Fichtes Reden

pdf der Druckfassung aus Sezession 21/Dezember 2007

sez_nr_215Bernard Willms, der sich die philosophische Begründung der Selbstbehauptung der deutschen Nation auf die Fahnen geschrieben hatte, wurde nicht müde, Hans-Dietrich Sander für den Hinweis zu danken, daß der „Aufruf zu einer nationalen Neubestimmung, sowohl was die Lage, wie was das philosophische Subjekt angeht, nicht ohne Vorgänger ist". Im Oktober 1978 hielt Sander einen Vortrag unter dem Titel „Von der geistigen Knechtschaft der Deutschen und ihrer möglichen Aufhebung" und kam darin auf die „Aktualität Fichtes" zu sprechen, die er insbesondere den Reden an die deutsche Nation aus den Jahren 1807 / 1808 entnahm. Nun mußten aber sowohl Sander als auch Willms feststellen, daß sich die bundesrepublikanische Gegenwart doch in einigen Punkten von der damaligen unterscheidet.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Der wich­tigs­te Unter­schied besteht zwi­schen jenen, an die sich die Reden des Phi­lo­so­phen Johann Gott­lieb Fich­te vor genau zwei­hun­dert Jah­ren gewandt hat­ten und denen, für die sie heu­te in Erin­ne­rung geru­fen wer­den sol­len: „Anders als Fich­te kann man mit ‚Reden an die Nati­on‘ zunächst nie­man­den anspre­chen, weil nie­mand weiß, was ‚die Nati­on‘ ist.” (Will­ms). Den tie­fe­ren Grund die­ses Man­gels sieht San­der dar­in, daß unse­re „Urteils­kraft unter frem­des Recht” gera­ten sei: Deutsch­land ist nicht ein­fach phy­sisch besetzt, son­dern psy­chisch fremd­be­stimmt. Des­halb lau­te die gegen­wär­ti­ge Fra­ge, ob die Deut­schen „ihre Iden­ti­tät wie­der­fin­den” kön­nen. Die zen­tra­len Begrif­fe, an denen sich der Unter­schied des Publi­kums fest­ma­chen läßt, sind Nati­on und Iden­ti­tät oder, zusam­men­ge­faßt, natio­na­le Iden­ti­tät, mit­hin etwas, das erst im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­den ist.
Als die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on eine geis­ti­ge Tat­sa­che gewor­den war, an der die Bestän­de gemes­sen wer­den muß­ten und Napo­le­on dem Rest Euro­pas demons­trier­te, wie leicht das Band zwi­schen Herr­scher und Volk rei­ßen konn­te, begann in Deutsch­land die Ein­sicht zu rei­fen, daß auch unter Deut­schen neue Geset­ze wirk­ten, eine neue Epo­che begon­nen hat­te: „Nur in dem­je­ni­gen Zeit­al­ter, in wel­chem die Begeis­te­rung als eine zum Han­deln trei­ben­de Natur­kraft ver­schwun­den ist und ledig­lich die kla­re Ein­sicht herrscht, tritt der Gelehr­te an die Spit­ze der Fort­schöp­fung der Welt.” So faß­te Fich­te 1811, in den Vor­le­sun­gen über die Bestim­mung des Gelehr­ten, zusam­men, was in den Jah­ren nach 1806, dem Jahr der Nie­der­la­ge gegen Napo­le­on, gesche­hen war. Wie wäre es sonst zu erklä­ren, daß seit­dem ein Jahn, ein Schlei­er­ma­cher, ein Arndt und eben ein Fich­te den Ton vorgaben?

Es fand kei­ne Neu­schöp­fung statt. Das, was jetzt zur deut­schen Nati­on wur­de, hat­te ja gemein­sa­me Wur­zeln und bis 1806 auch einen Kai­ser gehabt. Aber ihnen war, wie Kleist schrieb, die „Kraft der Her­zen” abhan­den gekom­men: „sie reflek­tier­ten, wo sie emp­fin­den oder han­deln soll­ten”. Die Vor­se­hung hat die Deut­schen also des­halb „so grim­mig aus ihrer Ruhe auf­ge­schreckt”, damit sie wie­der lern­ten, nach den höchs­ten Gütern zu stre­ben: „Gott, Vater­land, Kai­ser, Frei­heit, Lie­be und Treue, Schön­heit, Wis­sen­schaft und Kunst.”
Aus kei­nem ande­ren Grund leg­te Fich­te im besetz­ten Ber­lin den Grund­stein zu einer deut­schen Natio­nal­er­zie­hung, als er sei­ne Reden hielt. In sei­ner ers­ten Rede setz­te er vor­aus, daß die Zuhö­rer „mit eige­nen Augen den Mut haben, red­lich hin­zu­se­hen, auf das was da ist, und red­lich sich zu geste­hen, was sie sehen, und daß sie jene häu­fig sich zei­gen­de Nei­gung, über die eig­nen Ange­le­gen­hei­ten sich zu täu­schen” able­gen. Es sei „mann­haf­te Kühn­heit, das Übel fest ins Auge zu fas­sen, es zu nöti­gen, stand­zu­hal­ten, es ruhig, kalt und frei zu durch­drin­gen, und es auf­zu­lö­sen in sei­ne Bestand­tei­le.” Nur so kön­ne man des Übels Meis­ter wer­den und es erfolg­reich bekämp­fen. Der ers­te Schritt zur Bes­se­rung sei die Erkennt­nis der Lage.
Die Über­macht Napo­le­ons, der die Fürs­ten nur noch von sei­nen Gna­den abhän­gig hielt, mach­te es offen­sicht­lich, daß es eines stär­ke­ren Ban­des für die Nati­on als das des Herr­scher­hau­ses bedurf­te. Fich­te argu­men­tier­te in die­sem Sin­ne gegen die Annah­me, es genü­ge den Fürs­ten zu erzie­hen und staats­po­li­tisch zu unter­wei­sen: „Wie will man sich denn ver­si­chern, daß man auf eine der Erzie­hung zum Fürs­ten über­haupt fähi­ge Natur tref­fen wer­de; oder, falls man auch die­ses Glück hät­te, daß die­ser, den kein Mensch nöti­gen kann, gefäl­lig und geneigt sein wer­de, Zucht anneh­men zu wol­len?” Statt des­sen sol­le sich die Erzie­hung an die gan­ze Nati­on wen­den, zu der auch der Fürst gehö­re. Fich­te for­der­te die all­ge­mei­ne Erzie­hung ihrer Mit­glie­der zur Sitt­lich­keit im gemein­schaft­li­chen Han­deln. Denn der größ­te Feind und die „Wur­zel aller Ver­derbt­heit” sei die Selbst­sucht, die es aus­zu­trei­ben gel­te. Die bis­he­ri­ge Erzie­hung, die Fich­te mit für das Unglück ver­ant­wort­lich mach­te, sei ober­fläch­lich und nicht in der Lage gewe­sen, ihre Zög­lin­ge mit einer „hei­ßen Lie­be und Sehn­sucht” zu erfül­len und habe zudem nur die bereits gebil­de­ten Stän­de betroffen.
Fich­te ver­trau­te in sei­nem Pro­gramm der natio­na­len Erzie­hung, das er in der Fol­ge ent­wi­ckelt, auf die Regeln der Erzie­hungs­kunst, die gleich­sam dem Zufall der Natur abhel­fen könn­ten. Nicht Anla­gen, son­dern Erzie­hung sol­len den Men­schen aus­ma­chen, und daher rührt auch die dras­ti­sche For­de­rung, die Kin­der aus den Fami­li­en zu neh­men, um sie unge­stört von der Selbst­sucht der Eltern und ihrer Umge­bung in Gemein­schaft mit ande­ren Kin­dern erzie­hen zu kön­nen und sie dann wie­der in die gro­ße Gemein­schaft zu ent­las­sen. Hier klingt an, was seit Rous­se­au immer wie­der, zuletzt in Bern­hard Bue­bs Lob der Dis­zi­plin, als Aus­weg vor­ge­stellt wird: die Kin­der den unfä­hi­gen Eltern und der ver­dor­be­nen Kul­tur weg­zu­neh­men und im Sin­ne des Staa­tes, der Tugend so zu erzie­hen, daß aus ihnen kei­ne Ego­is­ten wür­den. Sie könn­ten anschlie­ßend alles in die­sem Sin­ne selbst ergrei­fen und ein „erzo­gnes Volk” bilden.

Damals wie heu­te stel­len sich zwei Fra­gen: Wer soll erzie­hen? Und: Wie soll erzo­gen wer­den? Fich­te hat­te dar­auf eine ein­fa­che Ant­wort: Erzie­hen sol­le der Staat. Und wenn er dazu nicht in der Lage sei: die Guts­be­sit­zer, die Städ­te und die Kir­che. An Pes­ta­loz­zi geschul­te Leh­rer soll­ten für die Durch­füh­rung gewon­nen wer­den. Fich­tes Zeit­an­satz belief sich auf fünf­und­zwan­zig Jah­re, bis die neue Genera­ti­on erzo­gen sein wür­de. Bis dahin müß­te man sich behel­fen und in Selbst­er­zie­hung üben.
Es fällt heu­te schwer, die bei­den Fra­gen eben­so sim­pel zu beant­wor­ten: Denn die Not­wen­dig­keit der Erzie­hung an sich wird in Fra­ge gestellt, und dar­über hin­aus ist die Suche nach ver­bind­li­chen Erzie­hungs­idea­len inner­halb einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft ein unmög­li­ches Unterfangen.
Deutsch­land hat aber auch die Erfah­rung von zwei Ver­su­chen im Rücken, die in Ansät­zen das taten, was Fich­te vor­schweb­te und damit schei­ter­ten, weil der staat­li­che Erzie­her vol­ler ideo­lo­gi­scher Selbst­sucht war. Des­halb hat sich die dahin­ter­ste­hen­de Fra­ge aber nicht erle­digt: Wel­che Eigen­schaf­ten muß ein Staat haben, damit er dem Ein­zel­nen sei­nen Frei­heits­raum ent­zie­hen darf?
Bei­spiel­haft ist in die­sem Zusam­men­hang bis heu­te Pla­tons Theo­rie der Gerech­tig­keit, die „ein bewuß­ter Ver­such ist, die gleich­heit­li­chen, indi­vi­dua­lis­ti­schen und pro­tek­tio­nis­ti­schen Ten­den­zen sei­ner Zeit zu über­win­den und die For­de­run­gen des Stam­mes durch die Ent­wick­lung einer tota­li­tä­ren Sit­ten­leh­re wie­der­her­zu­stel­len” (Pop­per). Unter der zen­tra­len Tugend der Gerech­tig­keit nimmt Pla­ton „noch ein­mal den Kampf gegen den Indi­vi­dua­lis­mus” auf, „um für die ‚Gemein­de‘ und die ‚ver­nünf­ti­gen Gedan­ken‘, ‚das mitt­le­re Leben‘, die ‚Stadt mit der unta­de­li­gen Ver­fas­sung‘ zu kämp­fen” (Benn). Aus dem libe­ra­len Blick­win­kel ist Pla­tons Den­ken Aus­druck des Tota­li­ta­ris­mus. Aus kon­ser­va­ti­ver Sicht for­mu­liert er eine Not­wen­dig­keit. Es herrscht jedoch wei­test­ge­hend Einig­keit dar­über, daß bestimm­te Tugen­den für das Zusam­men­le­ben der Men­schen und damit den Staat exis­ten­ti­ell sind, ohne die es nicht geht. Dar­über, wie der Mensch zu die­sen Tugen­den kommt, ist man sich nicht einig. Wie Pla­ton ist auch Fich­te der Über­zeu­gung, daß der Mensch jeden­falls zu die­sen Tugen­den erzo­gen wer­den muß.
Doch der Grat für eine sol­che Erzie­hung ist schmal. Wie eine genaue Unter­su­chung von Fich­tes Reden zeigt, mün­den sein revo­lu­tio­nä­res Geschichts­ver­ständ­nis, sein Mach­bar­keits­glau­be und sei­ne Tugend­ori­en­tie­rung in die Vor­stel­lung vom „Neu­en Men­schen”. Aller­dings darf dabei nicht über­se­hen wer­den, daß Fich­te sei­ne Über­le­gun­gen in einer kon­kre­ten Situa­ti­on vor­trägt, in der die Selbst­be­haup­tung der deut­schen Nati­on von obers­ter Prio­ri­tät war, hin­ter der alle sons­ti­gen Belan­ge zurück­zu­tre­ten hatten.

Das hat, wie auch die gegen­wär­ti­ge Fich­te-For­schung mitt­ler­wei­le aner­kennt, nichts mit Chau­vi­nis­mus zu tun. Er möch­te die deut­sche Selbst­sucht besie­gen und die Deut­schen so zur Frei­heit füh­ren. Die­se ist offen­bar nicht ohne Zwang zu haben, weil der Begriff der Frei­heit sonst ein ein­sei­ti­ger blei­ben muß. Zur Frei­heit muß erzo­gen werden.
Vor vier­zig Jah­ren hat der Schrift­stel­ler Ger­hard Nebel zu die­sem Para­dox eini­ge gül­ti­ge Über­le­gun­gen for­mu­liert. Nebel erkennt, daß „Adam des Dru­ckes und der zügeln­den Hand bedarf, und daß ihn die tota­le Frei­heit ent­ar­ten und unmensch­lich wer­den läßt”. Auto­ri­tät und Dis­zi­plin sei­en im abklin­gen. So wer­de es schwie­ri­ger, nach oben zu schau­en, zu ver­eh­ren, ein Cha­ris­ma wahr­zu­neh­men. Die Ursa­che liegt laut Nebel in der Leug­nung des Außen, Got­tes, das in die abge­si­cher­te Welt ein­bre­chen kann: „Zucht heißt also, den Men­schen in die Hel­le und die Strah­lung eines Außen stel­len.” Dazu sei väter­li­che Auto­ri­tät not­wen­dig: „Das Kind wird und muß füh­len, daß die hier oder dort not­wen­di­ge Här­te aus der Lie­be stammt, und daß Lie­be not­wen­dig Stra­fen ein­schließt. Das Kind hat einen Anspruch dar­auf, gefor­dert, bemüht, gestraft zu wer­den, weil es sich nur so zum geis­ti­gen Dasein durch­glie­dert.” Nur dadurch, durch Erzie­hung, kann die Befrei­ung aus sei­ner nack­ten Exis­tenz und der simp­len Ansicht erfolgen.
Es geht Nebel um die klas­si­schen Tugen­den: Tap­fer­keit, Beson­nen­heit, Gerech­tig­keit, zu der noch die Weis­heit und die Demut zu zäh­len sind, ohne die kein Staat exis­tie­ren kann und die im Ein­zel­nen geweckt wer­den müs­sen. Ohne Tugend gibt es den erbar­mungs­lo­sen Kon­kur­renz­kampf, ist der Mensch des Men­schen Wolf (Hob­bes). Die grie­chi­sche are­te ermög­lich­te es dem Ein­zel­nen, sei­ne sozia­le Rol­le aus­zu­fül­len, in der christ­li­chen Tra­di­ti­on set­zen die Tugen­den den Men­schen in die Lage, sein spe­zi­fi­sches mensch­li­ches telos zu errei­chen. Der Kom­mu­ni­ta­rist Alas­dair Mac­In­ty­re defi­niert Tugend als eine „erwor­be­ne mensch­li­che Eigen­schaft”, deren Besitz und Aus­übung es uns ermög­licht, die höchs­ten Güter zu errei­chen, die sich dadurch aus­zeich­nen, daß ihr Erwerb allen dient, da bei ihnen Gut­sein und Erfolg nicht auseinanderfallen.
So lau­tet die Fra­ge: Was erhält und stärkt die Tugen­den, was zer­stört und schwächt sie? Nur die Aus­übung stärkt die rele­van­ten Tugen­den, nur die Erzie­hung erhält sie. Es gibt daher kei­ne Mög­lich­keit, sie sich äußer­lich anzu­eig­nen. Fich­te ver­wen­det dafür den Begriff der Bil­dung: „Alle Bil­dung strebt an die Her­vor­brin­gung eines fes­ten, bestimm­ten und beharr­li­chen Seins, das nun nicht mehr wird, son­dern ist, und nicht anders sein kann, denn so wie es ist. Streb­te sie nicht an ein sol­ches Sein, so wäre sie nicht Bil­dung, son­dern irgend­ein zweck­lo­ses Spiel; hät­te sie ein sol­ches Sein nicht her­vor­ge­bracht, so wäre sie eben noch nicht voll­endet.” Die Ermah­nung zum Guten zu stre­ben, kann dann ent­fal­len. Die geis­ti­ge Ent­wick­lung bringt „sitt­li­che Bil­dung an den Zög­ling” und schafft damit Handlungssicherheit.

Tugend (und damit auch die Bil­dung) beinhal­tet das Gefühl für Tra­di­tio­nen, das sich in der Urteils­fä­hig­keit aus­drückt, wie die Grund­sät­ze in einer bestimm­ten Situa­ti­on anzu­wen­den sind, damit sie nicht in einen mora­li­schen Rigo­ris­mus und damit der Lebens­feind­lich­keit mün­den. Nicht um Gehäu­se geht es, son­dern um das „geis­ti­ge Leben”, das sich in jeder Situa­ti­on neu bewäh­ren muß. Ein Anspruch, den Kant Fich­te gelehrt hat. Mora­li­sche Stär­ke besteht in „Befol­gung sei­ner Pflicht, die nie­mals zur Gewohn­heit” wer­den soll.
Im Nach­laß heißt es: „Sey recht­schaf­fen. Ent­eh­re dich selbst nicht; sey theil­neh­mend gegen ieder­man und leist ieden das Sei­ne. Hand­le so, daß, wenn du öffent­lich gese­hen wür­dest, du geach­tet, gedul­det und geliebt wür­dest.” Damit sind wir bei einem Pro­blem ange­langt, das Fich­te eben­so gese­hen hat: Was pas­siert, wenn die Öffent­lich­keit es beklatscht, wenn jeder sei­nen Vor­teil aus­nutzt und der Ehr­li­che der Dum­me ist? Es braucht eine tran­szen­den­te Ver­an­ke­rung des Han­delns: „Die Erzie­hung zur wah­ren Reli­gi­on ist somit das letz­te Geschäft der neu­en Erziehung.”
In die­ser Hin­sicht sind uns die Hän­de gebun­den. Aber, und das soll­te uns hoff­nungs­voll stim­men, es lag auch nicht in Fich­tes Hand. Die Bedeu­tung sei­ner Reden für uns hat ande­re Grün­de. Es ist zunächst eine Erin­ne­rung an einen Anspruch, den es immer noch ein­zu­lö­sen gilt. Er besteht in einer uns eigen­tüm­li­chen Art und Wei­se, die Welt zu betrach­ten und sich zu ihr zu stel­len. Der Deut­sche Idea­lis­mus und damit Fich­te sind der deut­lichs­te Aus­druck die­ser Art zu den­ken, die die Wirk­lich­keit höher schätzt als die Rea­li­tät und weiß, daß das, was wir sehen und anfas­sen kön­nen, nicht alles ist was exis­tiert. Als Erin­ne­rung dar­an sind Fich­tes Reden aktu­el­ler denn je. Ob sie noch ein­mal ihre Wir­kung ent­fal­ten kön­nen, bleibt frag­lich. Deutsch­land ist zwar kein besetz­tes Land mehr, wie es 1807 und 1978 (wir erwähn­ten Will­ms) der Fall war. Aber es ist letzt­end­lich, nach­dem es wie­der frei den­ken könn­te, einer umfas­sen­den Selbst­auf­ga­be anheim­ge­fal­len, die bis in den letz­ten Win­kel unse­res Den­kens vor­ge­drun­gen ist. Des­halb weht uns Weh­mut an, wenn Fich­te die unge­bo­re­nen Nach­fah­ren die gegen­wär­ti­gen Deut­schen beschwö­ren läßt: „Ihr rühmt euch eurer Vor­fah­ren (…) und schließt mit Stolz euch an eine edle Rei­he. Sor­get, daß bei euch die Ket­te nicht abrei­ße: machet, daß auch wir uns eurer rüh­men kön­nen, und durch euch, als unta­de­li­ges Mit­tel­glied hin­durch, uns anschlie­ßen an die­sel­be glor­rei­che Rei­he. Ver­an­las­set nicht, daß wir uns der Abkunft von euch schä­men müs­sen (…).” Jede Genera­ti­on muß sich, auch unter den schwers­ten Las­ten, die ihnen die Geschich­te auf­ge­bür­det hat, ent­schei­den. Ohne natio­na­le Iden­ti­tät droht die end­gül­ti­ge Fel­la­chi­sie­rung. Das ist dann der Fall, wenn selbst die letz­te „Tra­di­ti­ons­kom­pa­nie” auf­ge­rie­ben ist.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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