Sezession
7. Oktober 2012

Expressive Loslösung – der Stil der Sezession

Götz Kubitschek

50pdf der Druckfassung aus Sezession 50 / Oktober 2012

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Der Langhaarige sitzt in der Mitte. Links und rechts von ihm haben die beiden Moderatorinnen Platz genommen: in Hosenanzügen, ganz professionell und sicherlich voller Hoffnung, daß aus diesem Gespräch einmal Energie kommen könnte – das Gegenteil also von dem, was Kunstszene-Teilnehmer kennen und als Vorgang seltsamerweise stets aufs neue ertragen: mittels Deutung und Interpretation nämlich in einen dürftigen Künstler und sein dürftiges Werk erst hineinzupumpen, was eigentlich herausspritzen sollte: Kraft, Können, ein undemokratischer, nicht mehr diskutabler, nicht verhandelbarer Anspruch, der jäh wirkt. Eine kleine Einstiegsfrage, schon bricht der Vulkan aus:

Die Kunststudenten sollen strammstehen, da, wo sie sind. Die sollen nicht in mein Atelier kommen, die sollen mir nicht ihre Mappen zeigen, das interessiert mich nicht. Mich interessiert ihr dienstfähiges Gesicht, ich will sehen, ob sie Soldaten der Kunst werden können, ja oder nein. … Sie wollen eine Karriere machen, aber wenn man unter der Diktatur der Kunst dient, braucht man keine Karriere zu machen: Man dient einfach, fertig! … Es gibt in der Kunst keine Anarchie. Die ganzen Anarchisten, die mit mir studiert haben, sind alle ganz liebend gern Professoren geworden, um in diesem hierarchischen Furz-System die Hämorrhoiden zu unterrichten, die Hämorrhoiden am Arsch des Staates. … Die Leute haben keine Ahnung, was es bedeutet, sich der Kunst in den Weg zu stellen oder sich ihr nicht in den Weg zu stellen. Ich brauche nicht die Leute, die mir ihre Kunst zeigen wollen und die wollen, daß ich ihnen helfe.

Der so vom Leder zieht, heißt Jonathan Meese und ist eines von wer weiß wie vielen enfants terribles der Kunstszene. Meese trägt direkt aus der Tube zentimeterdick auf, das Ganze rasend schnell (gleich fünf Bilder an einem halben Vormittag, »machen, machen, machen, immer schneller. Man muß in einem immer schneller rasenden Zug sitzen, schon, um die ganzen Bedenkenträger hinter sich zu lassen«). Er imitiert das rhetorische Gefuchtel Hitlers und schwadroniert – den Futurismus nach 100 Jahren als Karikatur aufleben lassend – vom Totalabriß Berlins und einem überdimensionalen Meese-Schreibtisch in einem gigantischen Meese-Bunker, in dem das einzige Besatzungsmitglied Befehle erteilt, um sie selbst zu befolgen:

»Ich liebe es, Befehle zu empfangen: Jonathan tu dies, Jonathan tu das, wach auf, steh auf, geh ins Bad, setz dich an den Tisch, mach das Manifest fertig, geh ins Büro, das ist passiert, jenes auch, schnell, mach weiter. Ich will nicht mehr aufgehalten werden, ich will keine E-Mails von ich-versauten Typen haben: Mein Traum ist, nur noch im Bunker zu sitzen und das Zeug alles rauszuwerfen.«

Es waren wohl diese Germania- und Hitler-Anspielungen, die dem Gespräch im Vorfeld der diesjährigen »documenta« in Kassel zu einem angemessenen Ende verhalfen: Ein Student, der mit Künstlerbart und Cord-Sakko dem Klischee entsprach, drängelte sich nach vorn durch, wischte die Wassergläser vom Tisch und stand dann etwas hilflos herum. Woher dieser plötzliche Anhauch von Aggressivität? Hatte er einen inneren Befehl empfangen, den ersten seines Lebens? Hatte er jäh festgestellt, daß auch er in einer Ein-Mann-Kaserne dienen sollte, sich selbst beanspruchend, beauftragend, ausbildend? Oder war es glatt das Gegenteil, nämlich die Schmach, innerhalb weniger Minuten durchleuchtet, beurteilt und abgelehnt worden zu sein? Auch er – im anarchistischen Habitus – eine Hämorrhoide am Arsch der Kunstförderung; ein bißchen gefüttert, ein bißchen gestreichelt, versehen mit dem Prädikat »interessant« und »gut, daß es dich gibt« – aber keiner, an den man sich erinnert, der einem nicht aus dem Kopf geht, mit dem man nicht fertig wird.

Wer Befehl und Gehorsam kennengelernt hat und diese den Monolog streifende Kommunikationsform schätzt, wird Jonathan Meeses provokanten Entwurf verstehen, auch wenn er mit dessen Bildern nichts anfangen kann. Die Effizienz einer Ein-Mann-Kaserne: nichts übertrifft sie. Ihr Gegenbild ist der runde Tisch, ein Führungs- und Entscheidungsmodell, das auf den Parteitagen der »Piraten« in die Selbstlähmung hinein übertrieben wird: Austausch ohne Ergebnis, Gerede unter Leuten, die keine Experten sind, Demokratisierung und Enthierarchisierung von Vorgängen, die nur dann etwas austragen, wenn sie straff organisiert sind. Aber so: Zeitverschwendung, Verwässerung und jede Menge beleidigter Leute, deren Beitrag am runden Tisch nicht berücksichtigt wurde von jenen, die am Ende zu entscheiden haben.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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