Flaggengefahr: EM-Nachtrag

von Jakob Altenburg

Wenige Stunden vor dem Halbfinale gegen Italien und einen Tag vor der Verabschiedung des ESM-Vertrags im Bundestag...

 Gastbeitrag

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ver­öf­fent­lich­te die Süd­deut­sche an obers­ter Stel­le ihrer Online-Aus­ga­be fol­gen­de Gefah­ren­mel­dung: „Par­ty-Patrio­tis­mus ist Natio­na­lis­mus“. Spä­ter schob man den Arti­kel ins Res­sort Wis­sen Gesund­heit ab.

Was dem Leser unter der alar­mis­ti­schen Über­schrift gebo­ten wur­de, folg­te dem fuß­bal­le­ri­schen Mot­to „jeder Schuß ein Tref­fer“: Ein Stac­ca­to der Absur­di­tä­ten, abwech­selnd vor­ge­bracht vom Autor Mar­kus C. Schul­te von Drach (der eine völ­lig unge­len­ke Schrei­be an den Tag legt) und den zitier­ten Sozi­al­wis­sen­schaft­lern (alle­samt, wie es scheint, Toten­trä­ger ihrer Dis­zi­plin), gip­felnd in der Fest­stel­lung, es sei eine „gefähr­li­che Fehl­ein­schät­zung“, in den mit den Far­ben der Bun­des­flag­ge geschmück­ten Fuß­ball­fans den Aus­druck eines „unver­krampf­ten Patrio­tis­mus“ zu erbli­cken. Die fol­gen­den Höhe­punk­te spre­chen für sich und sind dar­um nur gering­fü­gig kommentiert:

Wil­helm Heit­mey­er, vie­len bekannt aus der belieb­ten Serie Deut­sche Zustän­de, hat erkannt, daß

der Kern des Patrio­tis­mus … genau wie beim Natio­na­lis­mus, die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit sei­nem Land (ist)… Der Patri­ot ist außer­dem stolz auf die Demo­kra­tie und auf die sozia­len Errun­gen­schaf­ten in sei­nem Land, ohne dass er das mit ande­ren Län­dern ver­gleicht. Der Natio­na­list dage­gen ver­gleicht sein Land immer mit ande­ren Natio­nen. Er ist stolz, Deut­scher zu sein, und er ist stolz auf die deut­sche Geschichte.

Wie kommt es dann trotz die­sem Unter­schied zur Glei­chung Par­ty-Patrio­tis­mus gleich Natio­na­lis­mus? Prof. Wag­ner und Dr. Becker aus Mar­burg klä­ren auf:

Die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Land spielt bei die­sen Patrio­ten kei­ne so wich­ti­ge Rol­le … Wenn sie aber hoch­ge­kocht wird, dann kommt es auch bei Patrio­ten zu dem glei­chen nega­ti­ven Effekt wie beim Nationalisten.

Hoch­ko­chen heißt in die­sem Fall: Fuß­ball schau­en, jubeln, Fah­nen schwen­ken. Dann kommt es zum „glei­chen nega­ti­ven Effekt“ wie beim her­kömm­li­chen Natio­na­lis­ten, sprich: Frem­den­feind­lich­keit, Into­le­ranz, Aus­gren­zung. Kla­rer Fall. Dag­mar Sche­di­wy, gleich­falls Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin, kann das nur unter­strei­chen. In ihrer Stu­die Ganz ent­spannt in Schwarz-Rot-Gold? fin­den sich Hin­wei­se auf einen neu­en, gleich­sam natür­li­chen Natio­nal­stolz unter deut­schen Fußballfans:

Nicht sel­ten habe man ihr erklärt: ‘Wir leben in Deutsch­land. Da ist man stolz auf sein Land’.

Das kommt nicht von unge­fähr, zieht man Sche­di­wys fol­gen­de ver­blüf­fen­de Erkennt­nis in Betracht:

Dem­nach spielt der Bezug auf die Demo­kra­tie und die sozia­len Errun­gen­schaf­ten in der deut­schen Gesell­schaft kaum eine Rol­le für die Fans.

In der Halb­zeit­pau­se noch nie an Bun­des­tags­wah­len und Arbeits­lo­sen­geld gedacht? Noch erstaun­li­cher aber:

Es geht vie­len um den Par­ty­spaß und den Sport.

Und für die­se habe Sche­di­wy einen beson­de­ren Rat, der ein wenig an Spaß auch ohne Alko­hol erinnert:

Dafür aber bräuch­te man kei­ne Fahnen.

Die unver­bes­ser­li­chen Fah­nen­schwen­ker längst durch­schaut hat der inti­me Ken­ner Prof. Boehn­ke aus Bremen:

Dass sie dabei ein bestimm­tes Kon­zept auf­grei­fen, ist ihnen ver­mut­lich nicht bewusst.

Mit der­sel­ben begriff­li­chen Schär­fe sekun­diert der schon erwähn­te Prof. Wagner:

Die neh­men einen Trend mit, der auch von außen durch ver­harm­lo­sen­de poli­ti­sche Äuße­run­gen wei­ter geför­dert wird … und die­ser Gesamt­pro­zess birgt über län­ge­re Zeit eine gro­ße Gefahr des Missbrauchs.

Immer­hin ver­fügt Wag­ner über das Pro­se­mi­nar­wis­sen, dass Iden­ti­fi­ka­ti­on immer auch bedeutet,

…dass man in einer gewis­sen Form die Lan­des­zu­ge­hö­rig­keit in das eige­ne Selbst­ver­ständ­nis aufnimmt.

Damit kei­ne Zwei­fel am Vor­rang des rein Mensch­li­chen auf­kom­men, fügt Autor von Drach erklä­rend hinzu:

Man ist nicht mehr nur ein Mensch, zufäl­lig gebo­ren in einem bestimm­ten Land. Man defi­niert sich selbst zu einem Teil über die Nationalität.

Wie gefähr­lich die der­zeit auf den Fan­mei­len zu beob­ach­ten­de „zu star­ke Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem eige­nen Land“ wer­den kann, bringt wie­der­um Boehn­ke unter Zuhil­fe­nah­me von ehren­wer­ten rhe­to­ri­schen Mit­teln auf den Punkt. Bit­te festhalten:

Ich hal­te die­ses unge­zwun­ge­ne Zei­gen der natio­na­len Insi­gni­en – und zwar gar nicht mit Blick auf den Holo­caust und ande­re deut­sche Ver­bre­chen – für pro­ble­ma­tisch, weil hier eine anti­mo­der­ne Stim­mung entsteht.

Sic! Nach dem wuch­ti­gen Ein­satz der erwähnt-uner­wähn­ten Keu­le schlägt Boehn­ke schließ­lich den Bogen vom Fuß­ball­platz zum Sta­bi­li­täts­me­cha­nis­mus und weit dar­über hinaus:

Natio­na­lis­mus oder Patrio­tis­mus sind rück­wärts­ge­wand­te Ori­en­tie­run­gen. Wir leben in einem Zeit­al­ter, wo es dar­auf ankommt, mit ande­ren inter­na­tio­nal zu koope­rie­ren. Da ist es nicht wich­tig, schwarz-rot-gol­de­ne Fah­nen aus dem Fens­ter zu hän­gen. Da ist nur wich­tig, zu zei­gen, dass wir offen sind für die Welt.

Wel­che bewußt­s­eins­ver­än­dern­de Rol­le die Fah­nen bzw. Flag­gen tat­säch­lich spie­len, weiß schließ­lich der Sozi­al­psy­cho­lo­ge Wagner:

In einer jetzt ver­öf­fent­lich­ten Stu­die konn­ten Wag­ner und sein Team zei­gen, dass schon eine klei­ne deut­sche Flag­ge auf einem Fra­ge­bo­gen dazu führt, dass das Natio­nal­ge­fühl und die Ableh­nung von Frem­den wächst – zumin­dest bei jenen, die bereits eine leich­te Ten­denz zum Natio­na­lis­mus haben (Social Psy­cho­lo­gy, Bd.43, S.3–6, 2012). Wel­che Effek­te dürf­te dann das Fah­nen­meer beim Public Viewing haben?

Ach­ten Sie auf das Klein­ge­druck­te! Damit uns die­ses dem Fah­nen­meer ent­stei­gen­de Mons­trum erspart bleibt, wer­den die Sche­di­wys, Wag­ners und Boehn­kes ins­ge­heim den Ita­lie­nern die Dau­men gedrückt haben. Ledig­lich Wil­helm Heit­mey­er bemerk­te jovi­al und gleich­mü­tig: „Haupt­sa­che, es ist ein schö­nes Spiel“.

Fällt eine sol­che Äuße­rung unter ech­ten, d.h. par­tei­ischen Fuß­ball­fans gleich wel­cher Sei­te nicht schon unter die Kate­go­rie „grup­pen­be­zo­ge­ne Menschenfeindlichkeit“?

 

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