren Augen - Achtung! Betroffenheitsvokabel - unerträglich ist. Der Freiheitsraum wird immer enger...
Martin
06. Juli 2012 09:15
Und sein Entschluss steht fest: dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören, adieu zu sagen, für immer, das wir er tun.(Christian Kracht, Imperium, 2012)


Wie bin ich nur auf gerade diese Zeilen angesichts der Beiträge in der Diskussion gekommen ...?

Gruß,
Martin
(der andere Martin aus den Vorgänger- Threads, nicht der Waldgänger ... werde mir wohl mal ein "Pseudonym" zulegen, damit Verwechslungen nicht vorkommen)
Ein Fremder aus Elea
06. Juli 2012 10:54
Michael Schlenger,

die Rousseau Paraphrase war jetzt aber ein bißchen dick. Nicht, daß ich das, was Sie da gesagt haben ablehnen würde, nur im Detail stelle ich es mir doch recht anders als Rousseau vor.

Einen solchen freiwilligen Zusammenschluß kann es nur auf kommunaler Ebene geben. Und offensichtlich brauchen unterschiedlich gepolte Kommunen einen Rahmen, welche ihre Rechte und Verpflichtungen unter einander festlegt.

Genauer gesagt wären mehrere Schichten solcher Rahmen nötig, zumindest drei, würde ich sagen, der unterste regelt die Beziehungen der Gemeinden eines Volkes, der mittlere die Beziehungen der Gemeinden eines Glaubens und der oberste wäre global.

Was die Glauben angeht, so würde ich sie so nehmen wie sie sind, wobei Christentum Christentum ist und auch das Judentum als eine Art Christentum zu zählen ist. Die Beziehungen auf der oberstenen Ebene wären idealerweise durch Zusammenkünfte der obersten Religionsvertreter gegeben und bestünden schlicht aus gegenseitiger Inquisition.

Die Beziehungen zwischen den Völkern beschäftigten sich hauptsächlich mit Ressourcen-, Forschungs- und militärischen Fragen und die zwischen den Gemeinden mit Fragen des Gemeindenübertritts etc.

Und was die Errichtung des Ganzen angeht, so muß es von unten aus wirtschaftlicher Selbständigkeit wachsen und auch wenn es gewachsen ist, muß die Selbständigkeit erhalten bleiben, wenn auch unter bescheidenen Lebensumständen, weil nur dann das Urteil der einzelnen Mitglieder einer Gemeinde etwas wert ist.

Ich würde auch nicht sagen, daß der Einzelne der Gemeinschaft dienen soll, sondern daß er es, oftmals jedenfalls, will. Dieses Grundbekenntnis ist ja Teil der Religionen, und wo es das nicht ist, da kann die entsprechende Religion in ihrem Ordnungsraum halt machen was sie will, so lange die anderen Religionen sie nicht als Gefahr für sich selbst einstufen.

Das sehe ich als das Maximum an, was Menschen erreichen können.

Religionsfreiheit ist Mumpitz, sie wurde nur eingeführt, damit der Staat nicht Partei für eine Seite in einem innerreligiösen Machtkampf ergreifen mußte.

Glücklicherweise sind die Bereiche der verschiedenen Religionen ja noch recht groß und unvermischt. Daran sollten wir auch wirklich nichts ändern.
zentralwerkstatt
06. Juli 2012 10:56
>>
Der Freiheitsraum wird immer enger…
<<

Das sehe ich auch genauso. Problematisch ist der technische Fortschritt in diesem Fall, wenn die Diktatur installiert ist, dann ist es aus mit Waldgang, denn die technischen Möglichkeiten zu kompletten Überwachung jedes einzelnen Menschen stehen zur Verfügung.

Es bringt nichts, wie irre in die Öffentlichkeit zu rennen und "Revolution, Revolution" zu schreien.

Ich sehe die einzige Chance für eine friedliche Vereitelung der Zinsknechtschaft in der Aufklärung, das kann jeder tun, es muß von jedem einzelnen ausgehen, wie Regentropfen müssen sich die Menschen zu einer reißenden Strömung formieren, nur so könnte es das Hochfinanz-Politkartell mit seinen Papieren und Verträgen zur globalen Unterwerfung wegspülen.

Es ist grotesk, daß seine Macht auf Papier gebaut ist - damit kerkert er die Völker der Welt, immerhin mehr als 6 Milliarden Menschen, in ein virtuelles Gefängnis, wir sind die Säulen, die die papiernen Geschoßdecken der Pyramide tragen müssen. Das macht uns aber auch mächtig, wenn wir alle austreten, fällt der Papierbunker zusammen. Ein neuer Michael Kohlhaas jedenfalls findet keine Verstecke mehr.

Ich erlaube mir in diesem Sinne einen Verweis, Dirk Müller vs. BRD-Propaganda materialisiert in Form von Merkel.

https://www.youtube.com/watch?v=QT5ZbSyz2gk&feature=related
Michael
06. Juli 2012 13:09
Ernstgemeinte Frage eines Unwissenden : Was ist den "Waldgang".

Gruß und Dank

antwort kubitschek:
lesen Sie hier - http://www.sezession.de/2192/der-waldgang.html
Inselbauer
06. Juli 2012 19:21
Denken Sie an den damaligen 3Sat- Beitrag und das gerümpfte Näschen der Moderatorin! Eine neunköpfige Familie mit kulturellen Interessen, deutsche Lebensart, der Papa mit der feschen Mama, häuslicher Cellounterricht, weit und breit keine weiblichen Opfer - das löst derartiges Entsetzen aus, dass Hirnaustritt und Tiermorde gar nichts dagegen sind. Eine nette Familie, das ist doch der leibhaftige Satan für den Gegner und ein revolutionärer Akt.
Asenkrieger
06. Juli 2012 22:02
Waldgang kann auch sein: Drei Leute gehen in den Wald und zwei kommen zurück.
Johannes
07. Juli 2012 16:34
Auch empfehlenswert:

http://www.ernst-juenger.org/2012/06/horspiel-das-abenteuerliche-herz.html
Michael
07. Juli 2012 19:17
Vielen Dank für den Link - habs bestellt. Den Obigen Artikel und die Meinungen finde ich gut. Verfassen könnte ich selber sowas nicht aber mein Bauch sagt " genau so isses" :o).
Götz Kubitschek
06. Juli 2012 22:11
Noch schöner: Zwei gehen in den Wald und drei kommen zurück.
Asenkrieger
08. Juli 2012 00:10
Knut Hamsun war auch ein "Waldgänger". Er hat aber immer wieder den Weg zurück gefunden. Jünger indes berauschte sich an - Insekten!
zentralwerkstatt
08. Juli 2012 12:51
Schade eigentlich. Sie wäre ein symbolstarkes Wappentier für ein Bündnis zum Erhalt der Deutschen. Aber "Braune Deutsche"? Das ist leider Stahlhelm...

Die Dunkle Biene war über Jahrtausende der einzige in Deutschland heimische Honigsammler, der in größeren Staaten lebte – bis die Imker Ende des 19. Jahrhunderts ihre Zuchtbemühungen auf die südeuropäische Kärntner Biene (Apis mellifera carnica) konzentrierten. Innerhalb von 120 Jahren wurde die Dunkle Biene fast vollständig verdrängt und gilt seit 1970 in Deutschland als ausgestorben. In einigen isolierten Regionen Mitteleuropas hatte sie jedoch überlebt. Und nun erobert sie Deutschland langsam wieder zurück.

Bevor die Imker sie ersetzten, ... Die Deutschen nannten sie Nord-, Heide- oder Waldbiene beziehungsweise Braune Deutsche,...


aus http://www.spektrum.de/alias/imkerei/die-dunklen-bienen-fliegen-wieder/1156495


Interessant auch immer wieder, wie unverklemmt man bei Tierzüchtern mit genetischer Identität umgeht. Die linken Ideologien stellen sich über die Natur, das schafft Chaos, das uns überzieht und in seiner schlimmsten Ausprägung wohl noch bevorsteht, aber letztlich garantiert es auch deren Untergang - leider in der Regel nach Millionen von Opfern...
erwalf
09. Juli 2012 12:01
@ Asenkrieger: Hänsel, Gretel und Rotkäppchen gingen auch in den Wald, waren aber keine typischen Waldgänger im hier gemeinten Sinne. Knut Hamsun wohnte vom Wald umgeben sehr schön auf seinem Hof am Meer. Er ging ab und zu zum Provozieren und Schreiben in die Städte, um dann wieder das Familienleben auf seinem abgelegenen Anwesen zu genießen, bis man ihn in die Psychiatrie sperrte bis einige Zeit vor seinem Tod. Aber er war schon ein Gänger auf überwachsenen Pfaden des Waldes und des Lebens. Jünger tat in seinem Leben jedoch mehr als nur Waldgang und Berauschung an Insekten. Er kannte viele Räusche. Und wenn er sich im Seniorenalter bloß noch für Insekten interessiert hätte - was er nicht tat - dann wäre das auch in Ordnung.
Heino Bosselmann
09. Juli 2012 20:49
Nur empfindungsseitig und rein intuitiv, ohne je beschwören zu wollen: Es ist gegenwärtig eine so lähmende Schwüle spürbar, die muß Bewegung werden. Auch dies noch ohne tückischen Konstruktivismus und erst recht ohne die Emphase des kleinen Propheten: Dergleichen erlebte ich das letzte Mal so im Leipzig der achtziger Jahre, ein fauliges, beinahe expressionistisch anmutendes Blasenaufplatzen ringsum, dass man still kopfschüttelnd und schon vor sich herbrabbelnd herumlief und sich Jabob van Hoddis' "Weltende" beim Lauf durch die Rhododendren des Südfriedhofs am Völkerschlachtdenkmal aufsagte. Ich nehme an, es wird eine solche Dynamik geben, dass wir achtsam sein sollten. Mag sein, die Welle hebt, mag sein, sie stürzt einen.

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