Sezession
13. September 2012

Soll man sie töten?

Ellen Kositza

Das ist recht eigentlich ein Beitrag, der unter Kubitscheks Kategorie Schreibtisch, Garten, Alltag rubrifiziert werden könnte. Allein der Schreibtisch fehlt. Der wird grad semi-fachkundig restauriert; im Garten, man tut, was man kann. Es geht um Tiere, Kinder und Tierkinder.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Gelegentlich, wenn ich mich etwa zum tierindustriellen „Wegzüchten“ von hühnerischen Gluckeneigenschaften geäußert hatte oder zu Fragen der Rassen- und Arttrennung unserer Hoftiere, wurde mir augenzwinkernd attestiert, ich hätte Analogien zum menschlichen Verhalten im Hinterkopf.

Bei den Hühnern, die nicht mehr brüten & glucken sollen (bei uns natürlich schon!), ist das offenkundig, bei der Getrennthaltung von Rassen und Arten: nun ja.

Dieses Jahr hat unser Hund jedenfalls die Enten- und Hühnerzucht um kein einziges Exemplar dezimieren dürfen (dafür sind einem grausamer Bürgerkrieg unter den Türkenenten drei Jungtiere zum Opfer gefallen), die Hasen wurden von den Gänsen separiert. Durch geschickte Trickserei und reproduktive Eingriffe haben wir neben ein paar gerade pubertierenden Mischlingshühnerküken auch einige reinrassige junge Deutsche Reichshühner. Diese heute seltene Rasse (schwarzweißrot, stämmig, leider weniger intelligent als unsere hochbegabten Sperber und die flinken Italiener) gluckt & brütet nämlich nicht. Dafür bieten sie reichlich Fleisch und legen enorm große Eier.

Nun geht es um Getier, das wir nicht freiwillig halten: Mäuse. Sie sind eine Plage. Gerade in Mausejahren wie diesem. Daß sie im Stall aufwendigste Lager-Konstruktionen hintergehen, ist das eine: Frische Maiskolben, liebevoll gesät, gehegt, geernet, eingelagert – nach zwei, drei Wochen finden wir massenweise Strünke in der Lagerstätte. Der Weizen ist ebensowenig sicher. Die Katzen tun ihr mögliches und häufen die Mauskadaver zu gruseligen Leichenbergen auf, der Hund mag sie auch ganz gern; allein, die Mäuse sind fruchtbarer.

Sie sind auch im Haus, das ist das andere. Schon immer - wir kamen nur als Nachzügler hierher. Die Brandmaus mit dem Aalstrich auf dem Rücken kommt aus Rußland, in Westdeutschland gibt es sie nicht. Hier schon. Vor zwei Jahren haben wir aus Verzweiflung die ollen DDR-Dielen in der Küche entfernt und schicke, teure, extrem pflegebedürftige Zementfliesen im Retrodesign verlegt. Botschaft: No pasaran! Den Mäusen wars egal, diesen Räubern, Stinkern, Schmutzfinken. Die finden ihren Weg.

Dieser Tage beobachtete ich aus dem Fenster unseren Sohn, wie er im Garten mit der Hand eine Maus fing und sie tötete. Ein Drama! Früher galt bei uns: Wer ein Tier tötet, muß es essen. Welchen Grund sollte es sonst geben, einem Tier das Leben zu nehmen? Natürlich war das Quatsch. Wir essen nicht die Wegschnecken und auch keine Fliegen und Mücken. Nun ist der Sohn aber einer, der erbärmlich weint, wenn mal versehentlich eine Spinne ihr Leben lassen muß oder wenn die Nachbarin im Ordnungsfieber den Bottich mit den Kaulquappen ins Gebüsch kippt. Oder wenn er zufällig Augenzeuge wird, wie ältere Türkenentenküken ihre jüngeren Halbgeschwister tothacken.

Die Maustötung und mein Schimpfen haben den Sohn mitgenommen. Schlimme moralische Zweifel. „Ich dachte doch nur: bevor die uns ins Haus läuft und in die Mausefalle gerät,… IHR ärgert euch doch so über die Mäuse!“ Ja. Und er hat sie immerhin nicht gequält. Dann gäbe es Mäuschen aufs Schulbrot.

Heute fanden sich in einem großen Weizentrog zwei winzige Mäuse. Kleinkinder, vielleicht fünf oder sechs Zentimeter groß. Sie hatten das Paradies gefunden und hatten es schon satt. Sie wollten raus, rutschten aber immer wieder an den glatten Wänden ab, kurz bevor die den Rand erreichten. Diese Kulleräugelchen, diese winzigen Pfötchen!  Wie süß, wie possierlich - diese Verbrecher! Jeder Bauer hätte sie totgeschlagen. Weil er dumpf ist - oder vernünftig?

„Da setzen wir jetzt die Kätzchen rein, die sind doch auch so niedlich“, schlug Kubitschek vor, „oder wir bringen die Katzen wenigstens in den Stall, dann hat jedes noch eine Chance.“

Nein, er tat´s nicht. Vielleicht, weil Frau und das kleinste Kind dabei waren. Er hat sie eingefangen, bestaunen und streicheln lassen - und freigelassen. Im Winter haben wir sie – jede Wette!- im Haus. Niedlich sind sie dann längst nicht mehr. So ist´s.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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