Sezession
22. Oktober 2012

Das Kind und sein ausländerfreies Wochenende

Ellen Kositza

Ein prall gefülltes Wochenende liegt hinter uns, „ganz in Familie“, so sagt man doch? Freitag waren wir im Kino mit den Großen (Sushi in Suhl, annehmbarer Klamauk, teils hübsch doppelbödig), Samstag in der Oper (Tosca, klassische Inszenierung), Sonntag lief ein Teil der Familie (der Rest war zu klein bzw. laborierte an gebrochenem Mittelfuß) beim Magedeburg-Marathon mit, kürzere Distanzen zwar, aber: ein Volltreffer!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Irgendwann vor ein oder zwei Jahren war ein Video kursiert, in dem ein chinesischer Vater seinen kleinen Sohn in New York durch die Eiseskälte rennen ließ und ihm Kraftübungen im Schnee abnötigte. Genau weiß ich es nicht, ich hab mir den Film nie angesehen, allein die öffentliche Empörungswelle drang zu mir durch. Man dürfe doch ein Kind nicht derart quälen!

In geringfügiger Abwandlung des aktuellen Junge-Freiheit-Slogans und meines Lebensmottos „Wo alle einer Meinung sind, wird meistens gelogen“, war mir der chinesische Vater prompt sympathisch. Er hatte damals seine Trainingsmethode damit gerechtfertigt, daß sich sein Sohn in einer schwierigen Entwicklungsphase befand, über die er ihm hinweghelfen wollte. Klang für meine Ohren extrem nachvollziehbar!

Zufällig hatten wir auch gerade zwei Kinder in einer „schwierigen Entwicklungsphase“. Bei einem hatten sich Jähzorn, Bockigkeit und Großkotzigkeit seit Monaten unangenehm verfestigt, beim anderen waren es Trägheit und Willensschwäche. Nun mußten sie mit mir laufen, dutzend verschiedene Wege durchs Dorf und die Felder, und zwar immer dann, wenn ihre Charakterschwächen überdeutlich und störend wurden.

Der Jähzornige lief mir bald davon. Dann gab es weitere Runden, bis mir – keinesfalls ihm -- die Lunge schier aus dem Leib hing. Mit dem anderen Kind war es schwieriger, denn immer drückte ein Schuh, kniff die Hose, traten unaushaltbares Seitenstechen oder andere Schmerzen auf. Da mußte man durch, da wurde motiviert, da fielen harte Worte, da fiel der Nachtisch aus.

Und was soll man sagen: Der (vor allem nervliche) Aufwand hat sich gelohnt! Die beiden problematischen Zöglinge sind nach einjähriger, keineswegs strikt regelmäßiger Lauferei wie verwandelt. Das eine Kind ist immer noch das jähzornigste von allen, das andere das trägste, aber so, in Maßen nun, darf es sein. Die größeren Kinder haben aus Schulgründen keine Zeit mehr für den obligatorischen Sportverein, darum entdeckten sie das Lauftraining als nützlichen Ersatz. So liefen sie nun alle tapfer.

Interessant waren die Kindergespräche auf der Rückfahrt am Sonntag. Eindrücke wurden ausgetauscht, es wurde gelästert über Opernbesucherinnen in Leopardenkostüm, über gewohnheitsmäßige und ortsfremde Operngänger, es wurde erörtert, inwieweit die Professionalität der Laufausstattung in Zusammenhang steht mit dem Erfolg (wir traten extrem unprofessinell, geradezu im Retrolook auf), es wurde gemutmaßt, ob die extrem laute Dauerbeschallung mit Pophits im Start-und Zielbereich ein weltweites Phänomen ist und ob wohl alle anderen Teilnehmer das als dynamisierende Bereicherung empfinden.

Interessante Wortmeldung unseres achtjährigen Kindes, Sätze wie Donner aus heiterem Himmel: „Das war ja ein total ausländerfreies Wochenende. Ich hab nur Deutsche gesehen, nicht wie neulich in Offenbach, als wir da Schwimmen waren. Anscheinend interessieren sich Ausländer also gar nicht für Oper und Marathon. Oder dürfen sie da nicht hin?“ Antwortversuch der großen Schwester: „Nee, aber vielleicht haben die einfach kein Geld.“ Entgegnung der anderen großen Schwester: „Restkarten für die Oper gibt´s mit Berlinpaß für 3 Euro. Den Paß können alle Sozialhilfeempfänger und Asylanten kriegen. Also, ich hab noch etliche freie Plätze gesehen. Ausländer, soweit das äußerlich zu beurteilen war, aber wirklich keinen.“ (Achtjähriges Kind dazwischen: „Ja, glaub ich, nicht mal Italiener! Dabei wär das doch logisch gewesen!“)

Im Kino jedenfalls war das achtjährige Kind nicht dabei gewesen. Da nämlich – nicht in unserem Film, aber hernach in der wochends üblichen langen Schlange an der Kasse und an den Popcorn- und Cola-Theken - war das Publikum so bunt gemischt, wie es die Bevölkerung eben hergibt und wie wir es aus Schwimmbädern oder von Straßenfesten her kennen. Achtjähriger Nachwuchs: „Also…- vielleicht: Oper und Marathon sind ja doch eher anstrengend. Kann es daran liegen?“ Kleine Schwester (für die Ironie ein ausländisches Wort ist) : „Ja. Die arbeiten und lernen soviel, und dann sind sie einfach nur müde.“


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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