Sezession
20. September 2012

Der schwarze Peter – Über die Logik einer Filmvorführung

Erik Lehnert

Daß die Dinge oftmals anders liegen als es den Anschein hat, ist eine alte Binsenweisheit, die man so ins Extrem steigern kann, daß daraus eine Weltanschauung wird. Am Beispiel des antiislamischen Films, der gerade alles in Angst und Schrecken versetzt, läßt sich das schön beobachten. Ob es diesen Film nun in voller Länge gibt oder nicht, ist dabei völlig unerheblich.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Ob es ein Jakob Augstein ist, der irgendwelchen republikanischen Hardlinern und Israelis ein gezieltes Interesse an der Verbreitung unterstellt, oder ob es die Leute von Politically Incorrekt sind, die in der Sorge vor einer Eskalation ein neues 1938 heraufziehen sehen. Egal welcher politische Standpunkt da sonst vertreten wird, alles ist in jedem Fall ganz anders als es scheint. Und nicht selten wird die Sache moralisch beurteilt.

Pro Deutschland will den Film zeigen und schon bekommt diese Partei den erwarteten schwarzen Peter zugeschoben. Sich darüber aufzuregen und ihnen eine Instrumentalisierung des Films und der wahrscheinlichen Reaktionen der Moslems vorzuwerfen, ist nun allerdings merkwürdig. Zunächst einmal ist Pro wie jede andere Partei darauf angewiesen, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, sonst wählt sie ja keiner. Daß sie das mit diesen Mitteln tut, kann man schlimm finden, es ist aber nur die Konsequenz aus der Logik der Demokratie, in der auch nicht die besseren Argumente zählen, sondern der erfolgreiche Appell an Gefühle. Wer das eine will, muß das andere mögen und sollte sich vielleicht an die von rechts bejubelte CDU-Unterschriftenaktion gegen die Reform des Staatsbürgerrechts im hessischen Wahlkampf 1999 erinnern. Die Vorwürfe von links lauteten damals: Damit würden Rassismus geschürt und ein wichtiges (!) Thema instrumentalisiert.

Das Video wird nun aber von jedem instrumentalisiert, der damit zu tun hat. Es hatte ja auch nie einen anderen Sinn, weil es weder einen künstlerischen noch einen sonstigen Anspruch hat. Es ist ein Propagandafilm. Den Machern kann man vorwerfen, ihn in die Welt gesetzt zu haben. Wenn sie sich damit strafbar machten, möge man sie anklagen und bestrafen. Wenn nicht, kann man sich vielleicht mit der merkwürdigen Aufmerksamkeitsgenese des Filmes beschäftigen. Die Aufführung des Filmes ist da nur ein kleines Puzzleteil. Schön, daß ausgerechnet Pro, das kleinste Licht im Dunstkreis dieses Ereignisses, die Maximalkeule von allen Seiten dafür bekommt.

Will Pro damit den Bürgerkrieg testen, indem sie die Moslems bis aufs Blut reizt und hofft, daß es eskaliert? Ich weiß es nicht. In jedem Fall ist die Logik, die hinter diesem Vorwurf steht, sehr eindimensional. Weil sie offenbar die Moslems für Tiere hält, denen man nur oft genug das rote Tuch vorhalten muß, damit sie explodieren. Doch wer glaubt denn ernsthaft, daß es sich bei solchen Explosionen um spontane Entladungen des Volkszorns handelt? Bei Licht betrachtet, wird man davon ausgehen müssen, daß es immer Fanatiker gibt, die andere zu Gewalttaten aufstacheln. Die gehören bestraft. Doch wer ist das? Pro, das einen Film zeigen will und damit womöglich religiöse Gefühle verletzt oder der moslemische Einpeitscher, der als Reaktion auf diesen Film nicht ein Gebet für diese Ungläubigen empfiehlt, sondern ihnen Mord und Totschlag angedeihen lassen möchte?

Die Berichterstattung über diese Ereignisse geht offenbar an niemanden spurlos vorüber. Für die Empörung der Moslems scheint man eine ganze Menge Verständnis zu haben. Selbst wer es nur hat, wenn es friedlich bleibt, übersieht doch hier den zentralen Punkt: Wäre es friedlich, würde es keine Sau interessieren. Insofern gibt es diese Empörung nur gewalttätig, weil es sie sonst medial gar nicht gäbe. Ich erinnere nur an den Trauermarsch von Dresden, dessen ordnungsgemäße Durchführung wegen linker Gewalt nicht möglich ist. Hier fordert doch unser Rechtsempfinden auch, daß der Staat gegen die Gewalttäter vorgeht und nicht gegen diejenigen, von denen sich die Gewalttäter womöglich provoziert fühlen.

Ebenso stellt sich das auf der Ebene der Gotteslästerung dar. Ein anständiger Mensch sollte diesen Film als ein vom Haß diktiertes Machwerk ablehnen und es mit Desinteresse strafen. (Um es beurteilen zu können, sollte er es sich natürlich anschauen.) Was er, insbesondere als Konservativer oder Rechter, nicht tun sollte, ist nach dem Staat zu rufen und eine Bestrafung wegen Blasphemie zu fordern. Die Aufführung wird, wenn überhaupt, in privaten Räumen stattfinden. Keiner muß sich das ansehen. Wer sich davon provozieren läßt, ist also selber schuld. Sobald wir anfangen, mit Gotteslästerung oder der Verletzung religiöser Gefühlen zu argumentieren, sind wir, eingedenk der Tatsache, daß wir in einem säkularen Staat leben, dem nur bestimmte historische Ereignisse heilig sind, auf einem schiefen Weg und öffnen der Willkür in weltanschaulichen Fragen die letzte Pforte


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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