Sezession
10. Juli 2012

„Martin Mollnitz“ oder Kleines Toleranzstückchen

Gastbeitrag

von Heino Bosselmann

Vorweg ein Fallbeispiel in eigener Sache: Wegen eines unter meinem Pseudonym Martin Mollnitz veröffentlichten Essays zur neuen Lyrik im Freitag wurde ich kürzlich von einem Anonymus namens „Marsborn“ dort wie anderswo als „Möchtegern-Lyrik-Breivik“ angegriffen, nachdem vom Greifswalder Literaturwissenschaftler Michael Gratz und dessen Junglyrik-Entourage unter Offenlegung meines Pseudonyms alarmiert worden war, ich schriebe für die Junge Freiheit.

Mein Pseudonym flog also auf, nachdem ich es – unter vereinbartem Stillschweigen – allzu vertrauensselig einem an meinen Arbeiten sehr interessiertem Greifswalder Verlag (der ausgerechnet den Namen Freiraum träügt) auf dessen dringende Anfrage hin eröffnet hatte.

Wohlgemerkt, die politischen Vorwürfe begannen in Zusammenhang mit einem Text von mir, in dem es einzig und allein um Literaturkritik ging. An einem Ort, wie er ohne Zweifel liberaler, linksliberaler nicht sein kann, denn der von mir geschätzte Freitag ist geradezu ein Muster an Toleranz und Pluralismus. – Oder erfolgten üble Nachrede, Kränkung und Breivik-Vorwurf vielleicht gerade deswegen, so aus tolerantem Selbstverständnis heraus?

Man muß bei solch hartem Toback schon durchatmen, aber man sollte, finde ich, das aushalten lernen. Man sollte es ebenfalls aushalten, wenn, wie mir gerade geschehen, Publikationen literarischer Texte mit explizitem Verweis auf JF-Autorenschaft an mehreren Verlagsadressen verhindert werden. Und wenn einem der nicht selbst verschuldete Rummel im Netz dann von den Mißgönnern sogar noch als perfide Publicity-Strategie zur Plazierung von Pseudonym und Namen ausgelegt wird. Mittlerweile versuchte ich zu reagieren.

Nur: Weswegen ist die Linke so empfindlich, daß sie seit Jahren – ob in meinem oder anderen Fällen – gleich zum Kahlschlag ansetzen will, wenn einer von der JF mal anderswo etwas schreibt – auch noch unter Pseudonym, zwangsläufig doch, weil er anders kaum unterkäme?

Ich denke, die Linke hat mittlerweile ein politneurotisches Problem und reagiert klassisch mit freudianischer Verschiebung: Sie macht es sich quasi kollektiv unbewußt zum Vorwurf, daß sie, um ihre rousseauschen oder blochschen oder nur unklar romantischen Vorstellungen von Demokratie und Freiheit wenigstens im Kompromiß verwirklicht zu sehen, ihren Frieden mit dem derzeitigen Kapitalismus in dessen Euro- bzw. Globalgestalt gemacht hat, ohnehin korrumpiert von der jahrzehntelangen Gewöhnung an den Ökonomismus und Konsumismus der Hülle und Fülle, wohlständig und angestellt bzw. beamtet saturiert, den demokratischen Beteiligungsschwund verdrängend. Ich meine damit weniger die Restbestände genuin politischer Linker, die sich durchaus nach wie vor mit Ersatzformen des Revolutionären und Anti-Atom abrackern, sondern die verbürgerlichte, folkloristische, intellektuelle Empfindungslinke in ihrer ambivalenten Angepaßtheit an den „Kapitalo-Parlamentarismus“ (Alain Badiou) der lobbyistisch bestimmten und ja vielleicht gar nicht besser zu habenden Schönwetterdemokratie. Die kleinbürgerliche Linke betreibt eine Nachahmung, der das Modell abhanden gekommen ist.

Weil sie den Status quo mehr oder weniger gutheißt und in all der ungenauen Leitliniensemantik der „politischen Mitte“ so mitschwimmt und damit bequem lebt, bleibt ihr als Gegner nur eine mystifizierte Rechte, und dazu gehört nach ihrer Definition jeder, der nicht erklärtermaßen „links“ ist oder sich mindestens zur „politischen Mitte“ bekennt. Thomas E. Schmidt bezeichnet im neuesten „Merkur“ die „Obsession des Mittigen“ als einen „Ausdruck historischer Veränderungsangst, kurzfristig so etwas wie politische Schmerzvermeidung.“ Der Fall Breivik und die NSU sollen beweisen, wohin es unweigerlich führt, wenn man diese Sicherstellungen versäumt. Simple Struwwelpeter-Didaktik.

Wer bestimmte, stets per se vorausgesetzte Grundvereinbarungen, die unskandalös herzählbar wären, nicht vorbehaltlos bejaht, wer also nach wie vor durchaus virulente Themen, deren Grenzen immer enger gezogen wurden, für diskussionswürdig hält, den eliminiert man aus dem Diskurs am wirksamsten, indem man ihn als „Möchtegern-Breivik“ oder mindestens als Nazi oder Faschisten denunziert, als solchen ins Netz stellt und hämisch hinter der Maske des eigenen Pseudonyms abwartet, wie der jetzt politisch, ethisch und als Person „in echt“ aufläuft. Nach dem Pranger im Netz oder in der Presse sind dann vielleicht die Häuserwände dran oder die Arbeitsstelle oder die Verwandten und Freunde.

Breivik! Eine Stadt sucht einen Nazi! Man kennt solche Verfahren, gegen die sich Cyber-Mobbing wie ein harmloses Gesellschaftsspiel ausnimmt, sonst nur vom Mob, wenn der sich der Einquartierung eines psychotischen Triebtäters in der Gemeinde widersetzt. – Auslöser der Attacken gegen mich waren nur politisch unverdächtige Gedanken zur Literatur. Das reicht schon! Wenn man als JF-Autor identifizierbar ist. – Die diffamierende Denunziation besteht in der Gleichsetzung der politisch konservativen bzw. nationalliberalen JF und deren Lesern wie Schreibern mit Nazis, NSU und letztendlich Massenmördern. Verunglimpfung und Negativstigmatisierung statt Disputation.

Und genau, weil man sich nicht beschädigen lassen sollte, weil die Rufer von „Nazi-Sau!“ und „Möchtegern-Breivik!“ nicht durchkommen dürfen, muß man das eben aushalten lernen und sich auf seine Sache konzentrieren. Geht nicht anders. – Ich möchte nur meine Arbeit machen. Dazu gehört, daß literarische Texte, wenn sie ein Verlag publizieren möchte, auch durchkommen, als daß sie an der Gesinnungszensur von Verhinderern scheitern, die sich selbst für Multiplikatoren des Pluralismus halten.


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