Fünf Randnotizen zum Leipziger Einheits- und Freiheitsdenkmal

von Jakob Altenburg

1. Wenn alles gut geht und der Stadtrat im Oktober ja sagt, wird bis 2014 mitten in Leipzig, auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz, eine riesige kunterbunte Spielfläche für Jung und Alt entstehen.

 Gastbeitrag

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Der größ­te Spiel­platz in ganz Leip­zig, wenn nicht in ganz Deutsch­land! Auf sieb­zig­tau­send far­bi­gen Flä­chen – dar­um auch der Name, “Sieb­zig­tau­send” – ste­hen sieb­zig­tau­send bun­te Hocker aus Alu­mi­ni­um, die zum Ver­schie­ben, Sta­peln und Mit­neh­men ein­la­den. M+M hei­ßen die Künst­ler aus Mün­chen, die sich das aus­ge­dacht haben – das passt! Mit den Alu­ho­ckern kann man auch Stra­ßen, Tür­me und Mau­ern bau­en, und wer will, stellt sich auf einen der Hocker und musi­ziert oder schwingt lus­ti­ge Reden. Weil’s ein ech­ter Mit­mach­spiel­platz ist – “par­ti­zi­pa­to­risch und per­for­ma­tiv” nen­nen Poli­ti­ker das –, darf jeder unge­straft einen oder meh­re­re Hocker ein­pa­cken, um sie an ande­rer Stel­le in der Stadt oder im hei­mi­schen Kin­der­zim­mer wie­der auf­zu­bau­en. Und wenn sie irgend­wann weg sind, wer­den ein­fach neue gelie­fert und das Spiel geht von vor­ne los.
“Erneu­ern der Kuben­mit­nah­me­ak­ti­on”, sagt man dazu. Scha­de nur, daß man­che über­haupt kei­nen Spaß ver­ste­hen: Ska­di Jen­ni­cke von der Links­par­tei meint doch tat­säch­lich, der Platz kön­ne durch sei­nen bun­ten, spie­le­ri­schen Cha­rak­ter leicht „infan­til“ wir­ken. Spiel­ver­der­ber! Bes­ser weiß es Roland Ques­ter von den Grü­nen, der mit in der Jury saß. Sei­ne wit­zi­ge Idee: im Inter­net ande­ren davon berich­ten, wie man sei­nen Hocker benutzt hat.

2. „Das Wort Rose hat weder Stil noch Blatt noch Dor­nen. Es ist weder rosa noch rot noch gelb. Es ver­strömt kei­nen Geruch. Es ist per se ein will­kür­li­ches pho­ne­ti­sches Kenn­mal, ein lee­res Zei­chen. Nichts, aber auch gar nichts in sei­nem (mini­ma­len) Klang, in sei­ner gra­phi­schen Erschei­nung, in sei­nen pho­ne­mi­schen Kom­po­nen­ten, sei­ner ety­mo­lo­gi­schen Geschich­te oder den gram­ma­ti­ka­li­schen Funk­tio­nen hat irgend­ei­ne Ent­spre­chung zu dem, was wir für den Gegen­stand sei­ner rein kon­ven­ti­ons­be­stimm­ten Refe­renz hal­ten.“ So schreibt Geor­ge Stei­ner in sei­nem Buch Von rea­ler Gegen­wart über Sté­pha­ne Mall­ar­més Dik­tum, das Wort Rose sei „l’absence de tou­te rose“. Zwi­schen „Wort und Welt“ habe ein Ver­trags­bruchs statt­ge­fun­den, „eine der weni­gen ech­ten geis­ti­gen Revo­lu­tio­nen in der Geschich­te des Wes­tens … durch den sich die Moder­ne defi­niert“. Ursprung einer Kunst, der Kon­zept alles, rea­le Gegen­wart, kon­kre­te Anschau­lich­keit nichts bedeu­tet. Wer ver­an­schau­li­chen­de Dar­stel­lung, Mime­sis for­dert, ist hoff­nungs­los rückständig.

3. „Kon­zept: … Es ist ein Erleb­nis, das aus­ge­dehn­te far­ben­fro­he Are­al zu durch­kreu­zen. Man taucht dar­in ein und wird unmit­tel­bar an die bun­te Men­ge der Demons­tran­ten wäh­rend der fried­li­chen Revo­lu­ti­on erin­nert … Die sie­ben Far­ben der Podes­te ent­spre­chen einem Farb­code, in dem jede Far­be einem Buch­sta­ben zuge­ord­net ist. Es sind Far­ben der fried­li­chen Revo­lu­ti­on und ihrer Zeit, von den bei­gen, pin­ken und oran­ge­far­bi­gen Stof­fen bei den Demons­tran­ten und dem dunk­len Bor­deaux der Gewand­haus­be­stuh­lung bis hin zum Grün der Deut­schen Volks­po­li­zei. In der ent­spre­chen­den Rei­hung bil­den sie die zen­tra­len Begrif­fe ‚Ein­heit‘ und ‚Frei­heit‘. Das gigan­ti­sche Farb­feld mit der vari­an­ten­rei­chen Wie­der­ho­lung des Codes hat eine sol­che Aus­deh­nung, daß es z.B. aus der Sicht von Goog­le Earth im Stadt­bild einen deut­li­chen Akzent setzt.“ (aus dem Erläu­te­rungs­text des Siegerentwurfs)

4. Pixel sind Punk­te ohne Gestalt und Rich­tung, ohne Ort und Cha­rak­ter. Kleins­te Ein­hei­ten, zur Aus­sa­ge unfä­hig. Sieb­zig­tau­send will­kür­lich ver­streu­te Farb­punk­te bil­den kei­ne Figur, kein Zei­chen, sie sind blo­ßes Rau­schen. Farb­code? Eine Albern­heit. Die blo­ße Ansamm­lung bleibt ein ästhe­ti­sches Erleb­nis, dem jede begriff­li­che Bestimmt­heit fehlt. Nichts fügt sich zur Erzäh­lung, alles bleibt flüch­tig. Ger­hard Rich­ters Kir­chen­fens­ter im Köl­ner Dom, die­sel­be Idee in der Ver­ti­ka­len. Nur frü­her, aber selbst schon eine Kopie. Kei­ne Figu­ren oder Sze­nen der bibli­schen Erzäh­lung, kei­ne Mär­ty­rer, wie damals gefor­dert wor­den war. Statt­des­sen „Atmo­sphä­re der Tran­szen­denz“, gefüh­li­ge Bana­li­tät. Ent­la­dun­gen des spät­mo­der­nen Künst­ler­ty­pus’: Zu eitel und zu sehr auf krea­ti­ve Selbst­ver­wirk­li­chung bedacht, um auf frü­he­re, bewähr­te For­men zurück­zu­grei­fen, zudem völ­lig unfä­hig, etwas gro­ßes Neu­es zu schaffen.

5. Zu kurz springt, wer nur Will­kür und Belie­big­keit im Ver­hält­nis von Anschau­ung und Deu­tung erblickt. Wir müs­sen sehen, daß dem genann­ten Ver­trags­bruch ein neu­er Pakt folg­te, der poli­ti­sches Spre­chen und krea­ti­ves Han­deln glei­cher­ma­ßen lenkt. Die Rede ist wie­der ein­mal von jener ideo­lo­gi­schen Macht, die unauf­hör­lich ein­fachs­te Bil­der und rhe­to­ri­sche Figu­ren gebiert, die zu kri­ti­sie­ren oder gar abzu­leh­nen dem ein­fäl­ti­gen Ver­stand als wider­sin­nig, dem herr­schen­den poli­ti­schen Ver­stand als anti­de­mo­kra­ti­sche Abwei­chung erscheint. Mar­tin Licht­mesz spricht in sei­nem Trak­tat über die Viel­falt vom “bana­len Bild”, von einer “Smar­ties­rol­len-Ästhe­tik”, die uns über­all begeg­net, wo diver­si­ty gepre­digt wird. „Sieb­zig­tau­send“ ver­kör­pert die­se mora­li­sche Bild­spra­che in rei­ner Form: „die bun­te Men­ge der Demons­tran­ten“. Von Wie­der­ver­ei­ni­gung und Deut­scher Ein­heit hin­ge­gen kei­ne Spur, nicht ein ein­zi­ger schwa­cher Anklang. Man soll­te sich ent­schlie­ßen, auf’s Denk­mal zu ver­zich­ten und auf eine Zeit war­ten, die zum Aus­druck wie­der fähig ist.

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