Klebrige Integration

Gibt es noch Männer, die dazu einladen, ihre Briefmarkensammlung zu bestaunen? Eher nicht, das Ding ist ein alter Hut.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die Brief­mar­ken­män­ner, so das alt­her­ge­brach­te Kli­schee, nutz­ten den Ver­weis auf ihre hüb­sche Samm­lung nur als Vor­wand, als unver­fäng­li­ches Lock­mit­tel. In Wahr­heit woll­ten sie uns ans Eingemachte.

Wolf­gang Schäub­le hat es ver­gan­ge­ne Woche getan: Mit hin­ter­sin­ni­gem Lächeln eine druck­fri­sche Brief­mar­ke prä­sen­tiert. Nun ja, was soll der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter in die­sen gera­de für sein Res­sort eher lang­wei­li­gen Tagen auch ande­res tun, als mit Brief­mar­ken zu werben?

Die aktu­el­le Son­der­brief­mar­ke im Wert von 55 Cent zeigt ein adret­tes Klin­gel­schild – polier­tes Mes­sing mut­maß­lich – mit inte­grier­ter Sprech­an­la­ge. Die ordent­lich beschrif­te­ten Namens­schil­der – allein der Name Peters über­klebt augen­schein­lich einen vor­he­ri­gen Mit­be­woh­ner, mög­li­cher­wei­se sind Schmidts gera­de aus­ge­wan­dert – zei­gen, daß es in die­sem Haus nicht voll­ends drun­ter und drü­ber geht. Hier leben also Yil­maz, Krü­ger, Hanke, Kamin­ski, Peters und Toz­zi unter einem gepfleg­ten Dache. „In Deutsch­land zu Hau­se – Viel­falt“ kün­det die Bot­schaft den­je­ni­gen, für die das Pro­pa­gan­da­bild allein nicht spre­chend ist.

Ein Asso­zia­ti­ons­rah­men der Wünsch­bar­kei­ten spannt sich auf. Die sechs Par­tei­en tei­len eini­ges: Dach und Fas­sa­de zumal, den Trep­pen­haus­putz­dienst haben sie gerecht auf­ge­teilt. Gut, die Frau Krü­ger nimmt es oft all­zu genau mit ihren drei­fach Putz­gän­gen inklu­si­ve anti­bak­te­ri­el­lem Hygie­ne­fi­nish, aber wenn sie mal die Kam­niskis wegen schlud­ri­ger Wische­rei rüf­feln muß (die sind ja damals vor Jahr­zehn­ten als Umsied­ler aus Polen gekom­men), lachen doch am Ende alle; man kennt sich, man tole­riert die Macken.

Die gemein­sam gestal­te­ten Som­mer­fes­te sind jeden­falls immer klas­se. Dann tischt die Frau Yil­maz, IT-Fach­kraft, die Lecke­rei­en aus ihrer auf­ge­ge­be­nen Hei­mat auf, und ihr Mann, Chef­arzt am Uni­kli­ni­kum, unter­hält die Gesell­schaft mit nach­denk­lich stim­men­den Ver­sen, selbst­ge­dich­tet. Die Toz­zis backen Piz­za, und deren Sohn, der sonst der Toch­ter von Frau Hanke Nach­hil­fe­stun­den gibt, greift zur Gei­ge und spielt auf. Die bei­den Peters, Immi­gran­ten aus Sach­sen, tau­en auch auf, deren klei­ner Sohn wird herumgereicht.

Als die Däm­me­rung fällt, sin­gen erst die Yil­maz´, dann die Toz­zis, die Kaminskis und schließ­lich auch der knö­cher­ne Hanke jene Wie­gen­lie­der, die einst Ihnen selbst am Kin­der­bett vor­ge­sun­gen wur­den. Ja, so sieht das erwünsch­te Bild hin­ter dem hüb­schen Klin­gel­schild ver­mut­lich aus. Die brief­mar­ken­mit­prä­sen­tie­ren­de Staats­mi­nis­te­rin Maria Böh­mer beton­te lächelnd:

Die knapp 16 Mil­lio­nen Migran­ten in unse­rem Land sind Teil unse­rer Gesell­schaft. Die Viel­falt der Men­schen ist mitt­ler­wei­le Nor­ma­li­tät. Und ange­sichts des demo­gra­fi­schen Wan­dels eine gro­ße Chan­ce für unser Land. Zugleich setzt die Brief­mar­ke ein wich­ti­ges Zei­chen für ein gutes Zusam­men­le­ben. Brief­mar­ken sind Bot­schaf­ter eines Lan­des. Die neue Son­der­brief­mar­ke macht den Men­schen in aller Welt und bei uns deut­lich: Deutsch­land ist ein welt­of­fe­nes und tole­ran­tes Land.

Völ­lig offen heißt nun gleich­zei­tig: nicht ganz dicht. Als Titel­bild der Sezes­si­on 13/2006 hat­ten wir ein etwas ande­res, nicht gra­phisch kon­stru­ier­tes Klin­gel­schild. Metall in Ham­mer­schlag-Anmu­tung, kom­bi­niert mit Plas­tik; namens­mä­ßig weni­ger viel­fäl­tig, näm­lich genau so, wie es die Rea­li­tät in „jun­gen“ Groß­stadt­be­zir­ken her­gibt. Hier ent­fal­tet sich dann ein abwei­chen­des Gedan­ken­spiel, das sich dis­kret von der mul­ti­kul­tu­rel­len Traum­welt des rein­li­chen Mehr­par­tei­en­wohn­ge­mein­schaft unter­schei­det. Aber klar, man darf noch träu­men, selbst und gera­de als Finanzminister.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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