2. Oktober 2012

Radikalität und Ausnahme

Gastbeitrag / 9 Kommentare

von Heino Bosselmann

Um den für seine „Politische Theologie“ (1922) so wesentlich tragfähigen Begriff des Ausnahmezustandes zu untersetzen, hielt sich Carl Schmitt tatsächlich an einen Theologen, wenngleich als Katholik an einen protestantischen. Er zitierte den andererseits die großen Existentialisten inspirierenden Sören Kierkegaard:

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Die Ausnahme erklärt das Allgemeine und sich selbst. Und wenn man das Allgemeine richtig studieren will, braucht man sich nur nach einer wirklichen Ausnahme umzusehen. Sie legt alles viel deutlicher an den Tag als das Allgemeine selbst. Auf die Länge wird man des ewigen Geredes vom Allgemeinen überdrüssig; es gibt Ausnahmen. Kann man sie nicht erklären, so kann man auch das Allgemeine nicht erklären. Gewöhnlich merkt man die Schwierigkeit nicht, weil man das Allgemeine nicht einmal mit Leidenschaft, sondern mit einer bequemen Oberflächlichkeit denkt. Die Ausnahme dagegen denkt das Allgemeine mit energischer Leidenschaft.

Das mag nicht nur im Schmittschen Sinne für die Staatstheorie, sondern übergreifend gelten, beispielsweise für das Vorrecht, ja die Pflicht der Philosophie und Kunst, radikale Fragen zu stellen und Welt und Gesellschaft aus der Perspektive der Ausnahme, aus dem Standpunkt im notwendig gewordenen Abseits anzusehen. Solches bedarf Leidenschaft statt Bequemlichkeit.

In der Mitte, in der Mittelmäßigkeit, im bürgerlichen Terrain des Vertrauten, Verwalteten und behaglich Behausten mag der schützenswerte Frieden der Saturierten und Honorablen herrschen, aber Neues, Interessantes, Aufregendes entsteht dort kaum. Die Mitte vermeidet die Ausnahme, und sie meidet das Abseits, dessen Blickwinkel der kritische Geist jedoch zur Klarsicht bedarf. Die Differenz zwischen „den Konservativen“ und „den Rechten“ ließe sich vielleicht in diesem Unterschied der Verortung ausmachen, wäre die sich selbst deklarierende Mitte nicht überhaupt linksbündig verschoben. Die traditionelle „Philosophie des Bürgerlichen“, wie sie Odo Marquard und Jens Hacke beschrieben, ist in der gegenwärtigen Bundesrepublik ohnehin beinahe verloren.

Ist vom Radikalen, der Ausnahme und dem Abseits die Rede, sollten einem nicht nur Karl Moor, Robespierre, Garibaldi und Che Guevara einfallen; es ließe sich auf andere Weise ebenso an Franz von Assisi, Martin Luther und Immanuel Kant denken, ganz zu schweigen von allen veritablen Künstlern, die Gedanken und Wirkung nie im Milieu der Etablierten, nie in den Zentren ihrer Gegenwart entwickelt hatten. Sie kamen welt-anschaulich und sogar geographisch oft von den Rändern der vertrauten Welt. Nietzsche, ein anderer großer „Outsider“: „Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyperboräer, – wir wissen gut genug, wie abseits wir leben.“

Die große Chance der intellektuellen Rechten mag politisch wie kulturell gerade darin bestehen, daß sie nicht in einen Parteiklüngel eingebunden ist, wie ihn Max Weber in „Politik als Beruf“ beschreibt, daß sie also keinen „Sprachregelungen“ folgen muß, sondern den Luxus eines „freien Radikals“ genießt, von dem anregende Impulse ausgehen. Die Frage ist nur, wie sie diesen Komfort nutzt – nicht nur in der Analyse des Politischen und Wirtschaftlichen, nicht nur in der Revision des Historiographischen, dabei oft genug kulturpessimistisch, bedauernd und ganz in Moll, sondern vielmehr im alternativ provokanten und erfrischenden Vorschlag, an dem sich die anderen gedanklich abarbeiten können, und endlich im Feuilleton und im Vorrecht der Kunst, eigenständig und schöpferisch aufzutreten, als nur verarbeitend Fußnoten zu setzen.


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Kommentare (9)

Toni Roidl
2. Oktober 2012 09:36

genug kulturpessimistisch, bedauernd und ganz in Moll, sondern vielmehr im alternativ provokanten und erfrischenden

Kann man laut sagen.

Ernst Wald
2. Oktober 2012 20:48

Derzeit als Konservativer mit einem „alternativ provokanten und erfrischenden Vorschlag“ aufzuwarten – wie es Heino Bosselmann vorschlägt – ist aber nicht so einfach. Denn es ist die Ironie der Geschichte, dass Gesellschaftskritik zu einer konformen Attitüde werden konnte. Freilich aber nur, wenn der Kritiker die Grenzen des Spektrums erlaubter Meinungen nicht überschreitet. Bekanntlich heißt das ja nach dem Siegeszug der Kulturrevolutionäre vor allem, dass Kritik willkommen ist, die den Maßgaben der politischen Korrektheit gehorcht. Und es ist gerade dieser neue Kulturbegriff aller politisch korrekten Behörden und Universitäten, der denen, die ihn brav internalisiert haben, das Gefühl vermittelt, Non-Konformität schlechthin zu verkörpern. Norbert Bolz spricht deshalb schon zutreffend von einem „Konformismus des Andersseins“, welcher sich zunehmend ausbreitet: „Alle reden von Individualität, Diversität und Selbstverwirklichung – und alle denken dasselbe. So entsteht der Konformismus des Andersseins. Gerade die herrschende öffentlich Meinung kultiviert bestimmte Formen des Nonkonformismus.“

Wir Konservativen müssen nun vor allem klarstellen, dass wir die eigentlichen Non-Konformisten sind. Es gilt all denjenigen, die auf politische Korrektheit getrimmt wurden, aufzuzeigen, dass ihr Anderssein nur eine Zwangsjacke ist!

Heino Bosselmann
2. Oktober 2012 21:42

Von unterwegs und nur via Funk: Der von Ihnen zitierte Aufsatz von Norbert Bolz im Nonkorformismus-Sonderheft des MERKUR 2011 ist überhaupt eine allererste Empfehlung wert! So klar und treffend fand ich die Lage selten beschrieben.

zentralwerkstatt
3. Oktober 2012 05:09

Europas Stärke als "Zivilisationsmotor" der letzten 1000 Jahre lag ja in der atomisierten Vielfalt und gerade nicht im Kollektivismus. Die Parteien und Lobby-Kollektive aller Art, inklusive der Szene aus steuertroggequasteten Möchtegernkünstlern und -kulturellen sowie uniforschen Karriereschweinen und fördertopfschlagenden Bildungsquirlen, liegen heute wie Schlacke über der kreativen Glut.

Aber ersticken kann die Schlacke die Glut nicht, diese kann allenfalls in sich erkalten - eines sehr fernen Tages vielleicht, wenn sie denn zum Stehen gekommen ist, vorher jedoch wird der obenaufliegende Schmelzrückstand noch viele Male umgewälzt werden.

Karl Sinn
3. Oktober 2012 13:37

@ zentralwerkstatt :
Metaphern sind immer problematisch.
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Wenn hier von Abseits die Rede ist, sollte man vielleicht betonen, dass man ein politisches Abseits meint und zwar ein bestimmtes politisches Abseits, nämlich rechts von politischen Konventionen.

Linkes Abseits oder libertäres Abseits oder unpolitisches Abseits ... gibt es so etwas? Wenn ja, ist es dann sinnvollerweise mit den gleichen Beiwörtern zu belegen, wie "kritisch", "schöpferisch", "klarsichtig", also in irgendeiner Weise wünschenswert?

Meines Erachtens gibt es - aber da wird wahrscheinlich gar kein Dissens bestehen - auch ein ganz unerwünschtes und furchtbares Abseits. Ein Abseits vom Rationalen und Logischen im trivialsten Sinne z.B. (das sich sowohl rechts, als auch links finden lässt) oder von Maß und Realität (das sich wohl eher links finden lässt).

Eine bestimmte wünschenswerte Form des Abseits von anderen nicht-wünschenswerten Formen trennen zu können scheint mir äußerst schwierig und fragwürdig. "Abseits" das klingt nach Objektivität, aber wenn man einmal geklärt hat welches Abseits man meint, d.h. Abseits wovon und weshalb, dann befindet man sich plötzlich in einem äußerst subjektiven und - kein Schimpfwort - ideologischen Abseits.

Um wieder einzulenken : Abseitigkeit ist mehrdeutig und nicht per se wünschenswert. Aber die Schnittmenge aller Abseitigkeiten, also das Sich-an-der-Peripherie-befinden, ist eine gute Voraussetzung für freies Denken. So gewendet macht die ganze Sache Sinn.

Ein Fremder aus Elea
3. Oktober 2012 20:45

sondern vielmehr im alternativ provokanten und erfrischenden Vorschlag, an dem sich die anderen gedanklich abarbeiten können, und endlich im Feuilleton und im Vorrecht der Kunst, eigenständig und schöpferisch aufzutreten, als nur verarbeitend Fußnoten zu setzen.

Schön wär's. Da kann ich allen, die's beginnen, nur das Beste wünschen. Ich bin zu wetterfühlig. Der Frost kommt bald. Die Leere. Der Tod. Ein halbes Jahr kommt die Sonne zu Besuch. Dann geht sie wieder. Wie viel hat man dieses Mal geschafft, während man noch schaffen konnte? Man altert, indem man stückweise abstirbt. Jeder Winter nagt an einem. Und auch wenn man den Sommer nutzen kann, um an Leben zurückzugewinnen, was man im Winter verlor, so verliert man dabei doch schnell an Elastizität. Man wird gefühllos in den betroffenen Teilen und die Verantwortung muß die Wahrnehmung durch die Erinnerung an sie ersetzen.

Eine Erziehung zur Transzendenz, zur Todesannahme, zum jüngsten Gericht.

Andererseits, was sind die schönsten Momente im Leben?

Wenn Liebe gestaltet und wenn es über die eigenen Kräfte geht.

Hmm... ich wünsche Ihnen allen viel Spaß beim zwischen|tag, und ich schätze Ihr Wissen um die zeitgenössische deutsche Intelligenz, Herr Bosselmann. Jeder von diesen ist mit einem Satz erfaßt, aber als Panorama, wenn man auch auf den Umgang mit ihnen blickt, ergibt sich daraus etwas Beachtenswertes.

Eine Sache möchte ich aber noch sagen. Wir sind mitnichten eingegrenzt, festgezerrt, zur Untätigkeit verdammt. So stellt es sich nur dar, wenn man den Blick auf das Öffentliche richtet. So wichtig Öffentlichkeit auch ist, letztlich dient sie nur zur Beeinflussung des Privaten, jedenfalls heute, auf Staatsprojekte zu schielen, hieße phantasieren. Und das Private zu beeinflussen, gibt es auch noch andere Wege jenseits des Politischen. Daß heute das Politische alles durchdringt, noch jeder Actionfilm für sich in Anspruch nimmt, eine philosophische Abhandlung zu sein, hat einen gewaltigen Durst nach Unpolitischem, Wirklichem bewirkt, und es ist an der Zeit, diese Lücke zu schließen und kreativ zu sein und auf diesem Wege Ideen zu verbeiten.

Diese Eine-Welt-Soße ist entsetzlich fad. Und sie wird es auch bleiben, jede Tiefe führt auf das Eigene zurück. Eine Weile kann ich mir Märchen aus aller Welt anhören, dann stehe ich wieder vor mir selbst und meinen Fragen. Es kann nicht anders sein. Wir müssen einfach wieder damit beginnen, Kultur zu schaffen.

zentralwerkstatt
4. Oktober 2012 11:36

Ich finde Bildersprache schoen, Herr Karl Sinn, und sie kann tatsaechlich auch problematisch sein.

Auf Ihre Ausfuehrungen zum Abseits bezogen, denke ich, dasz sie den gleichen Fehler begehen wie alle, die Politik (ich kann dieses Wort schon nicht mehr hoeren) als einen Selbstzweck (ob bewußt oder nicht) zu verstehen scheinen.

Wie Sie das Abseits interpretieten zeigt, daß Sie stetig in Kollektiven denken. Auch wenn es anders scheint, die allermeisten Deutschen koennen mit Politik als solcher doch gar nichts anfangen, nicht weil sie nicht koennten, sondern weil sie nicht wollen.

Jeder besteht seinen ganz eigenen Kampf im Leben, meistert die Aufhaben gut oder schlecht, im diffusen Gefuehl einer Verpflichtung, im Vertrauen auf Gott, das Schicksal oder sich selbst. Er denkt dabei gar nicht an Kollektive, sondern an die Seinigen.

Diese Art der interindividuellen Interaktion gibt maximale Raum fuer Kreativitaet, und wenn die Begabtesten einfach ihrer Wege gehen koennen, profitiert auch immer die "Allgemeinheit". Wohl nie wurde das so vorexerziert (man moege mich steinigen fuer dieses Woertchen), wie in Deutschland, im freien Deutschland bis 1918.

Heute ersticken wahnsinnige Ideologen mit ihrer politisch korrekten Zwangsjacke die freie Entfaltung, die freie Begabung und das Unternehmertum. Den schlimmsten Wahnsinn offenbaren abermals die Linken. Sie schwimmen in diesem System BRD obenauf, gewollt, sie selbst sind begabungsarm bis begabungsfrei, aber charakterlich verkommen voller Anmaßung erbabbeln sie sich 'hoechste Aemter' und machen sich anderen zur Zumutung.

'Die Politik' ist doch selbst die schlimmste Parallelgesellschaft, das den Rechtschaffenden uebergestuelpte Abseits. Sie macht den medial potenzierten Ton, aber die meisten hoeren gar nicht hin. Und wenn doch, dann notgedrungen und leider immer, als sei die Politclique ein hinzunehmendes, quasi naturgegebenes Uebel.

Ich aber sage, ein Staat, der dem Einzelnen nicht nuetzt, sondern ihn utilisiert, ist obsolet. Für KEIN politisches Projekt duerfen willkuerlich Opfer in Kauf genommen werden, wenn es mit sittlichen Grundsaetzen zugehen soll. Freilich darf jeder freiwillig von sich opfern, das waere ja redlich. Schauen wir uns also die politischen Projektierer an; ahh, erstaunlich, da opfert ja keiner von sich, nein gerade das Gegenteil ist der Fall, die opfern von anderen und profitieren selbst fuerstlich in einer Art, wie es ihre eigene intellektuelle Begabung im freien Spiel nicht hergeben wuerde.

Ein Staat mit einer 'politischen Klasse' ist nach meiner Interpretation der Aufklaerung nicht mehr hinnehmbar. Diese Witzfiguren der BRD-Politbande empfinde ich als Anmaßung gegen mein geistiges Empfinden und mein Naturverstaendnis.

Wir brauchen keine 'politischen Projekte', in denen einer einem anderen ein 'hinzunehmendes Opfer' abverlangt aus welcher Richtung auch immer, die werden immer so enden, wie wir das gerade mitmachen (muessen).

Doe BRD-Politikbande ist das Abseits. Die große Mehrheit will nicht mehr als in Ruhe und Freiheit ihr Leben zu leben.

Heino Bosselmann
4. Oktober 2012 11:57

Neben dem vielfach zitierten Jüngerschen "Waldgang" fällt mir im weitläufigen Zusammenhang auch Heidegger ein, der zweimal einen akademischen Ruf nach Berlin ablehnte – einmal 1930 gegenüber dem sozialdemokratischen preußischen Kultusminister Adolf Grimme, der gleich Heidegger Husserl-Schüler war, so daß beide sich gut verstanden, dann 1933 an die Adresse des kommissarisch im Dritten Reich eingesetzten preußischen Kultusministers Bernhard Rust. Heideggers Erklärung findet sich unter dem schönen Titel „Schöpferische Landschaft. Warum bleiben wir in der Provinz?“ im Band 13 der von Klostermann besorgten Gesamtausgabe.

Theosébeios
4. Oktober 2012 14:57

Aber Heidegger blieb Professor, Herr Bosselmann ... Spinoza lehnte den Ruf an die Universität Heidelberg ab und blieb Linsenschleifer in Den Haag. Das war weitaus schwieriger, ist aber auch heute immer noch denkbar.
Besser wäre es, wenn sich die dafür berufen Fühlenden in ein wissenschaftliches Institut begeben könnten. Die "Soziologenherrschaft" kann nur durch soziologische Überläufer (besser gesagt: durch Insider) unterminiert werden, bemerkte schon der soziologische "Anti-Soziologe" H. Schelsky Anfang der 70er-Jahre.
Die durch Herrn Kleine-Hartlage hier eingebrachte Idee konservativer Alternativinstitute wird absehbar kaum zu realisieren sein. Solche wären auch leichte Beute für Ausgrenzungsstrategien. Der Einzelne aber kann immer Wühlmaus sein (wenn er es durchhält).

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