Radikalität und Ausnahme

von Heino Bosselmann

Um den für seine „Politische Theologie“ (1922) so wesentlich tragfähigen Begriff des Ausnahmezustandes zu untersetzen,...

 Gastbeitrag

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hielt sich Carl Schmitt tat­säch­lich an einen Theo­lo­gen, wenn­gleich als Katho­lik an einen pro­tes­tan­ti­schen. Er zitier­te den ande­rer­seits die gro­ßen Exis­ten­tia­lis­ten inspi­rie­ren­den Sören Kierkegaard:

Die Aus­nah­me erklärt das All­ge­mei­ne und sich selbst. Und wenn man das All­ge­mei­ne rich­tig stu­die­ren will, braucht man sich nur nach einer wirk­li­chen Aus­nah­me umzu­se­hen. Sie legt alles viel deut­li­cher an den Tag als das All­ge­mei­ne selbst. Auf die Län­ge wird man des ewi­gen Gere­des vom All­ge­mei­nen über­drüs­sig; es gibt Aus­nah­men. Kann man sie nicht erklä­ren, so kann man auch das All­ge­mei­ne nicht erklä­ren. Gewöhn­lich merkt man die Schwie­rig­keit nicht, weil man das All­ge­mei­ne nicht ein­mal mit Lei­den­schaft, son­dern mit einer beque­men Ober­fläch­lich­keit denkt. Die Aus­nah­me dage­gen denkt das All­ge­mei­ne mit ener­gi­scher Leidenschaft.

Das mag nicht nur im Schmitt­schen Sin­ne für die Staats­theo­rie, son­dern über­grei­fend gel­ten, bei­spiels­wei­se für das Vor­recht, ja die Pflicht der Phi­lo­so­phie und Kunst, radi­ka­le Fra­gen zu stel­len und Welt und Gesell­schaft aus der Per­spek­ti­ve der Aus­nah­me, aus dem Stand­punkt im not­wen­dig gewor­de­nen Abseits anzu­se­hen. Sol­ches bedarf Lei­den­schaft statt Bequemlichkeit.

In der Mit­te, in der Mit­tel­mä­ßig­keit, im bür­ger­li­chen Ter­rain des Ver­trau­ten, Ver­wal­te­ten und behag­lich Behaus­ten mag der schüt­zens­wer­te Frie­den der Satu­rier­ten und Hono­r­ablen herr­schen, aber Neu­es, Inter­es­san­tes, Auf­re­gen­des ent­steht dort kaum. Die Mit­te ver­mei­det die Aus­nah­me, und sie mei­det das Abseits, des­sen Blick­win­kel der kri­ti­sche Geist jedoch zur Klar­sicht bedarf. Die Dif­fe­renz zwi­schen „den Kon­ser­va­ti­ven“ und „den Rech­ten“ lie­ße sich viel­leicht in die­sem Unter­schied der Ver­or­tung aus­ma­chen, wäre die sich selbst dekla­rie­ren­de Mit­te nicht über­haupt links­bün­dig ver­scho­ben. Die tra­di­tio­nel­le „Phi­lo­so­phie des Bür­ger­li­chen“, wie sie Odo Mar­quard und Jens Hacke beschrie­ben, ist in der gegen­wär­ti­gen Bun­des­re­pu­blik ohne­hin bei­na­he verloren.

Ist vom Radi­ka­len, der Aus­nah­me und dem Abseits die Rede, soll­ten einem nicht nur Karl Moor, Robes­pierre, Gari­bal­di und Che Gue­va­ra ein­fal­len; es lie­ße sich auf ande­re Wei­se eben­so an Franz von Assi­si, Mar­tin Luther und Imma­nu­el Kant den­ken, ganz zu schwei­gen von allen veri­ta­blen Künst­lern, die Gedan­ken und Wir­kung nie im Milieu der Eta­blier­ten, nie in den Zen­tren ihrer Gegen­wart ent­wi­ckelt hat­ten. Sie kamen welt-anschau­lich und sogar geo­gra­phisch oft von den Rän­dern der ver­trau­ten Welt. Nietz­sche, ein ande­rer gro­ßer „Out­si­der“: „Sehen wir uns ins Gesicht. Wir sind Hyper­borä­er, – wir wis­sen gut genug, wie abseits wir leben.“

Die gro­ße Chan­ce der intel­lek­tu­el­len Rech­ten mag poli­tisch wie kul­tu­rell gera­de dar­in bestehen, daß sie nicht in einen Par­teiklün­gel ein­ge­bun­den ist, wie ihn Max Weber in „Poli­tik als Beruf“ beschreibt, daß sie also kei­nen „Sprach­re­ge­lun­gen“ fol­gen muß, son­dern den Luxus eines „frei­en Radi­kals“ genießt, von dem anre­gen­de Impul­se aus­ge­hen. Die Fra­ge ist nur, wie sie die­sen Kom­fort nutzt – nicht nur in der Ana­ly­se des Poli­ti­schen und Wirt­schaft­li­chen, nicht nur in der Revi­si­on des His­to­rio­gra­phi­schen, dabei oft genug kul­tur­pes­si­mis­tisch, bedau­ernd und ganz in Moll, son­dern viel­mehr im alter­na­tiv pro­vo­kan­ten und erfri­schen­den Vor­schlag, an dem sich die ande­ren gedank­lich abar­bei­ten kön­nen, und end­lich im Feuil­le­ton und im Vor­recht der Kunst, eigen­stän­dig und schöp­fe­risch auf­zu­tre­ten, als nur ver­ar­bei­tend Fuß­no­ten zu setzen.

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Kommentare (9)

Toni Roidl

2. Oktober 2012 09:36

genug kulturpessimistisch, bedauernd und ganz in Moll, sondern vielmehr im alternativ provokanten und erfrischenden

Kann man laut sagen.

Ernst Wald

2. Oktober 2012 20:48

Derzeit als Konservativer mit einem „alternativ provokanten und erfrischenden Vorschlag“ aufzuwarten – wie es Heino Bosselmann vorschlägt – ist aber nicht so einfach. Denn es ist die Ironie der Geschichte, dass Gesellschaftskritik zu einer konformen Attitüde werden konnte. Freilich aber nur, wenn der Kritiker die Grenzen des Spektrums erlaubter Meinungen nicht überschreitet. Bekanntlich heißt das ja nach dem Siegeszug der Kulturrevolutionäre vor allem, dass Kritik willkommen ist, die den Maßgaben der politischen Korrektheit gehorcht. Und es ist gerade dieser neue Kulturbegriff aller politisch korrekten Behörden und Universitäten, der denen, die ihn brav internalisiert haben, das Gefühl vermittelt, Non-Konformität schlechthin zu verkörpern. Norbert Bolz spricht deshalb schon zutreffend von einem „Konformismus des Andersseins“, welcher sich zunehmend ausbreitet: „Alle reden von Individualität, Diversität und Selbstverwirklichung – und alle denken dasselbe. So entsteht der Konformismus des Andersseins. Gerade die herrschende öffentlich Meinung kultiviert bestimmte Formen des Nonkonformismus.“

Wir Konservativen müssen nun vor allem klarstellen, dass wir die eigentlichen Non-Konformisten sind. Es gilt all denjenigen, die auf politische Korrektheit getrimmt wurden, aufzuzeigen, dass ihr Anderssein nur eine Zwangsjacke ist!

Heino Bosselmann

2. Oktober 2012 21:42

Von unterwegs und nur via Funk: Der von Ihnen zitierte Aufsatz von Norbert Bolz im Nonkorformismus-Sonderheft des MERKUR 2011 ist überhaupt eine allererste Empfehlung wert! So klar und treffend fand ich die Lage selten beschrieben.

zentralwerkstatt

3. Oktober 2012 05:09

Europas Stärke als "Zivilisationsmotor" der letzten 1000 Jahre lag ja in der atomisierten Vielfalt und gerade nicht im Kollektivismus. Die Parteien und Lobby-Kollektive aller Art, inklusive der Szene aus steuertroggequasteten Möchtegernkünstlern und -kulturellen sowie uniforschen Karriereschweinen und fördertopfschlagenden Bildungsquirlen, liegen heute wie Schlacke über der kreativen Glut.

Aber ersticken kann die Schlacke die Glut nicht, diese kann allenfalls in sich erkalten - eines sehr fernen Tages vielleicht, wenn sie denn zum Stehen gekommen ist, vorher jedoch wird der obenaufliegende Schmelzrückstand noch viele Male umgewälzt werden.

Karl Sinn

3. Oktober 2012 13:37

@ zentralwerkstatt :
Metaphern sind immer problematisch.
---
Wenn hier von Abseits die Rede ist, sollte man vielleicht betonen, dass man ein politisches Abseits meint und zwar ein bestimmtes politisches Abseits, nämlich rechts von politischen Konventionen.

Linkes Abseits oder libertäres Abseits oder unpolitisches Abseits ... gibt es so etwas? Wenn ja, ist es dann sinnvollerweise mit den gleichen Beiwörtern zu belegen, wie "kritisch", "schöpferisch", "klarsichtig", also in irgendeiner Weise wünschenswert?

Meines Erachtens gibt es - aber da wird wahrscheinlich gar kein Dissens bestehen - auch ein ganz unerwünschtes und furchtbares Abseits. Ein Abseits vom Rationalen und Logischen im trivialsten Sinne z.B. (das sich sowohl rechts, als auch links finden lässt) oder von Maß und Realität (das sich wohl eher links finden lässt).

Eine bestimmte wünschenswerte Form des Abseits von anderen nicht-wünschenswerten Formen trennen zu können scheint mir äußerst schwierig und fragwürdig. "Abseits" das klingt nach Objektivität, aber wenn man einmal geklärt hat welches Abseits man meint, d.h. Abseits wovon und weshalb, dann befindet man sich plötzlich in einem äußerst subjektiven und - kein Schimpfwort - ideologischen Abseits.

Um wieder einzulenken : Abseitigkeit ist mehrdeutig und nicht per se wünschenswert. Aber die Schnittmenge aller Abseitigkeiten, also das Sich-an-der-Peripherie-befinden, ist eine gute Voraussetzung für freies Denken. So gewendet macht die ganze Sache Sinn.

Ein Fremder aus Elea

3. Oktober 2012 20:45

sondern vielmehr im alternativ provokanten und erfrischenden Vorschlag, an dem sich die anderen gedanklich abarbeiten können, und endlich im Feuilleton und im Vorrecht der Kunst, eigenständig und schöpferisch aufzutreten, als nur verarbeitend Fußnoten zu setzen.

Schön wär's. Da kann ich allen, die's beginnen, nur das Beste wünschen. Ich bin zu wetterfühlig. Der Frost kommt bald. Die Leere. Der Tod. Ein halbes Jahr kommt die Sonne zu Besuch. Dann geht sie wieder. Wie viel hat man dieses Mal geschafft, während man noch schaffen konnte? Man altert, indem man stückweise abstirbt. Jeder Winter nagt an einem. Und auch wenn man den Sommer nutzen kann, um an Leben zurückzugewinnen, was man im Winter verlor, so verliert man dabei doch schnell an Elastizität. Man wird gefühllos in den betroffenen Teilen und die Verantwortung muß die Wahrnehmung durch die Erinnerung an sie ersetzen.

Eine Erziehung zur Transzendenz, zur Todesannahme, zum jüngsten Gericht.

Andererseits, was sind die schönsten Momente im Leben?

Wenn Liebe gestaltet und wenn es über die eigenen Kräfte geht.

Hmm... ich wünsche Ihnen allen viel Spaß beim zwischen|tag, und ich schätze Ihr Wissen um die zeitgenössische deutsche Intelligenz, Herr Bosselmann. Jeder von diesen ist mit einem Satz erfaßt, aber als Panorama, wenn man auch auf den Umgang mit ihnen blickt, ergibt sich daraus etwas Beachtenswertes.

Eine Sache möchte ich aber noch sagen. Wir sind mitnichten eingegrenzt, festgezerrt, zur Untätigkeit verdammt. So stellt es sich nur dar, wenn man den Blick auf das Öffentliche richtet. So wichtig Öffentlichkeit auch ist, letztlich dient sie nur zur Beeinflussung des Privaten, jedenfalls heute, auf Staatsprojekte zu schielen, hieße phantasieren. Und das Private zu beeinflussen, gibt es auch noch andere Wege jenseits des Politischen. Daß heute das Politische alles durchdringt, noch jeder Actionfilm für sich in Anspruch nimmt, eine philosophische Abhandlung zu sein, hat einen gewaltigen Durst nach Unpolitischem, Wirklichem bewirkt, und es ist an der Zeit, diese Lücke zu schließen und kreativ zu sein und auf diesem Wege Ideen zu verbeiten.

Diese Eine-Welt-Soße ist entsetzlich fad. Und sie wird es auch bleiben, jede Tiefe führt auf das Eigene zurück. Eine Weile kann ich mir Märchen aus aller Welt anhören, dann stehe ich wieder vor mir selbst und meinen Fragen. Es kann nicht anders sein. Wir müssen einfach wieder damit beginnen, Kultur zu schaffen.

zentralwerkstatt

4. Oktober 2012 11:36

Ich finde Bildersprache schoen, Herr Karl Sinn, und sie kann tatsaechlich auch problematisch sein.

Auf Ihre Ausfuehrungen zum Abseits bezogen, denke ich, dasz sie den gleichen Fehler begehen wie alle, die Politik (ich kann dieses Wort schon nicht mehr hoeren) als einen Selbstzweck (ob bewußt oder nicht) zu verstehen scheinen.

Wie Sie das Abseits interpretieten zeigt, daß Sie stetig in Kollektiven denken. Auch wenn es anders scheint, die allermeisten Deutschen koennen mit Politik als solcher doch gar nichts anfangen, nicht weil sie nicht koennten, sondern weil sie nicht wollen.

Jeder besteht seinen ganz eigenen Kampf im Leben, meistert die Aufhaben gut oder schlecht, im diffusen Gefuehl einer Verpflichtung, im Vertrauen auf Gott, das Schicksal oder sich selbst. Er denkt dabei gar nicht an Kollektive, sondern an die Seinigen.

Diese Art der interindividuellen Interaktion gibt maximale Raum fuer Kreativitaet, und wenn die Begabtesten einfach ihrer Wege gehen koennen, profitiert auch immer die "Allgemeinheit". Wohl nie wurde das so vorexerziert (man moege mich steinigen fuer dieses Woertchen), wie in Deutschland, im freien Deutschland bis 1918.

Heute ersticken wahnsinnige Ideologen mit ihrer politisch korrekten Zwangsjacke die freie Entfaltung, die freie Begabung und das Unternehmertum. Den schlimmsten Wahnsinn offenbaren abermals die Linken. Sie schwimmen in diesem System BRD obenauf, gewollt, sie selbst sind begabungsarm bis begabungsfrei, aber charakterlich verkommen voller Anmaßung erbabbeln sie sich 'hoechste Aemter' und machen sich anderen zur Zumutung.

'Die Politik' ist doch selbst die schlimmste Parallelgesellschaft, das den Rechtschaffenden uebergestuelpte Abseits. Sie macht den medial potenzierten Ton, aber die meisten hoeren gar nicht hin. Und wenn doch, dann notgedrungen und leider immer, als sei die Politclique ein hinzunehmendes, quasi naturgegebenes Uebel.

Ich aber sage, ein Staat, der dem Einzelnen nicht nuetzt, sondern ihn utilisiert, ist obsolet. Für KEIN politisches Projekt duerfen willkuerlich Opfer in Kauf genommen werden, wenn es mit sittlichen Grundsaetzen zugehen soll. Freilich darf jeder freiwillig von sich opfern, das waere ja redlich. Schauen wir uns also die politischen Projektierer an; ahh, erstaunlich, da opfert ja keiner von sich, nein gerade das Gegenteil ist der Fall, die opfern von anderen und profitieren selbst fuerstlich in einer Art, wie es ihre eigene intellektuelle Begabung im freien Spiel nicht hergeben wuerde.

Ein Staat mit einer 'politischen Klasse' ist nach meiner Interpretation der Aufklaerung nicht mehr hinnehmbar. Diese Witzfiguren der BRD-Politbande empfinde ich als Anmaßung gegen mein geistiges Empfinden und mein Naturverstaendnis.

Wir brauchen keine 'politischen Projekte', in denen einer einem anderen ein 'hinzunehmendes Opfer' abverlangt aus welcher Richtung auch immer, die werden immer so enden, wie wir das gerade mitmachen (muessen).

Doe BRD-Politikbande ist das Abseits. Die große Mehrheit will nicht mehr als in Ruhe und Freiheit ihr Leben zu leben.

Heino Bosselmann

4. Oktober 2012 11:57

Neben dem vielfach zitierten Jüngerschen "Waldgang" fällt mir im weitläufigen Zusammenhang auch Heidegger ein, der zweimal einen akademischen Ruf nach Berlin ablehnte – einmal 1930 gegenüber dem sozialdemokratischen preußischen Kultusminister Adolf Grimme, der gleich Heidegger Husserl-Schüler war, so daß beide sich gut verstanden, dann 1933 an die Adresse des kommissarisch im Dritten Reich eingesetzten preußischen Kultusministers Bernhard Rust. Heideggers Erklärung findet sich unter dem schönen Titel „Schöpferische Landschaft. Warum bleiben wir in der Provinz?“ im Band 13 der von Klostermann besorgten Gesamtausgabe.

Theosébeios

4. Oktober 2012 14:57

Aber Heidegger blieb Professor, Herr Bosselmann ... Spinoza lehnte den Ruf an die Universität Heidelberg ab und blieb Linsenschleifer in Den Haag. Das war weitaus schwieriger, ist aber auch heute immer noch denkbar.
Besser wäre es, wenn sich die dafür berufen Fühlenden in ein wissenschaftliches Institut begeben könnten. Die "Soziologenherrschaft" kann nur durch soziologische Überläufer (besser gesagt: durch Insider) unterminiert werden, bemerkte schon der soziologische "Anti-Soziologe" H. Schelsky Anfang der 70er-Jahre.
Die durch Herrn Kleine-Hartlage hier eingebrachte Idee konservativer Alternativinstitute wird absehbar kaum zu realisieren sein. Solche wären auch leichte Beute für Ausgrenzungsstrategien. Der Einzelne aber kann immer Wühlmaus sein (wenn er es durchhält).

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