Sezession
1. Dezember 2007

Neues Mittelalter

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 21/Dezember 2007

sez_nr_214von Karlheinz Weißmann

„Neues Mittelalter" ist eine begriffliche Zusammenstellung, die ganz verschiedene Assoziationen weckt: nostalgische, irritierte oder angstvolle. Beginnen wir mit den nostalgischen. Die lassen sich ohne große Schwierigkeiten verorten: in der Romantik und dem, was zu Recht oder Unrecht als ihr Erbe auftritt. So gibt es in der Gegenwart eine breite Bewegung, die zuerst im angelsächsischen Raum, dann in Skandinavien und Frankreich etabliert wurde und nun auch in Deutschland Mengen von Menschen aller Altersstufen dazu bringt, sich in Kostüme vergangener Epochen zu kleiden, längst ausgestorbene Kunstfertigkeiten zu lernen und merkwürdig gestelzt daherzureden. Living history oder reenactment sind natürlich nicht auf das Mittelalter beschränkt, es gibt auch antike Kelten, römische Legionäre, Landsknechte, Soldaten der friderizianischen oder der napoleonischen Kriege und in Amerika wenigstens Einheiten der Waffen-SS in originalgetreuer Montur, mit entsprechenden Fahrzeugen und Waffen.

In erster Linie handelt es sich aber doch um Ritter und Knappe, Edelfräulein und Magd, Turnier und höfische Minne, Spanferkel am offenen Feuer und Bier aus Humpen. Die Deutung dieses Phänomens ist nicht schwierig: Es handelt sich im Kern um die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, den Wunsch nach einem bunteren Leben als es die prosaische Gegenwart bietet. Begleitet wird das ganze längst von einer eigenen Industrie, die demjenigen, der nicht selbst schneidern oder schmieden kann, die Utensilien zur Verfügung stellt, entsprechende Zeitschriften druckt, die Flut der historischen Romane nicht abreißen läßt, Computerspiele auf den Markt wirft und für die convention mit der richtigen Atmosphäre sorgt.
Eine Tiefendimension wird man vergeblich suchen. Es gibt keine Theoretiker dieser Bewegung, es handelt sich nicht um Mittelalter, sondern um ein ganz modernes Konzept von Selbstverwirklichung, das sich nur eine etwas ungewöhnliche Art von Simulation ausgesucht hat. Das unterscheidet sie von der Romantik genauso wie von der „Neuromantik". Die Romantik trat an der Wende vom achtzehnten zum neunzehnten, die Neuromantik an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert auf. Auch dabei ging es um die Sehnsucht nach dem Vergangenen, aber doch in einem ernsthafteren Sinn. Man sah im Mittelalter ein Zeitalter der Ganzheit, des harmonischen Ausgleichs von Gott und Natur, Gefühl und Verstand, Gemeinschaft und Individuum. Das hat im Fall der Romantik zu wunderbaren Hervorbringungen in Dichtung, Komposition und Malerei geführt, aber auch zu Impulsen, die direkt auf die Gestaltung des Politischen und Sozialen ausgriffen. Gemeint sind damit nicht die theaterhaften Inszenierungen Friedrich Wilhelms IV. von Preußen, aber sehr wohl die von ihm veranlaßte Vollendung des Kölner Doms als Nationaldenkmal. Und in diesen Zusammenhang gehört auch der Aufbau der Inneren Mission und damit der karitativen Betreuung des gerade entstandenen Industrieproletariats.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.