Sezession
23. August 2012

Dogma oder Wissenschaft? – eine Dankrede

Gastbeitrag

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 / August 2012

von Ernst Nolte

Bei den hier abgedruckten Überlegungen handelt es sich um den Wortlaut der Dankrede, die Ernst Nolte am 16. Juni bei der Verleihung des "Historikerpreises des Jahres 2012" der Erich und Erna Kronauer-Stiftung im Rathaus der Stadt Schweinfurth gehalten hat. Diese Rede ist neben anderen in Ernst Noltes kaplaken 31: Am Ende eines Lebenswerks enthalten.

Ich will über das Thema »Die Wissenschaft und der Nationalsozialismus« sprechen, aber nicht durch die Aufzählung und Analyse von Büchern und Untersuchungen, sondern unter Leitung der Frage, ob es inmitten einer Fülle von Literatur Probleme oder Tatbestände gibt, die von Historikern und Publizisten nicht oder nur ansatzweise thematisiert worden sind.

Zunächst will ich indessen einige der Schwierigkeiten, welche die wissenschaftliche Behandlung des Nationalsozialismus mit sich bringt, durch einen Hinblick auf drei vor kurzem erschienene Bücher aus dem Bereich der Geschichte Osteuropas anschaulich machen. Am Ende meiner Ausführungen werde ich erklären, weshalb mein Dank von besonderer Art ist und sein muß.

Ausländische Historiker und deutsche Fachvertreter der »osteuropäischen Geschichte« verfügen in aller Regel über eine größere Distanz zum Nationalsozialismus sowie über einen anderen Ausgangspunkt, und wenn eine Tendenz der Wissenschaft darin bestehen muß, von allzu großer Nähe zu ihrem Gegenstand fortzukommen und größeren Abstand zu gewinnen, so ist sie in diesem Falle gleichsam von der Natur gegeben.

So will Timothy Snyder, Professor an der Yale University, in seinem 2011 in deutscher Übersetzung publizierten Buch Bloodlands. Eu­ropa zwischen Hitler und Stalin sich der grauenhaftesten geographischen Konzentration von Menschenvernichtungen durch Massenmorde zuwenden, die es während des Zweiten Weltkriegs und dessen Vorgeschichte in der Welt gegeben habe, nämlich in dem ostmitteleuropäischen Raum von Weißrußland, der Ukraine und den baltischen Staaten bis zur Westgrenze Polens, wo »mitten in Europa das NS- und das Sowjetregime vierzehn Millionen Zivilisten und Kriegsgefangene ermordeten«. Aber bald danach formuliert er den überraschend klingenden Satz: »In den dreißiger Jahren war die Sowjetunion das einzige Land in Europa gewesen, das politische Massenmorde durchführte … in den sechseinhalb Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ermordete das NS-Regime nicht mehr als etwa 10000 Menschen. Stalins Regime hatte 1939 bereits Millionen verhungern lassen und fast eine Million Menschen erschossen.« Noch greller klingt der folgende Satz in den Ohren der Leser: »Bis Ende 1938 hatten die Sowjets etwa tausendmal so viele Menschen ermordet wie die Nationalsozialisten … Nicht einmal Hitler schien begriffen zu haben, daß Massenerschießungen dieser Art möglich waren«. (S. 9, 12 und 127) Anscheinend kommt dem Verfasser der naheliegende Gedanke nicht, daß das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, nämlich daß ein so ungeheures, aus sämtlichen bisherigen Realitäten und Vorstellungen herausfallendes Geschehen bestimmte Konsequenzen in einem großen Nachbarlande nach sich ziehen könnte, etwa die Entschlossenheit, etwas Vergleichbares im eigenen Lande zu verhindern, und sei es auf präventive Weise. Aber offenbar ist für ihn und viele andere Historiker der Eindruck der seit 1941 gegen die Juden in Gang gesetzten und Millionen von Opfern fordernden Vernichtungsaktionen des »Holocaust« so stark, daß die deutschen Zahlen den sowjetischen gleichkommen und diese sogar übertreffen müßten. Das gelingt ihm jedoch nur partiell, da er keine Unterscheidungen innerhalb der Kategorie »Opfer« vornimmt. Von den sowjetischen Zeiten vor Stalin, also von den Vorgängen der Revolution und des »Roten Terrors«, ist kaum auch nur andeutungsweise die Rede. Aber daß mindestens das Phänomen des »Stalinismus« in der Ungeheuerlichkeit seiner Vernichtungsmaßnahmen älter war als der Nationalsozialismus, kann keinem Leser des Buches im geringsten zweifelhaft sein.

Karl Schlögel, nicht nur als Osteuropa-Historiker der Universität Frankfurt an der Oder, sondern auch als geistreicher Schilderer von Orten und Zeiten bekannt, stellt in seinem Buch Terror und Traum. Moskau 1937 unter Beweis, daß es möglich ist, die furchtbare Zeit des »Großen Terrors« der Jahre von 1936 bis 1938 in der Sowjetunion mit viel Reichtum an Details sorgfältig zu beschreiben und doch nicht zu verbergen, daß auch diese Jahre eine Zeit des »Aufbruchs«, des erfolgreichen und begeisternden Aufbaus einer gewaltigen Industrie, von wagemutigen Unternehmungen und Entdeckungen waren, die nach ihren Erfolgen von Millionenmassen ohne jeden Zwang umjubelt wurden. Auch die »andere Seite« eines Phänomens wahrzunehmen und nicht in der bloßen Empörung über »das Schwarze« in einem Schwarz-Weiß-Bild zu verharren, ist generell eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft, und Karl Schlögel hat sie erfüllt, obwohl Entsetzlicheres als die von der Staatsspitze nach »Quoten« von vermuteten Feinden aller Art, nicht zuletzt von Angehörigen anderer Nationen wie Polen und Deutschen, zu den unvorstellbarsten Untaten der Weltgeschichte gehören. So verschwindet neben dem Entsetzlichen das Faszinierende nicht, und die Wissenschaft hat gezeigt, daß die Distanz der abwägenden Vernunft im Sturm der berechtigten und nur allzu naheliegenden Emotionen nicht untergehen muß.


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