Sezession
14. September 2012

Schreibtisch, Garten, Alltag (IX): zwischentag-Haiku

Götz Kubitschek / 10 Kommentare

Früh draußen, den Hühnern Mais auf Nagelbretter gesteckt, den Enten eine Kleie angerührt und die Wasserbecken neu befüllt. Dabei fiel mir eine Kastanie auf die Schulter. Sie brach auf, ich pellte die glatte spiegelnde Frucht aus der Schale und erinnerte mich an einen Prosatext, den ich vor Tagen erst las.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Dort stecken sich Vater und Sohn, nachdem sie säckeweise Kastanien gesammelt und für die Wildfütterung verkauft haben, je ein besonders großes Exemplar in die Tasche und lassen es bis zum Frühjahr darin. Es würde den Winter über alles Schlechte aufnehmen und darüber verschrumpeln.

Ist die Kastanie, ist das fallende Laub für uns Herbst-Deutsche das, was die Japaner den Kirschblüten im Frühling in immer neuen Haiku andichten? Irgendetwas muß es da geben, wieso sonst wäre Mishima eine der Ikonen der Division Antaios? Ein Filmchen in den fünf Schritten des klassischen Haiku - und nun: Wer kennt den Zusammenhang dieser Anspielung?

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=RsxNeidMek0]

Diesen zwischentag-werbefilm kann man übrigens verlinken und über diverse soziale und assoziale Netzwerke an seine Freunde und Feinde senden.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (10)

Hesperiolus
14. September 2012 13:40

"Patriotismus" in Vollendung! Ein einsamer Tod auf dem Schlachtfeld, ein Tod vor den Augen seiner schönen Frau - in dem Gefühl, daß er die unmögliche Verbindung dieser beiden Dimensionen möglich machen würde, lag eine Süße sondergleichen.,

Im Unausgesprochenen deuten Sie, Herr Kubitschek auch auf Jiro Watanabes "Kasutánien no kogage de" an? Blüte und Duft der Kastanien über Heidggers Grab.

Sumer
14. September 2012 21:38

Es handelt sich dabei, sofern ich den Wortlaut noch korrekt im Kopf habe, um ein Zitat aus der Erzählung "Patriotismus" von Mishima. Die Hauptfigur begeht Seppuku nach einem gescheiterten Putschversuch und er verfügt dabei nicht über den sonst für ein solches Ritual vorgesehenen Sekundanten, der den sich selbst entleibenden Samurai nach erfolgtem Bauchaufschlitzen in der Regel umgehend enthauptet.

Meinten Sie das oder etwas ganz anderes? Ansonsten bitte ich vorsorglich um Entschuldigung. Lese mich zunehmend immer mehr in Mishimas werk ein, aber so viel kenne ich auch noch nicht.

Inselbauer
14. September 2012 22:35

Heute früh im Fünfsternehotel auf Lanzarote überfressen; federballspielende Chinesen, afrikanische Sonne, darauf eine fesche Tschechin, oder Slowakin, mit einem zauberhaften Rüschenbikini, die einen übertrieben breikrempigen weißen Hut trug. Am Abend sah ich sie mit einem Deutschen am Buffet; ihre Blicke zeigten, dass sie sich nicht besonders wohl fühlte. Danach Mishima gelesen und so weit verstanden; geht auch ohne kultivierte Atmosphäre.

Nils Wegner
14. September 2012 23:15

Siehe: https://1.bp.blogspot.com/-3mWUmg7rIII/TtidclETF7I/AAAAAAAAAMo/uF0Gw3J7ajA/s1600/4.jpg

Seppl
15. September 2012 00:26

Der genaue Wortlaut ist mir leider entfallen.

Ich versuche mich trotzdem einmal:

"Wie Du den Bogen spannst,
so spann auch Deine Seele.
sorg dafür, dass der Pfeil
nicht zu kurz geschnitten werde."

Japanisches Sprichwort

Evtl. sogar der Klappentext einer alten Sezession, habe aktuell allerdings leider keinen Zugriff auf mein Archiv, um das zu klären. ;)

Sumer
15. September 2012 00:59

P.S.: Die abgeschossenen Pfeile könnten überdies eine Anspielung auf das von Mishima nachgestellte Bild des Martyriums des heiligen Sebastian sein...

antwort kubitschek:
Das ist es! bitte beachten Sie auch das bild, das wegner unten verlinkte.

Benjamin Jahn Zschocke
15. September 2012 10:25

Mishima war kein Held, aber er großer Künstler. Jedenfalls war sein handeln alles andere als vorbildhaft: https://www.blauenarzisse.de/index.php/gesichtet/item/2204-nur-wer-reinen-herzens-ist-kann-zum-wesentlichen-vordringen-%E2%80%93-%C3%BCber-den-selbstmord-von-yukio-mishima

Biobrother
15. September 2012 12:05

Zweifellos ist Yukio Mishima ein ebenso interessanter wie zerrissener Charakter, was ja auch in seinem autobiographisch geprägten Roman "Geständnis einer Maske" ganz gut zum Ausdruck kommt. Seine (unterdrückte ?) Homosexualität dürfte zum Gefühl der Heimatlosigkeit, das (neben den linken Studentenunruhen) vermutlich auch seine spätere Hinwendung zum Traditionalismus, Kaisertum und Nationalismus begünstigt hat, wohl noch deutlich beigetragen haben. Interessant finde ich, dass er, obwohl einem ganz anderen Kulturkreis angehörig, auf katholisches Märtyrertum Bezug nimmt und sich mit diesem identifiziert. Letztlich ist das Christentum, besonders das katholische Christentum, ja eine Religion, die Verzicht und Askese ebenso wie Schmerz und Opfer bis hin zum Opfertod romantisch verklärt und heroisiert (der unmittelbare Griff nach dem prallen Leben gilt ja eher als eigensüchtig und sündig). Ich frage mich, woher sich dieser erstaunliche Bezug speist; aus Sado-Maso-Phantasien, aus eingehender Beschäftigung mit der europäischen Kultur oder darin, dass die meisten Religionen und Kulturen Opferkulte dieser oder jener Form pflegen. Vermutlich wohl aus allen genannten Punkten.

Martin Lichtmesz
15. September 2012 13:31

Mishima war kein Held, aber er großer Künstler. Jedenfalls war sein handeln alles andere als vorbildhaft:

Sein Abtritt war sein letztes großes Kunstwerk. Kannst ja gerne einen Sticker draufkleben: "Kids, don't this at home."

Andreas Kröpcke
17. September 2012 00:38

Wer kennt den Zusammenhang dieser Anspielung?

Semlitsch konnte wieder einmal nur bei nacht in den öffentlich-rechtlichen Schneideraum und mußte deshalb etwas schneller und tiefer schneiden.

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