Demokratie – drei Bruchstellen

von Heino Bosselmann

Die Demokratie oder das Demokratische (mindestens der Westen hält dies für das Oberdeck, gewissermaßen für die Business Class der politischen Weltgeschichte)...

 Gastbeitrag

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offen­bart drei pro­ble­ma­ti­sche Bruch­stel­len – eine anthro­po­lo­gi­sche, eine ethi­sche, eine strukturelle.

Ers­tens: Die sich nicht tran­szen­dent, son­dern aus sich selbst per Gesell­schafts­ver­trag legi­ti­mie­ren­de Herr­schaft, bspw. die repu­bli­ka­ni­sche, bedarf des reflek­tier­ten, bewuß­ten und urteils­kräf­ti­gen Han­delns soge­nann­ter mün­di­ger Bür­ger, die nicht nur indi­vi­du­ell für sich, son­dern eben­so für ande­re und zuneh­mend auch für die lädier­te natür­li­che Umwelt Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Grund­vor­aus­set­zung dafür sind eine zur Rei­fe füh­ren­de Erzie­hung, die Hal­tun­gen ermög­licht, und eine Bil­dung, die neben dem Erwerb tech­ni­scher und wirt­schaft­li­cher Befä­hi­gun­gen das eige­ne Ent­schei­den und Urtei­len in einen über­grei­fen­den Kon­text des His­to­ri­schen und All­ge­mei­nen stellt. – Wie es mit die­sen klas­sisch bür­ger­li­chen Kom­pe­ten­zen der­zeit bestellt ist und wel­che Ten­denz sich dar­in abse­hen läßt, sei der genau­en Betrach­tung des gesun­den Men­schen­ver­stan­des über­las­sen. Hier nur soviel: Es wäre kein Kunst­stück nach­zu­wei­sen, wie weit allein die durch­schnitt­li­chen intel­lek­tu­el­len wie sprach­li­chen Qua­li­tä­ten inner­halb der letz­ten drei Jahr­zehn­te in der Brei­te abnah­men. Wenn die kul­tu­rel­len Bestand­ver­lus­te sich bereits so gra­vie­rend aus­neh­men, daß der Rat für deut­sche Recht­schrei­bung zwan­zig Pro­zent aller Fünf­zehn­jäh­ri­gen funk­tio­na­len Analpha­be­tis­mus attes­tie­ren muß, darf man das wohl als demo­kra­tie­ge­fähr­dend anse­hen. Wäh­rend bei­spiels­wei­se mit dem eher feti­schi­sier­ten denn als Werk­zeug genutz­ten iPho­ne jeder­zeit und aller­or­ten das gesam­te Welt­wis­sen zur Hand wäre, leben immer mehr jun­ge Men­schen mit einem pto­le­mä­isch engen Welt­bild: All­ge­mei­ne und poli­ti­sche Bil­dung sind im post­ideo­lo­gi­schen Zeit­al­ter beschränkt, die Lich­tung des eige­nen Daseins ist von gerin­gem Radi­us, dabei aber mit den kun­ter­bunt-schril­len Rei­zen der Unter­hal­tungs­in­dus­trie geflu­tet; und erst dahin­ter beginnt das für jun­ge Zeit­ge­nos­sen weit­ge­hend im Dun­keln lie­gen­de ter­ra inco­gni­ta der poli­ti­schen Geschäf­te, die sich als „offe­ne Gesell­schaft“ ver­ken­nen. – Man merkt es den Aus­sa­gen und der Iko­no­gra­phie der Wahl­kämp­fe an, daß die­se mit Blick auf die moder­nen Mas­sen eher das RTL-Kli­en­tel als das ARTE-Publi­kum in den Focus neh­men müs­sen. Im vori­gen Jahr­hun­dert wur­de noch mit Tex­ten argu­men­tiert, die heu­te kaum jemand lesen woll­te – oder könn­te. Mehr denn je ist „Bild“ das „Sturm­ge­schütz der Demo­kra­tie“, wenn es der „Spie­gel“ denn über­haupt je war.

Tra­gi­scher noch, daß es über­haupt an Lei­den­schaft, Inter­es­se, Lebens­kraft zu feh­len scheint, ganz zu schwei­gen von der man­geln­den Cou­ra­ge und Kraft, sich aus Kor­rum­piert­hei­ten zu lösen, und dem Unver­mö­gen zur Abgren­zung gegen­über den per­fek­tio­nier­ten Metho­den der Wer­bung, die im Diens­te der Wachs­tums­ideo­lo­gie per­ma­nent Bedürf­nis­se des Unei­gent­li­chen synthetisiert.

Das 1976 for­mu­lier­te Böcken­för­de-Dik­tum wäre vor die­sem Hin­ter­grund neu zu beden­ken: „Der frei­heit­li­che, säku­la­ri­sier­te Staat lebt von Vor­aus­set­zun­gen, die er selbst nicht garan­tie­ren kann. Das ist das gro­ße Wag­nis, das er, um der Frei­heit wil­len, ein­ge­gan­gen ist. Als frei­heit­li­cher Staat kann er einer­seits nur bestehen, wenn sich die Frei­heit, die er sei­nen Bür­gern gewährt, von innen her, aus der mora­li­schen Sub­stanz des ein­zel­nen und der Homo­ge­ni­tät der Gesell­schaft, regu­liert. Ander­seits kann er die­se inne­ren Regu­lie­rungs­kräf­te nicht von sich aus, das heißt, mit den Mit­teln des Rechts­zwan­ges und auto­ri­ta­ti­ven Gebots zu garan­tie­ren ver­su­chen, ohne sei­ne Frei­heit­lich­keit auf­zu­ge­ben und – auf säku­la­ri­sier­ter Ebe­ne – in jenen Tota­li­täts­an­spruch zurück­zu­fal­len, aus dem er in den kon­fes­sio­nel­len Bür­ger­krie­gen her­aus­ge­führt hat.“

Zwei­tens: Das Demo­kra­ti­sche ist ethisch getra­gen von uti­li­ta­ris­ti­schen Vor­stel­lun­gen, u. a. jener, daß Mehr­heits­ent­schei­dun­gen, indem sie für das Glück der größ­ten Zahl zu sor­gen schei­nen, gleich­zei­tig gute Ent­schei­dun­gen sind oder min­des­tens bes­se­re als ande­re. Abge­se­hen davon, daß Glück eine schwie­rig zu bestim­men­de und kaum sicher zu wägen­de Kate­go­rie ist und die Fra­ge nach legi­ti­men Min­der­heits­be­dürf­nis­sen offen bleibt, ver­sagt die­se Grund­an­nah­me der guten oder bes­se­ren Ent­schei­dung durch Mehr­hei­ten schon inner­halb ein­fa­cher Fall­bei­spie­le. Man über­le­ge nur, was für die Umwelt – aus Respekt vor den Mit­ge­schöp­fen, aber eben­so im Inter­es­se des ihr inne­woh­nen­den Men­schen – unab­ding­bar wäre, dem „Zoon Poli­ti­kon“ aber in sei­nen kur­sich­tig unmit­tel­ba­ren Glücks­be­dürf­nis­sen nicht so ein­sich­tig erscheint, daß es hier und jetzt „mehr­heits­fä­hig“ wäre. Sowohl hand­lungs- als auch rege­luti­li­ta­ris­ti­sche Model­le bestim­men ihre Kri­te­ri­en weit­ge­hend nach dem, was die alten Grie­chen in der Zeus­toch­ter Tyche per­so­ni­fi­zier­ten, die­ser den lau­nen­haf­ten Wech­sel der Geschich­te her­bei­füh­ren­den Göt­tin von Schick­sal, Fügung und Zufall – in römi­scher Ent­spre­chung die For­tu­na mit ihren Attri­bu­ten Füll­horn und Rad.

Drit­tens: Was Men­schen struk­tu­rell ver­ein­ba­ren, wor­auf sie hei­li­ge Eide schwö­ren und was sie mehr­fach sie­geln, das kön­nen sie den­noch wie­der lösen. Dos­to­jew­ski: „Wenn Gott nicht exis­tier­te, wäre alles erlaubt.“ Bis­her band die Men­schen nichts ewig, und sie lie­ßen die Zügel gleich apo­ka­lyp­ti­schen Rei­tern oft genug in alle Rich­tun­gen schie­ßen. Gibt es über­haupt eine Kon­stan­te, dann die, daß nichts gewiß ist im pan­ta rhei des Geschicht­li­chen, schon gar nicht der hege­lia­nisch her­ge­lei­te­te Weg des Welt­geis­tes als Mani­fes­ta­ti­on sei­ner selbst. Die ver­meint­li­che „List der Ver­nunft“ wäre mit Blick auf das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert eher dar­stell­bar als der Hor­ror an sich. Ador­no erfaß­te dies so sicher, daß er seit sei­ner „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ bes­ser von rechts als von links lesen läßt. Ganz ähn­lich wie ein zwei­ter Gewährs­mann der Lin­ken, Karl Pop­per, der die Mög­lich­keit eines Ide­al- und End­zu­stan­des von Gesell­schaft und so den hege­lia­ni­schen His­to­ris­mus zuguns­ten eines metho­do­lo­gi­schen Indi­vi­dua­lis­mus wider­legt. Der Kar­di­nal­feh­ler der His­to­ri­zis­ten liegt nach Pop­per gera­de dar­in, ihre favo­ri­sier­ten Inter­pre­ta­tio­nen von Geschich­te für uni­ver­sel­le Gesetz­mä­ßig­kei­ten zu hal­ten. So wird die zen­tra­le Anfor­de­rung an wis­sen­schaft­li­che Theo­rien, ihre empi­ri­sche Prüf­bar­keit und Fal­si­fi­ka­ti­on, nicht erfüllt. Die­se kri­ti­sche Fal­si­fi­ka­ti­on des Bestehen­den mei­den sowohl die eta­blier­te Lin­ke als auch deren Erstar­rungs­mi­lieu, die „neue Mit­te.“ Mit dem glo­ba­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus mei­nen sie wie in einem Fair-Tra­de-Laden umge­hen zu können.

Die auf den Baron de Mon­tes­quieu und des­sen staats­theo­re­ti­sche Schrift „De l’e­sprit des lois“ (1748) zurück­ge­hen­de Idee der Gewal­ten­tei­lung gibt zwar in der Theo­rie ein tarie­ren­des Regu­la­ri­um her, prak­tisch aber nur solan­ge, wie es benutzt und nicht ent­stel­lend umge­baut wird. Wo de jure Gewal­ten­tei­lung noch besteht, kann sie de fac­to längst dys­funk­tio­nal sein. In bezug auf die Abtre­tung von Sou­ve­rä­ni­täts­rech­ten an „Euro­pa“ ist das gera­de ten­den­zi­ell eine rea­le Gefahr. Selbst Ver­fas­sun­gen sind trotz der sie ver­meint­lich fest­schrei­ben­den Wei­he-Ritua­le Men­schen­werk und inso­fern nichts ande­res als tem­po­rär und situa­tiv gel­ten­de Grund­ver­ein­ba­run­gen, die bei grund­stür­zen­den Ver­än­de­run­gen gesell­schaft­li­cher Kon­stel­la­tio­nen oft genug schon über Nacht null und nich­tig wur­den. Das Drit­te Reich hielt es nicht mal für nötig, die Wei­ma­rer Ver­fas­sung recht­lich auf­zu­lö­sen, ließ sie de jure fort­be­stehen, hat­te sie aber dezisio­nis­tisch voll­stän­dig ausgehebelt.

Mag wohl sein, die roman­ti­schen und rous­se­auis­ti­schen Illu­sio­nen der Prot­ago­nis­ten der „Zivil­ge­sell­schaft“ bestehen gera­de dar­in, daß der Mensch aus einem Zustand früh­ge­schicht­li­cher Roh­for­men evo­lu­tio­när zum Demo­kra­ten her­an­wüch­se und so vor jähen Ein­brü­chen dra­ma­ti­scher Ver­än­de­run­gen gefeit wäre, wenn er nur die rich­ti­gen Aus­stel­lun­gen besuch­te und bot­mä­ßig der Didak­tik der behörd­lich gesi­cher­ten Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung folg­te. Auf deren Netz­sei­te fin­det sich die blas­se Poin­te Win­s­ton Chur­chills: „Demo­kra­tie ist die schlech­tes­te aller Regie­rungs­for­men – abge­se­hen von all den ande­ren For­men, die von Zeit zu Zeit aus­pro­biert wor­den sind.”
Das soll als flot­ter Auto­ri­täts­be­weis reichen.

Wich­ti­ger als Beschwö­run­gen wäre es, den Mut zum radi­ka­len Fra­gen und Hin­ter­fra­gen auf­zu­brin­gen, um so tat­säch­lich einen Dis­kurs zu ermög­li­chen, der eine kri­ti­sche Veri­fi­zie­rung und Fal­si­fi­zie­rung poli­tisch über­kom­me­ner Sprach­reg­lun­gen und sug­ge­rier­ter Kon­struk­te erst ermög­licht. Sol­che Fra­gen stellt der­zeit allein die intel­lek­tu­el­le Rechte.

Schmitt attes­tier­te dem Par­la­men­ta­ris­mus 1923, als dem noch gan­ze zehn Jah­re blie­ben: „In man­chen Staa­ten hat es der Par­la­men­ta­ris­mus schon dahin gebracht, daß sich alle öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten in Beu­te- und Kom­pro­miß­ob­jek­te von Par­tei­en und Gefolg­schaf­ten ver­wan­deln und die Poli­tik, weit davon ent­fernt, die Ange­le­gen­heit einer Eli­te zu sein, zu dem ziem­lich ver­ach­te­ten Geschäft einer ziem­lich ver­ach­te­ten Klas­se von Men­schen gewor­den ist.“ – Die­se Dia­gno­se soll­te für die Gegen­wart zur Dis­kus­si­on gestellt wer­den. Wenn nach Scho­pen­hau­er die Phi­lo­so­phie zum einen in dem Mut besteht, kei­ne Fra­ge auf dem Her­zen zu behal­ten, zum ande­ren dar­in, daß man sich alles, was sich von selbst zu ver­ste­hen scheint, zum deut­li­chen Bewußt­sein brin­ge, um es als Pro­blem auf­zu­fas­sen, so kann genau dies der Ansatz für eine heil­sam schmerz­li­che Wur­zel­be­hand­lung der Demo­kra­tie sein.

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