Autorenportrait Stefan George

pdf der Druckfassung aus Sezession 21/Dezember 2007

sez_nr_21von Baal Müller

In der Literaturgeschichte galt er lange als ein Exempel für die Ästhetik des l'art pour l'art, einer Kunst, die sich allein um ihrer selbst willen in stilisierten Schöpfungen erging und jeder explizit gesellschaftlichen Aussage enthielt - und dennoch hat man ihn als geistige Großmacht angesehen, die im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts einen Einfluß entfaltete wie kaum ein anderer deutscher Dichter. Niemand sonst hat einen Kreis von „Jüngern" um sich geschart, der ihn als „Meister" verehrte, seine Worte wie die eines Propheten aufnahm und zu einer Art Heilslehre zu systematisieren versuchte; wenige haben ihr Leben derart als Gesamtkunstwerk inszeniert, wobei er eine besondere Vorliebe für die Kalligraphie und - aller Technikfeindschaft zum Trotz - für die Photographie kultivierte; bei keinem Dichter hat man so viel Gewicht auf die physiognomische Erscheinung gelegt, hat immer wieder den archaischen Eindruck seines „gemeißelten" Antlitzes mit der fliehenden, von dichtem Haar überwölbten Stirn, den knochigen Wülsten über den tiefliegenden Augen, dem kargen Mund und dem vorspringenden Kinn beschrieben oder künstlerisch einzufangen gesucht, hat ihn mit Goethe und namentlich mit Dante verglichen, bald die herbe Männlichkeit, bald das Mütterliche, bald das Androgyne seiner Erscheinung hervorgehoben; in keinem anderen Fall hat man so selbstverständlich im Stil eines Damaskus-Erlebnisses behauptet, daß die Lektüre seiner Gedichte einem die Augen geöffnet und gar einen Lebenssinn vermittelt habe; und kaum ein anderer Dichter hat so viele Menschen, die ihm - oft nur flüchtig und dennoch von seiner Erscheinung für den Rest ihres Lebens betroffen - begegnet waren, zur Niederschrift ihrer Erinnerungen an ihn provoziert und ist doch hinter all diesen Memoiren, Huldigungen, Hagiographien so schwer faßbar geblieben wie Stefan George.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag


Außen­ste­hen­de dach­ten sich sei­nen Kreis zuwei­len als einen Geheim­bund mit stren­gen Initia­ti­ons­re­geln und einem Hohe­pries­ter an der Spit­ze, der aus biblio­phi­len Pre­zio­sen in mono­to­nem Sprech­ge­sang lit­ur­gi­sche Lesun­gen zele­briert und – spät­rö­mi­schen Kai­sern nach­ei­fernd – allen Erns­tes einen Jüng­ling zu einem neu­en Gott erho­ben hat, doch wer ihm, zumal in sei­nen spä­te­ren Jah­ren, begeg­ne­te, ver­merk­te erstaunt die Schlicht­heit sei­nes Wesens, den ein­fa­chen Lebens­stil des Dich­ters, der zeit­le­bens den Dia­lekt sei­ner Pfäl­zer Hei­mat sprach.

Mit einer gewis­sen Rat­lo­sig­keit unter­schied man einen frü­hen, vom fran­zö­si­schen Sym­bo­lis­mus gepräg­ten Geor­ge, den man als deut­schen Ver­tre­ter einer Lite­ra­tur der Decá­dence ansah, von dem spä­te­ren Dich­ter­pro­phe­ten und „völ­ki­schen Seher”, dem Men­schen­füh­rer und ‑ver­füh­rer, der – eigent­lich eine sin­gu­lä­re Erschei­nung – mit sei­nem Wil­len zur Schaf­fung eines „Neu­en Rei­ches” allen­falls einem künst­le­risch ver­stie­ge­nen Sei­ten­zweig der „Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on” zuge­rech­net wer­den kann. Die Ver­än­de­run­gen in sei­nem äuße­ren Habi­tus – der mon­dä­ne Zylin­der wich schon früh der Bas­ken­müt­ze, die bun­ten Wes­ten und eigen­wil­lig geschlun­ge­nen Kra­wat­ten des Dan­dys wur­den durch einen pries­ter­lich schwar­zen Rock ersetzt, wäh­rend auf den Alters­fo­tos die ein­fa­che graue Strick­ja­cke genüg­te – sowie die Akzent­ver­schie­bun­gen in sei­nem Werk von anti­ken, medi­ter­ra­nen und exo­ti­schen Sujets zu The­men und Gestal­ten der deut­schen Geschich­te und Gegen­wart schei­nen die­sen Ein­druck zu bele­gen. Dem Selbst­bild des Dich­ters ent­spricht eine sol­che Unter­schei­dung jedoch nicht: „Ihr sehet wech­sel doch ich tat das gleiche.”
Über die­ses Tun sind wir dank der aus­gie­bi­gen Gedächt­nis­pfle­ge des Geor­ge-Krei­ses, der erhal­te­nen Brief­wech­sel, der in den letz­ten Jah­ren stark ange­wach­se­nen For­schungs­li­te­ra­tur und der edi­to­ri­schen Erschlie­ßung von Wer­ken und Nach­läs­sen auch zweit- und dritt­ran­gi­ger Figu­ren aus dem Umfeld des Dich­ters bes­tens infor­miert, und doch staunt man in der heu­ti­gen pathos­ent­wöhn­ten Zeit über die bezwin­gen­de Macht sei­nes Cha­ris­ma. Zudem sind Ril­ke und Benn als Lyri­ker von ver­gleich­ba­rem Rang, und die Bio­gra­phien von Jün­ger oder d’An­nun­zio sind gewiß aben­teu­er­li­cher, auch ent­beh­ren Geor­ges dan­dy­haf­te Züge und anti­ki­sie­ren­den Posen nicht einer unfrei­wil­li­gen Komik; die Form­stren­ge sei­ner Gedich­te wur­de schon von man­chen Zeit­ge­nos­sen als höl­zern ange­se­hen und gern par­odiert, aber die Fas­zi­na­ti­on sei­ner Gesamt­erschei­nung wirkt unge­ach­tet unse­res Wis­sens von den Tech­ni­ken ihrer Insze­nie­rung fort. Der gro­ße Mensch läßt sich eben nicht durch „sozia­le Struk­tu­ren” wegerklä­ren, ein bedeu­ten­der Autor zitiert nicht nur aus unter­schied­li­chen „Dis­kur­sen”, und das Geheim­nis des Eros liegt nicht in der „Gen­der-Per­for­mance”.
Es ist daher viel­ver­spre­chend, wenn Tho­mas Kar­laufs soeben erschie­ne­ne Geor­ge-Bio­gra­phie den Unter­ti­tel Die Ent­de­ckung – und nicht etwa: „Die Kon­struk­ti­on” – des Cha­ris­ma führt oder der Klap­pen­text den Dich­ter ganz schlicht und ohne Anfüh­rungs­zei­chen als Pro­phe­ten bezeich­net, und auch Kar­laufs Klar­stel­lung, daß der Flucht­punkt, auf den eine Beschrei­bung von Geor­ges Leben zulau­fen müs­se, nicht das Jahr 1933 sein kön­ne, läßt hof­fen, daß er sei­ne Auf­ga­be über­zeu­gen­der gelöst hat, als es Robert E. Nor­ton mit den sche­ma­ti­schen Par­al­le­li­sie­run­gen von „Meis­ter” und „Füh­rer” in sei­nem Secret Ger­ma­ny gelun­gen ist. Die Erwar­tun­gen an ein sol­ches Werk sind frei­lich hoch, muß der Geor­ge-Bio­graph doch zwi­schen den Klip­pen der all­zu hagio­gra­pi­schen Dar­stel­lung (oder auch nur des Vor­wurfs der­sel­ben), der blo­ßen Fak­ten­hu­be­rei oder theo­re­ti­schen Ver­ein­nah­mung sowie des Abglei­tens in die Werk­ana­ly­se hin­durch­schif­fen; und die Auf­merk­sam­keit der Fach­kol­le­gen ist um so grö­ßer, als sich seit den monu­men­ta­len, noch aus dem Geor­ge-Kreis selbst her­vor­ge­gan­ge­nen Bio­gra­phien von Fried­rich Wol­ters – dem offi­ziö­sen, vom Meis­ter mit­ver­faß­ten Werk über Ste­fan Geor­ge und die Blät­ter für die Kunst (1930) – und Robert Boehrin­ger kein deutsch­spra­chi­ger Autor mehr an eine Lebens­be­schrei­bung Geor­ges her­an­ge­wagt hat, sieht man von Franz Scho­nau­ers ver­dienst­vol­ler Rowohlt-Mono­gra­phie (1960) ein­mal ab.

Der fast ein­hel­li­ge Jubel, mit dem Kar­laufs volu­mi­nö­ses Werk von den Rezen­sen­ten auf­ge­nom­men wur­de, stimmt aller­dings bedenk­lich, ist man doch gewohnt, daß gute Bücher vom deut­schen Gegen­warts­feuil­le­ton ent­we­der tot­ge­schwie­gen oder zumin­dest ver­ris­sen wer­den, und das Beden­ken stei­gert sich, wenn man die Grün­de für die­se Belo­bi­gun­gen zur Kennt­nis nimmt: Immer wie­der wird her­vor­ge­ho­ben, daß Kar­lauf Geor­ges Homo­se­xua­li­tät „tabu­los” beschrie­ben habe, dabei die zahl­rei­chen, manch­mal erschüt­tern­den mensch­li­chen Ver­wer­fun­gen nicht ver­schwei­ge, etwa die Pein­lich­keit, mit der er halb­wüch­si­gen Jüng­lin­gen nach­stieg oder sie für sei­nen Kreis von älte­ren Ver­trau­ten „rekru­tie­ren” ließ, oder die Schroff­heit, mit der er lang­jäh­ri­ge Jün­ger von sich stieß; aber der Reduk­tio­nis­mus die­ser Fokus­sie­rung (den Kar­lauf selbst jedoch bestrei­tet) liegt auf der Hand: Fritz J. Rad­datz ist zuzu­stim­men, wenn er Kar­lauf vor­wirft, er mache Geor­ge ten­den­zi­ell zu einem „Schwu­len, der auch Gedich­te geschrie­ben hat” (Die Zeit vom 30. August 2007), und er moniert mit Recht die all­zu mas­sen­me­di­al gepräg­te Spra­che des Autors, die den dich­te­ri­schen Fun­ken nicht über­sprin­gen läßt.
Ein ver­nünf­ti­ger Zugang zu Kar­laufs Geor­ge-Bio­gra­phie soll­te indes in der Mit­te lie­gen: Weder gibt es Tabu­brü­che zu fei­ern, wo kei­ne Tabus mehr zu bre­chen sind, noch muß man das Buch bei­sei­te­le­gen, weil es auch von den Nie­de­run­gen einer gro­ßen mensch­li­chen Exis­tenz han­delt; und man soll­te sich die Lek­tü­re auch nicht davon ver­lei­den las­sen, daß der Autor zwar kri­ti­siert, wenn sein Kol­le­ge Nor­ton Geor­ges Leben und Werk (aus unzu­rei­chen­der Kennt­nis der deut­schen Geis­tes­ge­schich­te, gepaart mit poli­tisch-kor­rek­ter Eng­stir­nig­keit) in die Ereig­nis­se des Jah­res 1933 mün­den läßt, dann aber selbst pflicht­schul­dig fest­stellt, der „deut­sche Geist”, wie ihn Geor­ge ver­stan­den habe, sei am Natio­nal­so­zia­lis­mus „mit­schul­dig” gewor­den und daher zu Recht und „für immer im Abgrund der Geschich­te” verschwunden.
Statt in jedem Gedicht nur Hin­wei­se auf Geor­ges ohne­hin bekann­te Homo­se­xua­li­tät sehen zu wol­len, kann man auch den umge­kehr­ten Weg ein­schla­gen und fest­stel­len, daß er, von die­ser Dis­po­si­ti­on aus­ge­hend, zu einer – män­ner­bün­disch gepräg­ten – dich­te­risch-poli­ti­schen Visi­on gelang­te, die unab­hän­gig von ihren per­sön­li­chen Wur­zeln und zeit­be­ding­ten Aus­prä­gun­gen (etwa sei­nem manch­mal kuri­os wir­ken­den Frau­en­haß oder dem Wider­spruch zwi­schen der Fei­er des vor­mo­der­nen Lebens und dem sehr moder­nen ästhe­ti­schen Avant­gar­dis­mus) eine fort­wäh­ren­de – ange­sichts der heu­te noch gestei­ger­ten „Ver­mas­sung”, des Bil­dungs­ver­falls und Per­sön­lich­keits­schwun­des sowie der erneut tota­li­tä­re Züge gewin­nen­den Par­tei­en- und Medi­en­herr­schaft sogar zuneh­men­de – Gül­tig­keit besitzt.

Schon die Jugend des am 12. Juli 1868 als Sohn eines Gast­wirts und Wein­händ­lers in Büdes­heim bei Bin­gen gebo­re­nen Ste­phan Anton Geor­ge, wie er eigent­lich hieß, war davon geprägt, auf ande­re Men­schen wir­ken, über sie herr­schen zu wol­len. Er galt, obwohl er spä­ter sei­ne länd­li­che Her­kunft ger­ne beton­te, in sei­nem Hei­mat­ort stets als Son­der­ling, hielt sich von den Alters­ge­nos­sen meist fern und spiel­te allen­falls „König und Minis­ter” mit ihnen (wobei er selbst­re­dend immer der König sein woll­te); er zeig­te früh lite­ra­ri­sche Ambi­tio­nen und gab eine Schü­ler­zei­tung Rosen und Dis­teln her­aus, lern­te als Halb­wüch­si­ger – ein ech­tes Sprach­ge­nie – nahe­zu alle euro­päi­schen Kul­tur­spra­chen, um die von ihm bewun­der­ten Dich­ter im Ori­gi­nal lesen zu kön­nen, und ent­wi­ckel­te eine Geheim­spra­che, der er sich auch spä­ter noch bediente.
Der stren­ge Katho­li­zis­mus sei­ner als lieb­los und depres­siv geschil­der­ten Mut­ter hat sei­nen spä­te­ren Form­wil­len sicher maß­geb­lich beein­flußt, obgleich er sich inhalt­lich schon früh von der Reli­gi­on des fami­liä­ren und hei­mat­li­chen Umfel­des gelöst hat. Bei­de Eltern besa­ßen kei­nen gro­ßen Bil­dungs­ho­ri­zont, lie­ßen ihm aber jede ihnen mög­li­che För­de­rung ange­dei­hen; der Vater finan­zier­te groß­zü­gig sei­ne Stu­di­en, obwohl ihm bald offen­sicht­lich sein muß­te, daß der ange­hen­de Dich­ter nach kei­nem aka­de­mi­schen Abschluß streb­te und nie­mals Anstal­ten mach­te, einen bür­ger­li­chen Beruf zu ergrei­fen. Der jun­ge Geor­ge reis­te viel und führ­te ein unste­tes Leben; auch spä­ter hat­te er nie einen fes­ten Wohn­sitz und hielt sich zeit­wei­se bei den Wohl­ha­ben­de­ren unter sei­nen Jün­gern, zeit­wei­se bei sei­ner unver­hei­ra­tet geblie­be­nen Schwes­ter in Bin­gen auf. Bereits als Stu­dent leb­te er wie ein Pri­va­tier und begann sein Netz­werk von Freun­den und Anhän­gern zu knüp­fen, was neben der Dich­tung sei­ne Haupt­be­schäf­ti­gung blei­ben sollte.
Die wich­tigs­ten Anre­gun­gen emp­fing er in den spä­ten acht­zi­ger und frü­hen neun­zi­ger Jah­ren in Paris und Wien: In Paris gewann er Zugang zu dem eli­tä­ren Zir­kel um Sté­pha­ne Mall­ar­mé, des­sen Ver­ständ­nis nicht nur der Kunst, son­dern auch der sozia­len Rol­le des Dich­ters ihn nach­hal­tig präg­te, und in Wien lern­te er 1891 den sechs Jah­re jün­ge­ren Hugo von Hof­manns­thal ken­nen. Der früh­ent­wi­ckel­te, in den Café­häu­sern bereits gefei­er­te Dich­ter­jüng­ling steu­er­te auch eini­ge Wer­ke für Geor­ges 1892 gegrün­de­te Zeit­schrift Blät­ter für die Kunst bei, ließ sich aber nicht für des­sen kul­tur­stra­te­gi­sche Zie­le ver­ein­nah­men und wies die homo­ero­ti­schen Avan­cen zurück.
Der Bruch mit Hof­manns­thal blieb für spä­te­re Bezie­hun­gen Geor­ges gera­de zu sei­nen bedeu­tends­ten Freun­den sym­pto­ma­tisch (wes­halb Kar­lauf ihn auch an den Beginn sei­nes Buches stellt): Wäh­rend min­der ein­zig­ar­ti­ge – gleich­wohl bemer­kens­wer­te – Bega­bun­gen durch sei­nen Ein­fluß geför­dert wur­den und Men­schen wie Fried­rich Wol­ters, zeit­wei­lig so etwas wie der ers­te Minis­ter in Geor­ges Hof­staat, Bert­hold Val­len­tin, der Ver­fas­ser eines Buches über Napo­le­on, Ernst Mor­witz, der spä­ter mit sei­nem Geor­ge-Kom­men­tar her­vor­trat, oder die Phi­lo­so­phin Edith Land­mann eine Höhe der Exis­tenz erreich­ten, die ihnen ohne die Begeg­nung mit Geor­ge kaum mög­lich gewe­sen wäre, muß für die her­aus­ra­gends­ten Per­sön­lich­kei­ten sei­nes Umfel­des immer wie­der ein ähn­li­ches Ver­hält­nis von Anzie­hung und Absto­ßung kon­sta­tiert wer­den: Beson­ders tra­gisch war der Fall des Literar­his­to­ri­kers Fried­rich Gun­dolf, der – einer brei­ten Öffent­lich­keit mit sei­nem monu­men­ta­len Goe­the­buch bekannt­ge­wor­den – lan­ge Zeit als ers­ter Jün­ger galt und wie kaum ein ande­rer zur Ver­brei­tung von Geor­ges Kul­tur­be­griff bei­getra­gen hat. Als er 1926 hei­ra­te­te, „ver­stieß” ihn Geor­ge, nach­dem das Ver­hält­nis schon seit län­ge­rem zer­rüt­tet war; im fol­gen­den Jahr erkrank­te Gun­dolf an Krebs und starb 1931, genau an Geor­ges Geburts­tag. In ande­ren Fäl­len – etwa bei Max Kom­me­rell, dem neben Gun­dolf und Ernst Bert­ram drit­ten berühm­ten Ger­ma­nis­ten des Geor­ge-Krei­ses – voll­zog sich die Tren­nung nicht ganz so schroff.

Um die Jahr­hun­dert­wen­de hielt sich der Dich­ter, der bereits mit Hym­nen – Pil­ger­fahr­ten – Alga­bal (1890–92), einem Schlüs­sel­werk des ästhe­ti­zis­ti­schen Amo­ra­lis­mus, den Büchern der Hir­ten- und Preis­ge­dich­te, der Sagen und Sän­ge und der Hän­gen­den Gär­ten (1895), dem Jahr der See­le (1897), das Geor­ges erfolg­reichs­ter Gedicht­band wer­den soll­te, sowie dem Tep­pich des Lebens (1900) her­vor­ge­tre­ten war, bevor­zugt in Mün­chen auf und ver­kehr­te in den Krei­sen der Schwa­bin­ger Bohe­me. Einen inten­si­ven Aus­tausch pfleg­te er mit dem Lyri­ker, Essay­is­ten und Über­set­zer Karl Wolfs­kehl, in des­sen Woh­nung ihm stets ein Zim­mer reser­viert war, dem Phi­lo­so­phen Lud­wig Kla­ges, der spä­ter durch sei­ne gra­pho­lo­gi­schen Schrif­ten sowie sein Haupt­werk Der Geist als Wider­sa­cher der See­le (1929–31) berühmt wer­den soll­te, und dem eso­te­ri­schen Dich­ter und „Mys­te­ri­en­for­scher” Alfred Schuler, dem eigent­li­chen spi­ri­tus rec­tor der von ihnen gebil­de­ten „Kos­mi­schen Run­de”. Alle drei ver­tra­ten in Anknüp­fung an Nietz­sche sowie an das Mut­ter­recht des Bas­ler Reli­gi­ons­his­to­ri­kers Johann J. Bachofen neu­heid­ni­sche und neo­gnos­ti­sche Ideen, die mit einer Auf­wer­tung der matri­ar­cha­len und „dio­ny­si­schen” gegen­über den „apol­li­ni­schen” Ele­men­ten der anti­ken Reli­gi­on sowie mit einer radi­ka­len Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik ver­bun­den waren. Da Wolfs­kehl ähn­li­che Ten­den­zen auch im frü­hen Juden­tum erken­nen woll­te (und Ver­bin­dun­gen zum auf­kom­men­den Zio­nis­mus unter­hielt), kam es 1904 zu einem schar­fen Bruch mit Schuler und Kla­ges, die im Juden­tum allein die „zer­set­zen­de”, natur­feind­li­che und kul­tur­zer­stö­ren­de Kraft des „jah­wis­ti­schen” Geis­tes aus­mach­ten. Geor­ge hielt bei die­sem Streit zu Wolfs­kehl, wur­de durch den chtho­ni­schen Mythos der Kos­mi­ker aber zur Aus­bil­dung eines arti­fi­zi­el­len und für die Ent­wick­lung sei­nes Krei­ses kon­sti­tu­ti­ven Gegen­my­thos ver­an­laßt: 1902 hat­te er den drei­zehn­jäh­ri­gen Maxi­mi­li­an Kron­ber­ger ken­nen­ge­lernt, der bereits zwei Jah­re spä­ter ver­starb und von Geor­ge als jugend­li­cher Gott „Maxi­min” gefei­ert wur­de, dem er 1907 ein „Gedenk­buch” wid­me­te. Ein Maxi­min-Zyklus bil­det auch das Zen­trum sei­nes im sel­ben Jahr erschie­ne­nen umfang­reichs­ten Gedicht­ban­des Der sie­ben­te Ring, in dem ansons­ten die Zeit­kri­tik her­vor­tritt und die unmit­tel­bar an die Weg­ge­fähr­ten gerich­te­ten Wid­mungs­ge­dich­te einen brei­ten Raum ein­neh­men. Die nicht nur hier zum Aus­druck kom­men­de Bezo­gen­heit der Dich­tung auf den Men­schen läßt die strik­te Unter­tei­lung von Geor­ges Schaf­fen in eine frü­he, allein der Kunst gewid­me­te Pha­se und eine spä­te­re, in der die Kreis­bil­dung im Mit­tel­punkt steht, frag­lich erschei­nen; ledig­lich die Akzen­te ver­schie­ben sich, indem die Anhän­ger zahl­rei­cher und jün­ger wer­den – ent­schei­dend für Geor­ges Werk aber bleibt der Form­wil­le, der die Dich­tung wie den Kreis beherrscht und zyklisch ver­bin­det: Die Dich­tung han­delt von Men­schen und rich­tet sich an die­se – die Men­schen (sei­ner enge­ren Umge­bung und dar­über hin­aus) sol­len nach den Prin­zi­pi­en des Dich­te­ri­schen geformt werden.

Der Ers­te Welt­krieg, dem Geor­ge zumin­dest als kon­kre­tem his­to­ri­schen Gesche­hen nichts abge­win­nen konn­te („kein tri­umf wird sein, / nur vie­le unter­gän­ge ohne wür­de”), ver­stärkt die Ten­den­zen zur Aus­bil­dung eines ein­heit­li­chen Krei­ses, der in den zwan­zi­ger Jah­ren „staat” genannt wird, und zur pro­phe­ti­schen Schau: 1914 erschien mit dem Stern des Bun­des gleich­sam das Gesetz­buch des Krei­ses, 1917 folg­ten Der Krieg und 1921 Drei Gesän­ge, die 1928 in Geor­ges letz­ten Gedicht­band Das Neue Reich auf­ge­nom­men wur­den. Eini­ge der Getreu­en, dar­un­ter der Höl­der­lin­for­scher und ‑her­aus­ge­ber Nor­bert von Hel­ling­rath, kehr­ten aus dem Krie­ge nicht wie­der zurück, doch konn­ten neue Anhän­ger gewon­nen wer­den, unter denen die Brü­der Stauf­fen­berg als Hit­ler-Atten­tä­ter geschicht­li­che Gel­tung erlan­gen soll­ten. Ihre Tat kann als das eigent­li­che his­to­ri­sche Ver­mächt­nis des Krei­ses ange­se­hen wer­den, nach­dem Geor­ge selbst 1933 das Ansin­nen der neu­en Macht­ha­ber, ihn als geis­ti­gen Reprä­sen­tan­ten zu gewin­nen, zurück­ge­wie­sen hat­te. Zwar bestritt er nicht eine gewis­se Ahn­herr­schaft für die „neue natio­na­le Bewe­gung”, wie er sich aus­drück­te, lehn­te das Ange­bot des preu­ßi­schen Kul­tus­mi­nis­ters Rust, Prä­si­dent der Aka­de­mie für Dicht­kunst zu wer­den, jedoch ab. Da er am 4. Dezem­ber 1933 im schwei­ze­ri­schen Minusio ver­starb, blieb es ihm erspart, sei­ne Hal­tung des über die Real­po­li­tik erha­be­nen Dich­ter­fürs­ten auch noch zu bewäh­ren, wenn das Regime des pro­mi­nen­ten Aus­hän­ge­schil­des nicht mehr bedurft und eine ein­deu­ti­ge­re Stel­lung­nah­me ver­langt hät­te. Sein Kreis zer­fiel bald nach sei­nem Tod; eini­ge, zumal der jün­ge­ren Mit­glie­der arran­gier­ten sich mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus oder zogen eine Linie vom Neu­en Reich zum Drit­ten, ande­re gin­gen in die (inne­re oder äuße­re) Emi­gra­ti­on, wie­der ande­re wähl­ten den akti­ven Widerstand.
„Es lebe das Gehei­me Deutsch­land” soll Claus Graf Schenk von Stauf­fen­berg unmit­tel­bar vor sei­ner Erschie­ßung in der Nacht zum 21. Juli 1944 im Hof des Bend­ler­blocks geru­fen haben. Ver­schie­de­nes hat man unter die­sem von Juli­us Lang­behn gepräg­ten, von Wolfs­kehl für den Geor­ge-Kreis auf­ge­grif­fe­nen, von Geor­ge in sei­nem Gedicht Gehei­mes Deutsch­land zu einem Zen­tral­ge­dan­ken sei­nes geis­ti­gen Staa­tes erho­be­nen Begriff ver­stan­den: den Geor­ge-Kreis selbst oder all­ge­mein das Deutsch­land der Dich­ter und Den­ker, ein „ande­res Deutsch­land” im Gegen­satz zu dem der Natio­nal­so­zia­lis­ten oder ein Ewi­ges Reich, das Wolfs­kehl auch in sein Exil im fer­nen Neu­see­land mit­neh­men zu kön­nen glaub­te: „Wo ich bin, ist deut­scher Geist.” Es bleibt uns ein „wun­der undeut­bar für heut”, wie es in Geor­ges Gedicht heißt, noch immer auf­ge­ge­ben für die Zukunft.

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