Unser Stil – Laudatio zum 50. Heft „Sezession“

von Günter Scholdt

Der folgende Text ist ein Teil des diesjährigen Sommer-Akademie-Votrags von Günter Scholdt. Er hielt ihn unter dem Titel "Unser Stil" und kürzte ihn dann, um ihn als Jubiläumsrede für die Festveranstaltung im Rahmen des zwischentags noch einmal vorzutragen.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

50 Hef­te Sezes­si­on – ein stol­zes Jubi­lä­um! Wir wol­len es fei­ern samt sei­nen Her­aus­ge­bern und Mit­ar­bei­tern, stell­ver­tre­tend für wei­te­re Initia­ti­ven, die gera­de heu­te bewei­sen, daß der Non­kon­for­mis­mus in Deutsch­land noch nicht gänz­lich am Boden liegt. Sie alle, die auf die­ser Mes­se aus­ge­stellt haben, ver­eint schließ­lich zwei­er­lei: Man müht sich nach Kräf­ten, Ihre ange­mes­se­ne Betei­li­gung am poli­ti­schen Dis­kurs zu unter­bin­den. Und Sie selbst suchen für unser Land einen neu­en Stil.

Über ihn lohnt sich zu reden. Denn Stil als cha­rak­te­ris­ti­scher Aus­druck zen­tra­ler gesell­schaft­li­cher Ten­den­zen, Leis­tun­gen und Lebens­for­men ist ein Schlüs­sel­be­griff zur Kenn­zeich­nung jeder Epo­che. Im Ide­al­fall ist er ihr Güte­sie­gel. Doch in die­sem posi­ti­ven Sin­ne taugt er wenig zur Bestim­mung gegen­wär­ti­ger Deka­denz, die sich hier­zu­lan­de vor­nehm­lich als Man­gel an Sou­ve­rä­ni­tät, Gemein­sinn, Niveau, Frei­heits- und Tra­di­ti­ons­be­wusst­sein sowie genera­tio­nen­über­grei­fen­der Ver­ant­wor­tung äußert. Wer die­sen Zeit­geist begriff­lich fas­sen will, bleibt eher auf Defi­ni­tio­nen ex nega­tivo verwiesen:

Heu­ti­ger Stil wäre dann das, was wir in Deutsch­land mehr­heit­lich nicht (mehr) haben. Was wir (quer in diver­sen poli­ti­schen Lagern) meist nur noch bei Soli­tä­ren fin­den, bei im bes­ten Sin­ne Kon­ser­va­ti­ven. Für sie ist Stil – im Gegen­satz zum pseu­do­to­le­ran­ten anything goes unse­rer Zeit – etwas, das ihren Iden­ti­täts­kern aus­macht und dadurch Hand­lungs­si­cher­heit verleiht.

Kon­zen­triert tritt er auf in einer seit gut einem Vier­tel­jahr­hun­dert akti­ven Sze­ne, deren Mit­glie­der sich teils als Kon­ser­va­ti­ve, teils als Ange­hö­ri­ge einer Neu­en Rech­ten ver­ste­hen. Will­kom­me­ner Zuzug bei der Ver­tei­di­gung der Mei­nungs­frei­heit erfolgt auch aus klas­sisch libe­ra­ler Posi­ti­on im Kreis um André Licht­schlag, des­sen „eigen­tüm­lich frei“ einen hier­zu­lan­de iro­ni­schen Dop­pel­sinn artikuliert.

Heu­te sei zen­tral die Auf­klä­rungs­ar­beit in Schnell­ro­da gewür­digt, einem Fort der Avant­gar­de, in dem seit zehn Jah­ren der Ver­lag Antai­os und die 2003 gestar­te­te Sezes­si­on behei­ma­tet sind. Durch per­sön­li­che Ver­flech­tun­gen gefes­tigt, ent­wi­ckelt sich zudem ein Ergän­zungs- wie zuwei­len pro­duk­ti­ves Span­nungs­ver­hält­nis zur Jun­gen Frei­heit, die letz­tes Jahr ihr 25. Jubi­lä­um beging. Auch die „Blaue Nar­zis­se“, her­vor­ge­gan­gen aus einer Schü­ler­initia­ti­ve, ist eng mit Schnell­ro­da ver­bun­den. Und die mehr als zwei Dut­zend Ver­la­ge, Peri­odi­ka, Insti­tu­tio­nen, Bün­de oder Ein­zel­aus­stel­ler, die sich heu­te betei­ligt haben, bele­gen wei­te­re soli­da­ri­sche Koope­ra­tio­nen oder wei­sen Wege künf­ti­ger Effi­zi­enz­stei­ge­rung durch Vernetzung.

Hat die­se Sze­ne schon ihren eige­nen Stil gefun­den? Ich glau­be ja. Zumin­dest hat sie neue Akzen­te gesetzt in Publi­zis­tik, poli­ti­schem Den­ken und Cha­rak­ter­hal­tung. Signi­fi­kant wirkt eine star­ke Kon­zen­tra­ti­on von Per­sön­lich­kei­ten als grund­sätz­li­che Alter­na­ti­ve gegen­über dem durch­gän­gi­gen Trend der Main­stream-Par­tei­en und ‑Medi­en, bei denen allen­falls ein paar Quo­ten-Quer­den­ker wie Micha­el Klo­n­ovs­ky, Harald Mar­ten­stein, Mat­thi­as Matu­s­sek oder Jan Fleisch­hau­er gedul­det werden.

Was sie eint, ist als wich­tigs­ter Hand­lungs­be­griff: Sezes­si­on, d.h. Aus­zug aus einer Gesin­nungs­ge­mein­schaft mit dem herr­schen­den polit-media­len Kar­tell, Auf­kün­di­gung der Loya­li­tät, nicht zu einem Staat, aber zu sei­ner Nomen­kla­tu­ra sowie den Kri­te­ri­en ihrer Wert­set­zun­gen, Tabus und Sprechverbote.

Das hat dras­ti­sche Fol­gen. Zunächst ein­mal intel­lek­tu­ell. Denn nicht an par­tei- oder moral­po­li­ti­sche Wei­sun­gen gebun­de­ne Ana­ly­sen sind sub­s­tanz­rei­cher. Sie erfol­gen unbe­ein­flußt von zwang­haf­ten Abgren­zungs­di­rek­ti­ven des Mus­ters: „Wenn du so denkst, bist du ein…“, was vor allem im Bereich Zeit­ge­schich­te unab­läs­sig Absur­di­tä­ten pro­du­ziert. (Neben­bei gesagt: Auch für Hit­ler und Goe­b­bels kreis­te die Erde um die Son­ne. Und ich den­ke nicht dar­an, des­halb umzulernen.)

Die zwei­te Vor­ent­schei­dung, die­je­ni­ge für Meta­po­li­tik, ist eben­so bedeut­sam. Es spart Zeit, wenn man Peri­phe­res als sol­ches behan­delt: Par­tei-Affä­ren etwa oder Fra­gen, ob Wes­ter­wel­le oder Rös­ler irgend­ein Amt ergat­tert, Stein­mei­er oder Gabri­el, Rött­gen oder Kün­ast. Statt­des­sen führt die Lage­mus­te­rung direkt zu zen­tra­len Sou­ve­rä­ni­täts­fra­gen, allen vor­an der wich­tigs­ten: Wer ist der jewei­li­ge Feind? Hier zeigt sich bei vie­len eine illu­si­ons­lo­se Denk­schu­lung an Autoren wie Kon­dy­lis, Carl Schmitt, Moh­ler, Speng­ler, Geh­len, Schelsky, Noel­le-Neu­mann und man­chen ande­ren, ohne daß dies ana­ly­tisch auf 1:1‑Übernahmen hinausliefe.

Kei­nes­falls fin­det sich Plüsch­dia­gnos­tik zur Besänf­ti­gung der Gemü­ter und Bemän­te­lung der Kri­se. Man redet nicht über Pro­ble­me hin­weg im Sin­ne poli­ti­scher Kuschel­päd­ago­gik, son­dern klärt ohne Beschö­ni­gung auf, tabu­los (im Rah­men der Geset­ze), kon­kret und rea­lis­tisch. Exem­pla­risch tat dies zuletzt etwa Tho­mas Hoof über gän­gi­ge Ener­gie-Illu­sio­nen und was tat­säch­lich auf uns zukom­men dürf­te (Sezes­si­on Nr. 46: „Tanz auf der Nadelspitze“).

Illu­si­ons­los heißt: nicht ganz ohne Hoff­nung. Ein biß­chen sind schließ­lich alle, die sich hier um Deutsch­land sor­gen, Don Qui­chot­tes. Denn wer sich auf  Kon­fron­ta­ti­on mit einem gegen­wär­tig so über­mäch­ti­gen Geg­ner ein­läßt, der fast alles erobert hat, was bes­se­ren Kräf­ten zustän­de: Staat, Jus­tiz, Medi­en, Kir­chen, Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten, Moral, Kul­turmarkt usw., teilt jene an Idea­len ori­en­tier­ten Lei­dens­fä­hig­keit eines Rit­ters von der trau­ri­gen Gestalt. Sei­ne Nai­vi­tät aber gewiß nicht. Denn wo er atta­ckiert, exis­tie­ren kei­ne Wind­müh­len, son­dern tat­säch­lich Rie­sen: als gigan­ti­sche Zukunfts­pro­ble­me unse­res Lan­des und als mons­trö­se Sach­wal­ter einer ver­hee­ren­den wie bigot­ten Massenmanipulation.

Inso­fern braucht es in unse­ren Rei­hen vor allem Mut. Denn für jede Äuße­rung steht man – wie beim Duell – ganz per­sön­lich ein, im Gegen­satz zum kon­se­quenz­lo­sen Gequat­sche, das unser Feuil­le­ton übli­cher­wei­se cha­rak­te­ri­siert. Den hier Anwe­sen­den brau­che ich nicht zu erläu­tern, wie das schmeckt, wenn Refe­ren­ten ange­pö­belt oder fest gebuch­te Vor­trags­räu­me gecan­celt wer­den, anony­me Denun­zia­ti­ons­fo­ren im Inter­net eröff­net wer­den oder wie etwa bei Felix Men­zel bereits Schü­ler-Enga­ge­ment Extremisten-„Experten“ auf den Plan ruft! Man fra­ge Ernst Nol­te, den his­to­rio­gra­phi­schen Buh­mann der Nati­on, oder man­che ande­re Kam­pa­gnen-Opfer wie Kon­rad Löw zum The­ma „Lebens­glück“!

Wer hier antritt, ist alles, nur kein Oppor­tu­nist. Hier gibt es kei­ne dekla­ma­to­ri­schen Pseu­do-Hel­den wie sei­ner­zeit den Rhe­to­rik-Pro­fes­sor Wal­ter Jens, der bei frie­dens­be­weg­ten Mut­lan­gen-Demos in pro­mi­nen­ter Gesell­schaft vor Fern­seh­ka­me­ras den Wider­stands­kämp­fer mim­te. Oder den unsäg­li­chen Thier­se, der sich bei Dres­den-Blo­cka­den in der Schmie­ren-Rol­le des Hei­li­gen Georg ver­sucht. Wer sich hier outet, ris­kiert sei­ne Kar­rie­re, weiß, daß mora­li­sche Ver­däch­ti­gun­gen zum Tages­ge­schäft gehö­ren. Darf sich von medio­kren Geis­tern an Nor­men der jewei­li­gen tages­po­li­ti­schen Ortho­do­xie mes­sen lassen.

Sol­che Cha­rak­ter-Fil­te­rung bewirkt eine wirk­li­che Qua­li­täts­aus­le­se und ver­bes­sert den Stil, wie zahl­rei­che Bücher und Arti­kel bewei­sen. Hier tum­meln sich kraft­vol­le Tem­pe­ra­men­te, scharf­sin­ni­ge Ana­ly­ti­ker, gute Sti­lis­ten. Man stel­le sich mal eine Minu­te lang vor, die­ser Staat wäre in Ord­nung. (Eine Minu­te lang mag ein Tag­traum erlaubt sein.) Was folg­te daraus?

Karl­heinz Weiß­mann oder Ste­fan Scheil gehör­ten dann zu den füh­ren­den His­to­ri­kern des Lan­des, Erik Leh­nert stün­de vor einer phi­lo­so­phi­schen Uni­ver­si­täts­kar­rie­re. Gün­ter Zehms Vor­le­sun­gen oder Glos­sen wären Pflicht­lek­tü­re.  Ellen Kositza wäre popu­lä­rer und ein­fluß­rei­cher als Ali­ce Schwar­zer. Licht­mesz als Karl Kraus Redi­vi­vus hät­te bereits Vor­ver­trä­ge für sei­ne Gesam­mel­ten Wer­ke. Klo­n­ovs­kys Apho­ris­men zier­ten jedes Schul­buch und lei­der auch die Rede­ma­nu­skrip­te von Nach­wuchs­po­li­ti­kern. In Talk­shows domi­nier­ten Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge, Gün­ter Masch­ke, Die­ter Stein, Micha­el Paul­witz, Baal Mül­ler und man­che ande­re. Alle Jour­na­lis­ten woll­ten so schrei­ben wie Thors­ten Hinz, und Ador­nos For­mu­lier­wei­se gäl­te als Stil-Ver­ir­rung. Aller­dings wäre Kubit­schek Gene­ral und kein Ver­le­ger, was wir bedau­ern müßten.

Kurz: Hier spielt die Bun­des­li­ga der poli­ti­schen Theo­rie und Publi­zis­tik, unge­ach­tet des Umstands, daß vie­les zwar heim­lich gele­sen, doch in der brei­te­ren Öffent­lich­keit bewußt ver­schwie­gen wird und einem Rezen­si­ons-Boy­kott unter­liegt. Aber auch hier­an läßt sich able­sen, wel­che Angst sie jen­seits des Ufers vor frei­er Dis­kus­si­on haben – ein Bewußt­sein, das man­chen Zuspruch ersetzt.

An scharf­zün­gi­gen Schrei­bern herrscht also kein Man­gel. Ihre des­il­lu­sio­nie­ren­den State­ments las­sen die Fet­zen flie­gen, nach außen wie nach innen. Gera­de im letz­ten Halb­jahr lie­fen hef­ti­ge Kon­tro­ver­sen, an denen sich Sezes­si­ons-Redak­teu­re im Dut­zend betei­lig­ten. Ich nen­ne stell­ver­tre­tend die The­men „Toten­ge­den­ken“, „Nol­te“, „Regi­on statt Nati­on“, „Beschnei­dung“, Lis­sons „Ver­ach­tung des Eige­nen“ oder Pro Deutsch­land und der Mohammed-Film.

Wer sich für Sezes­si­on und damit zugleich Frei­heit des Wor­tes ent­schie­den hat, unter­wirft sich also offen­bar auch im eige­nen Lager kei­nen Zen­tral­ko­mi­tee- Direk­ti­ven, son­dern lebt Bin­nen­plu­ra­lis­mus. Das nützt frag­los der Dis­kus­si­on, macht hier ver­leg­te Bei­trä­ge und Bücher span­nen­der und anspruchs­vol­ler, gemäß Hera­klits Dik­tum: „Streit ist der Vater aller Din­ge.“ Ohne­hin gibt es zur Klä­rung von Sach­ver­hal­ten nichts Bes­se­res als aus­ge­tra­ge­ne Kon­tro­ver­sen. Und gera­de wo man im Gegen­satz zu zahl­lo­sen Zyni­kern die­ser Zeit Pro­ble­me und Wer­te noch wirk­lich ernst nimmt, muß lei­den­schaft­lich um sie gerun­gen werden.

Dies vor Augen, braucht man in zuwei­len hef­ti­gen Tem­pe­ra­ments­äu­ße­run­gen ins­ge­samt wohl wenig Alar­mie­ren­des zu sehen. Den­noch plä­die­re ich dafür, bei Kon­tra­hen­ten, mit denen man den glei­chen Schüt­zen­gra­ben ver­tei­digt, die rhe­to­ri­schen Kral­len manch­mal ein wenig ein­zu­zie­hen. Deut­lich­keit muß nicht Schär­fe sein. Die soll­ten wir für ande­re reser­vie­ren: jenes Jus­te Milieu der kor­rek­ten Tugend­wäch­ter aus Zeit­geist-Jour­nail­le und ‑poli­tik.

Wer ver­hin­dern will, daß wir über­haupt zu Wort kom­men, wer es qua­si bil­li­gend in Kauf nimmt, daß man eine Dru­cke­rei abfa­ckelt, in der die JF gefer­tigt wird und kri­mi­nell erlang­te Per­so­nen­da­ten ins Netz stellt, wer Kon­ten alter­na­ti­ver Ver­la­ge kün­digt, Refe­ren­ten die Säle sperrt und sich dabei auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler mit dem Mob ver­bin­det, wer einen Thors­ten Hinz in Wiki­pe­dia nicht dul­det und ihm stän­dig die Web­site löscht – alles in der ein­zi­gen Absicht, sich bes­se­ren Argu­men­ten nicht stel­len zu müs­sen, ­–  ist nicht unser Geg­ner, son­dern unser Feind. Ihm zen­tral gilt unse­re tiefs­te Verachtung.

Auch in einem wei­te­ren Pro­blem­feld sehe ich Ver­bes­se­rungs­be­darf. Am stärks­ten schei­nen mir IfS, Sezes­si­on und Antai­os besetzt im Bereich Geschich­te, Phi­lo­so­phie, Poli­ti­sche Theo­rie. Exem­pla­ri­sches Lob ver­dient das jüngst von Leh­nert und Weiß­mann her­aus­ge­ge­be­ne Staats­po­li­ti­sche Hand­buch. Sol­chen vor­bild­li­chen Leis­tun­gen gegen­über erscheint der Kom­plex Bel­le­tris­tik als defi­zi­tär. Als Erklä­rung hör­te ich: Unse­re Sze­ne inter­es­sie­re sich kaum für Literatur.

Ich muß dies, aber ich will es eigent­lich nicht glau­ben. Denn das wäre fatal. In den lite­ra­ri­schen Hoch­leis­tun­gen kon­zen­trie­ren sich schließ­lich die iden­ti­täts­stif­ten­den kol­lek­ti­ven Vor­stel­lun­gen und Wert­über­zeu­gun­gen eines Vol­kes. Wer das auf­gibt, gefähr­det ideel­le Sub­stanz. Dich­ter prä­gen Lebens­for­meln, ver­mit­teln blitz­ar­ti­ge Ein­sich­ten, gemäß Ben­ns gro­ßem Gedicht:

„Ein Wort, ein Satz -: aus Chif­fren steigen
erkann­tes Leben, jäher Sinn,
die Son­ne steht, die Sphä­ren schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.“

Autoren trans­por­tie­ren gesell­schaft­li­che Ein­sich­ten auf leicht faß­li­che, anschau­li­che Wei­se. Iones­cos „Nas­hör­ner“ etwa illus­trie­ren ein­präg­sam den bis heu­te viru­len­ten Her­den­trieb. In die­sem Dra­ma waren Nas­hör­ner erst Aus­nah­men, bald sind sie die Mehr­heit, und der letz­te unver­wan­del­te Human­ver­tre­ter wird gejagt. „Man muß mit der Zeit gehen“, heißt auch hier die Devi­se, deren ewi­ge Aktua­li­tät besticht.

Dar­über hin­aus sind es Bil­der (im Kopf), die auch im poli­ti­schen Raum über Sieg oder Nie­der­la­ge ent­schei­den. Daß heu­te viel­fach der Irr­glau­be herrscht, der Geist ste­he links, ist eine Fol­ge des Umstands, daß wir fahr­läs­si­ger­wei­se vom Kampf­platz „Kul­tur“ gewi­chen sind. Noch bleibt mir die Hoff­nung, daß wir irgend­wann ein­mal auch im Rah­men der „Sezes­si­on“ zu einer Lite­ra­ri­schen Recon­quis­ta aufbrechen.

Stil ergibt sich aus der lebens­lan­gen Selbst­er­zie­hungs­auf­ga­be des Ein­zel­nen. Nur die­se Anstren­gung erlöst uns aus der Zwangs­ge­mein­schaft mit der als Mas­sen­pro­dukt geform­ten spe­ci­es huma­na, von der Ger­hard Löwen­thal spot­te­te, die meis­ten Men­schen hät­ten kein Rück­grat, son­dern allen­falls ein Ske­lett. Stil hat man nicht ein­fach von Geburt an, muß ihn viel­mehr trai­nie­ren, in kon­kre­ten Kon­flik­ten erpro­ben. Muß die Käl­te zu wohl über­leg­tem Han­deln auf­brin­gen, wo man pro­vo­ziert und aus­ge­grenzt wer­den soll, und das Bewußt­sein der Über­le­gen­heit nur vom eige­nen Gewis­sen beglau­bigt wird.

Nicht alles läßt sich vor­her­se­hen: die schran­ken­lo­se Nied­rig­keit etwa, mit der ein Johan­nes B. Ker­ner sei­ne Kol­le­gin Eva Her­man aus der Talk­show ver­wies. Ange­sichts eines Film­abends vol­ler Dem­ago­gie schil­der­te Mar­tin Licht­mesz ein­mal mit sym­pa­thi­scher Offen­heit sei­ne Emp­fin­dungs­la­ge aus Ver­zweif­lung, Fas­sungs­lo­sig­keit, hilf­lo­ser Wut, Ein­schüch­te­rung und Sprach­hem­mung. Genau dar­in liegt die täg­li­che Her­aus­for­de­rung, wenn wir dem schlecht­hin Infa­men begeg­nen, des­sen Gor­go­nen­vi­sa­ge hin­ter zahl­rei­chen mora­li­schen Mas­ken hervortritt.

Es gilt unse­re Empö­rung im Zaum zu hal­ten, unse­re Wut dar­über, daß aus­ge­rech­net wer mehr weiß, sich auf­wen­di­ger infor­miert, dif­fe­ren­zier­ter und unab­hän­gi­ger urteilt, sich vor Denk­fau­len und Zyni­kern recht­fer­ti­gen soll. Daß wer für sei­ne Über­zeu­gung erheb­li­che Nach­tei­le in Kauf nimmt, sich von angepaß­ten Pro­fi­teu­ren einer Polit­kun­ge­lei auch noch besu­deln las­sen muß. Wel­che Zumu­tung, wenn sich ein Weiß­mann alber­ner Ver­däch­ti­gun­gen wegen vor die Schul­be­hör­de, ein Kubit­schek wegen eines Jün­ger-Abends zum Gene­ral zitiert sieht, Gre­mi­en, denen die Beschul­dig­ten turm­hoch über­le­gen sind. Wenn der Bay­reu­ther Eth­no­lo­ge Bar­gatz­ky sich vor intel­lek­tu­ell eher leicht­ge­schürz­ten Anti­fa-Ver­tre­tern einem Uni­ver­si­täts-Hea­ring aus­ge­setzt sieht. Auch ich habe ein­schlä­gi­ge Erfah­run­gen mit Leu­ten, deren denun­zia­to­ri­sches Talent ihr intel­lek­tu­el­les Niveau deut­lich übersteigt.

Zudem müs­sen wir uns auf kurz- oder mit­tel­fris­ti­ge Wir­kungs­lo­sig­keit ein­stel­len, auf Rück­schlä­ge. „I’m afraid, I’m a par­ti­san of sin­king ships“, schrieb Lord Dah­l­berg-Acton. Gera­de dann heißt es Hal­tung bewah­ren und Stil zei­gen, wie Außen­mi­nis­ter Brock­dorff-Rant­zau als er 1919 in Ver­sailles den unse­li­gen Ver­trag nur in Hand­schu­hen anfaß­te, die er dann lie­gen ließ. So zeigt man selbst­ge­rech­ten Tri­um­pha­to­ren: Ihr habt die Macht, aber geis­tig sind wir noch nicht besiegt.

Wie weit man bei sol­chen Demons­tra­tio­nen gehen will, ist eine Fra­ge des Anspruchs an sich selbst. Man­che Situa­tio­nen recht­fer­ti­gen auch tak­ti­sche Zurück­hal­tung. Ich habe ein­ge­schüch­ter­ten For­schern zu Beginn ihrer Lauf­bahn zuwei­len als Kom­pro­miß emp­foh­len, auch mal etwas aus­zu­las­sen, aber nichts Fal­sches zu schrei­ben, und bei allem nicht zu ver­ges­sen, daß man sie ein­mal unters Joch zu zwin­gen such­te. Ein fal­sches Lächeln schein­ba­rer Zustim­mung zur Repres­si­on wäre bereits zuviel.

Hel­fen uns gro­ße Gestal­ten in Geschich­te und Dich­tung? Schließ­lich fin­den sich hier ja zahl­rei­che Mut machen­de Vor­bil­der, die sogar ange­sichts des Todes noch Stil gezeigt haben. Man den­ke an Stauf­fen­bergs „Es lebe Deutsch­land!“, an Tho­mas Morus’ spöt­ti­sche Uner­schüt­ter­lich­keit ange­sichts des Scha­fotts, und ande­re. Sol­che Kraft letz­ter Wor­te hat mich frü­her stark bewegt. Inzwi­schen scheint mir wich­ti­ger, alles dar­auf zu kon­zen­trie­ren, Nie­der­la­gen zu ver­hin­dern. Und dies asso­zi­ie­re ich mit einer gran­dio­sen Sze­ne aus Peter­sens Film „Das Boot“.

Dort impo­niert ein (von Proch­now gespiel­ter) stoi­scher Kal­eu durch Ner­ven­stär­ke, selbst als sein U‑Boot vor Gibral­tar auf dem Mee­res­grund liegt. Was dann folgt, die­se Stun­den der Repa­ra­tur ange­sichts einer ein­zi­gen Chan­ce, auf die alles gesetzt wird, gehört zum Ein­drucks­volls­ten, was ich in einem Kriegs­film jemals gese­hen habe. Und als der Alte dann auf­taucht und den unauf­merk­sam gewor­de­nen Tom­mies ent­kom­men kann, da ballt er die Faust und schreit sein „Not yet“ in die Nacht.

Zurück zur täg­li­chen Tret­müh­le: der mor­gend­li­chen Quä­le­rei bei der Zei­tungs­lek­tü­re mit immer den glei­chen Ver­wechs­lun­gen von Staats­kunst mit Durch­wurs­teln, Tole­ranz mit Feig­heit, Moral mit Her­den­trieb, Mut mit gefahr­lo­ser Treib­jagd. Wenn ich mich ange­sichts die­ser seit Jahr­zehn­ten medi­al gespie­gel­ten deut­schen Mise­re manch­mal zutiefst depri­miert fühl­te, mun­ter­te mich die Erin­ne­rung an die­se U‑Boot-Sze­ne auf. Viel­leicht gilt das auch für ande­re mit ent­spre­chen­den Mut machen­den Eindrücken.

Signa­li­sie­ren wir unse­ren Fein­den ein trot­zi­ges „Not yet“. Es gelang euch noch nicht, alter­na­ti­ves Den­ken zu ver­hin­dern, uns mund­tot zu machen, die Mei­nungs­frei­heit gänz­lich zu zer­schla­gen. Noch sind nicht alle ein­ge­schüch­tert, zu Kreu­ze oder Fut­ter­krip­pen gekro­chen. Ihr Arm­se­li­gen habt es nicht, noch nicht geschafft. Und viel­leicht schafft ihr es nie. Noch gibt es Cha­rak­te­re, die nicht alles Han­deln von kurz­fris­ti­gem Erfolg abhän­gig machen, son­dern Mon­ther­lands Devi­se vom „Nutz­lo­sen Die­nen“ befol­gen. Um der Gemein­schaft und ihrer Selbst­ach­tung wil­len hal­ten sie auch schein­bar „ver­lo­re­ne Posten“.

Ob das viel oder wenig bedeu­tet, scheint mir unwich­tig. Denn so oder so ist dies unser Stil. Und einen andern wol­len wir nicht.

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