Sezession
1. Dezember 2007

Autorenportrait Stefan George

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 21/Dezember 2007

sez_nr_21von Baal Müller

In der Literaturgeschichte galt er lange als ein Exempel für die Ästhetik des l'art pour l'art, einer Kunst, die sich allein um ihrer selbst willen in stilisierten Schöpfungen erging und jeder explizit gesellschaftlichen Aussage enthielt - und dennoch hat man ihn als geistige Großmacht angesehen, die im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts einen Einfluß entfaltete wie kaum ein anderer deutscher Dichter. Niemand sonst hat einen Kreis von „Jüngern" um sich geschart, der ihn als „Meister" verehrte, seine Worte wie die eines Propheten aufnahm und zu einer Art Heilslehre zu systematisieren versuchte; wenige haben ihr Leben derart als Gesamtkunstwerk inszeniert, wobei er eine besondere Vorliebe für die Kalligraphie und - aller Technikfeindschaft zum Trotz - für die Photographie kultivierte; bei keinem Dichter hat man so viel Gewicht auf die physiognomische Erscheinung gelegt, hat immer wieder den archaischen Eindruck seines „gemeißelten" Antlitzes mit der fliehenden, von dichtem Haar überwölbten Stirn, den knochigen Wülsten über den tiefliegenden Augen, dem kargen Mund und dem vorspringenden Kinn beschrieben oder künstlerisch einzufangen gesucht, hat ihn mit Goethe und namentlich mit Dante verglichen, bald die herbe Männlichkeit, bald das Mütterliche, bald das Androgyne seiner Erscheinung hervorgehoben; in keinem anderen Fall hat man so selbstverständlich im Stil eines Damaskus-Erlebnisses behauptet, daß die Lektüre seiner Gedichte einem die Augen geöffnet und gar einen Lebenssinn vermittelt habe; und kaum ein anderer Dichter hat so viele Menschen, die ihm - oft nur flüchtig und dennoch von seiner Erscheinung für den Rest ihres Lebens betroffen - begegnet waren, zur Niederschrift ihrer Erinnerungen an ihn provoziert und ist doch hinter all diesen Memoiren, Huldigungen, Hagiographien so schwer faßbar geblieben wie Stefan George.


Außenstehende dachten sich seinen Kreis zuweilen als einen Geheimbund mit strengen Initiationsregeln und einem Hohepriester an der Spitze, der aus bibliophilen Preziosen in monotonem Sprechgesang liturgische Lesungen zelebriert und - spätrömischen Kaisern nacheifernd - allen Ernstes einen Jüngling zu einem neuen Gott erhoben hat, doch wer ihm, zumal in seinen späteren Jahren, begegnete, vermerkte erstaunt die Schlichtheit seines Wesens, den einfachen Lebensstil des Dichters, der zeitlebens den Dialekt seiner Pfälzer Heimat sprach.


 Gastbeitrag

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