Sezession
12. Juli 2012

Neues vom Hakenkreuz

Ellen Kositza

Auf meiner kleinen Liste der Nachteile Mitteldeutschlands gegenüber Westdeutschland steht an mittlerer Stelle die Klage darüber, daß die Leute hier (Bezugspunkt ist die konkrete Ausgangslage, also bäuerlich/proletarisch geprägte Region) extrem unsensibel sind.

Meine deutlich umfänglichere Liste mit den Pluspunkten nennt auf Platz 73 - auch mittlere Stelle - als Vorteil, daß die Menschen hier nicht übersensibel sind. Freilich kennt jede Roheit Grenzen.

Was wieder zu beweisen gewesen wäre:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Unsere Grundschülerin las als Klassensatz das Kinderbuch Fliegender Stern von Ursula Wölfel, eine hübsche Indianergeschichte, ein moderner Kinderbuchklassiker. In der Folge hatten sie in der Schule Botschaften im „Indianer-Alphabet“ anzufertigen. So ungefähr: Wellen, Boot, zwei ikonisierte Gesichter, ein „Schießgewehr“ – bedeutet: Der Weiße Mann kommt über den Fluß gefahren und führt Böses im Schilde. Daraus sind ansprechende Lesezeichen entstanden.

Hernach sollten die Kinder an die eigene Lebenswelt angepaßte Botschaften formulieren und dazu auch Zeichen kreiieren, die den Indianern vielleicht nicht geläufig waren. Fernseher, Handy, Mikrowelle, Stöckelschuhe; solche Sachen halt. Ein Junge nun wollte die extrem dumpfe Nachricht „ Schule ist schei*e“ kommunizieren. Für einen der beiden Begriffe hat der arme Kerl ausgerechnet welches Symbol gewählt -? Das Hakenkreuz. Muß wohl!

Die Lehrerin bekam (wörtlich) „so´nen Hals!“ Nun kam hinzu, daß just an jenem Tag in einer der ansonsten reinlichen Toilettentüren ebendieses Zeichen eingeritzt wurde.

Die Rektorin, eine durchaus besonnene Frau, drohte der Schülerschaft (1.-4. Klasse) nun mit der Polizei, die sie vermutlich einschalten müsse. Seither ist „das Thema“ virulent, nicht grad als Dauerbrenner, aber wenigstens als Tabubruchversuchsgegenstand. Meine Tochter überlieferte mir heute dieses Kommunikationsdokument, das sich zunächst innerhalb eines auf Herabsetzung abzielenden Wortwechsels zweier Jungen entsponnen hat:

Schüler X (kontert irgendeine Beleidigung): „Na und! Deine Mutter sieht voll aus wie Adolf Hitler!“
Schülerin Y: „Du hast Hitler gesagt! Ich sag´s der Frau T.!“
Schüler X: „Jetzt hast Du´s ja auch gesagt! Das sag ich dann auch der Frau T.!“
Eine klassische Patt-Situation, in deren Nesseln sich wuchtig prompt Schülerin XY setzte: „Frau T.! Der X und die Y haben gerade Hitler gesagt!“ Frau T. reagierte so autoritär (übrigens ein Punkt auf meiner Plusliste) wie unsensibel: „Ich krieg gleich so´nen Hals! Ich will diesen Namen n i e  w i e d e r hören!!“

Das wiederum ist heikel. Das wäre Schlußstrich-Mentalität.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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