Dogma oder Wissenschaft? – eine Dankrede

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 / August 2012

von Ernst Nolte

Bei den hier abgedruckten Überlegungen handelt es sich um den Wortlaut der Dankrede, die Ernst Nolte am 16. Juni bei der Verleihung des "Historikerpreises des Jahres 2012" der Erich und Erna Kronauer-Stiftung im Rathaus der Stadt Schweinfurth gehalten hat. Diese Rede ist neben anderen in Ernst Noltes kaplaken 31: Am Ende eines Lebenswerks enthalten.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Ich will über das The­ma »Die Wis­sen­schaft und der Natio­nal­so­zia­lis­mus« spre­chen, aber nicht durch die Auf­zäh­lung und Ana­ly­se von Büchern und Unter­su­chun­gen, son­dern unter Lei­tung der Fra­ge, ob es inmit­ten einer Fül­le von Lite­ra­tur Pro­ble­me oder Tat­be­stän­de gibt, die von His­to­ri­kern und Publi­zis­ten nicht oder nur ansatz­wei­se the­ma­ti­siert wor­den sind.

Zunächst will ich indes­sen eini­ge der Schwie­rig­kei­ten, wel­che die wis­sen­schaft­li­che Behand­lung des Natio­nal­so­zia­lis­mus mit sich bringt, durch einen Hin­blick auf drei vor kur­zem erschie­ne­ne Bücher aus dem Bereich der Geschich­te Ost­eu­ro­pas anschau­lich machen. Am Ende mei­ner Aus­füh­run­gen wer­de ich erklä­ren, wes­halb mein Dank von beson­de­rer Art ist und sein muß.

Aus­län­di­sche His­to­ri­ker und deut­sche Fach­ver­tre­ter der »ost­eu­ro­päi­schen Geschich­te« ver­fü­gen in aller Regel über eine grö­ße­re Distanz zum Natio­nal­so­zia­lis­mus sowie über einen ande­ren Aus­gangs­punkt, und wenn eine Ten­denz der Wis­sen­schaft dar­in bestehen muß, von all­zu gro­ßer Nähe zu ihrem Gegen­stand fort­zu­kom­men und grö­ße­ren Abstand zu gewin­nen, so ist sie in die­sem Fal­le gleich­sam von der Natur gegeben.

So will Timo­thy Sny­der, Pro­fes­sor an der Yale Uni­ver­si­ty, in sei­nem 2011 in deut­scher Über­set­zung publi­zier­ten Buch Bloo­d­lands. Eu­ropa zwi­schen Hit­ler und Sta­lin sich der grau­en­haf­tes­ten geo­gra­phi­schen Kon­zen­tra­ti­on von Men­schen­ver­nich­tun­gen durch Mas­sen­mor­de zuwen­den, die es wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs und des­sen Vor­ge­schich­te in der Welt gege­ben habe, näm­lich in dem ost­mit­tel­eu­ro­päi­schen Raum von Weiß­ruß­land, der Ukrai­ne und den bal­ti­schen Staa­ten bis zur West­gren­ze Polens, wo »mit­ten in Euro­pa das NS- und das Sowjet­re­gime vier­zehn Mil­lio­nen Zivi­lis­ten und Kriegs­ge­fan­ge­ne ermor­de­ten«. Aber bald danach for­mu­liert er den über­ra­schend klin­gen­den Satz: »In den drei­ßi­ger Jah­ren war die Sowjet­uni­on das ein­zi­ge Land in Euro­pa gewe­sen, das poli­ti­sche Mas­sen­mor­de durch­führ­te … in den sechs­ein­halb Jah­ren vor dem Zwei­ten Welt­krieg ermor­de­te das NS-Regime nicht mehr als etwa 10000 Men­schen. Sta­lins Regime hat­te 1939 bereits Mil­lio­nen ver­hun­gern las­sen und fast eine Mil­li­on Men­schen erschos­sen.« Noch grel­ler klingt der fol­gen­de Satz in den Ohren der Leser: »Bis Ende 1938 hat­ten die Sowjets etwa tau­send­mal so vie­le Men­schen ermor­det wie die Natio­nal­so­zia­lis­ten … Nicht ein­mal Hit­ler schien begrif­fen zu haben, daß Mas­sen­er­schie­ßun­gen die­ser Art mög­lich waren«. (S. 9, 12 und 127) Anschei­nend kommt dem Ver­fas­ser der nahe­lie­gen­de Gedan­ke nicht, daß das eine mit dem ande­ren zu tun haben könn­te, näm­lich daß ein so unge­heu­res, aus sämt­li­chen bis­he­ri­gen Rea­li­tä­ten und Vor­stel­lun­gen her­aus­fal­len­des Gesche­hen bestimm­te Kon­se­quen­zen in einem gro­ßen Nach­bar­lan­de nach sich zie­hen könn­te, etwa die Ent­schlos­sen­heit, etwas Ver­gleich­ba­res im eige­nen Lan­de zu ver­hin­dern, und sei es auf prä­ven­ti­ve Wei­se. Aber offen­bar ist für ihn und vie­le ande­re His­to­ri­ker der Ein­druck der seit 1941 gegen die Juden in Gang gesetz­ten und Mil­lio­nen von Opfern for­dern­den Ver­nich­tungs­ak­tio­nen des »Holo­caust« so stark, daß die deut­schen Zah­len den sowje­ti­schen gleich­kom­men und die­se sogar über­tref­fen müß­ten. Das gelingt ihm jedoch nur par­ti­ell, da er kei­ne Unter­schei­dun­gen inner­halb der Kate­go­rie »Opfer« vor­nimmt. Von den sowje­ti­schen Zei­ten vor Sta­lin, also von den Vor­gän­gen der Revo­lu­ti­on und des »Roten Ter­rors«, ist kaum auch nur andeu­tungs­wei­se die Rede. Aber daß min­des­tens das Phä­no­men des »Sta­li­nis­mus« in der Unge­heu­er­lich­keit sei­ner Ver­nich­tungs­maß­nah­men älter war als der Natio­nal­so­zia­lis­mus, kann kei­nem Leser des Buches im gerings­ten zwei­fel­haft sein.

Karl Schlö­gel, nicht nur als Ost­eu­ro­pa-His­to­ri­ker der Uni­ver­si­tät Frank­furt an der Oder, son­dern auch als geist­rei­cher Schil­de­rer von Orten und Zei­ten bekannt, stellt in sei­nem Buch Ter­ror und Traum. Mos­kau 1937 unter Beweis, daß es mög­lich ist, die furcht­ba­re Zeit des »Gro­ßen Ter­rors« der Jah­re von 1936 bis 1938 in der Sowjet­uni­on mit viel Reich­tum an Details sorg­fäl­tig zu beschrei­ben und doch nicht zu ver­ber­gen, daß auch die­se Jah­re eine Zeit des »Auf­bruchs«, des erfolg­rei­chen und begeis­tern­den Auf­baus einer gewal­ti­gen Indus­trie, von wage­mu­ti­gen Unter­neh­mun­gen und Ent­de­ckun­gen waren, die nach ihren Erfol­gen von Mil­lio­nen­mas­sen ohne jeden Zwang umju­belt wur­den. Auch die »ande­re Sei­te« eines Phä­no­mens wahr­zu­neh­men und nicht in der blo­ßen Empö­rung über »das Schwar­ze« in einem Schwarz-Weiß-Bild zu ver­har­ren, ist gene­rell eine der wich­tigs­ten Auf­ga­ben der Wis­sen­schaft, und Karl Schlö­gel hat sie erfüllt, obwohl Ent­setz­li­che­res als die von der Staats­spit­ze nach »Quo­ten« von ver­mu­te­ten Fein­den aller Art, nicht zuletzt von Ange­hö­ri­gen ande­rer Natio­nen wie Polen und Deut­schen, zu den unvor­stell­bars­ten Unta­ten der Welt­ge­schich­te gehö­ren. So ver­schwin­det neben dem Ent­setz­li­chen das Fas­zi­nie­ren­de nicht, und die Wis­sen­schaft hat gezeigt, daß die Distanz der abwä­gen­den Ver­nunft im Sturm der berech­tig­ten und nur all­zu nahe­lie­gen­den Emo­tio­nen nicht unter­ge­hen muß.

Ich füh­re noch eini­ge Bemer­kun­gen oder Fest­stel­lun­gen aus dem Buch von Jörg Babe­row­ski, Pro­fes­sor an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Ber­lin, mit dem Titel Ver­brann­te Erde. Sta­lins Herr­schaft der Gewalt an, um zwei Merk­ma­le der sowje­ti­schen Ver­hält­nis­se deut­lich zu machen, die den Unter­schied zu allen ver­gleich­ba­ren Rea­li­tä­ten, ein­schließ­lich der­je­ni­gen im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land, kenn­zeich­nen. Es han­delt sich ein­mal um die Nähe der bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on zu jener spon­ta­nen und häu­fig sehr grau­sa­men »Volks­re­vo­lu­ti­on«, die aus den Erfah­run­gen des Krie­ges her­vor­ging und von den Bol­sche­wi­ki nicht auf­ge­ho­ben, son­dern nur sys­te­ma­ti­siert und büro­kra­ti­siert wur­de: »Die Opfer wur­den in sie­den­des Was­ser gewor­fen, gehäu­tet, gepfählt, bei leben­di­gem Leib begra­ben oder in win­ter­li­cher Käl­te nackt auf die Stra­ße getrie­ben und mit Was­ser über­gos­sen«. Und als der Haupt­exe­ku­tor des »Gro­ßen Ter­rors«, Niko­laj Jeschow, schließ­lich zum Tode ver­ur­teilt wur­de, star­ben mit ihm »alle sei­ne Gefolgs­leu­te und deren Ver­wand­te, Frau­en wie Kin­der, 346 Men­schen«. (S. 74 und 361)

Im gan­zen darf ich mei­nen Ansatz von 1963 im Faschis­mus in sei­ner Epo­che, der den Sowjet­kom­mu­nis­mus und bereits des­sen Prä­ze­dens in Marx’ Kom­mu­nis­ti­schem Mani­fest mit des­sen »Todes­ur­teil« über »die Bour­geoi­sie« als Vor­aus­set­zung und Aus­gangs­punkt des »Bür­ger­kriegs« zwi­schen der älte­ren, tie­fer in der Geschich­te ver­wur­zel­ten Ideo­lo­gie des »Mar­xis­mus-Leni­nis­mus« und der ten­den­zi­ell auf der glei­chen Ebe­ne re-agie­ren­den Ideo­lo­gie des Hit­ler­schen »Radi­kal­fa­schis­mus« betrach­te­te, ins­ge­samt und wie­der ein­mal bestä­tigt sehen. Aber schon die­ses Buch war nicht eine Pole­mik oder Schuld­er­klä­rung gegen­über dem Mar­xis­mus-Leni­nis­mus, son­dern es ver­stand die­sen als einen »gro­ßen Glau­ben«, der ange­sichts der »Blut­müh­le« des Ers­ten Welt­kriegs auf mili­tan­te Wei­se die Hoff­nung auf eine »ver­schmol­ze­ne« Mensch­heit ohne Staa­ten, Klas­sen und Ein­zel­kul­tu­ren ver­wirk­li­chen woll­te und gera­de des­halb zu der »größ­ten Kraft der Ver­nich­tung« wur­de, die es bis dahin in der Welt­ge­schich­te gege­ben hat­te, näm­lich den Wil­len zur Ver­nich­tung des strei­ter­zeu­gen­den, weil auf indi­vi­du­el­lem und kol­lek­ti­vem Ego­is­mus beru­hen­den »Kapi­ta­lis­mus«. Die­se Welt­re­vo­lu­ti­on des mili­tan­ten Glo­ba­lis­mus oder Uni­ver­sa­lis­mus soll­te der Dok­trin zufol­ge als radi­kal umwäl­zen­de und rein posi­ti­ve Fort­ent­wick­lung des bis dahin nur in den »indus­tri­ell ent­wi­ckel­ten« Län­dern exis­tie­ren­den und gera­de dort in Gestalt der sonst über­all unbe­kann­ten Selbst­kri­tik hef­tig ange­grif­fe­nen kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems ihren letz­ten und defi­ni­ti­ven Fort­schritt machen und die gan­ze Mensch­heit zu einer har­mo­ni­schen und rund­um sitt­li­chen, weder Poli­zei noch Gefäng­nis­se benö­ti­gen­den Gemein­schaft wer­den lassen.

Aber wenn die­se zugleich »pro­gres­si­ve« und »uto­pi­sche« Kon­zep­ti­on sich nicht rea­li­sier­te, dann muß­te »der Kapi­ta­lis­mus« als das ein­zig­ar­ti­ge gesell­schaft­li­che Sys­tem des poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus und des öko­no­mi­schen Unter­neh­mer­tums erschei­nen, dem als »okzi­den­ta­lem« bis­her aller Fort­schritt zu ver­dan­ken war und dem der blo­ße Anspruch eines noch in den Anfangs­sta­di­en der Ent­wick­lung ste­cken­den und schon des­halb »bar­ba­ri­schen« Lan­des feind­lich gegen­über­stand. Das bedeu­te­te, daß weder der einen noch der ande­ren Sei­te ein voll­stän­di­ges Recht oder ein voll­stän­di­ges Unrecht zuzu­schrei­ben war. Es bedeu­te­te eben­falls, daß die zwei­te und sekun­dä­re Ideo­lo­gie sowie ihr Regime und ihr Staat sich von Anfang an in der Posi­ti­on einer Defen­siv-Aggres­si­vi­tät befan­den. Das wird beson­ders deut­lich in der stets auf sehr ein­sei­ti­ge Wei­se inter­pre­tier­ten gehei­men Denk­schrift Hit­lers zu den »Auf­ga­ben eines Vier­jah­res­plans« von 1936, wo es heißt: »Ein Sieg des Bol­sche­wis­mus über Deutsch­land [der offen­bar als mög­lich ange­se­hen wird] wür­de … zu einer end­gül­ti­gen Ver­nich­tung, ja Aus­rot­tung des deut­schen Vol­kes füh­ren … Gegen­über der Not­wen­dig­keit der Abwehr die­ser Gefahr haben alle ande­ren Erwä­gun­gen als gänz­lich belang­los in den Hin­ter­grund zu tre­ten« (Vier­tel­jahrs­hef­te für Zeit­ge­schich­te, 1955, S. 204f.). Als uner­läß­li­che Vor­aus­set­zung der erfolg­rei­chen Abwehr nennt Hit­ler die Ver­wirk­li­chung des Pos­tu­lats, daß eine radi­kal-anti­kom­mu­nis­ti­sche Par­tei eben­falls einen »Kate­chis­mus« besit­zen müs­se, also eine genui­ne Gegen-Ideo­lo­gie, denn sonst sei der Kampf »von vorn­her­ein ver­lo­ren«. (RSA Bd.1, S. 109) Eben dadurch hat­te Hit­ler bereits in sei­nen Anfän­gen die schwerst­wie­gen­de und poten­ti­ell ver­häng­nis­volls­te sei­ner Ent­schei­dun­gen getrof­fen, denn er mach­te sich von sei­nem Haupt­feind inner­lich abhän­gig, so daß die­ser Bür­ger­krieg einen Cha­rak­ter gewann, den noch kein poli­ti­scher Bür­ger­krieg gehabt hat­te, näm­lich den­je­ni­gen eines Ent­schei­dungs­kamp­fes um das Schick­sal der Mensch­heit in der Gegen­wart und der Zukunft.

Aber eben des­halb wur­den auch Fra­gen allen­falls nur ansatz­wei­se gestellt wie die fol­gen­den: Muß­te nicht trotz die­ses »kau­sa­len Nexus« im Natio­nal­so­zia­lis­mus die »okzi­den­ta­le« Ver­si­on des »Tota­li­ta­ris­mus« gese­hen wer­den? Gab es nicht viel­leicht eine Alter­na­ti­ve zu der allein zur Wirk­lich­keit gewor­de­nen extre­men Gestalt des Natio­nal­so­zia­lis­mus? Muß­te im Hin­blick auf »Gulag« und »Ausch­witz« nicht das meist Über­se­he­ne zu Wort gebracht wer­den, näm­lich im gan­zen die Unter­schei­dung zwi­schen »sozia­ler« und »bio­lo­gi­scher, ja über­bio­lo­gi­scher« Ver­nich­tung und damit die Ein­sicht, daß das Abge­lei­te­te unter phi­lo­so­phi­schen Gesichts­punk­ten »böser« sein konn­te als das Ursprüng­li­che, aber auch das para­do­xe Neben­ein­an­der von radi­ka­lem Ver­nich­tungs­wil­len und »huma­ni­tä­ren« Erwä­gun­gen im Fal­le des Nationalsozialismus?

Den­noch wür­de ver­mut­lich nie­mand mit lei­den­schaft­li­chem Nach­druck von »nicht-gestell­ten« Fra­gen spre­chen, wenn es sich nur um einen inter­na­tio­na­len Bür­ger­krieg von noch so unver­gleich­li­cher Art gehan­delt hät­te. Star­ke und weit­ver­brei­te­te Emo­tio­nen wur­den und wer­den nur erweckt, wenn es sich um die Fra­ge der Betei­li­gung oder sogar der Ursäch­lich­keit kon­kre­ter Men­schen­grup­pen han­delt, vor­nehm­lich »der Deut­schen« und »der Juden«. Daß der Natio­nal­so­zia­lis­mus »deutsch« sei, wur­de kaum je bezwei­felt, aber daß der Kom­mu­nis­mus »jüdisch« sei, war eine der zen­tra­len The­sen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da, und des­halb wird jede Wie­der­auf­nah­me die­ser Fra­ge­stel­lung von vorn­her­ein als »Apo­lo­gie Hit­lers« ver­stan­den, obwohl in der Fach­li­te­ra­tur und weit dar­über hin­aus die Fest­stel­lung, daß im frü­hen Bol­sche­wis­mus die Betei­li­gung von Juden »stark« oder »sehr stark« gewe­sen sei, so gut wie selbst­ver­ständ­lich ist.

Um heu­te eine wis­sen­schaft­lich begrün­de­te Ant­wort auf die min­des­tens in Deutsch­land »nie gestell­te Fra­ge« zu gewin­nen, ob die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pro­pa­gan­dathe­se einen »ratio­na­len Kern« ent­hal­ten habe, ist es emp­feh­lens­wert, sich nicht an deut­sche His­to­ri­ker und Publi­zis­ten zu wen­den, son­dern an jüdi­sche Autoren. In der frü­hes­ten Zeit des bol­sche­wis­ti­schen Regimes schrieb der berühm­te jüdi­sche His­to­ri­ker Simon Dub­now aus der unmit­tel­ba­ren Zeu­gen­schaft des Zeit­ge­nos­sen nach dem Anschlag auf Lenin im August 1918: »Es ist gut, daß gera­de Juden die­se Tat voll­bracht haben, denn dadurch wird die furcht­ba­re Schuld gesühnt, mit der sich Juden durch ihre Betei­li­gung am Bol­sche­wis­mus bela­den haben …Der bren­nen­de Haß gegen die Bol­sche­wis­ten wird zu einem eben­so bren­nen­den Haß gegen die Juden.« Der längst vor­han­de­ne »Anti­se­mi­tis­mus« in der rus­si­schen Bevöl­ke­rung wur­de also durch die Erfah­rung des Bol­sche­wis­mus ganz außer­or­dent­lich ver­schärft. Das Atten­tat gegen Lenin wur­de jedoch zunächst zur unmit­tel­ba­ren Ursa­che des Regie­rungs­de­krets über den »Roten Ter­ror«, und bei dem gigan­ti­schen Blut­ver­gie­ßen, das die Fol­ge war, tra­ten unter Rufen wie »Tau­send von euch für einen von uns!« als Fein­de wie­der »die Bour­geois« in den Vordergrund.

Nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges und im Wis­sen um den »Holo­caust« ver­öf­fent­lich­te Son­ja Mar­go­li­na, die sich im Vor­spruch stolz »die Toch­ter eines jüdi­schen Kom­mu­nis­ten« nennt, im Jah­re 1992 ein klei­nes Buch mit dem befrem­den­den Titel Das Ende der Lügen: Nach dem Sturz des Zaris­mus (war dar­in zu lesen) sei »der nicht sel­ten gebro­chen rus­sisch spre­chen­de jüdi­sche (let­ti­sche) Kom­mis­sar mit Leder­ja­cke und Maus­er­pis­to­le typisch für das Erschei­nungs­bild der revo­lu­tio­nä­ren Macht gewor­den … zum ers­ten Mal erschie­nen sie [die Juden] nicht als Opfer, son­dern als Täter … Die Tra­gö­die des Juden­tums bestand dar­in, daß es kei­ne poli­ti­sche Opti­on gab, um der Rache für die geschicht­li­che Sün­de der Juden – ihre expo­nier­te Mit­wir­kung am kom­mu­nis­ti­schen Regime – zu ent­ge­hen. Der Sieg des Sowjet­re­gimes hat­te sie zeit­wei­lig geret­tet; die Ver­gel­tung stand ihnen noch bevor«. (S. 45, 47 und 66)

Aus den Begrif­fen »Rache« und »Ver­gel­tung« muß­ten sich Wei­te­run­gen erge­ben, so gewiß Son­ja Mar­go­li­na die fak­ti­schen »Gegen­maß­nah­men« der deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­ten und ihrer in Ost­eu­ro­pa zahl­rei­chen Ver­bün­de­ten als asym­me­trisch und exzes­siv ver­ur­teilt hät­te. Gra­vie­ren­de Unter­schei­dun­gen inner­halb all­zu unge­nau­er Begrif­fe wie »Juden« und »Holo­caust« muß­ten also getrof­fen wer­den, vor­nehm­lich zwi­schen deut­schen und sowje­ti­schen Juden und zwi­schen dem Begriff des »Feind­vol­kes hin­ter der Front« und dem­je­ni­gen des »Welt­fein­des«, und ich habe es dar­an nicht feh­len lassen.

Die Ver­ur­tei­lung ist auf die nach­drück­lichs­te Wei­se von einem über­aus ein­fluß­rei­chen Juden voll­zo­gen wor­den, und zwar in eins mit einer Ein­schät­zung der eige­nen Rol­le, die auch heu­te alles ande­re als evi­dent ist, näm­lich von Chaim Weiz­mann in sei­ner zuerst 1947 publi­zier­ten Auto­bio­gra­phie Tri­al and Error: »In dem Kampf gegen das Nazi-Mons­ter konn­te nie­mand stär­ker enga­giert sein [»no one could have a deeper sta­ke«]; nie­mand konn­te fana­ti­scher bestrebt sein, zu der gemein­sa­men Sache einen Bei­trag zu leis­ten als die Juden« (Bd. 2, S. 417). »Die Juden« erschei­nen also hier nicht pri­mär als Opfer Hit­lers, son­dern als sol­che und ten­den­zi­ell im gan­zen als sei­ne schärfs­ten, ja gera­de­zu ent­schei­den­den Feinde.

Nicht weni­ger an Selbst­ge­wiß­heit wies die in der Wer­tung schroff ent­ge­gen­ge­setz­te Aus­sa­ge Hit­lers auf, die er trotz der für ihn aus­sichts­lo­sen Situa­ti­on in sei­nem »Poli­ti­schen Tes­ta­ment« for­mu­lier­te: »Die Uni­ver­sa­lis­ten, Idea­lis­ten und Uto­pis­ten zie­len ins Nichts. Sie ver­spre­chen ein uner­reich­ba­res Para­dies und betrü­gen damit die Welt. … Sie arbei­ten ins­ge­samt an der Unter­jo­chung des Menschengeschlechts.«

Das abschlie­ßen­de Resul­tat mei­nes Nach­den­kens ist daher das fol­gen­de: Sowohl der Sowjet­kom­mu­nis­mus als auch der Natio­nal­so­zia­lis­mus haben sich mit einer »Sache« iden­ti­fi­ziert, die einen macht­vol­len Bestand­teil der gegen­wär­ti­gen Grund­si­tua­ti­on aus­macht: der »Glo­ba­li­sie­rung« als Erschei­nungs­form der »Tran­szen­denz« auf der einen Sei­te und der Rea­li­tät des mensch­li­chen Lebens in der Viel­falt sei­ner Merk­ma­le und Struk­tu­ren auf der ande­ren. Bei­de haben ihren Teil des his­to­ri­schen Rechts nicht nur von vorn­her­ein durch die Nähe zu par­ti­ku­la­ren Wirk­lich­kei­ten wie Ruß­land oder das bedin­gungs­lo­se Fest­hal­ten an dem Begriff des Krie­ges als der unüber­hol­ba­ren, ja der höchs­ten Lebens­äu­ße­rung frag­wür­dig gemacht, son­dern sie haben die jewei­li­gen Ver­keh­run­gen zu einem »Abso­lu­tum« wer­den las­sen. Nach­dem bei­de geschei­tert sind, müs­sen sie sich einer Rela­ti­vie­rung die­ser abso­lu­ten Ansprü­che unter­wer­fen, ohne daß auf Unter­schei­dun­gen ver­zich­tet wird, ins­be­son­de­re nicht auf den Vor­rang des aggres­si­ven vor dem defen­si­ven Impuls.

Mei­ne bloß knapp umris­se­ne Vor­stel­lung von der Zukunft hat eine ein­heit­li­che, aber nicht eine »ver­schmol­ze­ne« Mensch­heit im Blick, die in ihren kei­nes­wegs star­ren Struk­tu­ren Ein­heit und Viel­falt auf man­nig­fa­che Wei­se syn­the­ti­siert. Inso­fern ist mein aktu­el­les Ergeb­nis von tri­via­ler, häu­fig arti­ku­lier­ter und daher weit­hin zustim­mungs­fä­hi­ger Art, und ein­deu­ti­ges Unrecht wird nur den­je­ni­gen gege­ben, die behaup­ten, in den gro­ßen Kämp­fen von ges­tern habe die eige­ne Sei­te »die Rich­ti­gen« und die ande­re »die Fal­schen« umge­bracht. Allen Opfern des bis­her blu­tigs­ten Abschnitts der Geschich­te, denen auch »Täter« nicht sel­ten zuzu­rech­nen sind, muß ein um Ver­ste­hen bemüh­tes und trau­ern­des, obgleich unter­schied­li­ches Geden­ken gewid­met wer­den, wenn die Mensch­heit die Peri­ode des Sowjet­kom­mu­nis­mus und des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Radi­kal­fa­schis­mus hin­ter sich las­sen will.

Ich bit­te Sie, mir noch zwei Wor­te zu mei­nem letz­ten Buch zu gestat­ten, den Spä­ten Refle­xio­nen über den Welt­bür­ger­krieg des 20. Jahr­hun­derts, das im Som­mer 2011 vom Karo­lin­ger-Ver­lag in Wien publi­ziert wor­den ist. Die wich­tigs­ten wis­sen­schaft­li­chen Pos­tu­la­te für die Gegen­wart – die Juden von ihrer Redu­zie­rung auf den blo­ßen Opfer­sta­tus und die Deut­schen von der Sub­sum­ti­on unter den Begriff des »abso­lu­ten Bösen« als dem Zen­trum einer neu­en (Pseudo-)Religion zu befrei­en – habe ich bereits in mei­nem gan­zen Lebens­werk von meh­re­ren Aus­gangs­punk­ten aus zu rea­li­sie­ren versucht.

In den Spä­ten Refle­xio­nen habe ich ein Vor­ge­hen gewählt, das anschei­nend von nicht weni­gen Lesern als »pro­vo­ka­tiv« emp­fun­den wor­den ist, denn die Kapi­tel über »Juden, Juden­tum, ›jüdi­scher Bol­sche­wis­mus‹« sind gleich an den Anfang gestellt wor­den, und die eben­falls vom »Zeit­geist« abwei­chen­den Aus­sa­gen über Hit­ler und den Natio­nal­so­zia­lis­mus fol­gen bald dar­auf. Die­ses Buch ist jedoch kein Teil des his­to­rio­gra­phi­schen und ana­ly­sie­ren­den Lebens­werks, son­dern es hat einen eher apho­ris­ti­schen Cha­rak­ter, der es erlaubt, hin und wie­der zuge­spitz­te For­mu­lie­run­gen zu wäh­len und gro­ße Tei­le des »intel­lek­tu­el­len Umfelds« wie »Ega­li­ta­ris­mus«, »Ewi­ge Lin­ke«, »Welt­zi­vi­li­sa­ti­on« und »Nach­ge­schich­te« in einem zwei­ten Teil ein­zu­be­zie­hen und dann einen wei­te­ren Schritt zur »Phi­lo­so­phie« hin zu tun. Aber neu­ar­tig dürf­te vor­nehm­lich die unmit­tel­ba­re Bezug­nah­me auf die Situa­ti­on der Gegen­wart sein, wel­che poli­ti­sche Pole­mik ver­mei­det und erken­nen läßt, daß der Kampf für Wis­sen­schaft­lich­keit der ein­zi­ge Kampf war, den ich immer füh­ren woll­te, und nicht der poli­ti­sche Kampf, den man je nach den Umstän­den und Aus­gangs­punk­ten als »phi­lo­kom­mu­nis­tisch« oder als »phi­lo­fa­schis­tisch« kenn­zeich­nen mag.

Ich kann nicht leug­nen, daß es mich sehr betrof­fen gemacht hat, wie meh­re­re gute Bekann­te und Kol­le­gen, aber dar­über hin­aus auch geschätz­te Gesprächs­part­ner ihre Ableh­nung der Spä­ten Refle­xio­nen durch Schwei­gen oder offe­ne Kri­tik zum Aus­druck brach­ten. Der Grund kann so gut wie durch­weg nur die schein­bar nega­ti­ve Kri­tik an »den Juden« gewe­sen sein, wel­che die sich eigent­lich auf­drän­gen­de Fra­ge über­la­ger­te, ob von mir »den Juden« und auch »den Bol­sche­wi­ki« gegen­über nicht mehr Respekt an den Tag gelegt wur­de, als es von sei­ten der Phi­lo­se­mi­ten und Phi­lo­kom­mu­nis­ten üblich ist. Wer das The­ma »der Juden«, sei es auch mit kla­ren Unter­schei­dun­gen, auf eine Wei­se anschnei­det, die von der in Deutsch­land herr­schen­den Mei­nung abweicht, sieht sich mit Vor­wür­fen, ja mit Ankla­gen kon­fron­tiert, gegen die es kei­ne Abwehr zu geben scheint: Ein neu­er »Anti­se­mi­tis­mus« kri­ti­sie­re die Juden, um ihnen – viel­leicht unter der Mas­ke des Anti­zio­nis­mus – ein ähn­lich gra­vie­ren­des Mensch­heits­ver­bre­chen wie »Ausch­witz«, näm­lich die Greu­el­ta­ten der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on und des »Sta­li­nis­mus« sowie das ledig­lich kon­stru­ier­te Schreck­bild eines »paläs­ti­nen­si­schen Holo­caust« zuzu­schie­ben und damit »quitt« zu sein.

Ich kann nur ant­wor­ten: Nicht ein »Quitt­wer­den­wol­len« war mein Motiv, son­dern inner­halb der Haupt­in­ten­ti­on, eine phi­lo­so­phi­sche Geschich­te der »His­to­ri­schen Exis­tenz« und ihres mög­li­chen Über­gangs in die »Nach­ge­schich­te« vor­zu­le­gen und dadurch den wir­kungs­volls­ten Ideo­lo­gien des 20. Jahr­hun­derts glei­cher­ma­ßen gerecht zu wer­den, war die Absicht maß­ge­bend, zur Über­win­dung der anti­wis­sen­schaft­li­chen Ungleich­be­hand­lung eines welt­his­to­ri­schen und in aller Dif­fe­ren­zie­rung sehr akti­ven Vol­kes bei­zu­tra­gen, das aus inne­ren und äuße­ren Grün­den auf der Aus­schließ­lich­keit sei­nes Opfer­sta­tus zu behar­ren scheint. Aber sogar hier fehlt es nicht an Selbst­kri­tik, und ich erin­ne­re nur an einen Autor jüdi­scher Abkunft, der die­se Ungleich­be­hand­lung mit ent­schie­de­nen Wor­ten kri­ti­siert hat, näm­lich an Alfred Grosser.

Und des­halb gilt Ihnen lie­ber Herr Kro­naue, sowie dem Kura­to­ri­um Ihrer Stif­tung und Ihnen ver­ehr­ter Herr Scholdt mein ganz beson­de­rer Dank dafür daß Sie obwohl Ihnen die Spä­ten Refle­xio­nen bekannt oder jeden­falls nicht völ­lig unbe­kannt waren sich der Macht der »poli­ti­schen Kor­rekt­heit« nicht unter­wor­fen und einem Autor Ihren Preis zuer­kannt oder die Zuer­ken­nung begrün­det haben, der in der Tat heu­te in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land so iso­liert ist wie kaum ein ande­rer His­to­ri­ker und Geschichts­den­ker. Aber wir dür­fen in die­sem unse­rem klei­nen Krei­se das Bewußt­sein haben, daß sich ent­we­der ein dog­ma­ti­scher »Abso­lu­tis­mus« des Geschichts­ver­ständ­nis­ses in Deutsch­land und mög­li­cher­wei­se sogar in Euro­pa durch­set­zen wird oder ein frei­es Den­ken, das sich an den Maxi­men einer reflek­tie­ren­den Wis­sen­schaft orientiert.

 Gastbeitrag

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