Sezession
24. August 2012

Nils und sein Sohn verkleiden sich

Ellen Kositza

Eigentlich habe ich eine Grundsympathie für Leute, die sich auch im Umgang mit ihren Kindern (nennen wir´s Erziehung) nicht allzu sehr drum scheren, was „man“ grad so macht. Ist doch klar, daß die schönsten Blüten nicht mitten im Hauptstrom wachsen, sondern an den Rändern, dort, wo frische Luft rankommt! Heikel wird die Sache, wo in äußersten Randzonen noch was Ansehnliches gedeihen soll.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Alle Welt empörte sich damals über diese Juristin, die ihr bockendes Töchterlein kurzerhand nackt (bei nur 11 Grad) auf den Fahrradsitz setzte und so von der Polizei aufgegriffen wurde, die ihr gleich ein Verhör bei der Kripo und eine Anzeige wegen Mißhandlung Schutzbefohlener einbrockte. Meine Güte, dachte ich da, vielleicht hat die Frau 'nen Hau weg, vielleicht war sie auch nur kurz selbst bockig - aber welche Handhabe gibt es eigentlich gegen Eltern, die ihre Schutzbefohlenen vor der Glotze vergammeln lassen?

 Oder man denke an den Aufschrei, den vergangenen Winter jener New Yorker Chinese auslöste, der seinen Sohn durch den Schnee joggen ließ und ihn (wegen "Entwicklungsschwierigkeiten") dortselbst Liegestütze machen ließ? Das passende Video wurde millionenfach angeklickt, die öffentliche Empörung wogte, als hätte einer ein Massaker begangen. Ich fand die Maßnahme plausibel und probierte sie höchst erfolgreich aus, ohne Kamera freilich.

Jedenfalls: „Anderserziehende“ sollten weitgehende Narrenfreiheit genießen. Problematisch wirds , wenn das Kind zum Vehikel für die eigene Macke benutzt wird. Die Grenzen sind fließend.

Nils ist mit seinen Kindern aus dem coolen Berlin Kreuzberg in ein rückständiges, „sehr traditionelles, sehr religiöses“ süddeutsches Städtchen gezogen, er nennt das krass reaktionäre Gebiet „Muttiland“ und meint das kritisch. Dort macht er sich jetzt „zum Affen. Aus Überzeugung.“ Auch Affen haben Kinder. Die werden unter Umständen nachgeäfft, gehänselt, heute sagt man: gemobbt.

Nils sagt, sein Sohn trage so gern Kleider und Röcke. Der Sohn sei fünf, auf dem Photo sieht er ganz deutlich jünger aus. Da blieb dem nach eigenem Bekenntnis vom Gleichberechtigungsgedanken fröhlich beflügelten Vati

„nach reiflicher Überlegung nur eine Möglichkeit: Die Schultern für meinen kleinen Kerl breit zu machen und mir selbst einen Rock anzuziehen. Schließlich kann ich ja von einem Kind im Vorschulalter nicht das gleiche Durchsetzungsvermögen erwarten wie von einem Erwachsenen. So ganz ohne Vorbild. Das Vorbild bin jetzt also ich.“

 Weil der Papa mit den breiten Schultern (Nils betont seine markanten Schultern wiederholt, es scheint da eine innere Notwendigkeit zu geben) versäumt hat, den „Erzieherinnen in der Kita“ zu befehlen, daß der ungewöhnlich gekleidete Sohn keinesfalls ausgelacht werden dürfte, passierte das Unerwünschte: Der kleidtragende Sohn vom breitschultrigen Papa wurde ausgelacht. Und wollte keine Kleider mehr anziehen. Doch wer lacht zuletzt? Naklar, der verkleidete Bub im tumben Muttiland. Denn es gab da einen Befreiungsschlag:

Ich bin dieser Frau, die in der Fußgängerzone hinter uns herstarrte, bis sie gegen einen Laternenpfahl prallte, bis heute dankbar. Mein Sohn hat gebrüllt vor Lachen. Und sich am nächsten Tag wieder ein Kleid aus dem Schrank geangelt. Erstmal nur zum Wochenende. Später dann auch für die Kita. Und was macht der Kerl inzwischen? Er lackiert sich die Fingernägel. Er findet, das sieht auch an meinen Fingern hübsch aus. Er schmunzelt darüber, wenn andere Jungen (es sind beinahe immer Jungen) ihn lächerlich machen wollen und sagt: „Ihr traut euch doch nur nicht, Röcke und Kleider zu tragen, weil eure Väter sich auch nicht trauen.“ So breite Schultern hat er jetzt selbst bekommen. Und alles Dank Papa im Rock.

Tja! Dann sind ja alle zufrieden, außer der verunfallten Frau, die so blöd glotzen mußte. Gottes Tierpark ist groß. Und natürlich ist es die EMMA, die diesen vorletzten Käfig grell ausleuchtet und als künftigen Mittelpunkt des Zoos abfeiert.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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