Sezession
25. September 2012

Schreibtisch, Garten, Alltag (XI): Doppelte Lektüre

Götz Kubitschek / 12 Kommentare

Säen, wachsen lassen, dann dazwischensäen: Das geht, wenn man die richtigen Gesellschaften bildet. Gelungenes Beispiel von diesem Jahr: Mais bis Anfang Juli aufwachsen lassen, dann an jeden Stengel zwei, drei Stangenbohnen stecken - sattes Ergebnis, sichtbar nur für jene, die nicht nur das wahrnehmen, was offensichtlich ist.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Mit Kositza zu einem ausführlichen Gespräch bei einem Schriftsteller, der aufs Wort und auf den reifen Klang der Sprache den allergrößten Wert legt. Kamen irgendwann nach Mitternacht auf einen Zustand zu sprechen, von dem ich hoffte, daß er eingetreten sei, und den ich nun an Beispielen bestätigt fand: Etliche Intellektuelle, Meinungsmacher, Feuilletonisten in diesem Land absolvieren ein doppeltes Lektürepensum.

Der Schriftsteller kam von sich aus auf diesen Sachverhalt zu sprechen, weil wir kurz die long- und die shortlist der für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominierten Titel durchgingen. An Verlagen: 3x Suhrkamp, je 1x Rowohlt, Beck sowie Jung&Jung. Diese Bücher seien auf der Liste, weil es ein Kartell gebe, sagte der Schriftsteller (der sich selbst übrigens über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen kann!). Er wisse aber, daß die Rezensenten, die Feuilleton-Macher, solche Bücher nur läsen, weil es der Tag und der Betrieb von ihnen erwarteten. Die Besprechungen und Kommentare - und zwar nicht nur die über Bücher - fiele dann "im Rahmen des Erwartbaren" aus, pluralistisch also innerhalb eines Drahtzauns, eines Veröffentlichungs- und Wertungslagers.

Dann aber, nach dem Appell (zurück in den Unterkünften, wo man endlich Ruhe habe), würde die zweite, die andere Lektüre hervorgekramt und verschlungen, "während die Kerzen bis zu den Manschetten hinunterbrennen." Jeder, wirklich jeder, der etwas auf sich halte, habe natürlich seinen Jünger, Davila, Schmitt, Gehlen gelesen, jeder wisse, was "das Eigentliche" (Iris Hanika) sei und daß Deutschland sich abschaffe. "Jede Seite ist die Falsche" (Michael Klonovsky) - das sei ein Allgemeinplatz, nur Idioten wüßten nicht um das Theater, das gespielt würde, über Enge, den Mief, die Kasernierung des Geistes in der totalitären Demokratie.

--- Man zieht perplex von dannen nach solchen Gesprächen und mustert zuhause die Abonnentenkartei, die ja nicht zur regelmäßigen Lektüre gehört. Und siehe da: Dieser - und jener auch, und weil Kositza ein deutlich besseres Gedächtnis hat für Namen, die in der Feuilletonwelt eine erste, zweite oder dritte Geige spielen, findet sie noch viel mehr Leser, von denen wir nun wissen, daß sie eine doppelte Lektüre pflegen ...

Seltsames Land, das in mancher Hinsicht und trotz aller gegenteiligen Beteuerungen die Waldgänger geradezu züchtet.

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=dmXlzFmxu2s]


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (12)

Nils Wegner
25. September 2012 09:32

Es ja auch nur allzu verständlich, daß man als »Arbeiter der Stirn« im heutigen Pressebetrieb seine privaten »zwischenräume« bitter nötig hat, um nicht vollends geistig zu verkümmern.

Dennoch: Wie wir wissen, kann man durchaus auch daheim literarische Dissidenz betreiben und dennoch tagsüber im MiniWahr die Realität so zurechtbiegen, wie es dem »Höheren Wohl« zu entsprechen scheint.

Raskolnikow
25. September 2012 11:27

Jemand,

der profitiert, kann nicht Waldgänger sein. Der hält sich abseits! (Am besten mit den Händen in der Tasche ...)

Die lächeln, wo es stinkt, verdienen diese Bezeichnung nicht! "Intellektuelle, Meinungsmacher, Feuilletonisten", die die obbesagten Capazitäten lesen und dennoch mitmachen, nenne ich Lügner, Feiglinge, Halbe ... Das ist es, was die geistig-seelische Ausrottungsmaschine namens liberale Demokratie "geradezu züchtet"!

Schade, dass Sie das (scheinbar) anders sehen ...

Gott sei Dank, kein Duplicitätsleser:

R.

Nachtragsfrage: Ist das ein typischer Zug von Berufsklugen und professionellen Lesern - diese Zweigesichtigkeit? Manchmal scheint´s mir so ...

antwort kubitschek:
natürlich, lieber raskolnikov, kann ichs auch kaum glauben. aber nichts menschliches ist uns fremd, oder?

eulenfurz
25. September 2012 12:15

Die DDR-Bürger sind es gewohnt: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Man wußte, was die Obrigkeit hören wollte, und man wußte, daß öffentlich Allgemeinplätze und Lippenbekenntnisse geäußert werden müssen, um aus dem Kollektiv nicht verstoßen zu werden.

Doch ist die Propaganda heute weitaus subtiler: Sie hat das Ziel, statt propagandistischer Phrasen besser Empfindungen anzutrainieren, also viel tiefer in die Psyche einzudringen. Der emotional Dressierte glaubt, seine Handlungen aus eigener Entscheidungsfreiheit zu treffen.

Saxnot
25. September 2012 12:36

»Es gehört selbst zu meinem Glücke, kein Hausbesitzer zu sein, schrieb Nietzsche bereits in der Fröhlichen Wissenschaft. Dem müßte man heute hinzufügen: Es gehört zur öffentlichen Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein. Darin zeigt sich etwas von dem schwierigen Verhältnis, in dem der einzelne zu seinem geistigen Eigentum sich befindet, solange er überhaupt noch etwas besitzt. Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Eigene einem nicht mehr gehört, in dem Sinne, daß der mainstream so stark ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an die Sezession, an das Prinzip der Beschränkung sich zu klammern.
Daß man aber dennoch geistiges Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortgang des mainstreams zugute kommt.
Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung der Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«

Inselbauer
25. September 2012 14:18

Ich hab in der Verlagsbranche schon Feministinnen kennen gelernt, die Jünger lesen, es dort auch so, dass viel "unter dem Vorwand der Medienanalyse" gelesen wird. Der Übergang zwischen Ideologiekritik und ideologischem Doppelleben ist doch immer fließend. Schauen Sie sich zum Beispiel die Auswahl für den heurigen Aspekte-Literaturpreis an: Da sind Debütantinnen dabei, die ganz unverhohlen die "Texte" mit nacktem Fleisch oder mit selbstgebastelten Modellflugzeugen bewerben (oder mit beidem...) Es kann mir doch keiner erzählen, dass ein alter Lektor, der als Junger mit Bernhard oder Handke gearbeitet hat, das privat durchliest.

OJ
25. September 2012 16:12

Vielleicht liegt diese Doppelbödigkeit mitunter auch daran, dass man zwar inhaltlich mit den vordergründig Verschmähten auf einer Linie ist, sich aber dann doch nicht mit jenen gemein machen möchte, für die "Arbeiter der Stirn" und ähnliche Ausdrücke - aus welchen Gründen auch immer - Bonmot-Charakter haben. Mal drüber nachdenken!

Boreas
25. September 2012 16:33

"Säen, wachsen lassen, dann dazwischensäen: Das geht, wenn man die richtigen Gesellschaften bildet. Gelungenes Beispiel von diesem Jahr: Mais bis Anfang Juli aufwachsen lassen, dann an jeden Stengel zwei, drei Stangenbohnen stecken – sattes Ergebnis, sichtbar nur für jene, die nicht nur das wahrnehmen, was offensichtlich ist."

Fehlt noch der Kürbis denn aller guten Dinge sind 3. Diese Pflanzensymbiose kam mir einst als Knabe bei der Lektüre des DDR-Indianerbuchklassikers "Blauvogel" von Anna Jürgens unter.

Wie Buchpreise ausgekungelt werden, weiß man ja spätestens nach gepflegter Kempowski-Tagebuchlektüre...

kempowski
25. September 2012 16:52

Säen, ernten, Kürbisse.
Hach ist das schnuckelig hier!
Man vermisst garnicht das Altermedia down ist.

Inselbauer
25. September 2012 20:50

Lieber OJ, ja, es stimmt, wenn man darüber nachdenkt, muss man natürlich zugeben, dass einem so manches gefällt, wozu man nicht stehen kann. Die Literatur hat halt etwas mit Menschen zu tun, un man mag ja auch so manchen, den man nicht Herrn Kubitschek oder gar Herrn Schilling vorstellen möchte (...) es ist natürlich albern und eitel. Man kann sich auch den Spaß machen, das zum Broterwerb zu machen, und, sofern man unschöne Wortwiederholungen zu vermeiden versteht, als Nationalist femiistischen Kram schreiben. "Servus, und es ist alles egal", wie der alte Bernhard schreibt.

antwort kubitschek:
halten Sie mich und schilling mal nicht für altbackene weinheber-abendlektüre-torwächter. sie kennen meinen bücherschrank nicht, und nicht den von schilling, der übrigens gnadenlos ist in seiner abneigung gegen gesinnung ohne qualität. und: er wars nicht, von dem ich in meinem textchen schrieb.

Inselbauer
25. September 2012 21:32

Sehr verehrter Herr Kubitschek, dafür halte ich Sie nicht! Außerdem lese ich Weinheber am Abend gerne. Selber habe ich den Weg der offenen Bewusstseinsspaltung gewählt und schreibe linke Scheisse, mindestens 15 Seiten täglich. Das war es, nichts gegen Sie und Herrn Schilling.

Raskolnikow
26. September 2012 06:42

Herrje,

aber nichts menschliches ist uns fremd, oder?

Natürlich haben sie wieder Recht, und noch darüber hinaus; denn selbst das vermeintlich Un-menschliche ist uns vertrauter als wir glauben ...

Aber seien Sie nachsichtig mit mir, ich habe die letzten zwei Nächte nicht geschlafen, denn MEIN Mais macht mir Sorgen. Erst keine Maschinen bekommen, dann regnet es, die Zwischenfrüchte wollen auch gedrillt sein und heute nacht regnet es schon wieder.

Heimlich beneide ich Sie in Ihrem Ugrino mit ihren lavendelduftigen Sorgen und Bohnen in der Maisepidermis ...

Eigentlich habe ich gar nichts zu sagen, nur der starke Mocca in Combination mit dem nachnächtlichen Courvoisier schreibt aus mir.

Aber die geliebten Substanzen vertreiben auch den Ekel vor den, von Ihnen, lieber Kubitschek, beschriebenen, Duplicitätsintellektuellen.

Ich mag Euch alle wirklich gern! (Besonders die K. u. K. - Landwirtschaftsepisoden liegen mir am Herzen!)

Gummibestiefelte Hacken zusammenschlagend, verbleibt,

R.

Meier Pirmin
26. September 2012 09:06

Zu den Weinheber-Lesern gehörte auch Reinhold Schneider in seinem schönsten Buch "Winter in Wien", einer rabiat-melancholischen Abrechnung mit der Pax Americana. Ein wichtiger Grundsatz des Feuilletons, mit ganz wenigen Ausnahmen lautet ferner: Catholica non leguntur. Wobei freilich die Guten unter den Katholen, denen sich Jünger zuletzt auch angeschlossen zu haben scheint, gegen den Strich blöken wie seinerzeit schon Meister Eckhart. Die beste literarische Zeitschrift dieser Art waren "Die weissen Blätter" von Karl Ludwig von und zu Guttenberg, wo neben Bergengruen, Ida Friederike Görres, die Schwester von Coudenhove-Kalergi auch die Protestanten Jochen Klepper und Rudolf Alexander Schröder und die Brüder Bonhoeffer publizierten, ferner der Vater des Terroristen Andreas Baader. Heimlicher Patron dieser Autoren war Adalbert Stifter. Die Zeitschrift wurde 1944 angeblich mangels Papierlieferungen eingestellt, hielt sich konsequent an das Jünger-Motto:"Zensur verfeinert den Stil."

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