06. September 2012

Schreibtisch, Garten, Alltag (VIII): Seitensteher

von Götz Kubitschek / 6 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Gestern war der erste Herbsttag, kein Zweifel: Es war kühl und regnerisch, und die Sonne hatte da, wo sie durchblitzte, keine sommerliche Kraft mehr. Man verläßt kurz den Schreibtisch, steckt sich ein Zigarillo an, dreht im Garten eine Runde und weiß: Es ist Zeit. Man streut Körner und beobachtet die Hühner: Wer abseits stehen bleibt und zunächst die anderen picken läßt, ist klüger, weniger leicht in der Schar zu bändigen. Pulk oder Einzelgänger: Wen soll man schlachten?

Las vor einigen Tagen im Fluß ohne Ufer von Hans Henny Jahnn - im ersten Teil, dem Holzschiff - einige Sätze, die mir nicht mehr aus dem Sinn gehen. Sie stehen am Anfang des III. Kapitels und lösen die ersten, beklemmenden Gespräche der vorhergegangenen Seiten auf, die sich um die Bauweise, die seltsamen Mechanismen und die blinden Passagiere des Schiffes drehen. Die Sätze lauten:
Die Wahrnehmungen der Sinne waren in Einklang gebracht mit den Übereinkünften. Die allgemeinen und augenfälligen Gesetze waren an keinem Punkt umgebogen worden. Und das Prinzip der Nützlichkeit war inmitten eines bedeutenden Aufwands zur Herrlichkeit geführt. Der Spleen eines einzelnen war widerlegt.

Vier Sätze, vier verschiedene Stufen der Warnung vor einer abweichenden Perspektive und der Bändigung eines Abweichlers:
1. Satz: Im Goethe-Gedächtniston wird die heitere Wiederherstellung des rechten Maßes beschrieben;
2. Satz: Im Angela-Merkel-Gedächtniston steigt das Wahrnehmbare in den Bereich des Alternativlosen auf;
3. Satz: Im Adalbert-Stifter-Gedächtniston wird das Gedeihliche geradezu parodistisch überbetont;
4. Satz: Ohne Anleihe rückt das Wort "Spleen" den Abweichler in die Nähe des Knalls.

Insgesamt klingt das nach brüchigem Eis, wackliger Konstruktion, fragiler Statik. Mir begegnete im Vortrag Erik Lehnerts auf der vor wenigen Tagen in Schnellroda absolvierten Sommerakademie die Gestalt, auf die solche Sätze aus der Mitte heraus gemünzt sind: der "Seitensteher". Lehnert beschrieb damit den Typ Denker, der sich nicht mit dem herrschenden Deutungsparadigma abfinden oder dessen Ton aufgreifen und bedienen möchte. Er kratzt vielmehr am Paradigma, bereitet einen Deutungswechsel vor, widerspricht im Kern und varriiert seinen Ton, um Gehör zu finden. Oder, um Jahnns 1., entscheidenden Satz aufzugreifen: Der Seitensteher bekommt die Wahrnehmung seiner Sinne nicht mehr in Einklang mit den Übereinkünften.

Die Frage ist: Welcher Seitensteher ist der "Typ von morgen", welcher ein Spinner? Wann bereitet der Seitensteher einen Paradigmenwechsel vor, wann treibt er eine Sackgasse ins Niemandsland? Und: Setzt er sich zwangsläufig durch, weil er recht hat, oder gibt die Geschichte nur im Nachhinein denen recht, die beharrlich und hart genug waren, sich durchzusetzen?

Noch ist nicht Zeit für das Beilchen. Noch legen Schar-Huhn und Seitensteher zu. Noch picken sie beide.

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (6)

Saxnot
06. September 2012 08:52
Und das Schweigen im Volk, ist es die Feier schon
Vor dem Feste? die Furcht, welche den Gott ansagt?
Inselbauer
06. September 2012 09:06
Jahnn verfolgt hier sein Grundmuster, nämlich die Beschreibung des freiwilligen Zurechtgestutztwerdens. Goethe tritt als Zuchtmeister auf (...) Stifter dagegen hat in dem Text gar nichts zu suchen, er widerlegt alle Diskurstheorien und auch Kubitscheks Vorstellung von einem waldgängerischen Sprechakt. Er ist nicht schwul und schert sich einen Dreck um den Deutungsrahmen seiner Texte: Heil Stifter!
Nils Wegner
06. September 2012 12:04
So oder so gibt die Geschichte eben erst im Nachhinein recht; so bleibt sie wohl der falsche Bezugspunkt für denjenigen, der sich im Hier und Jetzt vor die Wahl zwischen "buten un binnen" gestellt sieht.
Ein Fremder aus Elea
06. September 2012 15:37
Setzt er sich zwangsläufig durch, weil er recht hat, oder gibt die Geschichte nur im Nachhinein denen recht, die beharrlich und hart genug waren, sich durchzusetzen?

Im weltanschaulichen Bereich?

Nun, zunächst mal ist die Weltanschauung eines Seitenstehers auf etwas anderes ausgerichtet als die Weltanschauung eines Scharmitglieds. Präskriptive Aspekte spielen in der ersteren keine Rolle, weil nichts da ist, was eine Präskription annehmen könnte. Es ist deshalb gänzlich unmöglich, daß sich die Weltanschauung eines Seitenstehers jemals unverfälscht in der Masse der Bevölkerung durchsetzt, da diese sich stets als Akteur sieht, welcher sein Handeln frei wählen kann, und niemals akzeptieren wird, durch systemische Zwänge bestimmt zu sein, wie es noch jeder Seitensteher sehen wird, da für ihn nur diese systemischen Zwänge von praktischem Nutzen sind.

Es findet stets ein Prozeß der Verfälschung statt, wenn ein Seitensteher Einfluß gewinnt. Nehmen wir einmal Schopenhauer, ein Paradebeispiel.

Wagner hat seine Grundaussage übernommen, daß der Schlüssel zu einem besseren Leben darin besteht, Wünsche abzustreifen. Dann hat er das im Ring des Nibelungen konkretisiert, indem er Siegfried und Brünnhilde ins Unglück gehen läßt, weil sie eben auch "vom Golde gegirrt, nach Gold nur noch streben", sozusagen, bei Siegfried ist es das Ansehen am Hof, bei Brünnhilde Standesdünkel.

Aber diese Forderung ist schwer, und eine Schar zieht es vor, ihr nicht nachzukommen. Entsprechend schwenkte der Fokus der Wagnergemeinde dann auch recht schnell weg von der Gesamtaussage und hin zu folgender Passage, an welche ich jetzt vor dem Hintergrund des Einflusses des Großkapitals denken mußte, denn es paßt ja alles zu schön:

Schätze zu schaffen und Schätze zu bergen,
nützt mir Nibelheims Nacht;
doch mit dem Hort, in der Höhle gehäuft,
denk' ich dann Wunder zu wirken:
die ganze Welt gewinn' ich mit ihm mir zu eigen.

Die in linder Lüfte Wehn da oben ihr lebt,
lacht und liebt: mit goldner Faust
euch Göttliche fang' ich mir alle!
Wie ich der Liebe abgesagt,
alles, was lebt, soll ihr entsagen!
Mit Golde gekirrt,
nach Gold nur sollt ihr noch gieren.
Auf wonnigen Höhn
in seligem Weben wiegt ihr euch;
den Schwarz-Alben
verachtet ihr ewigen Schwelger!
Habt acht! Habt acht!
Denn dient ihr Männer erst meiner Macht,
eure schmucken Frau'n, die mein Frein verschmäht,
sie zwingt zur Lust sich der Zwerg,
lacht Liebe ihm nicht.
Hahahaha! Habt ihr's gehört?
Habt acht vor dem nächtlichen Heer,
entsteigt des Niblungen Hort
aus stummer Tiefe zu Tag!

Den hehlenden Helm ersann ich mir selbst;
der sorglichste Schmied,
Mime, musst' ihn mir schmieden:
schnell mich zu wandeln nach meinem Wunsch,
die Gestalt mir zu tauschen, taugt der Helm.
Niemand sieht mich, wenn er mich sucht;
doch überall bin ich, geborgen dem Blick.


So, und jetzt langsam kommen wir zu einer Weltanschauung, welche die Masse anzunehmen bereit ist, nämlich die Macht des Ringes zu etwas besserem einzusetzen, als die Minderwertigkeitskomplexe zu kurz Gekommener zu befriedigen.

Was hat das jetzt noch mit Schopenhauer zu tun? Herzlich wenig. Und auch Wagner gerät auf diese Weise zur Karikatur. Man bläst eine durchaus bewußte Boshaftigkeit zur zentralen Aussage auf. Aber Wagner hat sehr deutlich gesagt, daß sowohl das reine Streben nach Macht, als auch das unreflektierte Streben nach Ansehen abgestreift werden muß, wenn wir in eine bessere Welt hinübergehen wollen. In dem Sinne schreibe ich ja auch, ich reflektiere das Wesen derjenigen, welche nach Macht streben und auch jener, welche nach Anerkennung streben, deshalb verstehe ich mich in einer Traditionslinie mit Schopenhauer und Wagner.

Eine Traditionslinie, welche indes allenfalls von einer Schule unverfälscht weitergeführt werden kann, und nicht von der Masse des Volkes.

Macht kann derjenige, welcher eine bessere Welt verspricht, nur über jene haben, welche sich eine bessere Welt wünschen. Und so viele sind das gar nicht. Aber es gibt sie schon, und sie sind als kostbarer Besitz zu betrachten, wie die Zweige eines veredelten Obstbaums, sozusagen. Einstweilen wird noch einige Zeit des Hegens ins Land gehen müssen, bevor man sie einer weiterführenden Verwendung zuführen kann.

Ja, ich sehe das quasi aus kirchlicher Perspektive.
Oswaldo
06. September 2012 17:29
Der Seitensteher ist

- asiatisch-ganzheitlich
- spirituell
- kommunitaristisch
- weiß die internetbasiert-akklamatorische Legitimation für Führungsfiguren (e.g. Viktor Orban) als Basisdemokratie zu verkaufen.

Ach ja, und der Seitensteher von Morgen kann auch im eigenen Lager die Guten von den Schlechten unterscheiden und die einen (Edgar Jung, Spengler, Berdjajew etc.) in Töpfchen und die Anderen (Jünger, Schmitt, Evola) ins Kröpfchen tun. Er sieht die Albernheit des linken Marxgebets der Linken und vermeidet dergleichen. Auch findet er neue Worte für verbal Verbranntes.
Ein Fremder aus Elea
06. September 2012 23:08
Oswaldo,

nichts gegen Jünger als Literaten. Neben Goethe der einzige, welchen ich ohne Scham im Ausland anpreisen würde. Jeder kann sich mal verheben, den Satz "Verantwortung ist Freiheit." 500 Mal in einem Buch zu wiederholen ist allerdings schon eine besondere Leistung.

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