Neues Mittelalter

pdf der Druckfassung aus Sezession 21/Dezember 2007

sez_nr_214von Karlheinz Weißmann

„Neues Mittelalter" ist eine begriffliche Zusammenstellung, die ganz verschiedene Assoziationen weckt: nostalgische, irritierte oder angstvolle. Beginnen wir mit den nostalgischen. Die lassen sich ohne große Schwierigkeiten verorten: in der Romantik und dem, was zu Recht oder Unrecht als ihr Erbe auftritt. So gibt es in der Gegenwart eine breite Bewegung, die zuerst im angelsächsischen Raum, dann in Skandinavien und Frankreich etabliert wurde und nun auch in Deutschland Mengen von Menschen aller Altersstufen dazu bringt, sich in Kostüme vergangener Epochen zu kleiden, längst ausgestorbene Kunstfertigkeiten zu lernen und merkwürdig gestelzt daherzureden. Living history oder reenactment sind natürlich nicht auf das Mittelalter beschränkt, es gibt auch antike Kelten, römische Legionäre, Landsknechte, Soldaten der friderizianischen oder der napoleonischen Kriege und in Amerika wenigstens Einheiten der Waffen-SS in originalgetreuer Montur, mit entsprechenden Fahrzeugen und Waffen.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag


In ers­ter Linie han­delt es sich aber doch um Rit­ter und Knap­pe, Edel­fräu­lein und Magd, Tur­nier und höfi­sche Min­ne, Span­fer­kel am offe­nen Feu­er und Bier aus Hum­pen. Die Deu­tung die­ses Phä­no­mens ist nicht schwie­rig: Es han­delt sich im Kern um die Sehn­sucht nach dem Außer­ge­wöhn­li­chen, den Wunsch nach einem bun­te­ren Leben als es die pro­sai­sche Gegen­wart bie­tet. Beglei­tet wird das gan­ze längst von einer eige­nen Indus­trie, die dem­je­ni­gen, der nicht selbst schnei­dern oder schmie­den kann, die Uten­si­li­en zur Ver­fü­gung stellt, ent­spre­chen­de Zeit­schrif­ten druckt, die Flut der his­to­ri­schen Roma­ne nicht abrei­ßen läßt, Com­pu­ter­spie­le auf den Markt wirft und für die con­ven­ti­on mit der rich­ti­gen Atmo­sphä­re sorgt.
Eine Tie­fen­di­men­si­on wird man ver­geb­lich suchen. Es gibt kei­ne Theo­re­ti­ker die­ser Bewe­gung, es han­delt sich nicht um Mit­tel­al­ter, son­dern um ein ganz moder­nes Kon­zept von Selbst­ver­wirk­li­chung, das sich nur eine etwas unge­wöhn­li­che Art von Simu­la­ti­on aus­ge­sucht hat. Das unter­schei­det sie von der Roman­tik genau­so wie von der „Neu­ro­man­tik”. Die Roman­tik trat an der Wen­de vom acht­zehn­ten zum neun­zehn­ten, die Neu­ro­man­tik an der Wen­de vom neun­zehn­ten zum zwan­zigs­ten Jahr­hun­dert auf. Auch dabei ging es um die Sehn­sucht nach dem Ver­gan­ge­nen, aber doch in einem ernst­haf­te­ren Sinn. Man sah im Mit­tel­al­ter ein Zeit­al­ter der Ganz­heit, des har­mo­ni­schen Aus­gleichs von Gott und Natur, Gefühl und Ver­stand, Gemein­schaft und Indi­vi­du­um. Das hat im Fall der Roman­tik zu wun­der­ba­ren Her­vor­brin­gun­gen in Dich­tung, Kom­po­si­ti­on und Male­rei geführt, aber auch zu Impul­sen, die direkt auf die Gestal­tung des Poli­ti­schen und Sozia­len aus­grif­fen. Gemeint sind damit nicht die thea­ter­haf­ten Insze­nie­run­gen Fried­rich Wil­helms IV. von Preu­ßen, aber sehr wohl die von ihm ver­an­laß­te Voll­endung des Köl­ner Doms als Natio­nal­denk­mal. Und in die­sen Zusam­men­hang gehört auch der Auf­bau der Inne­ren Mis­si­on und damit der kari­ta­ti­ven Betreu­ung des gera­de ent­stan­de­nen Industrieproletariats.

Der Grün­der der Inne­ren Mis­si­on, Johann Hin­rich Wichern, war ein hoch­kon­ser­va­ti­ver Mann, der mit vie­len Theo­re­ti­kern sei­ner Zeit die Auf­fas­sung teil­te, daß die Moder­ne samt Kapi­ta­lis­mus, Mecha­ni­sie­rung und Ato­mi­sie­rung kor­ri­giert wer­den müs­se durch die Schaf­fung neu­er Bin­dun­gen. Die soll­ten auch reli­giö­ser Natur sein, aber in ers­ter Linie dem Zweck die­nen, den wei­te­ren Zer­fall der Gesell­schaft in immer ande­re und immer klein­tei­li­ge­re For­men zu ver­hin­dern. Die Vor­stel­lung, die alt­stän­di­sche Ord­nung durch eine neue – berufs­stän­di­sche – zu erset­zen oder zu ergän­zen, hat die Kon­ser­va­ti­ven sehr lan­ge Zeit beschäf­tigt, wobei die katho­li­schen noch ent­schie­de­ner die­sem Ansatz folg­ten als die evan­ge­li­schen. Die Wir­kun­gen gin­gen rasch über die Gren­zen des poli­ti­schen Lagers hin­aus, man könn­te auch in der Genos­sen­schafts­be­we­gung oder der His­to­ri­schen Rechts­schu­le die Fol­gen der Impul­se nachweisen.
In Deutsch­land sind die roman­ti­schen Strö­mun­gen beson­ders stark gewe­sen und nie­mals ganz ver­schwun­den, so wenig wie die Ver­klä­rung des Mit­tel­al­ters, das gera­de in der Zeit des natio­na­len Erwa­chens als Epo­che deut­scher Grö­ße galt, an die wie­der­an­zu­knüp­fen sei. Eine Inten­si­vie­rung erleb­ten sol­che Strö­mun­gen in den bei­den Jahr­zehn­ten vor dem Ers­ten Welt­krieg. Was ein­gangs als Neu­ro­man­tik apo­stro­phiert wur­de, war eine Chif­fre für hete­ro­ge­ne Strö­mun­gen von Lite­ra­tur und bil­den­der Kunst über die Lebens­re­form bis zum Wan­der­vo­gel. Ver­gleich­ba­re Ent­wick­lun­gen gab es auch in Skan­di­na­vi­en und Eng­land, man den­ke an die natio­nal­ro­man­ti­sche Archi­tek­tur Schwe­dens oder die Arts-and-Crafts-Bewe­gung sowie die Prä­raf­fae­li­ten Groß­bri­tan­ni­ens. Aber der Schwer­punkt lag doch in Deutschland.
Bezeich­nend, daß der Fran­zo­se Geor­ges Sorel wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs ein neu­es Mit­tel­al­ter zwar für eine not­wen­di­ge, aber in jedem Fall desas­trö­se Per­spek­ti­ve hielt: „Wir brau­chen eine Kata­stro­phe, die uns in ein Mit­tel­al­ter wirft … Durch die Mit­schuld des Sozia­lis­mus kann der Krieg ein neu­es Mit­tel­al­ter, Bar­ba­ren, Kir­chen, die Ver­fins­te­rung der Frei­heit und der Indi­vi­dua­li­tät, der Kul­tur mit einem Wort, herbeiführen.”
Wie anders lesen sich dem­ge­gen­über die Vor­stel­lun­gen deut­scher Autoren der Zwi­schen­kriegs­zeit, die so oder so ihre Hoff­nung auf die Erneue­rung Deutsch­lands und Euro­pas mit dem Gedan­ken eines neu­en Mit­tel­al­ters ver­knüpf­ten. Der wich­tigs­te Stich­wort­ge­ber kam aller­dings von außen. 1923 ver­öf­fent­lich­te der emi­grier­te rus­si­sche Phi­lo­soph Niko­lai Ber­d­ja­jew in Ber­lin ein Buch unter dem Titel Das neue Mit­tel­al­ter. Es han­del­te sich im Grun­de um einen Essay, in dem Ber­d­ja­jew den Ers­ten Welt­krieg als Gericht über die Neu­zeit inter­pre­tier­te. Es sei aus mit dem „Fort­schritt”, mit der Idee, daß Ratio­na­li­sie­rung und Tech­ni­sie­rung die Huma­ni­sie­rung ver­bürg­ten. Der Krieg habe gezeigt, wie gering man die Macht der Ver­nunft ein­zu­schät­zen habe, wozu der Mensch im Bösen fähig sei, was er sei­nes­glei­chen antue und wel­che Kräf­te der Ver­nich­tung kaum gebän­digt im Unter­grund schwel­ten. Ber­d­ja­jews Vor­stel­lung eines neu­en Mit­tel­al­ters war also kei­ne Idyl­le: „Cha­rak­te­ris­tisch für das neue Mit­tel­al­ter ist die Ver­brei­tung theo­so­phi­scher Leh­ren, die Nei­gung zu okkul­ten Wis­sen­schaf­ten und die Auf­er­ste­hung der Magie. Selbst die Wis­sen­schaft kehrt zu ihren magi­schen Urquel­len zurück, und bald wird sich auch die magi­sche Natur der Tech­nik end­gül­tig offen­ba­ren. Von neu­em berüh­ren sich Reli­gi­on und Wis­sen­schaft, und es ent­steht das Bedürf­nis nach einer reli­giö­sen Gno­sis. Wir tre­ten wie­der ein in die Atmo­sphä­re des Wun­ders, die der Neu­zeit so fremd gewor­den ist, wie­der wird wei­ße und schwar­ze Magie mög­lich. Wie­der wer­den lei­den­schaft­li­che Dis­pu­te über die Geheim­nis­se des gött­li­chen Seins auf­flam­men kön­nen. Wir glau­ben nicht an das unbe­weg­te und not­wen­di­ge Kom­men einer freu­de­vol­len, hel­len und erwünsch­ten Zukunft. Die Illu­sio­nen eines irdi­schen Glücks haben kei­ne Gewalt mehr über uns. Die Emp­fin­dung für das Böse wird im neu­en Mit­tel­al­ter stär­ker und schär­fer wer­den. Die Kraft des Bösen wird erstar­ken, wird neue For­men anneh­men und uns neue Lei­den brin­gen. Doch steht dem Men­schen die Frei­heit des Wil­lens, die Frei­heit der Wahl sei­nes Weges offen. Die Chris­ten müs­sen ihren Wil­len auf die Begrün­dung einer christ­li­chen Gemein­schaft und einer christ­li­chen Kul­tur rich­ten und vor allem das Reich Got­tes und sei­ne Wahr­heit suchen. Vie­les hängt von unse­rer Frei­heit und von den schöp­fe­ri­schen Bemü­hun­gen des Men­schen ab. Des­halb sind zwei Wege mög­lich. Ich ahne das Wach­sen der bösen Kräf­te vor­aus, woll­te aber… die mög­li­chen posi­ti­ven Züge der kom­men­den Gesell­schaft auf­zei­gen… In der Vor­ah­nung der Nacht kann man sich für den Kampf mit dem Bösen wapp­nen, kann man das Auge für die Erkennt­nis des Bösen schär­fen und die Wege zu einem neu­en Rit­ter­tum suchen.”

Ber­d­ja­jews Buch wur­de in vier­zehn Spra­chen über­setzt und übte erheb­li­chen Ein­fluß aus, vor allem soweit es die Mög­lich­keit eines posi­ti­ven Auf­fan­gens der post­mo­der­nen Ent­wick­lung betraf: Per­so­na­lis­mus, stän­di­sche Neu­ord­nung, reli­giö­se Rück­be­sin­nung, Rit­ter­tum. Genannt sei­en von den Bewun­de­rern nur Juli­us Evo­la, Leo­pold Zieg­ler und Edgar J. Jung; viel­leicht ist auch René Gué­non durch Ber­d­ja­jew beein­flußt wor­den in bezug auf sei­ne Ana­ly­se der „Kri­sis der Neu­zeit”. Von die­ser Grup­pe ergibt sich jeden­falls die Ver­bin­dung zu einer zwei­ten, in man­chem ähn­li­chen Ten­denz, die der Wie­ner Phi­lo­soph und Natio­nal­öko­nom Oth­mar Spann repräsentierte.
Spann hat­te wie kein zwei­ter ver­sucht, die Tra­di­ti­on der poli­ti­schen Roman­tik zu erneu­ern und ent­warf eine „orga­ni­sche” Gesell­schafts­leh­re, die dar­auf abziel­te, den „wah­ren Staat” in der abend­län­di­schen Tra­di­ti­on zu ver­an­kern. Gleich Ber­d­ja­jew woll­te er die poli­ti­sche Ord­nung von einer kor­po­ra­ti­ven Gemein­schaft her erneu­ern und den christ­li­chen Glau­ben als ent­schei­den­de Norm reta­blie­ren. In Deutsch­land wie in Öster­reich konn­te Spann bis zum Ende der drei­ßi­ger Jah­re eine Schu­le bil­den, deren Bedeu­tung man nicht unter­schät­zen darf und deren prak­ti­sche Wir­kung sich in Reform­pro­jek­ten des von Dol­lfuß und Schu­sch­nigg geplan­ten öster­rei­chi­schen Stän­de­staats niederschlug.
Dar­über hin­aus­ge­hen­de Erfol­ge blie­ben Spann aber ver­sagt. Sein Ein­fluß in den Zwi­schen­kriegs­jah­ren hat­te eben auch ganz ent­schei­dend zu tun mit den jung­kon­ser­va­ti­ven Vor­stel­lun­gen einer Neu­ord­nung, für die der Rück­griff auf die Reichs­idee maß­geb­lich war, die Vor­stel­lung, an eine Tra­di­ti­ons­li­nie anknüp­fen zu kön­nen, die vor dem Zeit­al­ter der Natio­nal­staa­ten ansetz­te. Chan­cen für eine Ver­wirk­li­chung exis­tier­ten aber nicht oder sie wur­den ver­ge­ben, und nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs fan­den sol­che Gedan­ken­gän­ge oder die Ber­d­ja­jews prak­tisch kein Gehör mehr. Zwar gab es noch eine – stär­ker theo­lo­gisch aus­ge­rich­te­te – Dis­kus­si­on um das „Ende der Neu­zeit”, deren pro­mi­nen­tes­te Ver­tre­ter der Katho­lik Roma­no Guar­di­ni und der Pro­tes­tant Fried­rich Gogar­ten waren, aber die Debat­te um ihre Bücher blieb auf eine rela­tiv kur­ze Pha­se des Wie­der­auf­baus und der Gewis­sens­er­for­schung beschränkt. Die erle­dig­te sich seit den fünf­zi­ger Jah­ren rasch im Gefol­ge des Wirt­schafts­wun­ders und einer Libe­ra­li­sie­rung, die mit dem Begriff „mit­tel­al­ter­lich” wenn über­haupt etwas, dann nur Nega­ti­ves assoziierte.
Die­se abweh­ren­de Grund­ein­stel­lung zum Mit­tel­al­ter ist für die Moder­ne typisch, die ihr Selbst­ver­ständ­nis von Anfang an aus dem Bewußt­sein speis­te, daß im bes­ten Fall der Anti­ke eine gewis­se Vor­bild­lich­keit zukom­me, aber daß das dazwi­schen­lie­gen­de – also das Mit­telalter – nur als „fins­ter” beschrie­ben wer­den kön­ne, wie es in der auf­ge­klär­ten Geschichts­po­le­mik seit den Zei­ten Vol­taires regel­mä­ßig geschah.

Der Fort­schritt in der Geschich­te, den die Lin­ke und die Mit­te anneh­men, kann in der Bezug­nah­me auf das Mit­tel­al­ter nur eine Bedro­hung, die Bedro­hung durch den „Rück­fall”, sehen. In ruhi­gen Zei­ten hält man den für prak­tisch aus­ge­schlos­sen oder nutzt ihn als päd­ago­gi­sches Zucht­mit­tel. Nur in der Kri­se erscheint ein sol­cher Absturz tat­säch­lich denk­bar, wenn­gleich er gegen den Sinn der Ent­wick­lung liegt. Der His­to­ri­ker John Lukacs hat ein­mal aus­ge­malt, wie einem Sozia­lis­ten oder Libe­ra­len die euro­päi­sche Situa­ti­on der Jah­re 1940 / 41 erschie­nen sein muß: als ein neu­es Mit­tel­al­ter, dem spa­nisch-habs­bur­gi­schen nicht unähn­lich, das Reich als Vor­macht, die übri­gen Län­der in grö­ße­rer oder gerin­ge­rer Abhän­gig­keit, nach Völ­kern geglie­dert, kor­po­ra­tiv orga­ni­siert, mit oder ohne Pri­vi­le­gi­en, die Juden aus­ge­schlos­sen und unter Son­der­recht gestellt.
Bei die­ser Vor­stel­lung spielt das auto­ri­tä­re Moment des Mit­tel­al­ter­li­chen die ent­schei­den­de Rol­le, das unter­schei­det sie von den aktu­el­len Annah­men, die eher das Anar­chi­sche, Frag­men­tier­te als typisch betrach­ten. Eine Schlüs­sel­be­deu­tung hat dabei das Buch Das neue Mit­tel­al­ter des fran­zö­si­schen Öko­no­men und Publi­zis­ten Alain Minc. Der Band erschien zuerst 1993 und gehör­te zu jener Kon­junk­tur­li­te­ra­tur, die gegen Fran­cis Fuku­ya­mas Ende der Geschich­te auf den Markt kam. Des­sen The­se von der glo­ba­len Durch­set­zung der Demo­kra­tie und des Kapi­ta­lis­mus, ver­bun­den mit einer Erstar­rung des kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Lebens, traf zuneh­mend auf Wider­spruch, nach­dem sich vor allem im ehe­ma­li­gen Sowjet­block und im Nahen Osten neue Kon­flik­te abzeich­ne­ten. Autoren wie Zbi­gniew Bre­zinski, Samu­el Hun­ting­ton, Paul Ken­ne­dy, Robert Kaplan und Mar­tin van Creveld ent­wi­ckel­ten Gegen­the­sen, die bei aller Ver­schie­den­heit in einem Punkt über­ein­stimm­ten: Die Welt wer­de kein Ende der Geschich­te, son­dern dra­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen erle­ben. Dabei gal­ten drei Fak­to­ren als bestim­mend: ers­tens der Zer­fall des Staa­tes mit sei­nem ter­ri­to­ria­len Sou­ve­r­än­ti­täts­be­zug und Gewalt­mo­no­pol, zwei­tens der Auf­stieg neu­er Mäch­te, die sich staats­ähn­lich orga­ni­sie­ren könn­ten, wie mul­ti­na­tio­na­le Kon­zer­ne, war­lords, Mafia oder Sek­ten, was drit­tens schon dar­auf ver­wei­se, daß Fra­gen reli­giö­ser Iden­ti­tät zuneh­mend an Bedeu­tung gewönnen.
Stimm­ten die Ana­ly­sen in vie­lem über­ein, so fie­len die Pro­gno­sen doch unter­schied­lich aus. Den Begriff des „neu­en Mit­tel­al­ters” benutz­ten sie dabei nicht, das blieb Minc vor­be­hal­ten, dem intel­lek­tu­ell schwächs­ten, der aber das stärks­te Gespür für grif­fi­ge For­meln bewie­sen hat­te. Deren Erfolg kommt nicht immer dem Schöp­fer zugu­te, und die Chif­fre „neu­es Mit­tel­al­ter” wird mitt­ler­wei­le von sehr vie­len Autoren benutzt, die kei­nen Bezug auf Minc nah­men. Das Spek­trum reicht von Her­fried Münk­ler über einen Kon­ser­va­ti­ven wie Her­bert Kremp bis zu einem Lin­ken wie Ulrich Men­zel. Letz­te­rer hat in einem Auf­satz für die taz – „Wenn die Staa­ten ver­schwin­den” – das Wort­feld abge­steckt, in das auch „neu­es Mit­tel­al­ter” gehört: „Fai­led Sta­tes, Qua­si­staa­ten, neue Ter­ra inco­gni­ta, die neu­en Bar­ba­ren, the fron­tiers of anar­chy, das neue Mittelalter”.

Men­zels Sor­ge in bezug auf den sich anbah­nen­den Pro­zeß ist typi­scher als der Opti­mis­mus, mit dem der ein­fluß­rei­che fran­zö­si­sche Sozia­list Jac­ques Attali ein Zeit­al­ter nahen sieht, das in Fol­ge der Vir­tua­li­sie­rung nur noch Noma­den kennt und damit Zustän­den ähnelt, die zuletzt die Epo­che der Völ­ker­wan­de­rung kenn­zeich­ne­ten. Selbst­ver­ständ­lich wer­de, so Attali, auch die Zukunft ein Macht­ge­fäl­le ken­nen – zwi­schen den „Hyper­no­ma­den”, den sons­ti­gen und den vom Infor­ma­ti­ons­fluß aus­ge­schlos­se­nen „Infrano­ma­den” – aber zumin­dest kön­ne man das Ende des Macht­staats und des Kapi­ta­lis­mus älte­ren Typs erhof­fen. Die Ent­wick­lung der tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten wer­de die Netz­werk­bil­dung stär­ken und infor­mel­len Struk­tu­ren eine immer grö­ße­re Bedeu­tung ver­lei­hen. Die mit der New Eco­no­my schon begon­ne­ne Mobi­li­sie­rung von Arbeits­kräf­ten und ins­be­son­de­re Spe­zia­lis­ten berei­te Zustän­de vor, die sich von den boden­ver­haf­te­ten der Neu­zeit deut­lich unter­schie­den und anstel­le von Staa­ten zu selbst­or­ga­ni­sier­ten Zusam­men­schlüs­sen, ähn­lich den Han­sen, Gil­den und Zünf­ten des Mit­tel­al­ters füh­ren könnten.
Die­ses Bild läßt sich natür­lich auch in weni­ger hel­len Far­ben malen. So hat Ste­fan Diet­rich unlängst einen Leit­ar­ti­kel der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung unter den Titel „Vor­wärts ins Mit­tel­al­ter” gestellt. Diet­rich betont dar­in vor allem die Zer­stö­rung des libe­ra­len Rechts­staats, der sei­nen Aus­gangs­punkt beim Indi­vi­du­um nahm; an sei­ne Stel­le tritt jetzt – etwa durch das Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz – ein Gesamt von Grup­pen mit ganz unter­schied­li­chen Rech­ten und Frei­hei­ten. Sol­che „Min­der­hei­ten” agie­ren fak­tisch wie mit­tel­al­ter­li­che Kor­po­ra­tio­nen, neh­men Pri­vi­le­gi­en in Anspruch (wenn auch im Namen der Gleich­heit) und lei­ten einen Pro­zeß ein, in dem die Gesell­schaft in Grup­pen zer­fällt, die immer weni­ger an das grö­ße­re Gan­ze bin­det. Ob Ver­bands- oder Gewerk­schafts­mit­glied­schaft, spe­zi­el­le sexu­el­le oder welt­an­schau­li­che Ori­en­tie­rung, ras­si­sche Her­kunft oder kör­per­li­cher Defekt, all das wirkt iden­ti­täts­stif­ten­der als Staats­an­ge­hö­rig­keit oder Bür­ger­recht, weil hier Inter­es­sen­ver­tre­tung garan­tiert und Schutz gewährt wird.

Es gibt natür­lich man­chen, der noch sol­che Vor­gän­ge mit Wohl­wol­len beob­ach­tet. Umber­to Eco etwa, hat schon in den acht­zi­ger Jah­ren einen Essay mit dem Titel „Auf dem Weg in ein neu­es Mit­tel­al­ter” geschrie­ben, in dem er zwar die pro­ble­ma­ti­schen Züge eines sol­chen Rück-Wegs erwähnt – Auf­lö­sung der Homo­ge­ni­tät, unkon­trol­lier­ba­re Wan­de­run­gen, Anwach­sen der Zahl der „Unsi­che­ren” – aber die posi­ti­ven beson­ders her­vor­hebt – Zunah­me der kul­tu­rel­len Alter­na­ti­ven, cross over, intel­lek­tu­el­le Frucht­bar­keit. Das war zu einer Zeit, als die Bestän­de an Moder­ni­tät noch rela­tiv sicher schie­nen und man sich der­ar­ti­ge Gedan­ken­gän­ge als Spie­le­rei erlau­ben konn­te. Sobald der Unernst schwin­det, fühlt man sich an schwar­ze Uto­pien erinnert.
Daß deren Ver­wirk­li­chung näher­rückt, ist an den Rän­dern der west­li­chen Welt deut­lich erkenn­bar. Exem­pla­risch hat John Rap­ley die Ent­wick­lung in For­eign Affairs am Bei­spiel der kari­bi­schen Staa­ten dar­ge­stellt. Er ver­weist auf den wach­sen­den Kon­troll­ver­lust von Poli­zei und Jus­tiz in gan­zen Regio­nen, die von Ban­den beherrscht wer­den und „state­lets” bil­den, die nur noch in einem pre­kä­ren Ver­hält­nis zur legi­ti­men Obrig­keit ste­hen. Ver­gleich­ba­re Lagen gebe es in zahl­rei­chen latein­ame­ri­ka­ni­schen, afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Gebie­ten, wo der Staat eigent­lich nur da sei, wenn er bewaff­net da sei. Die Glo­ba­li­sie­rung steue­re die­sen Pro­zeß nicht durch „Ent­wick­lung”, son­dern för­de­re ihn durch den unge­heu­ren Anpas­sungs­druck, der auf die noch kaum gefes­tig­ten Struk­tu­ren der „Drit­ten Welt” aus­ge­übt wer­de, und durch die unkon­trol­lier­ba­ren Außen­wir­kun­gen, denen heu­te jedes Land wegen des Menschen‑, Waren- und Infor­ma­ti­ons­flus­ses aus­ge­setzt sei. Es über­lapp­ten sich auf die­se Wei­se vor­mo­der­ne und post­mo­der­ne Struk­tu­ren und führ­ten zu einer Anar­chi­sie­rung, die der Ent­ste­hung eines „neu­en Adels” för­der­lich sei, der durch „Sezes­si­on der Erfolg­rei­chen” und bru­ta­le Unter­drü­ckung der übri­gen ent­ste­he und zum wich­tigs­ten Macht­fak­tor der kom­men­den Welt auf­stei­gen werde.
Rap­ley betrach­tet das, was kommt, als „Inter­re­gnum” und inso­fern dem Mit­tel­al­ter ähn­lich, das auch ein „Inter­re­gnum” gewe­sen sei. Eine chao­ti­sche Pha­se der Geschich­te nach dem Ende des römi­schen Impe­ri­ums und vor der Ent­ste­hung des moder­nen Staa­tes, gekenn­zeich­net durch Ano­mie. Ob man so dem Mit­tel­al­ter ganz gerecht wird, bleibt dahin­ge­stellt. Wich­ti­ger ist der Ent­wurf der Zukunft, die jeden­falls von der Über­schau­bar­keit und Kal­ku­lier­bar­keit des Poli­ti­schen in der Moder­ne nichts mehr wis­sen wird. Soll­te noch Platz für Nost­al­gien blei­ben, wer­den die sich jenen zwei­hun­dert Jah­ren zuwen­den, in denen es gelun­gen war, die euro­päi­schen Natio­nen im Inne­ren zu pazi­fi­zie­ren und ein Maß an kul­tu­rel­ler und sozia­ler Ver­dich­tung zu errei­chen, das zwar nicht ohne Zwang zu haben war, aber doch die Per­spek­ti­ve auf eine ech­te Fort­ent­wick­lung bot.

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