Entsetzliche Lehrbücher

Man könnte ein ergiebiges Blog allein zu dem Thema "Sinnlos-dämlicher Nazi-Aufreger des Tages" betreiben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Da ich nicht den Nerv dazu habe, die immer­glei­chen Sot­ti­sen täg­lich zu ver­fol­gen, fil­tert mir ein klu­ger Freund, des­sen abso­lut geschmacks­si­che­res Idio­ten­sen­so­ri­um mich immer wie­der ver­blüfft, die Rosi­nen aus dem Medi­en­ku­chen und ver­sorgt mich mit einer Mischung aus Ekel und semi-maso­chis­ti­scher Belus­ti­gung regel­mä­ßig mit Links zu Mel­dun­gen wie die­ser von der Netz­sei­te der Welt (Alter­na­tiv: Jun­ge Frei­heit) :

Wie das ARD-Poli­tik­ma­ga­zin “Kon­tras­te” erfuhr, exis­tie­ren inter­ne Lehr­bü­cher (sc. für die Bun­des­wehr), die ein­deu­tig vom Geist der Wehr­macht geprägt sind. Sie wer­den von Aus­bil­dern benutzt.  In den bei­den Büchern mit den Titeln “Ein­satz­nah aus­bil­den” und “Üben und schie­ßen” wim­melt es von Wehrmachts-Kriegsgeschichten.

Im Land­ser-Jar­gon wer­den zum Bei­spiel die Erleb­nis­se eines Pan­zer­ver­nich­tungs­trupps aus dem Jahr 1944 erzählt. Auch wer­den Wehr­machts­vor­schrif­ten und ‑richt­li­ni­en zitiert. (…)

Der Mili­tär­his­to­ri­ker Det­lef Bald ist dage­gen ent­setzt über die Lehr­bü­cher: Sie sei­en ein abso­lu­ter Skan­dal und ver­harm­los­ten die Wehrmacht.

Was täten wir bloß ohne all die “ent­setz­ten” Det­lef Balds die­ser Welt?? Ein beson­ders atem­lo­ses “Huch!” ent­fuhr mir an die­ser Stelle:

An ande­rer Stel­le wird ein jun­ger Offi­zier aus dem Jahr 1943 zitiert, der sich über feh­len­den “Kampf- und Abwehr­wil­len” der ein­ge­schlos­se­nen Wehr­machts­trup­pen in Sta­lin­grad empört.

In einem Käst­chen links auf der Sei­te darf man an einer Umfra­ge zum The­ma “Darf sich die Bun­des­wehr in ihren Aus­bil­dungs­bü­chern posi­tiv auf Schlach­ten des Zwei­ten Welt­kriegs bezie­hen?” teil­neh­men und zwi­schen einem “prak­ti­schen” und einem (selbst­ver­ständ­lich his­to­risch unbe­darf­ten) “mora­li­schen” Argu­ment wäh­len (was auch immer nun ein “posi­ti­ver Bezug” eigent­lich sein soll):

* Ja, denn so kann sie Tak­tik unterrichten

* Nein, der Zwei­te Welt­krieg war ein ver­bre­che­ri­scher deut­scher Angriffskrieg

* Kann ich nicht beurteilen

(Das Ergeb­nis auf dem heu­ti­gen Stand ist immer­hin 55% pro zu 43% dage­gen, mit 2% Stimmenthaltungen).

Das unsäg­lich Schrott­dum­me die­ser gan­zen Ange­le­gen­heit bedarf wohl kei­nes wei­te­ren Kom­men­tars; allen­falls, daß heu­te offen­bar nicht ein­mal mehr die Mili­tär­his­to­ri­ker wis­sen, wozu ein Mili­tär eigent­lich da ist.  Mein getreu­er Zulie­fe­rer schreibt mir:

Woher sol­len die BWler denn sonst ein­satz­na­he Infos erhal­ten, wenn nicht aus dem letz­ten Krieg?? Sogar die Israe­lis waren da wenig zim­per­lich, wenn sie was ler­nen konnten.

Die­se Auf­re­gung, dass auch Namen von Waf­fen-SSlern,  Rit­ter­kreuz­trä­gern etc.  genannt wür­den, ist der­ar­tig wider­lich. Es erin­nert an ata­vis­ti­sche Refle­xe, wo man ver­sucht hat, unlieb­sa­me Kon­kur­ren­ten und Vor­gän­ger durch Til­gung ihrer Namen von allen Denk­mä­lern und Auf­zeich­nun­gen ver­ges­sen zu machen.

Und wenn ich höre, daß ein lin­ker His­to­ri­ker “ent­setzt” ist, weiß ich, daß da jemand was rich­tig gemacht haben muß!

In die­sem Zusam­men­hang sei also noch­mal an das all­seits bekann­te und belieb­te Zitat von Mar­tin van Crefeld erinnert:

Die Wehr­macht war ein groß­ar­ti­ger Kampf­ver­band, der hin­sicht­lich Moral, Elan und Zusam­men­halt unter den Arme­en des 20. Jahr­hun­derts nicht sei­nes­glei­chen fand.

Ein Urteil, das van Creveld spä­ter in einem Inter­view mit dem Focus wiederholte:

FOCUS: Herr Pro­fes­sor van Creveld, war die Wehr­macht, wie vie­le Kriegs­teil­neh­mer mei­nen, die bes­te Armee der Welt?

VAN CREFELD: In Sachen Orga­ni­sa­ti­on, Trai­ning, Leh­re, Tak­tik und Ope­ra­ti­ons­kunst mag das stim­men. Die Wehr­macht hat dem Geg­ner stets grö­ße­re Ver­lus­te zuge­fügt, als sie selbst erlitt. Die Feld­zü­ge der Jah­re 1940–41 sind nahe­zu legen­där gewor­den, nicht umsonst haben Offi­zie­re auf der gan­zen Welt sie studiert.

Und auch in van Crefelds Hei­mat­land hat man gelernt – wie man weiß, mit Erfolg:

In Sachen Stra­te­gie, Orga­ni­sa­ti­on, Dok­trin und dem Ver­hält­nis zwi­schen den drei Waf­fen­gat­tun­gen ähnel­te kei­ne Armee des 20. Jahr­hun­derts mehr der Wehr­macht als die israe­li­sche. Wir in Isra­el kön­nen das jedoch nicht eingestehen.

Auch Gene­ral Pat­ton (der angeb­lich auch nei­disch auf die schnie­ken Uni­for­men der “good loo­king bas­tards” war) hat­te eine hohe Mei­nung von den sol­da­ti­schen Qua­li­tä­ten des Feindes:

Ich habe eine gro­ße Ach­tung vor den deut­schen Sol­da­ten. Die Deut­schen besit­zen eine gro­ße mili­tä­ri­sche Tra­di­ti­on. Sie haben sich als geschickt in der Kriegs­kunst erwiesen.

Die­se Zita­ten­lis­te lie­ße sich belie­big ver­län­gern. “Deut­scher Sol­dat”: das ist,  – oder viel­mehr war ein­mal- , so etwas wie “rus­si­sche Bal­le­ri­na”, “fran­zö­si­scher Koch” oder “eng­li­scher Ade­li­ger”.  Und gera­de um die­se ein­zig­ar­ti­ge Tra­di­ti­on  soll sich die Bun­des­wehr her­um­druck­sen wie um den hei­ßen Brei, weil es die Hyper­mo­ral der bien-pensants so will,  der­je­ni­gen, die nai­ver­wei­se den­ken, einen “guten” Sol­da­ten mache die “gute” Sache aus. Eine zutiefst sub­jek­ti­ve Ange­le­gen­heit:  Wer hat denn jemals einen Krieg geführt, ohne an die­sel­be zu glau­ben, und in wel­chem Krieg wur­de sie nicht tau­send­mal ver­ra­ten, sogar ad absur­dum geführt? Wäre Herr Bald denn nicht “ent­setzt” und zufrie­den, wenn die Lehr­bü­cher “Kriegs­ge­schich­ten” der Roten Armee oder des US Mari­ne Corps ent­hiel­ten? (Man ahnt es: ver­mut­lich ja.)

Hal­ten wir also außer­dem fest, daß ande­re Län­der nicht so dumm waren, die Leh­re aus den Stra­te­gien der Wehr­macht und asso­zi­ier­ter Ver­bän­de zu ver­schmä­hen. Oben­ste­hen­des heroi­sches Gemäl­de etwa ziert angeb­lich den Hall-of-Fame-Wan­del­gang der berühm­ten United Sta­tes Mili­ta­ry Aca­de­my in West­point, wo die gro­ßen Krie­ger der Geschich­te auf die Novi­zen her­ab­bli­cken. Hans-Diet­rich San­der bemerk­te ein­mal tref­fend zu die­sem Komplex:

Als Gene­ral­oberst Ren­du­lic am 7. Mai 1945 in Steyr sei­ne Hee­res­grup­pe über­gab, begrüß­te ihn ein ame­ri­ka­ni­scher Gene­ral mit dem Satz: “Wie konn­ten Sie die­sen Krieg ver­lie­ren?” (…)  Nach dem Ende des Krie­ges lie­ßen sich die Ame­ri­ka­ner von deut­schen Mili­tärs Skiz­zen anfer­ti­gen, um von der Wehr­macht und von der Waf­fen-SS zu ler­nen. Wäh­rend sei­ner Prä­si­dent­schaft riet Richard Nixon der ame­ri­ka­ni­schen Wirt­schaft, von der Kriegs­wirt­schaft im Drit­ten Reich Kri­sen­ma­nage­ment zu ler­nen. Für die unter­wor­fe­nen Deut­schen gilt: quod licet Jovi non licet bovi.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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