Sezession
7. Juli 2012

Klebrige Integration

Ellen Kositza

Gibt es noch Männer, die dazu einladen, ihre Briefmarkensammlung zu bestaunen? Eher nicht, das Ding ist ein alter Hut. Die Briefmarkenmänner, so das althergebrachte Klischee, nutzten den Verweis auf ihre hübsche Sammlung nur als Vorwand, als unverfängliches Lockmittel. In Wahrheit wollten sie uns ans Eingemachte.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wolfgang Schäuble hat es vergangene Woche getan: Mit hintersinnigem Lächeln eine druckfrische Briefmarke präsentiert. Nun ja, was soll der Bundesfinanzminister in diesen gerade für sein Ressort eher langweiligen Tagen auch anderes tun, als mit Briefmarken zu werben?

Die aktuelle Sonderbriefmarke im Wert von 55 Cent zeigt ein adrettes Klingelschild – poliertes Messing mutmaßlich – mit integrierter Sprechanlage. Die ordentlich beschrifteten Namensschilder – allein der Name Peters überklebt augenscheinlich einen vorherigen Mitbewohner, möglicherweise sind Schmidts gerade ausgewandert – zeigen, daß es in diesem Haus nicht vollends drunter und drüber geht. Hier leben also Yilmaz, Krüger, Hanke, Kaminski, Peters und Tozzi unter einem gepflegten Dache. „In Deutschland zu Hause - Vielfalt“ kündet die Botschaft denjenigen, für die das Propagandabild allein nicht sprechend ist.

Ein Assoziationsrahmen der Wünschbarkeiten spannt sich auf. Die sechs Parteien teilen einiges: Dach und Fassade zumal, den Treppenhausputzdienst haben sie gerecht aufgeteilt. Gut, die Frau Krüger nimmt es oft allzu genau mit ihren dreifach Putzgängen inklusive antibakteriellem Hygienefinish, aber wenn sie mal die Kamniskis wegen schludriger Wischerei rüffeln muß (die sind ja damals vor Jahrzehnten als Umsiedler aus Polen gekommen), lachen doch am Ende alle; man kennt sich, man toleriert die Macken.

Die gemeinsam gestalteten Sommerfeste sind jedenfalls immer klasse. Dann tischt die Frau Yilmaz, IT-Fachkraft, die Leckereien aus ihrer aufgegebenen Heimat auf, und ihr Mann, Chefarzt am Uniklinikum, unterhält die Gesellschaft mit nachdenklich stimmenden Versen, selbstgedichtet. Die Tozzis backen Pizza, und deren Sohn, der sonst der Tochter von Frau Hanke Nachhilfestunden gibt, greift zur Geige und spielt auf. Die beiden Peters, Immigranten aus Sachsen, tauen auch auf, deren kleiner Sohn wird herumgereicht.

Als die Dämmerung fällt, singen erst die Yilmaz´, dann die Tozzis, die Kaminskis und schließlich auch der knöcherne Hanke jene Wiegenlieder, die einst Ihnen selbst am Kinderbett vorgesungen wurden. Ja, so sieht das erwünschte Bild hinter dem hübschen Klingelschild vermutlich aus. Die briefmarkenmitpräsentierende Staatsministerin Maria Böhmer betonte lächelnd:

Die knapp 16 Millionen Migranten in unserem Land sind Teil unserer Gesellschaft. Die Vielfalt der Menschen ist mittlerweile Normalität. Und angesichts des demografischen Wandels eine große Chance für unser Land. Zugleich setzt die Briefmarke ein wichtiges Zeichen für ein gutes Zusammenleben. Briefmarken sind Botschafter eines Landes. Die neue Sonderbriefmarke macht den Menschen in aller Welt und bei uns deutlich: Deutschland ist ein weltoffenes und tolerantes Land.

Völlig offen heißt nun gleichzeitig: nicht ganz dicht. Als Titelbild der Sezession 13/2006 hatten wir ein etwas anderes, nicht graphisch konstruiertes Klingelschild. Metall in Hammerschlag-Anmutung, kombiniert mit Plastik; namensmäßig weniger vielfältig, nämlich genau so, wie es die Realität in „jungen“ Großstadtbezirken hergibt. Hier entfaltet sich dann ein abweichendes Gedankenspiel, das sich diskret von der multikulturellen Traumwelt des reinlichen Mehrparteienwohngemeinschaft unterscheidet. Aber klar, man darf noch träumen, selbst und gerade als Finanzminister.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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