Sezession
14. September 2012

Artamanen-Alarm

Gastbeitrag

von Heino Bosselmann

Es ist hier weniger über die Artamanen-Bewegung zu reden (über diese enthusiastische und völkische Siedlerbewegung des frühen 20. Jahrhunderts), sondern eher über den Umgang mit deren Fortläufern, die in Mecklenburg seit einiger Zeit neu siedeln und an ihre Traditionen anzuschließen versuchen. Die Zivilgesellschaft ist längst alarmiert und sieht ihr Heil in gewohnten Ab- oder eher Ausgrenzungsversuchen:

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Pauschalisieren, stigmatisieren, pathologisieren. Dies alles raunenden Tons und vor allem mit einer Analyse, die sich größtenteils auf bloßes Hörensagen verläßt und die offene Auseinandersetzung scheut wie eine Infektionsgefahr.

Gerade eben berichtet Deutschlandradio Kultur davon, wie die Waldorfschule Rostock offenbar Kinder der Siedler abweist. Erstaunlich nur, daß sogar das Beispiel eines Schuleiters aus Lalendorf bei Güstrow aufgegriffen wird, der einen solchen Umgang mit Andersdenkenden feige findet und immerhin nach Umgangsformen und sogar Ritualen sucht, das mittlerweile Verpönte zu pflegen, das Nationale nämlich, was sich so substantiviert kaum jemand mehr auszusprechen wagt.

Die Zeit versuchte sich in unverwechselbarem Stil an einer Klärung der Ursachen:

Freie Bauern gibt es in Ostelbien seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr. Der Boden ist von jeher in der Hand von Großgrundbesitzern, die Landbewohner waren jahrhundertelang Leibeigene. Karl-Georg Ohse, Einheimischer, Vater, und bis vor kurzem Chef des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Ludwigslust, sagt: ‚Es gibt hier immer noch eine hohe Affinität zu autoritären Strukturen. Ketten von Befehl und Gehorsam haben sich hier über Jahrhunderte gehalten.’ Die DDR-Zeit verhieß Aufbruch. Man siedelte Industrieunternehmen und Armeestützpunkte an, Mecklenburg-Vorpommern hatte 1989 die jüngste Bevölkerung aller Bundesländer. Heute ist es die älteste. Die Demokratie hat den Menschen babypopoglatten Straßenasphalt gebracht, McDonalds und Nutella. Und dennoch fehlt etwas.

Was fehlt? Vor allem die qualifizierte Urteilskraft, nicht immer die gleichen Klischees zu bemühen, sondern kritisch hinzusehen, was mit einer Region geschieht, in der PIONEER-Mais bis zum Horizont und dahinter PIONEER-Raps angebaut wird, in der eine hocheffiziente Großflächenwirtschaft technisiert und chemisiert die Ressourcen des einst artenreichen Landes für Bio-Gas und Bio-Sprit verschleißt, während die Restpopulationen der Dörfer von der Transfer-Gesellschaft alimentiert werden und ihren Lebensrhythmus nach den Öffnungszeiten der Discounter und dem Privatfernsehen einrichten. Ein Land, das ganz im Gegensatz zu seiner langen Geschichte morgens lange schläft, weil allzu viele allzu wenig gebraucht werden. Neue Großagrarier, vorzugsweise auf dem Westen und Holland, Unternehmer, gegen die sich frühere Gutsbesitzer wie Kleinsiedler ausnähmen und die hier nur ihre Inspektoren einsetzen, kaufen gegenwärtig jeden Hektar, den sie bekommen können, weil dank „Bio-Energie“ wieder Flächen sehr profitabel in die Reproduktionskreisläufe geworfen werden können, für die es in den Neunzigern nur Stillegungsprämien gab. Brachland, das aber wenigstens der Ökologie tatsächlich guttat.

Wo der neolithische Impuls, das Bäuerliche, längst an die Agrarindustrie verloren ist, wo kaum mehr einer sät oder erntet, sondern Großunternehmen unaufgeregt Biomasse produzieren und Zigtausende unglückliche Schweine halten, deren Gülle die Gewässer eutrophiert, finden wie zum Hohn gerade überall Erntefeste statt – folkloristisch anmutende Veranstaltungen mit dem überall gleichen, aus je drei Strohballen bestehenden Bauernpaarfiguren, die mit irgendwelchem rustikal wirkenden Tinnef drapiert sind. Vom letzten Geld sind die Häuser mit Baumarktqualitäten in Schuß gebracht, adipöse junge Männer fahren auf Rasentraktoren Kreise ins Gras ihrer Restgrundstücke, Schule, Kneipe, Kirche haben dichtgemacht, meist in dieser Folge, nur noch der Zigarettenautomat funktioniert bei Volljährigkeitsbeweisen, und dienstags und donnerstags kommt ein Bus, den kaum einer nimmt. Ja, auch dies sind Klischees, allerdings dicht an der Realität.

Eine „Zivilgesellschaft“, die diesen Namen verdient, müßte für einen kritischen Diskurs über eine Landespolitik sorgen, die die beschworene Demokratie durch eine gerade realisierte Verwaltungsreform immer weiter von den Menschen entfernt, indem sie regionale Strukturen und einen Rest Subsidiarität in Mega-Landkreisen von der Größe des Saarlandes auflöst und so den Bürger immer weiter seiner legislativen Vertretung und Exekutive entfremdet. Da es sich so verhält, gründe sich wie als Reflex „von unten auf“ neue und das Eigene in die Hand nehmende Initiativen, darunter auch rechte. Was aber immer mehr spürbar wird, ist eine neue Nachbarschaftshilfe, ja eine Solidarität in den Dörfern, die nicht mehr auf Dekrete wartet, sondern das, was möglich ist, selbst gestaltet, ohne lange nach finanziellen Mitteln zu fragen. Wer dabei mit anpackt, leistet eine Menge mehr als die Pauschalpropagandisten Aufklärungsfunktionäre einer Demokratie, die mittlerweile vom platten Land wenig weiß.


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